Tutorial Landschaftsfotografie (1/6):
Dankbares Genre für Einsteiger

Die LAndschaft: Sie rennt nicht weg, steht jedem zur verfügung und bietet grosse Schönheiten und bemerkenswerte Anblicke. Sie ist deshalb ein beliebtes Sujet für Fotografen: Einstieg ins Thema Landschaftsfotografie.

Aufziehendes Unwetter (© Thomas Brotzler, Pyrenäen 2013)

Aufziehendes Unwetter (© Thomas Brotzler, Pyrenäen 2013)

Landschaftsaufnahmen gehören seit den Anfangstagen der Fotografie mit zu den beliebtesten Motiven, und ein Blick durch aktuelle Onlinegalerien zeigt, daß sich dies bis heute nicht grundsätzlich geändert hat. Ein wichtiger Grund dafür mag in der Verfügbarkeit liegen – überall um uns herum (wenn man einmal vom wuseligen Großstadtleben absieht) findet sich Landschaft, und sie zeigt sich in vielgestaltiger Form.

Zu den Gründen mag die Naturverbundenheit hinzukommen – auch (und vielleicht gerade) der heutige Mensch möchte seiner ‚immanenten Entfremdung‘, in die er durch Zurverfügungstellung seiner Arbeitszeit und -kraft, durch die vielfache und komplexe Arbeitsteilung, aber auch durch die Allgegenwart von Elektronik und Internet gerät, bisweilen doch gerne entfliehen, um den einfachen und natürlichen Elementen nahe sein. Er fühlt sich so auch ’sich selbst nahe‘, was in den Geisteswissenschaften (also auch in der Psychologie und Psychotherapie als deren Anwendungsform) als das fundamentale Bedürfnis nach ‚Selbst-Evidenz‘ bzw. ‚Gewißheit eines eigenen In-der-Welt-seins‘ bekannt ist.

Auch die Rechtssituation ist erfreulich dahingehend, daß sich die etwa bei der Porträt-, Street- und Innenraumfotografie bekannten Probleme nicht ergeben – ‚der Anblick der Natur gehört allen‘. Hier schafft das ‚Konstrukt der Panoramafreiheit‘ großzügige Freiräume, die wir Fotografen leichthin in Anspruch nehmen können.

Auf eine Besonderheit der Landschaftsfotografie möchte ich noch hinweisen: es gibt wohl kein sonstiges fotografisches Thema, bei welchem wir derart ‚mit Zeittalern, Geduldsmünze und Fersengeld bezahlen‘ müssen – bei der Studioarbeit, bei Porträts oder Innenraumansichten können wir wesentlich mehr eingreifen und gestalten, platzieren und ausleuchten; bei der Landschaft gilt dies nur sehr eingeschränkt, hier müssen wir ‚zur rechten Zeit am rechten Ort sein‘ und das Vorhandene in guter Weise auswählen und nutzen.

Enzauen bei Unterriexingen (© Thomas Brotzler, Region 2010)

Enzauen bei Unterriexingen (© Thomas Brotzler, Region 2010)

Ich möchte in diesem Tutorial gerne meine eigenen Erfahrungen als Landschaftsfotograf einbringen, welche sich über die Jahre eines oftmals (das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden) auch mühsamen Lernprozesses einstellten und aus welchen ich schließlich meinte, gewisse theoretische und praktische (also stilbildende) Grundlagen ableiten zu können.

Für den Gebrauch dieses (wie auch meiner anderen) Tutorials gilt freilich, daß ich ‚keine Dogmen aufstellen‘, schon gar ‚keine einzig gültigen Wahrheiten beanspruchen‘ möchte – dies entspräche weder meinen Fähigkeiten noch meinem Wesen. Wie gesagt möchte ich Euch stattdessen eine Sammlung von persönlichen Erfahrungen und ein sich daraus ergebendes Konzept anbieten. Ein jeder mag sich daraus das ihm nützlich Erscheinende mitnehmen und den Rest gerne beiseite lassen … ansonsten gilt, daß das Geschriebene natürlich auch kontrovers diskutiert werden kann.

