Tutorial:
Spannungsbögen in der Fotografie (3)

Ein fünfteiliges Grundlagentutorial über Bildkontraste – jene Gestaltungselemente also, aus denen sich ‚Alphabet und Worte der Bildwirksamkeit‘ zusammensetzen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung
2. Kontraste der Farbe und Helligkeit
  Kontraste der Farbe und Helligkeit (Fortsetzung)
3. Kontraste der Form und Proportion
4. Kontraste der Masse und Quantität
5. Kontraste der Intensität und Qualität
6. Kontraste der Bewegung und Richtung
7. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

2. Kontraste der Farbe und Helligkeit (Fortsetzung)

2.4 Farbqualitäts-Kontrast

Abb. 12: Caspar David Friedrich, 'Nebel' (gemeinfrei)Ich komme nochmals auf die bei 2.1 besprochene Unterscheidung der Nebeneinander- und Gegenüberstellung von reinen Grundfarben (Primärfarben), von Grund- und einfach gebrochenen Farben (Sekundärfarben) und schließlich von gebrochenen Farben (Tertiärfarben) zurück.

Der Farbqualitäts-Kontrast bedient sich der Sättigungsunterschiede der verschiedenen Farben. Einzelne Farbfelder können dabei (durch Beimischung von Weiß) aufgehellt, (durch Beimischung von Schwarz) abgedunkelt oder (durch Beimischung von Grau bzw. der Komplementärfarbe) getrübt werden.

In der Berücksichtigung der verschiedenen Farbqualitäten, in deren Nebeneinander- und Gegenüberstellung reichern wir unsere Bilder an und verstärken so (ähnlich wie beim Kalt-Warm-Kontrast) die atmosphärische Wirkung und den räumlichen Eindruck, wie Abbildung 12 eindrucksvoll aufzeigt.

2.5 Farbquantitäts-Kontrast

Abb. 13: Farbquantitäts-Kontrast mit harmonischen FlächenmaßenManche Farben wie etwa Gelb oder Orange wirken deutlich heller wie etwa Blau oder Violett. Rot und Grün haben hingegen gleiche Leuchtkraft. So lassen sich bei den Primär- und Sekundärfarben (im Sinn von Itten) relative Lichtwerte beschreiben, desgleichen auch harmonische Flächenmaße, welche zum Ausgleich für die unterschiedliche Leuchtkraft dienen und zu einem harmonischen Bildeindruck führen.

Das Ergebnis solcher harmonischer Flächengestaltung unter Berücksichtigung der Leuchtkraft ist eine statische, ruhige Wirkung. Im Umkehrschluß gilt, daß nicht dem Kehrwert der Lichtwerte entsprechende Mengenverhältnisse dynamische, spannungsreichere Kompositionen bilden. Die Annäherungswerte sind wie folgt:

Relative Lichtwerte
Gelb: 9
Orange: 8
Rot: 6
Violett: 3
Blau: 4
Grün: 6

Harmonische Flächenmaße
Gelb: 3
Orange: 4
Rot: 6
Violett: 9
Blau: 8
Grün: 6

Abb. 14: Vincent van Gogh, 'Nuit étoilée sur le Rhône' (gemeinfrei)Ein Bildbeispiel dazu zeigt Abbildung 14. Das helle Gelb der Sterne bildet hier, wenngleich sparsam eingesetzt, einen starken Gegenpol zum dunklen Blau des Himmels, weshalb das Bild insgesamt nicht in Düsternis verfällt.

 

 
2.6 Komplementär-Kontrast

Abb. 15: Paul Gauguin, 'Dans les vagues' (gemeinfrei)Einen sehr stark, manchmal extrem wirkenden Gegensatz stellt der Komplementär-Kontrast dar, der sich durch die Nebeneinanderstellung von sich im Farbkreis gegenüberstehenden Farben ergibt. Zwei Beispiele für ein harmonisches und raumschaffendes Wechselspiel zwischen warmen Rotorange-Tönen und kühlen Blaugrün-Tönen hatten wir in den Abbildungen 11 und 12 des Kapitels 2.3 schon gesehen.

 

 

 
Abb. 16: Beispiele für Komplementär-KontrasteAndere Variationen wie das Gegensatzpaar Gelb – Violett oder Rot-Grün tendieren etwas zum Giftigen bzw. zum Disharmonisch-Spannungsgeladenen und sollten mit Bedacht eingesetzt werden (siehe dazu auch Abbildungen 15 und 16).

 

 
2.7 Simultan-Kontrast

Abb. 17: Beispiele für Simultan-KontrasteAuf die Wechselwirkung von nebeneinander liegenden Farbflächen zielt der Simultan-Kontrast ab. Wenn etwa eine graue Fläche von einer Farbfläche eingeschlossen wird, neigen wir dazu, die eingeschlossene Fläche als etwas in Richtung der Komplementärfarbe der umgebenden Farbfläche ausgelenkt zu sehen. In Abbildung 16 scheint das linke Grau etwas zum hellen Orange, das rechte Grau etwas zum dunklen Violett zu tendieren. Dieser Effekt entsteht durch optische Überflutung auf unserer Netzhaut. Wenngleich es sich somit um eine illusionäre Wahrnehmung handelt, können bei der Bildplanung solche Effekte im Sinne der verstärkten Bildwirkung berücksichtigt werden.

2.8 Sukzessiv-Kontrast

Eine Variation des Simultan-Kontrasts stellt der Sukzessiv-Kontrast dar. Die Wirkung entsteht hier allerdings durch ein Nachbild, welches nach längerer Betrachtung in der Komplementärfarbe des Ursprungsbildes auf der Netzhaut erzeugt wird und sich nach Bildwechsel oder Augenschluß manifestiert.

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

1 Antwort

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Es beginnt schon damit, daß bei der Entstehung eines Schwarzweißbildes – also bei der Belichtung des monochromen Negativfilms in der Analogfotografie bzw. bei der Schwarzweißkonvertierung des Farbbildes in der Digitalfotografie – die Tonwerte nicht ‚vom Himmel fallen‘, sondern sich an den Lichtwerten der dazugehörigen Farbinformationen orientieren (siehe dazu ggf. auch Abschnitt 2.5 meines Tutorials ‚Spannungsbögen in der Fotografie‘). […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *