Leserfoto:
Bildrhythmus

Eine kleine, in ihrer unterschiedlichen Interpretierbarkeit reizvolle Kompositionsstudie möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (3 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Schwanensee in Höchst” in der Kategorie ‚Natur/Tier‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Frankfurt-Höchst/Uferpromenade: Herbstphantasie am Main. In Ufernähe sammelt sich eine beachtliche Anzahl Schwäne, die hier von den Sonntagsspaziergängern einige Leckerbissen erhaschen können; Brezeln und Brotkrumen locken zu einem ‚Tanz‘ in Ufernähe. Irgendwie musste ich an das Ballett ‚Schwanensee‘ denken, als sich die majestätischen Tiere vor mir mit einer gewissen aufgeregten Neugierde um die ins Wasser geworfenen Naschereien sammelten. Bei dieser Gelegenheit – und in Ermangelung eines besseren Motivs im belanglosen Grau in Grau des Tages – ist der vorliegende Schnappschuss entstanden, den ich auf diese Kernszene reduziert (beschnitten) habe, die mir wegen ihrer Kreisstruktur (deswegen die Wahl des Quadratformats) recht gut zu Tschaikowskis Ballettmusik zu passen schien. … Aufnahmedaten: Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 18 mm), Belichtungszeit: 1/420s bei ISO 800, Blende: 7.1, Kontraste angehoben, Lichter behutsam ‚abgewedelt‘.”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 27 mm bei einem Formatfaktor von 1,5.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Elf Schwäne in verschiedener Körperhaltung und Ausrichtung zeigt das Bild auf engem Raum, und doch erscheint – wie Marcus auch schreibt – die Anordnung nicht zufällig, sondern einer Art stiller Choreographie zu folgen.

Besonders jener Schwan rechts oben fällt ins Auge, der sich ein Stückweit aufrichtet und seine Schwingen ausbreitet (rote Linien ebd.). Die restlichen zehn Schwäne scheinen sich in gewisser Weise um ihn herum zu gruppieren (orange Linien ebd.). Dieses ‚in gewisser Weise‘ ist jedoch keine ‚einfache Umringung eines zentralen Objekts‘ – es ist komplexer, vielschichtiger …

Man kann die Anordnung schon als ‚Kreis mit Einschluß‘ interpretieren (siehe dazu untenstehendes Bild ‚Komposition: Kreisförmige Anordnung der Elemente‘, dort insbesondere die gelben Linien): dann fungieren die beiden zentral plazierten Schwäne jedoch nicht als motivisches Zentrum, sondern treten gegenüber dem sich aufstellenden Schwan zurück.

Oder man interpretiert die Anordnung als ‚Reihung‘ (siehe dazu untenstehendes Bild ‚Komposition: Komposition: Reihung der Elemente‘, dort wiederum die gelbe Linien): dann werden drei Reihen im Sinne fallender Diagonalen sichtbar, die ihren Bezugspunkt wiederum im sich aufstellenden Schwan finden.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich hier bei einem Median von gut 60 nicht normalverteilt, sondern mit zwei Schwerpunkten – zum einen ein gestauchter Schattenbereich im Sinne der Zonen I bis II, die Wasserfläche markierend; dann ein weitläufigerer Mitten- und Lichterbereich im Sinne der Zonen IV bis IX, die Schwäne darstellend.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Marcus‘ Arbeit lebt, wie ich meine, von der ’sich auf kleinem Raum einstellenden Dynamik‘ bzw. der unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten. Es beginnt schon damit, daß man gar nicht schlußgültig sagen kann, ob es sich bei der Ansammlung der Schwäne um ein Gruppenporträt oder vielmehr ein tierisches Stilleben handelt. Des weiteren läßt sich die Gruppe eben als Kreis oder als Reihung interpretieren.

Das Phänomen der ‚gestaltpsychologischen Multistabilität‘ (also der ganz unterschiedlichen Interpretierbarkeit des Dargestellten, siehe dazu ggf. auch das Tutorial ‚Gestaltpsychologie‘) kommt hier zum Tragen. Was in diesem Sinne oftmals störend bzw. verwirrend erscheint (weil keine klare bzw. eindeutige Interpretation erlaubend), scheint mir hier durchaus reizvoll (im Sinne der Vielschichtigkeit und Dynamik).

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Bildteil:

Komposition: Kreisförmige Anordnung der Elemente

Komposition: Reihung der Elemente

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


8 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    @ Erica di Motta

    Vielen Dank für Deine Anmerkungen. Für mich ist Kritik immer positiv zu verstehen, sonst würde ich meine Fotos bei „fokussiert“ doch gar nicht vorstellen. Insofern ist für mich ein aussagekräftiger Kommentar wertvoll im Sinne von bedenkenswert für die eigene fotografische Praxis. („Schön reden“ liegt mir dabei gar nicht, sonst hätte ich nicht schon so viele eigene misslungene Fotografien entsorgt.)