2. Motivsuche (1) – Die grundsätzliche Auswahl …

Eines vorweg: ich bin kein Anhänger des ‚Islandismus, Geirangerfjordismus, Grandcanyonismus, Niagarafallismus, Yosemitenationalparkismus‘ oder wie sich das ‚Streben nach den immer wieder beliebten Sensationsmotiven‘ sonst noch umschreiben ließe. Diesen Trend in der bisweilen anzutreffenden Überspitzungsform halte ich für kontraproduktiv, in gewisser Weise sogar für gefährlich.

Es wird uns so vorgegaukelt, daß Motive überhaupt ‚erst ab einem gewissen Sensationsgrad und im Rahmen einer halben Weltreise‘ bildwürdig wären. Ein solches Denken betont aus meiner Sicht das Bildmotiv übermäßig und vernachlässigt darüber die Bedeutung der eigenen Bildsprache, die letztlich ‚maßgeblicher Ausdruck der persönlichen Sichtweise und Empfindungen‘ ist.

Auch sieht man es (wie ich meine) solchen Sensationsbildern oft genug an, daß sie im eiligen Vorbeifahren oder allenfalls kurzen Stop aufgenommen wurden – sie lassen keine Hingabe, keine Vertrautheit, aber auch kein Zuwarten, keine Mühe erkennen; die erstbeste Licht- und Wetterstimmung wurde mitgenommen, weil man ja eigentlich schon weiter mußte …

Und zu guter Letzt sind solche ‚Sensationsbilder‘ letztlich selten originell. Wie sollten sie es auch sein, wenn tausende von ähnlicher Blickwarte aus aufgenommene Bilder die ewig gleiche Ansicht reproduzieren?

Abb. 3: Beim Reußenstein (Eigenes Portfolio, Schwäbische Alb 2014)

Ohne grundsätzlich in Abrede zu stellen, daß Bilder auch bei entfernten bzw. exotischen Motiven gelingen können, sofern ausreichend Zeit und Muße verwandt und eine eigene Blickwarte gesucht wird, möchte ich doch die Bedeutung alltäglicher Motive herausstellen. Hier wird sich eine Vertrautheit mit den örtlichen Gegebenheiten, mit Licht- und Wetterstimmungen positiv auf das Bildergebnis auswirken. Da die Motive relativ leicht erreichbar sind, muß man auch ‚kein Bild erzwingen‘, sondern kann ggf. verzichten und zu anderer Zeit zurückkehren.

In meinem eigenen Landschaftsportfolio finden sich etwa zur Hälfte regionale und überregionale Motive. Dazu sollte ich vielleicht noch sagen, daß ich mich in beiden Fällen wohl etwas privilegiert fühlen darf – in Hinblick auf die Regionalität bieten Nordschwarzwald und Naturpark Stromberg-Kraichgau als direkte Anrainer, Schwäbisch-Fränkischer Wald, Schwäbische Alb und Vogesen in gut erreichbarer Nähe interessante und abwechslungsreiche Ausgangsszenarien; und in Hinblick auf die Überregionalität stromere ich mit dem Wohnmobil immer wieder gerne kreuz und quer durch die Landschaft (bevorzugt Frankreich) und genieße es, bei entsprechendem Interesse auch einmal länger vor Ort bleiben zu können und kein im voraus gebuchtes Hotelzimmer erreichen zu müssen.

9 Antworten
  1. fherb says:

    Die Technologien des Internets sind etwas Feines! Das Pingback vom aktuellen „Miniatur: Struktur statt Effekt“ auf dieses Tutorial lies dies hier in meinem RSS-Feed-Sammler auftauchen. So entdeckt man abseits von Links Weiteres. – Und das, wo ich die Artikel von Thomas so sehr für ihre zurückhaltende aber präzise Art der Formulierung und des Inhaltes schätze!

    Wenn ich nicht so ein abgebrühter, fauler Langschläfer wäre, hätte ich auch ein großes Portfolio auf diesem Gebiet: Das Elbsandsteingebirge liegt nur 30 Minuten weg.

    Viele Grüße und auch allen anderen verspäteten Lesern des Tutorials: viel Freude und Erkenntnisse!

