Leserfoto:
Blick auf ein dunkles Kapitel des Arbeitslebens

Eine in der Bildanlage gelungene, dramatische, aber doch auch überarbeitungswürdige Arbeit möchte ich euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

 
Ausgangsbild

***

Unser Leser Thorsten Kallnischkies aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel „Schrottrecycling in Indien” in der Kategorie ‚Bildjournalismus‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Bild habe ich im Mai 2013 aufgenommen, als ich in der Nähe von Kalkutta einige Industriestandorte besucht habe. Ich versuche, für meine Berichte immer, auch Menschen bei der Arbeit zu fotografieren. Ich hoffe, das ist mir einigermaßen gelungen.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 500D mit dem Kitobjektiv EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 verwendet. Die Brennweite betrug 42 mm (entsprechend gut 67 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1,6), die Belichtungsdaten waren 1/100 Sekunde bei Blende f/5,0 und ISO 400.

***

„Sehr düster wirkt das Bild, vieles bleibt hier im Dunkeln, obwohl Thorsten unseren Blick vernehmlich auf Aspekte der Elends- und Kinderarbeit in der Dritten Welt lenken wollte”, dachte ich spontan. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Überarbeitung (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Thorsten mag mir aus den oben genannten Gründen hoffentlich nachsehen, daß ich sein Bild zunächst einer gründlichen Überarbeitung unterzog.

Der erste Schritt war eine massive Öffnung der Schatten mit dem Instrument ‚Tiefen/Lichter‘, der zweite dann eine Bereinigung des Hintergrundes, insbesondere der helleren und vom eigentlichen Vordergrundmotiv ablenkenden Stellen.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Wie ein ‚trauriger Held der Arbeit‘ erscheint jener etwa im Viertel von links platzierte Halbwüchsige ohne jeden Arbeitsschutz (rote Linien ebd.). Das Werk seiner Arbeit zeigt sich in der Bildmitte (gelbe Linien ebd.).

Grobe und scharfkantige Metallteile, auf denen man nur fraglich sicher stehen und laufen kann, bestimmen den Vordergrund (blaue Linien ebd.). Einige schemenhafte Strukturen im Hintergrund markieren den Raum (grüne Linien ebd.).

Der Blick wird von links her in einem Bogen über den Halbwüchsigen geführt, von dort aus nach unten zu seinem Werk und nach rechts über die heurmliegenden Metallteile (blaue Linien ebd.).

Farben:

Blau- und Gelborangetöne bestimmen das Bild.

***

Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Das Bild ist, je nachdem wie weit man die Szene interpretieren möchte, schon ein gellendes „J’accuse” gegen die dort herrschenden, menschenunwürdigen und gefährlichen Arbeitsbedingungen. Daß wir in unseren wohlhabenden Breiten wenig dagegen haben, uns in der Dritten Welt für wenig Geld ‚den Dreck wegräumen zu lassen‘, wäre eine weitere, zulässige Interpretation …

Vom Bildaufbau ist diese Arbeit überzeugend, sie setzt den Menschen, sein Werk und den Hintergrund in ansehnlichen Bezug. Die nötige Überarbeitung, um dies alles auch zur Geltung zu bringen, hatte ich oben bereits dargelegt.

***

Bildteil:

Überarbeitung 1: Schattenöffnung mit dem Instrument 'Tiefen/Lichter'

Überarbeitung 2: Hintergrundbereinigung mit Kopierstempel und Nachbelichter

Komposition 1: Grundelemente

Komposition 2: Blickführung

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

21 Antworten
  1. Erica di Motta says:

    Nun habe ich mir die Zeit genommen und die Diskussion von A-Z verfolgt: Spontan fiel mir die gute Nachbearbeitung durch Thomas Brotzler auf; die Diskussion zeigt, wie verschieden wir „sehen“, und die Entscheidung, die man als Fotograf trifft, was man zeigen will, auf was man hinweisen will.
    Ich stelle auch sehr oft fest, wenn ich Bilder nicht gleich fertig mache, daß nach ein paar Tagen mein Blick sich verändert; und auch kritischer ist. Hier einmal sich einer Studie zu unterwerfen, Bilder zu bearbeiten gleich nach dem Shooting und die gleichen ein paar Tage später wäre sehr interessant, auch für Sie Thomas Brotzler.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Ich stelle auch sehr oft fest, wenn ich Bilder nicht gleich fertig mache, daß nach ein paar Tagen mein Blick sich verändert; und auch kritischer ist.

      Genau dies ist ein wesentlicher bzw. mir über die Zeit wichtig gewordener Bestandteil meines Workshops.

