Tutorial Landschaftsfotografie (2/6):
Motive finden

Geduld und Muße sind in der  Landschaftsfotografie alles. Im eiligen Durchgang wird sich nach meinem Dafürhalten nur selten ein Bild ergeben, welches den späteren Betrachter als ‚authentischer Ausdruck der eigenen Sichtweise und Empfindungen vor Ort‘ anzusprechen und zu überzeugen vermag.

Auenlandschaft bei Kürnbach (Eigenes Portfolio, Region 2014)

‚Entschleunigung und Bewußtmachung‘ wären demnach wichtige Instrumente einer Landschaftsfotografie, die sich solcher (authentischer) Werte verpflichtet fühlte. Wie kommt man nun dahin?

Zum Thema Entschleunigung kann ich uneingeschränkt die Stativarbeit empfehlen.

Das Mitführen, Aufbauen und Ausrichten des Stativs erfordert beträchtliche Zeit, die in dieser Sichtweise jedoch nicht verloren ist, sondern im Sinne ‚konstruktiver Verlangsamung‘ bereits einen wichtigen Beitrag zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Szenerie leistet.

Der Aspekt der Bewußtmachung zielt tatsächlich auf eine kontemplative bzw. meditative Herangehensweise ab, auch Konzepte der ‚inneren und äußeren Achtsamkeit‘ werden davon berührt.

Nun soll es in diesem Tutorial in allererster Linie um ‚bodenständige und praktikable Lösungen‘ gehen, nicht um ’spirituelle Erleuchtung und Entfleuchung‘ – deswegen nachfolgend eine einfache Anleitung (so und ähnlich auch in der Psychotherapie zur inneren Fokussierung verwendet), mit deren Hilfe auch die ‚übliche Dominanz des menschlichen Sehsinns‘ etwas zurückgedrängt und unser restliches Sensorium eingebunden werden soll:

Suche Dir im Gebiet, in dem Du fotografieren willst, einen gemütlichen und ungestörten Platz (Stehen geht, aber Sitzen macht es gerade anfangs leichter). Verschaffe Dir nochmals einen kurzen (optischen) Überblick über die Szenerie und behalte diese Eindrücke, bevor Du die Augen schließt. Achte dann darauf, ob Du Gedanken und Gefühle (von Zuhause) mitgebracht hast, die Dich sehr in Beschlag nehmen. Versuche diese in den Hintergrund zu bringen im Sinne von ‚jetzt bin ich ganz hier, und um diese Überlegungen und Sorgen kümmere ich mich später wieder‘ … Wenn Du Kopf und Herz soweit freimachen konntest, dann beginne (immer noch mit geschlossenen Augen) auf die Umgebung zu achten: Was hörst Du (z. B. Vogelstimmen)? Was spürst Du (z. B. Wärme oder Wind auf der Haut)? Was riechst Du (z. B. erdigen Waldboden)? Achte dann darauf, welche neuen Gedanken und Gefühle sich in dieser Situation einstellen (ob Du hierin geborgen bist und verweilen möchtest, ob Dich etwas besonders interessiert oder gar irritiert). Lasse diese Eindrücke noch einen Augenblick wirken und öffne dann langsam die Augen … Vergleiche dann das jetzige Bild mit dem vorherigen (vor dem Augenschluß). Was ist der Unterschied, was fühlt sich anders an, wie geht es Dir jetzt anders in dieser Situation?

4. Komposition (1) – Eine Frage des Formats …

Abb. 5: Vogeljagd auf Paßhöhe (Eigenes Portfolio, Pyrenäen 2013)

Vogeljagd auf Paßhöhe (Eigenes Portfolio, Pyrenäen 2013)

Die erste und wichtigste Entscheidung, die wir als Fotografen bei der Bildgestaltung zu treffen haben, ist diejenige nach dem Format. Diese Entscheidung beeinflußt die Bildwirkung in maßgeblicher Weise.
Und es muß auch gesagt werden, daß diese Entscheidung oftmals zu rasch und zu pauschal getroffen zu werden scheint: ‚Landschaft gleich Querformat‘ erscheint als einer jener offensichtlich kaum hinterfragten und insofern schwer korrigierbaren Automatismen der Landschaftsfotografie, den man in heutigen Onlinegalerien immer wieder vorfindet.

Zweifelsohne hat es mit dem Querformat schon etwas auf sich, wenn man in einer konventionellen Landschaft ‚Weite symbolisieren‘ möchte – in diesem Fall vermag der gewählte Rahmen in guter Weise die Bildidee zu unterstützen.

Abb. 6: Les alpes (Tim Schoch)

Les alpes (© Tim Schoch)

Abb. 7: Uferpartie am Aalkistensee (Eigenes Portfolio, Region 2010)

Uferpartie am Aalkistensee (Eigenes Portfolio, Region 2010)

Aber was ist, wenn man etwa ‚Höhe symbolisieren‘ wollte, sei es in der Übersichtsaufnahme eines Berges oder in der Detailaufnahme eines Baumes? Ganz richtig, in diesem Fall kann das Hochformat das Mittel der Wahl sein, um die Bildidee eines aufwärtsstrebenden Elements zu veranschaulichen (siehe dazu auch Abb. 5).

Des weiteren ist zu beobachten, daß nur selten vom vorgegebenen Verhältnis zwischen langer und kurzer Seite von 3:2 bei Spiegelreflexkameras oder 4:3 bei Kompakt- und Bridgekameras abgewichen wird.

Auch dies müßte in Zeiten digitaler Bildbearbeitung und komfortabler Beschnittmöglichkeiten eigentlich nicht sein. Manche Motive sind als überstrecktes Querformat bzw. Querpanorama ausgesprochen reizvoll (siehe dazu auch Abb. 6), während eine leichte Stauchung des in 2:3 bisweilen etwas überzogen bzw. manieriert wirkenden Hochformats auf ein ‚gemütlicheres 3:4‘ manchmal wahre Wunder bewirken kann (siehe dazu auch Abb. 7).

Winterstimmung bei Dürrmenz (Eigenes Portfolio, Region 2010)

Winterstimmung bei Dürrmenz (Eigenes Portfolio, Region 2010)

Einen Sonderfall, den wir noch besprechen wollten, stellt das quadratische Format dar. Es hat unbestreitbar seinen Charme, wird gerade auch in künstlerischen oder auf einen gewissen Retro-Aspekt abzielenden Kreisen gerne verwendet; doch es hat auch seine Tücken, indem der Rahmen die Komposition nicht von vornherein unterstützt.

Die Elemente stehen so zwar nicht gleich ‚im luftleeren Raum‘, doch müssen sie intensiver aufeinander bezogen sein bzw. entsprechend zueinander gestellt werden (siehe dazu auch Abb. 8). Man mag das Quadrat insofern als das kompositorisch anspruchsvollste Format bezeichnen, es verlangt dem Fotografen besonders akribische Überlegungen zur Platzierung der Bildelemente ab.

1 Antwort
  1. Hartfelder Timo says:

    Sehr informativ. Es ist schon bemerkenswert wie mittels Anleitung eine Stimung geschaffen werden kann. Vielen Dank dafuer.

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