Leserfoto:
Seenbild mit Steg

Gestalterische Aspekte eines sehr anrührenden Motivs wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (8 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Sümnick aus Rostock hat uns das obige Bild unter dem Titel „Ohne Titel” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Nachdem ich mehrere Gruppenfotos auf dem Steg geschossen hatten ging ich als letztem mit dem Gedanken, hier lässt sich doch bestimmt ein ’schönes‘ Landschaftsfoto machen, von selbigen. So drehte ich mich am Stegende noch einmal um, versuchte ihn mit seinem relativ symmetrischen Aufbau in die vertikale und das andere Ufer in die horizontale Mitte der Kamera zu bekommen und drückte auf den Auflöser. Vorort war ich noch nicht ganz sicher, wie es wohl auf einem größeren als auf dem kleinen Bildschirm meiner Kamera wirken wird. Jetzt, dem auf meinem 22 Zoll Monitor betrachtet, freue ich mich und bin zufrieden.Mir gefällt die Komposition: dem endenden Schilfgürtel mit dem sich im Anschluss öffnenden See in der vertikalen Bildmittel, die größere Wasserfläche in der linken unteren Ecke und dem gegenüberliegenden Schilfansatz (Natur), getrennt durch den Steg (von Menschen gebaut), der weite Himmel mit den am Horizont in der Ferne noch knapp sichtbaren Bäumen. Zudem stehen sich die beiden ‚Objekte‘, getrennt durch den Steg diagonal gegenüber: viel Schilf vs. wenig Schilf, viel Wasser vs. wenig Wasser. Auch endet der Schilfgürtel ungefähr in der Mitte des Stegs und der See ‚beginnt‘. Als kleiner Wermutstropfen bleibt: ganz mittig habe ich den Steg nicht ablichten können, da er selbst nicht nur aus graden Linien/Symmetrien besteht. Am Horizont verläuft die Landschaft auch nicht ganz so parallel, bedingt dadurch, dass der See rechts vom Foto schmaler wird, zu mir, wie man es sich in einem ‚perfekten‘ Foto wünschen würde.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 5D, vermutlich mit dem Zoomobjektiv Canon EF 16-35mm f/2,8 L II USM verwendet. Die Brennweite betrug
16,0 mm (kleinbildäquivalent beim hier verwendeten Vollformat), die Belichtungsdaten waren 1/125 Sekunde bei Blende f/5.0 und ISO 100.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition:

Die Konstruktion (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) des Bildes ist sehr akkurat – der Unterrand des queren Stegabschlusses liegt auf der horizontalen 50%-Linie, die Uferlinie im Goldenen Schnitt der horizontalen 62%-Linie. Die vertikale 50%-Linie durchschneidet den Steg fast mittig (türkisfarbene Linien ebd.).

Marcus‘ eigene Besorgnisse ob der mangelnden Exaktheit sind insofern nicht recht nachvollziehbar – ein relativ wackliger, der Witterung ausgesetzter Steg und eine natürliche Uferlinie sind einfach nicht ‚mit dem Lineal gezogen‘, kleine Abweichungen und Assymetrien untersteichen eher den natürlich Eindruck.

An Grundelementen (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) fällt der mittig platzierte Steg ins Auge. Assoziationen mit einer stumpf endenen Pyramyde bzw. einem nach oben fliehenden Ambß bieten sich hier an (rote Linien ebd.). Dieser wird eingerahmt von Schilfstrukturen, linkerhand dicht gepackt und nach rechts oben ziehend, rechterhand vereinzelt und sich nach rechts biegend (gelbe Linie ebd.) Die Ufer- bzw. Horizontlinie ist rechts durchgezogen, mittig angedeutet und links leichthin vorstellbar (blaue Linien ebd.)

Die Blickführung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) erfolgt demnach im Sinne des Einstiegs bei der dunklen, dicht gepackten Schilfpartie links unten, um danach nach rechts oben zu ziehen, dort auf den Steg zu stoßen und sich über die Ufer- bzw. Horizontlinie zum rechten Bildrand hin fortzusetzen. Die erwähnte Rechtsbiegung der lockeren Schilfpartie rechts unterstützt dieses Momentum (rote Linie ebd.).

Die Bildgewichtung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) hingegen erscheint geradezu gegenläufig. Der Schwerpunkt liegt in der dunklen, dicht gepackten Schilfpartie der linken Bildhälfte (gelbe Linie ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich leicht rechtsschief und -versetzt, der Median der Tonwerte liegt bei etwa 140. Die Mitten sind gut belegt und weisen auf die ausgewogene Belichtung hin. Störende Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich liegen nicht vor.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Soweit in der verkleinerten und komprimierten Darstellung ersichtlich, weist das Bild eine sehr schöne Detailzeichnung auf und qualifiziert sich so auch für einen großformatigen Drcuk. Marcus hat hier also die Vorzüge seiner wertigen Ausrüstung ausgespielt.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich kann Marcus‘ Arbeit hinsichtlich der ausgewogenen Belichtung sowie der feinen Detailzeichnung nur loben, desgleichen seine bedachte (und auf ‚Schnellschüsse‘ verzichtende) Herangehensweise bei der Motiverarbeitung.

