Leserfoto:
Atmosphärische Stadtlandschaft (2)

Das Wissen um die Stärken und Schwächen des eigenen Bildes ist der wesentliche Motor für eine Verbesserung der fotografischen Fähigkeiten.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (3 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unsere Leserin Ingrid Steinmel aus dem hessischen Kriftel hat uns das obige Bild unter dem Titel „Sommerregen” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Hallo, ich denke, ich gehöre für die Mehrzahl derjenigen, die sich mit Fotografie beschäftigen zu den ‚Knipsern‘. Entsprechend ist auch dieses Bild ein Schnappschuss, entstanden bei einem Gewitterschauer in Buenos Aires. Wir hatten uns in ein Café geflüchtet und ich habe durch die Scheibe hindurch die durch das Wasser watenden Passanten fotografiert. Mich fasziniert daran, dass die Dynamik des prasselnden Regens sichtbar wird. Mich stört, dass nach oben über dem Schirm ’so wenig Luft‘ im Bild ist, weil mein ‚Modell‘ sich verständlicherweise schnell auf mich zu bewegt hat. Ich würde mich über eine Bewertung freuen. Freundliche Grüße Ingrid Steinmel … Kamera: Panasonic Lumix DMC TZ10, Modus ‚intelligente Automatik‘, f/4,09, 1/25. sec./ ISO 800, ohne Blitz, mit Photoshop Elements bearbeitet, u. a. die störenden Reflexe der Scheibe entfernt.”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Ingrid bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die rechnerische Brenweite von 11 mm, entsprechend einem Kleinbildäquivalent von etwa 67 mm bei einem Formatfaktor von 6,1.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die etwa im Goldenen Schnitt links liegende Person stellt unzweifelhaft das Motivzentrum dar (durchgezogene rote Linien ebd.). Sie wird bedeckt vom schemenhaft erkennbaren Regenschirm (punktierte rote Linien ebd.).

Der etwas großflächigere Fleck links oben und der vorbeihuschende Wagen rechts oben (orange Linien ebd.) fungieren als Kontrapunkte und bilden mit der Hauptperson ein dynamisches, auf dem Kopf stehendes Dreieck (grüne Linien ebd.).

Weitere Elemente wie etwa die beiden Zebrastreifen strukturieren den Raum (gelbe Linien ebd.).

In der Platzierung der Bildelemente wirkt das Bild nach oben hin tatsächlich eng, fast wie gestaucht, nach unten hin jedoch weitläufig und leer.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich normalverteilt bei einen Median von etwa 115.

Einige Tonwertabbrüche im Lichterbereich zeigen sich insbesondere bei der Leuchtreklame links oben und den Fahrzeuglichter rechts oben, ohne den Gesamteindruck einer ausgewogenen Belichtung nachhaltig zu stören.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ein ‚Knipser‘ wäre für mich jemand, der sich auf ein schnelles Erinnerungs- oder Dokumentationsbild beschränkt und sich nur wenig Gedanken über Motiverarbeitung und Bildwirkung macht.

Dies trifft für Ingrid ganz gewiß nicht zu, und deswegen kann ich ihre Selbsteinschätzung nicht ganz nachvollziehen.

Sie bringt die Stärken des Bildes (insbesondere die atmosphärisch dichte Darstellung des Unwetters mit der eindrücklichen Visualisierung des Regens) und dessen Schwächen (insbesondere die etwas nach oben verrutschte Platzierung der Bildelemente) so auf den Punkt, wie ich es kaum besser kann.

Die an manchen Stellen ausbrennenden Lichter und die insgesamt verhuschte Darstellung der Objekte wären in ruhigen bzw. statischen Szenen als Bildfehler anzusprechen, hier unterstützen sie im Sinne eines kalkulierten Regelbruchs jedoch die dynamische Aussage.

Meine Überarbeitung kann sich hier auf einen Beschnittvorschlag beschränken (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild). Durch das Weglassen des linken und unteren Bildteils fällt zwar das umgekehrte Dreieck weg, doch wird die Bildaussage verdichtet und der Spannungsbogen zwischen der Person und dem Fahrzeug herausgestellt.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Tonwerte: Histogramm

Überarbeitung: Beschnittvorschlag

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Ingrid Steinmel says:

    Danke für die unerwartet gute Bewertung… Und ja, das ist es. Die leeren Flächen reduzieren, das erhöht die Kraft der Aussage. Danke dafür!
    Viele Grüße
    Ingrid Steinmel

    Antworten
  2. Erica di Motta says:

    Hallo, wenn du gut in photoshop bist, kannst du die Enge vom Regenschirmdach zu Bildrand optimieren. Ein klein wenig Arbeit, mir war ähnliches passiert und ein Freund hat mir das gezeigt in einem Optiemierungsvorschlag.

    ansonsten, irgendwie fehlt mir so ein Highlight.
    Ein richtiger Platscher/Spritzer den du fokussiert hast. Weiterhin jedoch noch viel Spass bei Regenbildern.

    Antworten

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