    So halte ich es in der Regel auch mit den eigenen Kommentaren die ich gelegentlich zu den hier eingereichten Werken abgebe, weil ich diesen fotografischen Arbeiten selbst etwas abgewinnen kann und sie mir gewissermaßen die „Augen öffnen“ für manche Aspekte, die mir neu sind oder entdeckenswert erscheinen.

    

Ob ich anderen dabei „helfe“ bessere Bilder zu machen, kann i c h nicht behaupten. Ich versuche vielmehr in aller gebotenen Zurückhaltung und Bescheidenheit erst einmal zu 
v e r s t e h e n, warum eine Aufnahme so oder so geworden ist, bzw. welches Konzept dahinter zu vermuten wäre, um zu erfahren, warum mich ein Bild interessiert/anspricht, in meinen Augen diskussionswürdig ist und insofern auch vor einem Publikum Bestand haben könnte. 


    Wenn Dir also die „Tiefe“ in meinem Bild zu fehlen scheint, ist mir diese Ansicht sehr willkommen. Auch wenn dabei nach meinem Dafürhalten andere Aspekte, die ja auch in Thomas Kritik anklingen, keine Berücksichtigung mehr finden. Es ist eben gerade jene differenzierende Beurteilung (Kritik), die mich herausfordert, und von der ich mir gerne (und oft) in puncto Technik und fotografischer Bildsprache auf die Sprünge helfen lasse. Diese seltene Praxis jenseits eines „Daumen rauf oder runter“ macht ja für mich auch die besondere Qualität von fokussiert.com aus.

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Ihr beiden (Erica und Marcus) …

      Die Interpretation in Richtung „kulinarische Schwanenplatte“ kann ich momentan nicht so teilen. Das erscheint mir auch nicht heikel, denn erst in der Zusammenschau verschiedener Interpretationen mag Vollständigkeit entstehen – dieses Phänomen ist etwa aus der Psychologie gut bekannt; erst die Synthese verschiedener Beobachtungen in einem therapeutischen Team vermag es, die Gegebenheiten eines Patienten ausreichend zu würdigen.

      Es geht Euch beiden, wenn ich es richtig verstehe, auch und wesentlich um Diskussionskultur. Von meiner Seite möchte ich als Autor freilich gerne solche Diskussionen anregen, die über ein „Daumen rauf oder runter“ hinausreichen. So weit, so gut – doch habe ich auch ein gewisses Unbehagen und noch keine abschließende Meinung, ob und inwieweit dies im Internet, ohne persönliche Ansicht des anderen also, auch möglich ist. Da lobe ich mir doch meine Künstlergepräche vor Ort, da sind Menschen aus Fleisch und Blut und man kann Wirkungen und Reaktionen abschätzen.

      Gerade meine aktuelle Werkschau Sakralbauten, die aus meiner Sicht eigentlich am gefälligen Pol konzipiert ist, wurde teilweise (bei allem Zuspruch für das sprituelle Moment) im Sinne von „zu viel Details, zu viel Ambiente, zu wenig Wiedererkennbarkeit, zu wenig Postkarte“ auch recht kritisch hinterfragt … und solche Meinungen (Volkes Stimme) sind mir auch wichtig; wenn ich mir das nicht anhören wollte oder könnte, müßte ich ja keine Künstlergespräche machen.

    • Marcus Leusch says:

      Hallo Thomas,

      grundsätzlich ist doch jede Äußerung eine sehr persönliche, ob nun Daumen rauf oder runter. Dem setze ich mich nur zu gerne aus. Umso Besser, wenn dabei auch gleich mehrere unterschiedliche Meinungen vorliegen, die sich zu einem Ganzen verbinden. 

Mir ging es eher um eine „differenzierende Beurteilung“ die mehr vom Kritiker abverlangt als „toll“, „echt cool“ oder „Thema verfehlt“. Dieses „Mehr“ habe ich auf diesen Seiten schon verschiedentlich erleben dürfen – und eine Menge daraus gelernt. Insofern habe ich auch nichts gegen „kulinarische Schwanenplatten“, wenn denn die Meinung auch gut begründet ist und nicht auf dem Tellerrand einer „Schlachtplatte“ endet. Erst dann ist‘s doch eine wirklich ernst zu nehmende Kritik, aus der sich etwas lernen lässt –oder?