Meine noch folgenden, kritischen Anmerkungen mögen insofern bitte als ‚Klagen auf hohem Niveau‘ verstanden werden …

Das oben dargestellte Auseinanderdriften zwischen Blickführung (nach rechts oben) und Bildgewichtung (nach links unten) kann man zunächst als interessanten Spannungsbogen auffassen, welcher das Bild auch eines zweiten und dritten Blickes würdig macht.

Doch wirkt auf mich die Komposition auch überladen, das Bild zu voll. Das Stegmotiv ist ja schon ein Klassiker und wird in seiner Symbolik leichthin mit ‚Aufbruch, Reise und Unendlichkeit‘ assoziiert (Kennas bekanntes Stegbild ist zum Beispiel ein beliebtes Motiv für Abschieds- und Trauerkarten).

Um in solcher Weise ‚ätherisch‘ wirken zu können, bräuchte der Steg eine ruhigere Umgebung. Hier geht er aus meiner Sicht hingegen als Hauptmotiv zu sehr unter, während er als Nebenmotiv einer Landschaftsaufnahme wiederum zu sehr aufträgt.

Als Überarbeitung zeige ich noch einen Beschnittvorschlag (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zum Quadrat, der die beschriebenen Spannungsbögen und das inbegriffene Auseinanderdriften deutlich reduziert und den Steg wieder in die Position des Hauptmotivs rückt. Den Abschluß bilden zwei Vergleichsarbeiten aus meinem eigenen Portfolio.

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Bildteil:

Komposition: Konstruktion

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Komposition: Bildgewichtung

Tonwerte: Histogramm

Überarbeitung: Beschnittvorschlag

Vergleichsbild 1

Vergleichsbild 2

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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13 Antworten
  1. Marcus Sümnick says:

    Danke für die Kritiken und die Anmerkungen :).

    @kay: Die Sache mit dem Tonwertumfang gucke ich mir noch mal genau an. Das da noch Platz hier stimmt durchaus; warum ich den nicht mehr versucht habe zu nutzen weiß ich gerade gar nicht.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: “Wäre eine deutlich kleinere Blendenöffnung, wie beispielsweise f/11, nicht sinnvoller gewesen?

      Du meinst eine größere Blendenöffnung bzw. geringere Blendenzahl – im Prinzip ja; die Weitwinkligkeit selbst bedingt schon eine enorme, oftmals unterschätzte Schärfentiefe (siehe dazu bei Interese auch den dritten Abschnitt meines einschlägigen Tutorials zur Schärfentiefe).

      Wir dürfen insofern annehmen, daß auch eine Blende f/11.0 oder gar f/8.0 unuter Beachtung der hyperfokalren Entfernung (siehe dazu bei Interese auch den sechsten Abschnitt meines einschlägigen Tutorials zur Schärfentiefe) eine „durchgängig ausreichend scharfe Zeichnung“ der Strukturen ermöglicht hätte.

      Andererseits schadet eine Blende f/16.0 bei solchem Equipment auch nicht. Es ist noch nahe genug dran an der „förderlichen Blende“ und ausreichend weit weg von der Beugungsunschärfe.

  2. Kay Kietzmann says:

    Hallo Marcus,

    lass auch mich Dir zu Deinem spannungsgeladenen Foto gratulieren. Und falls Du an weiteren Worten der Kritik interessiert bist, dann lies bitte jetzt weiter.

    Zunächst möchte ich mich zum Histogramm äußern. Hier wird deutlich, dass Du gut und gerne zehn Prozent des Tonwertumfangs verschenkst. Ein wenig mehr Kontrast hätte ich mir hier schon gewünscht. Vor allem im Druck machen sich sattes Schwarz und reines Weiß oft bezahlt.

    Andererseits könnte ich mir auch eine deutlich flachere Kurve ganz gut vorstellen. Das würde möglicherweise Thomas Interpretationsansatz vom Abschied unterschreichen. Gleichzeitig finde ich die Idee das Bild zu beschneiden um den Betrachter bei den wichtigen Elementen zu halten sehr gut; Nur das quadratische Format empfinde ich hier aufgrund seines statischen Charakters als Fehlgriff. Meiner Meinung nach widerspricht es dem Aufbruchgedanken. Eher könnte ich mir hier ein 4:5 oder ähnliches vorstellen.