      Praktisch gehe ich so vor, daß ich eine erste Ausarbeitung (bei mir Schwarzweißkonvertierung und Tonwertanpassung) in Photoshop mache, das Bild auf Proofpapier printe (in der Regel Epson Premium Luster A4) und es auf dem Aufsichttisch ausleuchte (400 Lux). In der Regel ist es ja eine kleine Serie eines aktuellen Projekts, sind es Variationen eines Motivs.

      Dann heißt es bewußt Abstand und in den nächsten Tagen neuen Anlauf zu nehmen: Ist die Umsetzung der Bildidee weiterhin überzeugend? Könnten die Tonwerte auch anders interpretiert werden? Wie würde sich der Bildeindruck dadurch ändern? In diesem Stadium kommen dann oft neue Ausarbeitungen zum Tragen, die dann wiederum ausgelegt und verglichen werden.

      Eine solche ‚Eichung und Bildfindung‘ vollzieht sich also am Print (da bin ich ganz Traditionalist) und über die Wechselbewegung von anschauen und Abstand nehmen.

  2. Borg Enders says:

    Vielen Dank für die lebhafte Diskussion.

    Diese war für mich sogar interessanter als die eigentliche Bildbesprechung.

    Oft lese ich die Bildbesprechungen nur Quer mit Blick auf Originalbild und Nachbearbeitungen durch den Autor.

    Eine lebhafte Diskussion wie diese, ehröht zumindestens für mich den Reiz gewaltig die gesamte Besprechung zu lesen.

    Vielen Dank!

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „… lebhafte Diskussion. Diese war für mich sogar interessanter als die eigentliche Bildbesprechung.

      Geht mir eigentlich genauso :o) …

      Aber im Ernst: Besprechung und Diskussion gehören zusammen und ergänzen sich. Hier tauchen dann oft noch Blickwarten und Details auf, die mir selbst nicht so bewußt waren oder im Sinne einer Verdichtung hintangestellt blieben. Wenn ich mit meiner Besprechung einen guten Auftakt bieten kann, ist der Sache offensichtlich gedient …

    • Christian Fehse says:

      Vor allen Dingen muß der „Besprecher“ auch erstmal den „ersten Aufschlag“ machen. Mein Kommentar zum Beispiel war eine Reaktion darauf, das Thomas aus meiner Sicht, das Bild zu sehr zu einem anderen Bild gemacht hat. Mir war nicht klar warum. Das wollte ich wissen…

  3. Thorsten Kallnischkies says:

    Hallo Thomas,

    über die zeitlichen Abläufe hatte ich mir nur kurz Gedanken gemacht, mir dann aber schon irgendwann gedacht, dass Ihr mit Sicherheit eine Menge Bilder bekommt, und das Bild evtl. für eine Besprechung garnicht ausgewählt wurde. Inzwischen habe ich auch nicht weiter dran gedacht. Eingereicht hatte ich das Bild am 19.11.2013, online gestellt wurde Dein Kommentar am 11.6. um 15:00, die Benachrichtigung kam bei mir dann aber erst gestern Abend um 22:30 an. Vielleicht lässt sich an den Abläufen ja wirklich was optimieren.

    Trotzdem rechne ich es Euch allen hoch an, die Ihr eingereichte Bilder auf ehrenamtlicher Basis besprecht. Ihr opfert dafür Eure Freizeit, wir lernen von Euren Kommentaren, also sollte man sich nicht zu sehr an den Abläufen stören.

    Ich wollte mit meiner Antwort die Diskussion nicht abwürgen, wie gesagt, ich finde es spannend, was sich aus dem Bild alles herausholen lässt, und auf wie viele Arten man es aufbereiten kann.

    Ich habe das Bild nochmal anders überarbeitet und als schwarzweiß angelegt: http://desastre.eu/wp-content/gallery/india/IMG_6205_2a_sw_kl.JPG , auch das hat einen eigenen Reiz, finde ich.

    Von Beruf bin ich Geologe und versuche in meinen Projekten einen holistischen Ansatz zu verfolgen. Ich kann gut mit unaufgelösten Widersprüchen und ungelösten Problemen leben. Was schön wäre: wenn ich das auch in meinen Fotos darstellen könnte. Ich bin aber auch schon gefragt worden, ob ich auf Motivsuche für einen Endzeitfilm bin (http://desastre.eu/wp-content/gallery/philippines_2014/IMG_1336-1.JPG).

    Thorsten

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Vielleicht lässt sich an den Abläufen ja wirklich was optimieren.

