Leserfoto:
Blumenbild

Keine Grundsatzdebatte über Blumenfotografie möchte ich in der heutigen Bildbesprechung anregen, sondern eher eine Diskussion über geignete Ausrüstungs- und Blendenwahl.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (1 Bild)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Jens Reinecke aus dem badischen Gundelfingen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Die Rose” in der Kategorie ‚Natur/Tier‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo, liebes fokussiert-Team! Ich war vor knapp zwei Wochen nachmittags spazieren und wollte meine neue Kamera auszuprobieren, eine Canon 60D mit dem günstigen Canon Festbrennweiten-Objektiv 50mm 1.8 IS, das zudem mein ‚Lieblinglingsobjektiv‘ ist. Die maximale Blende (1.8) wollte ich dann auch nutzen um den wunderbaren Schärfeverlauf zu nutzen (ISO 200, 1/400 Sek). Ich hatte eigentlich mehrere Fotos, bei denen der Schärfepunkt eigentlich mehr in der Blüte gelegen hätte, trotzdem gefiel mir diese Variante am besten. Später habe ich noch mittels Photoshop, da ich ein Freund kräftiger Farben bin, die Farbdynamik erhöht. Aber so schön ich das Foto auch finde, ich habe das leise Gefühl, das etwas nicht ganz stimmt – doch zu unscharf? Bildaufbau? Zuviel überarbeitet? Vielleicht könnt ihr mir hier Rat geben. Vielen Dank und herzliche Grüße!”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Jens bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 80 mm bei einem Formatfaktor von 1.6.

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Ein schönes Blumenmotiv ist immer wieder ein angenehmer Anblick, aber wir werden in Fotokalendern und -gemeinschaften von solchen Bildern auch richtiggehend überflutet. Doch will ich hier keine Grundsatzdebatte anzetteln, sondern mit Euch lieber einen Blick auf die Aufnahmesteuerung und Detailstruktur werfen.

Aufnahmesteuerung:

Belichtungsmäßig wäre schon noch ‚Luft nach oben‘ im Sinne einer kleineren Blendenöffnung bzw. größeren Blendenzahl gewesen, doch wollte Jens hier den Schärfeverlauf zur Freistellung des Motivs vom Hintergrund nutzen.

Dies ist im Grundsatz ein richtiger Gedanke, doch schien Jens zu unterschätzen, wie rasch die Schärfentiefe bei ansonsten gleicher Blende abnimmt, wenn wir uns dem Objekt nähern. Wo die offene Blende bei ‚großer Landschaft‘ noch eine passable Schärfentiefe schafft, reduziert sich diese in der Makro- und Nahfotografie auf Millimeterbereiche.

Als ‚ideale Blende‘ zur ausreichenden Durchzeichnung des Hauptmotivs, guten Freistellung vom Hintergrund und zugleich Meidung von Beugungsunschärfe taugt für die Makrofotografie der Bereich von f/11,0 bis f/16,0. Für die Nahfotografie (um die es sich hier ja handelt) wäre der Bereich von f/5,6 bis f/11,0 eine gute Ausgangsbasis.

Detailstruktur:

Die Zone größter Schärfe ist extrem klein (siehe 1 im untenstehenden Bild), und auch dort ist der Grad der Schärfe nur als gering zu bezeichnen.

Wenige Millimeter hinter der sehr schmalen Schärfeebene versinken die Strukturen bereits in Unschärfe (siehe 2 ebd.).

Das Bokeh im Hintergrund erscheint nicht weich und fließend, wie wir es uns in der Makro-, Nah- und Porträtfotografie ja wünschen, sondern zeigt leider einige Doppelkonturen und eine gewisse Schartigkeit (siehe 3 ebd.)

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Das hier verwendete Canon EF 50mm f/1,8 II ist gerade wegen seiner Erschwinglichkeit (etwa 100 Euro) zum Einstieg schon ein nettes Objektiv für die Nah- und Porträtfotografie. Ein Makroobjektiv ist es nicht, so daß dieser Fotografiebereich damit verschlossen bleibt.

Wir hatten hier schon mehrere Bildbesprechungen mit diesem Objektiv (etwa hier und hier), und des öfteren sind mir diese Doppelkonturen und die Schartigkeit im Hintergrund aufgefallen, die das resultierende Bokeh nicht wirklich schön und weich erscheinen lassen.

Das Canon EF 50mm f/1,4 ist gewiß gut dreimal so teuer, bringt aber hinsichtlich Fertigung und Abbildungsleistung auch entsprechenden Mehrwert.

Die noch lichtstärkeren Objektive dieser Reihe – das etwa 14-mal teurere Canon EF 50mm f/1,2 L USM sowie das etwa 22-mal teurere Canon EF 50mm f/1,0 L USM (alle Links führen zu des sehr ausführlichen Tests bei ‚Traumflieger‘) – bringen hingegen aus meiner Sicht für den ‚fotografischen Normalbetrieb‘ keinen entsprechenden Zusatznutzen mehr.