      Aber das sind wahrscheinlich rare Glücksmomente im Netz, denn das Medium taugt doch selten zu einer wirklich vielschichtigen „Unterhaltung“ über das, was uns hier bewegen mag. – Ja, die direkten Gespräche Aug‘ in Auge sind denn auch mir die Liebsten. Hier ist die unmittelbare Erfahrung am lebendigsten und fordert die ganze Person …

      Grüße im Abendgewitter …
      Marcus

  2. Erica di Motta says:

    Hallo Markus, man kann alles schön reden; oder man kann Kritik als Auseinandersetzung mit der jeweiligen Arbeit betrachten; ich arbeite sehr stark an meiner Ausdruckskraft; pendle zwischen Realistik und künstlerischem Ausdruck; es zählt letztendlich aber das Werk, das Resultat. Das muss Bestand haben vor dem Publikum.
    Ich helfe nur, ich bin mir bewußt, dass jeder seine eigene Interpretation sucht.

    Antworten
  3. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,

    herzlichen Dank für diese erneut sehr hilfreiche Bildanalyse meiner Arbeit. In der Tat ist dies eher eine beiläufige Kompositionsstudie, wenn man so will eine „kleine“ Sehübung, die mir den grauen Tag denn doch etwas aufgehellt hatte, auch wenn‘s eigentlich nicht mein Sujet ist.

    Dein gestaltpsychologischer Ansatz hat mir denn auch besonders zugesagt, da es mir hier nicht etwa um eine besondere Bildaussage ging (wie etwa in meinen Streetfotografien), sondern eher um ein recht abstraktes grafisches Moment. Insofern gefällt mir auch Dein sehr treffender Hinweis auf ein „tierisches Stilleben“, was meinem Ansatz sehr nahe kommt. Zeit und Raum wirken auf mich hier wie eingefroren, das Bild erhält durch die Vogelperspektive notwendigerweise einen flächigen Charakter, der durchaus gewollt ist: die Schwäne schweben wie weiße Farbtupfen auf einer dunklen Oberfläche, deren „Ordnung“ oder Rhythmus sich in der einen oder anderen Richtung (siehe „Reihung der Bildelemente“) erst im Blick des Betrachters herstellt und interpretieren lässt. – Ein bisschen wie Schach spielen …

    Deine Anmerkungen zu den Tonwerten („nicht normalverteilt“) würde mich genauer interessieren. Im Sinne eines FineArt-Fotografen ist so eine Tonwertverteilung wohl eher nicht erstrebenswert! Das ist mir durchaus bewusst – im vorliegenden Bild kam es mir denn auch in erster Linie auf die abstrakte Bildwirkung (hell/dunkel) an.

    @ Erica die Motta

    Besten Dank für die „plattierte“ Ansicht und die „gastronomischen“ Hinweise. Diese „Tiefe“ war hier auch gar nicht von mir intendiert. Ich erinnere in diesem Zusammenhang mal an die „platten“ scherenschnitthaften Bilder von H. Matisse (Der Tanz) oder an Beispiele des italienischen Fotografen Mario Giacomelli (im Umfeld des italienischen Realismus), der mit ungewöhnlichen Perspektiven (Vogelperspektive) auch bei Gruppenaufnahmen experimentiert hat, ohne flach zu wirken – ganz im Gegenteil. Und dann stellt sich doch noch die Frage, ob Tiefe bloß durch deutlich zu identifizierende räumliche Aspekte (Fluchtpunkt(e)/Schattenverteilung etc.) herzustellen ist. Das lässt natürlich die Wirkung von unterschiedlichen Tonwerten (hell/dunkel) im Bild vollkommen außer Acht. …

    


Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
  4. Rellisch Flu says:

    Danke für die Besprechung. Aber es fehlt ein Fazit… Was folgt aus den Beobachtungen über die Komposition und die Tonwerte?

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ich kann Dir leider nicht ganz folgen …

      Gerade mein letzter Satz („Was in diesem Sinne …“) ist doch eine auf das Vorherige bezogene, insofern begründete Abschlußfeststellung. Der Grundtenor ist dabei, daß auch ein kompositorisches Kipp-Phänomen (Multistabilität) in wohldosierter Form ein Bild über den Augenblick hinaus betrachtungswürdig macht. Ähnliches gilt (auf Marcus‘ Frage hin) für die nicht normalverteilten (also zweigipfligen) Tonwerte.

      Aber sage doch, was Dir konkret an Fazit fehlt, dann läßt sich hier in der weiteren Diskussion vielleicht noch etwas ergänzen …

  5. Erica di Motta says:

    Bei dieser Arbeit muss ich so schön Gruppenfotos als Muster aussehen,daß eine direkte von Oben-Ansicht ungünstig ist.
    Das Objekt/hier Tier wird dadurch plattiert und es fehlt mir eine räumliche Tiefe. Dieses Problem sehe ich auch sehr oft in der Gastro-Fotografie, um Speisen darzustellen. Schade.

    Antworten

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