    Antworten
  2. Grimmaldi Stefanidis says:

    Hallo Christian,

    ich möchte Deine Absichten über das Festhalten von Langeweile und Durchschnittlichkeit sehr gerne aufgreifen. Langeweile und Durchschnittlichkeit können wahrscheinlich nur schwierig in einem einzigen Foto emotional ergreifend dargestellt werden, „also als Hingucker quasi“. Denn Langeweile erstreckt sich naturgemäß nicht über einen Augenblich sondern einen längeren Zeitraum. Aber ich liebe eine Möglichkeit, mit der man gerade Langeweile noch einmal übersteigern kann und somit fotografisch „verkaufen“ kann. Die Möglichkeit heißt „Bilderserie“. Stelle Dir fünf extrem triste Szenarien von Osnabrück (oder München oder Hamburg) vor, die nebeneinander an einer Wand aufgehängt werden. Zudem spendierst Du den Fotos einen identischen Bildstiel, entweder über schwarzweiß oder einen bestimmten, passenden Farblook. Den Kontrast ziehst Du bewusst zurück, obwohl vielleicht deutliche Schatten vorhanden sind. So lässt sich auch Langeweile bewusst überstrapazieren und führt zur Erregung bzw. Aufregung bzw. Genervtheit beim Betrachter. Und das ist doch das Ziel – Emotionen wecken!

    Einen frohen Gruß
    von Grimmaldi

    Antworten
  3. Christian Fehse says:

    Ich habe mal eine etwas „komische“ Frage zur Motivsuche. Sehr viele Landschaftsbilder die man im Netz sieht – oder auch berühmte Meisterwerke – zeigen Landschaft in dramatischen, außergewöhnlichen Situationen. Das scheint den Fotografen wichtig zu sein.
    Ich wohne mein ganzes Leben in und um Osnabrück. Hier ist es landschaftlich eher „langweilig“ und „durchschnittlich“ (hoffentlich nimmt mir das niemand übel) aber im Sinne von „angenehm zu leben“.
    Ich versuche seit einiger Zeit immer mal wieder diese Langeweile oder Unaufgeregtheit darzustellen. Kann man sowas abbilden? Ich hab noch kein solches Bild gesehen…

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ich meine, daß ‚unsere Gestimmtheit den Weg zum richtigen Motiv weist‘ …

      Die Szene muß nicht spektakulär sein (siehe Hinweis zum ‚Islandismus‘), aber wir müssen darin stark empfinden. Dann (so meine These) besteht ein Potential für berührende Bilder, die dann kompositorisch und dramaturgisch natürlich noch ansprechend umgesetzt werden sollten. Daß sich der aufgewühlte Himmel eher bzw. leichter als Sinnbild der aufgewühlten Seele anbietet, steht außer Zweifel und knüpft an Deine Erfahrungen an.

      Schau Dir das dritte Beispielbild an – die Hochfläche der Alb hat in weiten Bereichen ‚etwas Überschaubares‘ (andere würden es langweilig nennen); ähnliche Szenen sind mir aus meiner niedersächsischen Zeit noch gut erinnerlich. Aber hier: das Ineinanderstürzen von Landschaft und Himmel, wie wenn das Licht im ‚Horizonttrichter‘ abflösse …

      Okay?

    • Sam V. Furrer says:

      Natürlich kann man das! Google mal Ferdinand Hodler (berühmter Schweizer Landschaftsmaler 20. Jahrhundert) „Der Buchenwald“. Die Natur zeigt immer wieder wiederholende Muster, deren Schönheit aus dem faszinierendes Spiel von Unregelmässigkeit – Regelmässigkeit entsteht

    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Sam,

      möchtest Du Deine These vielleicht noch etwas weiter ausführen und präzisieren? „Wer“ kann „was“ natürlich? Es erschiene auch freundlich, wenn Du selbst das Bild, auf welches sich Deine These beziehst, hier verlinken könntest und dies nicht jeden einzelnen Leser tun ließest.

      Thomas

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  2. […] nicht gerade typisch für eine Landschaftsfotografie ist die weit offene Blende 4: Normalerweise würde man die Blende, namentlich bei grellem […]

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