    Beste Grüße
    Kay

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „gut und gerne zehn Prozent des Tonwertumfangs verschenkst … mehr Kontrast

      Darf ich das ergänzen? Marcus „verschenkt“ hier insbesondere die Bereiche der Zonen 0 (zeichnungs- und modulationslose Schatten) und X (zeichnungs- und modulationslose Lichter), die drucktechnisch eigentlich verloren sind – die im Sinne schöner Detailzeichnung maßgeblichen Bereiche sind die Zonen I bis IX. Und es gibt in der Digitalfotografie auch einen Trend zum Hochkontrastigen. Das kann man so machen, muß man aber nicht. Wer meine Landschaften kennt, weiß, daß ich selbst hierin weiche Schärfe und malerische Kontraste, mithin also „analoge Anmutung“, bevorzuge …

    • Thomas Brotzler says:

      Kein Problem, ich liefere ja zu meinen Antworten immer gerne die Links zu den Tutorials, was ich hier (versehentlich) unterließ …

  3. Christian Fehse says:

    @Marcus:
    Tolles Bild! Und Sch… auf mittig.*gg* Nichts im Leben ist mittig oder gerade. Aber man ärgert sich trotzdem, ich weiß. Wie wenig Verzeichnung das Bild trotz 16mm hat. Ich brauche ein besseres Weitwinkel…

    @Thomas:
    Bei der klassische Assoziation ‘Aufbruch, Reise und Unendlichkeit’ hast Du natürlich Recht mit Deinem Beschnitt, obwohl dann fast immer noch zuviel auf dem Bild ist.
    Man kann es aber auch genau andersrum sehen: der Steg als Fixpunkt, als Anlegestelle – ganz egal was drumrum ist. Man kann aus der Weite immer an den Steg kommen. Dann macht der ursprüngliche Bildausbau so wie er ist sehr viel Sinn…

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „der Steg als Fixpunkt, als Anlegestelle (…) Man kann aus der Weite immer an den Steg kommen.

      Ich kann Deine Argumentation nachvollziehen. Und doch bleibt dieser Steg hier – nicht zuletzt durch seine Verankerung am bzw. sein Herauswachsen aus dem unteren Bildrand – für mich von der Symbolsprache her so viel mehr ein Ausgangs- denn ein Zielpunkt. Und in dieser Betrachtungsweise haben wir dann eben ein „etwas verwirrendes Zielproblem mit der Peripherie“ – siehe dazu bei Interesse auch „Gestaltpsychologie: 3.2.8 Das Gesetz der Multistabilität“ …

    • Christian Fehse says:

      Kann man eigentlich die Aussage treffen: wenn man ein „Gesetz“ (der Gestaltspsychologie) „mißachtet“ das man dann ein oder mehrere andere besonders deutlich im Bild darstellen muß, um Menschen dazu zu bewegen, das Bild interessant zu finden?…

    • Thomas Brotzler says:

      Zum „Gesetzescharakter“ hatte ich im Tutorial ja schon etwas gesagt – das ist eine umgangsprachliche Bezeichnung, aber eigentlich handelt es sich um empirische Hypothesen. Man wird also nicht mit Geldstrafe oder Gefängnis betraft, wenn man dagegen verstößt. Oder doch, etwa durch Nichtbeachtung der Betrachter?

      Hmmm, in diese Richtung gehen die gestaltpsychologischen Empfehlungen schon. Es geht um „betrachterische Verdaulichkeit“. Auch das hatten wir in der dortigen Diskussion aufgegriffen, denn Postkarten sind verdaulich und Kunst möchte und muß vielleicht auch provozieren. Auch hier mag die Lösung im guten Kompromiß bestehen, daß man den Betrachter also schon „mit einem seherischen Aperitif einlullt“, um ihn dann etwa „durch provokante Inhalte wachzurütteln“ …

      Kurzum wirken die Gebote der Gestaltpsychologie und diejenigen der nötigen Spannungsbögen manchmal geradezu gegenläufig. Einfache Kochrezepte gibt es auch hier (leider oder gottlob) nicht …

      Das „Gesetz der Multistabilität“ wird übrigens landläufig als Nichtempfehlung bzw. Warnung aufgefaßt: mache es so, wenn Du die Betrachter Deiner Bilder gründlich verwirren willst …

    • Christian Fehse says:

      Zitat: „Auch hier mag die Lösung im guten Kompromiß bestehen, daß man den Betrachter also schon “mit einem seherischen Aperitif einlullt”, um ihn dann etwa “durch provokante Inhalte wachzurütteln”“

      Darauf zielte meine Frage ab…

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