Unbenommen dieser Ausrüstungsaspekte hätte Jens – diesen entscheidenden Punkt hatte ich oben schon dargelegt – mit einer kleineren Blendenöffnung bzw. größeren Blendenzahl aus meiner Sicht ein wesentlich besseres Bildresultat erzielen können.

Dies hätte sich etwa an einer ausreichenden Durchzeichnung und Schärfe der zwei bis drei mittleren Blütenblattkränze gezeigt.

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Bildteil:

Problembereiche

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Jonas says:

    Ich finds super, dass sich Fotografen hier gegenseitig helfen, da will ich mich doch gerne dran beteiligen :) Zwei Sachen sind mir noch aufgefallen an dem Bild, die ich vielleicht anders gemacht hätte:
    1. Die Position der Blume: Mittig kommt oft etwas gewöhnlich rüber. Mit einer leichten Verschiebung nach rechts oder links könnte man noch mehr Dynamik reinbringen.
    2. Das Bokeh: Ansich find ich den Hintergrund sehr schön, allerdings kann man da sicher auch noch mehr rausholen. Einfach mal verschiedene Hintergründe ausprobieren, sodass die Helligkeit auch varriert. Ein paar Zentimeter mit der Kamera zur Seite gehen hilft da oft schon. Ansonsten sehr schöne Arbeit, weiter so :)

    Antworten
  2. Lurenz says:

    Hallo Thomas

    Was ist mit ‚Schartigkeit‘ gemeint? Und ist die Schönheit des Bokehs von der Güte des Objektivs oder von anderen Faktoren abhängig?

    Hinweise zur Ausrüstung (für die Reichen):
    Das 50mm f/1,4 EX DG HSM von Sigma schneidet meines Wissens in Tests besser ab als das 1,4er von Canon, kostet mit über 400€ aber auch mehr. Man vergleiche z.B. die Grafiken auf
    http://slrgear.com/reviews/showproduct.php/product/140/cat/10
    mit
    http://slrgear.com/reviews/showproduct.php/product/1202/cat/30

    In der Bildqualität schier unglaublich und neue Masstäbe setzend soll das brandneue 50mm f/1,4 DG HSM ‚A‘ sein, das aber nochmal doppelt soviel kostet.

    Antworten
  3. Jens Reinecke says:

    Hallo und erst einmal vielen Dank!
    Auch wenn es knapp ein halbes Jahr her ist, scheint es mir fast wie eine Ewigkeit her zu sein. „Damals“ war ich ganz verliebt in die neu entdeckte Welt der lichtstarken Festbrennweiten und des Bokehs.
    Als ehemaliger „Knipser“ bin ich hier wohl ins andere Extrem verfallen und habe übermäßig von Schärfeabfall bei offener Blende gebrauch gemacht. Die Intention war also weniger die Freistellung des Objekts vor dem Hintergrund, als eine Art „traumhafte“, weiche Durchzeichnung. Etwas an dem ich mich ab und zu immer noch übe (mehr dazu weiter unten). Trotzdem haben sich auch im meinen Fotografierverhalten höhere Blendenzahlen durchgesetzt um ein besseres Spiel aus Schärfe und Unschärfe zu erzeugen – sehr interessant und hilfreich fand ich hier das Tutorial zur Schärfentiefe!

    Das Werkzeug, habe ich mitterweile gewechselt, wobei ich der Festbrennweite treu geblieben bin. Aus finanziellen Gründen hab ich mich dabei aber auf ältere Objektive verlegt – das Canon 50mm ist mitterweile vom „Bokeh-Monster“ Helios 44-2 58mm f/2,0 abgelöst worden: Es weißt nicht die angesprochene Schartigkeit auf, dafür aber eine Art Wirbel-Bokeh, dass mich ästhetisch eher anspricht – hinzukommt ein Preis von 30-40 Euro mit entsprechenden Adapter. Natürlich verzichtet man hier auf einige Errungenschaften wie Autofokus und Bildstabilisator aber man kann ja nicht alles haben.
    Meine Erkenntnis lautet daher eigentlich eher: Man muss viel ausprobieren, alleine teurere (und zugegeben auch leistungsstärkere) Austrüstung macht noch lange nicht bessere (oder ansprechendere) Fotos.
    Der Zufall will es, das ich gerade gestern mit einem alten Neuerwerb ein sehr ähnliches Foto geschossen habe, das ich euch anhängen möchte: https://www.flickr.com/photos/115161318@N08/14105526899/

    Nichtsdestotrotz, ich verfolge gerade die Bildkritiken sehr gerne – ich verspreche auch, das nächste Bild wird kein Blumenbild, sondern eins in Schwarz-Weiß – vielleicht passend zum derzeitigen Tutorial?

    Besten Dank und Grüße!

    Antworten

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