      Step 1: November 2013
      Step 2: Dezember 2013
      Step 3: Juni 2014

      Es ist, wie es ist. Mit meinem ‚Bespechungseifer‘ mag ich wohl zum engen Trichter beitragen. Die Taktung wurde allerdings auch reduziert, wenngleich irgendwo noch ‚ein Bild pro Werktag‘ steht…

      Zitat: „eingereichte Bilder auf ehrenamtlicher Basis besprecht. Ihr opfert dafür Eure Freizeit

      Es ist ein werbefinanzierter Blog und wir arbeiten auf Honorarbasis. Das mag dem Publikum plausibel erscheinen und muß daher nicht als Staatsgehemnis gehandhabt werden. Desgleichen nicht, daß die für Besprechung und Diskussion benötigte Zeit (in der von mir praktzierten Form) das Fixum bisweilen abschmelzen läßt wie die Polkappen.

      Doch hierzu bitte kein falsches Mitleid. Als gestandener und langjähriger Psychotherapeut im Zweitberuf habe ich wirksame Schutzmechanismen vor der Idealismusfalle – konkret, (1) daß es Spaß macht, (2) daß ich selbst noch eine Menge lernen und mitnehmen kann und (3) noch manches mehr, was mit langfristigen publizistischen Perspektiven zu tun hat …

      Zitat: „als schwarzweiß angelegt

      Kommt nicht ganz so, sage ich als eingefleischter Schwarzweißfotograf, was ja etwas bedeuten mag. Das Bild scheint die Farben (insbesondere der hübschen Komplementärkontrast) zu brauchen …

      Zitat: „Motivsuche für einen Endzeitfilm

      Fürwahr ein starkes, sprechendes Motv …

  4. Thorsten Kallnischkies says:

    Ersteinmal herzlichen Dank für die lebhafte Diskussion und für die zahlreichen Bearbeitungsvarianten. Für mich sind alle Eure Beiträge sehr hilfreich, und ich habe dadurch gerade begriffen, was Thomas oben als „Prinzip der Interpretationsbedürftigkeit“ bezeichnet und eine Aufnahme als „Urszene“ beschreibt, die es zu interpretieren gilt.

    Ich bin überrascht über die zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten, die von „heroisierend“ bis rein beschreibend mit HDR-artigem Hintergrund reichen. Damals habe ich eine ganze Reihe Bllder von dieser Szene gemacht, und Christian hat durchaus Recht, wenn er die Situation bei dieser Arbeit beschreibt. Wenn der Schneidbrenner eingesetzt wird und die Funken sprühen, nimmt man außer der unmittelbaren Umgebung nur noch Dunkelheit wahr.

    Was die Farben betrifft, war die Situation so, dass am späten Vormittag der Himmel stark dunstig bis trüb war, d.h. alles was indirekt vom Himmel beleuchtet wurde hat einen bläulichen Stich, alles was von der Brennerflamme beleuchtet ist hat einen gelblich-orangen. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Wobei auch das, wie Thomas schon schreibt, wieder bestimmt wird durch das, was man letztlich ausdrücken oder betonen möchte.

    Meine Arbeit und meine Berichte sind meist sehr technischer Natur, meist geht es um Abfall, Recycling, Abbruch, Umweltverschmutzung. Mit den entsprechenden Bildern in meinen Berichten möchte ich dann einen Kontrapunkt setzen und darauf aufmerksam machen, dass es um den Menschen und seine Umwelt geht.

    Ich freue mich über Eure konstruktive Kritik, Eure Variantenbetrachtung nehme ich als Ansporn und freue mich, dass ich durch Eure Diskussion viel gelernt habe.

    Herzliche Grüße

    Thorsten

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Thorsten,

      herzlich willkommen bei uns zunächst! Schön, daß Du noch hergefunden hast …

      Ich will wirklich schauen, daß die zwischenzeitliche Vorbenachrichtigungspraxis wieder an Fahrt gewinnt (wiewohl ich als freier Autor nur mittelbaren Einfluß auf die Redaktionsgebräuche habe). Da zwischen Einreichung, Besprechung und Veröffentlichung (insbesondere zwischen Step 2 und 3) ganz gewiß Wochen, bisweilen Monate liegen, scheint es mir kaum zumutbar, sich ‚tagtäglich hoffend und bangend bei Fokussiert herumzudrücken‘. Eine Einschreibung in den wöchentlichen Newsletter mit Aufzählung aller zwischenzeitlicher Artikel wäre aber immerhin eine Teillösung …

      Dein Beitrag erschiene mir als gutes Schlußwort, aber vielleicht hat die Diskussion ja noch Dynamik. Ich selbst hätte da noch einen ‚klitzekleinen Beitrag‘, einen Rekurs auf ein literarisch-psychoanalytisches Thema: als Ingenieur, der Du offensichtlich bist und in Deinem Ansatz, mit taxierendem Blick und fühlendem Herzen zugleich durch die Welt zu gehen, klingt für mich etwas vom ‚erwachenden Homo faber‘ an. Dies erscheint als Gratwanderung, da wir Menschen uns doch gerne auf das Eine oder andere konzentrieren bzw. versteifen. Sofern Du diesen (inneren, konzeptionellen) Spannungsbogen zwischen Dokumentation und Emotion halten kannst, haben Deine Bildwerke aus meiner Sicht ‚Chance auf Größe‘ …

      Und ja (in eigener Sache), solche Diskussionen geben mir als Autor doch das ‚Gefühl, am richtigen Ort zu sein und nicht nur ins Nirvana digitaler Beliebigkeit hinein zu schreiben‘. Es mag schlitzohrig erscheinen, aber wer sagt denn, daß ich dabei nicht genauso viel lerne bzw. mitnehme wie Ihr?

      Thomas

  5. Tilman says:

    Hallo,

    Danke für Deine Besprechung, Thomas, die folgende Diskussion interessiert mich sehr. Es ist ein gutes Beispiel dafür, inwieweit eine Nachbearbeitung den Inhalt und den Aussagegehalt eines Photos ändern. “spotlight on actor”, das empfinde ich auch so, deswegen gefallen mir Bearbeitungen von Christian und Eckhard nicht (für dieses Bild). Deine Bearbeitung, Thomas, ist sehr viel neutraler. Es gibt dem Foto eher den Charakter einer Dokumentation. Aber auch hier geht für mich der Wert der Arbeit verloren. Gerade die Dunkelheit, das Nichterkennen sind für mich der eigentliche Reiz dieses Bildes.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    Antworten
  6. Christian Fehse says:

    Ihr habt doch die Daten? Schreibt ihn an. Beim ersten Bild habe ich eine Mail bekommen, beim zweiten Bild nicht…

    Antworten
  7. Ekhard Eitel says:

    Auch ich habe mal für mich die Dunkelheit dieses spannenden Bildes am PC mit LR etwas erhellt. In meinen Augen wäre es „eine Sünde“, wenn dies alles im Dunkeln verborgen bliebe. Nach meinem Empfinden trägt es durch aus zu der Gesamtstimmung im Bilde bei. Im Gegensatz zu Deinem Bildvorschlag, Thomas, habe ich nach dem Aufhellen der Schatten, den Weißpunkt auf das T-Shirt gesetzt, obwohl dies sicherlich nicht mehr „blütenweiß“ ist. Die kühle bläuliche Stimmung bei Person und Hintergrund verschwindet. Das Bild wirkt für mich so stimmiger. (Just my 2 cents.)
    http://abload.de/img/dunkles_kapitel_arbei4gppj.jpg

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Christian,
      hallo Ekhard,

      der Eifer Eurer Diskussion und Ausarbeitungen beeindruckt und freut mich.

      Es werden so die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten eines Ausgangsbildes aufgezeigt bzw. vervollständigt, und es wird auch das Prinzip der Interpretationsbedürftigkeit betont. Dem folgend ist eine Aufnahme eine Art Urszene, die erst über die persönliche Sichtweise und Ausarbeitung zum Bild wird und so beim Betrachter eine innere Resonanz erzeugen kann.

      Hierdurch setzen wir uns auch von der Vorstellung des bei Aufnahme fertigen Bildes ab, welche in früherer Zeit etwa die Diafotografen leitete und welcher in heutiger Zeit die Vertreter des ‚out-of-cam-Prinzips‘ folgen.

      Dieser Bereicherung durch die unterschiedliche Bedeutungsbeimessung steht auf der anderen Seite freilich ein nötiger Verzicht auf die Vorstellung des einen richtigen Bildes gegenüber. Die Bildschöpfung wird so zum kreativen Prozeß und dient dem subjektiven Ausdruck des Fotografen bzw. Bildbearbeiters. Der Betrachter erkennt dann schon auch die Ausgangsszene, setzt sich im Idealfall und in erster Linie aber mit der persönlichen Sichtweise des Präsentierenden auseinander. Er entwickelt darüber hinaus vor Ort und in der Identifikation mit dem Gezeigten natürlich noch eigene Sichtweisen.

      In solcher Weise wäre nach meinem Dafürhalten die Schwelle zwischen Postkarte, Erinnerungsbild und Dokumentation auf der einen Seite und einer künstlerischen Ausdrucksfotografie auf der anderen Seite zu beschreiben.

      Spannend fände ich es ja schon noch, was Thorsten selbst zu solcher Beschäftigung mit seinem Bild sagte. Es ist etwas schade, aber leider Fakt, daß die zwischenzeitlich gepflegte Vorabbenachrichtigung bei Erscheinung durch die aktuelle Redaktionsstruktur wieder ins Hintertreffen geraten ist …

      Thomas

  8. Christian Fehse says:

    Ich habe im Lightroom versucht, den dunklen Charakter des Bildes zu erhalten und nur die hellen Stellen der Person mehr zu öffnen. Das entspricht aus meiner Sicht sehr gut der Situation: malochen in nem dunklen Loch (und wer schon mal mit einem Schneidbrenner ohne Brille rumgemacht hat weiß, das der Junge eh nicht viel sieht von der Umgebung).

    Hier ein Link zu meinem Versuch:

    http://update.infomantis.de/download/cf/img_6205_2c.jpg

    Ich weiß nicht ob sowas erlaubt ist.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Die Veränderung der Bilder zu didaktischen Zwecken erscheint mir ganz unheikel. Diese ist ja auch schon in der Rechteüberlassung bei der Bildeinriechung geregelt und erstreckt sich nach meinem Verständnis auch auf Mitdiskutierende …

      Über das Ergebnis mögen wir (und mit uns noch andere) diskutieren. Mir persönlich ist es zu sehr ’spotlight on actor‘, zu sehr ‚autistische Verlorenheit in schwarzer Nacht‘. Für mich ist hier die Bezugnahme zur Umgebung unverzichtbar bzw. lebt die Szene überhaupt erst davon …

    • Christian Fehse says:

      Zitat: „Für mich ist hier die Bezugnahme zur Umgebung unverzichtbar bzw. lebt die Szene überhaupt erst davon …“

      Das ist klar, sonst hättest Du es nicht so überarbeitet. Aber warum? Ich könnte mir vorstellen, das man die Szene genau so sieht, wie die Kamera das im Ausgangsbild belichtet hat, wenn man in die Hallo kommt. Und auch wenn die Augen sich dran gewöhnt haben, glaube ich nicht, das man sehr viel von der Halle sieht.
      Bei einer Arbeitsszene finde ich es interessant bei dem Menschen zu bleiben. Wenn man mit so einem Ding arbeitet, dann ist das tierisch laut (fand ich zumindest immer) und Brille ist man eh fast autistisch, weil man kaum was sieht um die Flamme. Ohne Brille würde ich sagen, man ist fast blind. Das ist dann in der Tat sehr bezogen auf das was man tut. Ich finde so arbeiten Menschen aber oft.

      Natürlich ist das meine persönliche Sichtweise aus meinen Erfahrungen. ..

    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Christian …

      alle Szenen sind interpretationsbedürftig, denn das Auge sieht und verarbeitet auf eine grundsätzlich andere Art (faktisch als ’natürliches HDR‘) wie die Kamera. Ich war diesem Phänomen schon verschiedentlich auf der Spur, insbesondere in den Tutorials ‘Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie‘, ‚Blickwege bei der Bildbetrachtung‘ und zuletzt noch ‚Das digitale Belichtungsdilemma‚ – da ist ja schon einiges zusammengekommen. merke ich gerade :o) …

      Aber eines ist hier noch wichtig: Deine eigene Vorerfahrung, daß Du in solchem Kontext also schon selbst gearbeitet hast. Dies – hier darf ich doch ‚etwas psychologisch werden‘ – prägt zumindest subtil Deine eigene Seherwartung an das Bild …

      Ich kann es jetzt vielleicht auch besser in Worte fassen, worin mein Unbehagen gegenüber einer solchen ‚Spot-on-Bearbeitung‘ gründet: es wäre eine Heroisierung, und dieser Junge ist (wie es auch in der ergänzenden Beschreibung anklingt) gewß kein Held (allenfalls ein trauriger), sondern ein armes Schwein, welches im Sinne einer globalisiert entfesselten Profitgier kapitalistischer Provenienz verheizt wird. Du kennst das Zitat sicher: „Diese Wirtschaftsform tötet.“

    • Christian Fehse says:

      Hi Thomas,

      und nicht nur subtil prägt das meine Sichtweise auf das Bild…*gg*

      Aber es ist schon klar geworden, wieso Du Deine Version so bearbeitet hast.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *