Leserfoto:
Film-noir-Eindruck

In der heutigen Bildbesprechung wollen wir Gestaltungselemente diskutieren, welche einen ‚Film-noir-Eindruck‘ vermitteln können.

Ausgangsbild

Unsere Leserin Zorica Antonic aus Karlsruhe hat uns das obige Bild unter dem Titel „Stranger” in der Kategorie ‚Konzept‘ zur Besprechung eingereicht. Sie schreibt dazu: „Mein Foto ‚Stranger‘ sehe ich als eine Art Neo Noir. Es soll wie ein Ausschnitt aus einem Film auf den Betrachter wirken.”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D7000 verwendet, zum Objektiv liegen keine Informationen vor. Die Brennweite betrug 170 mm (entsprechend 255 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1,5), die Belichtungsdaten waren 1/30 Sekunde bei Blende f/9,0 und ISO 400. Das mit 4338 × 3122 Pixel eingereichte Bild habe ich zur Darstellung auf normalen Monitoren auf 900 x 648 Pixel verkleinert.

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild weist ein gestauchtes Querformat von etwa 7:5 auf. Gegenüber dem Aufnahmeformat von 3:2 erfolgte hier also noch ein seitlicher Beschnitt. Das Bild selbst beschränkt sich auf wenige Elemente.

Ganz im Vordergrund fällt der am linken Bildrand angeschnittene und deswegen ‚fast aus dem Bild drängende‘ Mann auf. Er ist insgesamt sehr dunkel gehalten, nur der Hemdkragen löst sich aus dem tiefen Schatten (rote und orange Linien ebd.).

Im Mittelgrund ragen schemenhaft und geheimnisvoll einige hellere Strukturen heraus (gelbe Linien).

Ebenfalls nur angedeutet erkennen wir im Hintergrund schließlich Bäume und einen etwas aufgehellten Himmel (ohne Linien).

Überlagert wird das ganze Bild von perlschnurartige aufgereihten Tropfen, die uns Betrachter die Durchsicht durch eine Scheibe erahnen lassen und den vorherrschenden Regen visualisieren (blaue Linien ebd.).

Die Blickführung erfolgt mit dem Einstieg beim links angeschnittenen Mann links und endet bei den Mittelgrundstrukturen der rechten Bildhälfte (grüner Pfeil ebd.). Der Mann scheint so dem Betrachter entgegenzukommen.

Zum Vergleich erfolgt die Blickführung in der horizontalen Spiegelung mit einem Sprung zu den Mittelgrundstrukturen, um dann beim nun rechts angeschnittenen Mann zu enden (nochmals grüner Pfeil ebd.). Dieser scheint nun am Betrachter vorbeizulaufen.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm ist soweit normalverteilt, zugleich linksschief bei einem Median von etwa 90, damit der düsteren Bildstimmung entsprechend. Das Bild ist dabei gut belichtet, nennenswerte Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich liegen nicht vor.

Der Mann im Vordergrund liegt in Zone I, die Mittelgrundstrukturen finden sich in Zone V. Die umgebenden Partien verteilen sich kleinteiliger auf die Zonen II bis VII.

Farben:

Zarte und gedämpfte Türkis- und Orangetöne bestimmen das Bild.

Zusammenfassung:

Die düstere und sehr atmosphärische Anmutung des Bildes gefällt mir recht gut.

Regen läßt sich im Bild oft nur schwer visualisieren, dies gelingt Zorica hier mit dem Blick durch die tropfenbewehrte Scheibe ausgezeichnet. Dieser Effekt, die reduzierten Bildelemente und die dunklen Töne lassen tatsächlich an den von Zorica angestrebten ‚Film-noir-Eindruck‘ denken.

Die Gewichtung der Elemente ist auch von ihrer Platzierung abhängig, wie ich im Spiegelungsvergleich aufzeigen wollte. In der besprochenen Aufnahme endet der Blick bei den Mittelgrundstrukturen, wodurch diese zum Motivzentrum werden. In der horizontalen Spiegelung wird hingegen der Mann, bei dem der Blick endet, herausgehoben, was dem Bild aus meiner Sicht noch eine tiefere, unheimlichere Wirkung verschafft.

„Mein Foto ‚Stranger‘ sehe ich als eine Art Neo Noir”, erläutert Zorica ihr Bild. Dies stimmt angesichts der beschriebenen Elemente, doch ‚macht eine Schwalbe noch keinen Sommer und ein Bild noch keinen neuen Stil bzw. keine individuelle Handschrift‘ – eine Bildserie, die trotz variabler Inhalte durch ähnliche Gestaltungselemente zusammengehörig erscheint, wäre insofern zu empfehlen.

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Komposition: Horizontale Spiegelung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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8 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Glückwunsch zu dieser gelungenen Aufnahme. Mir liegt gerade das Mysteriöse und Düstere der Szene, die das Kino im Kopf in Bewegung versetzt, aber das hat Dirk ja schon so schön mitstenographiert. Mir fällt dazu noch die Verfilmung von Kafkas Prozess ein – war mir jedenfalls sofort durchs Hirn geschossen …

    Der Hintergrund stört mich eigentlich nicht besonders, vielmehr gibt’s dort gleich noch ein Fragezeichen mehr.
    Gespiegelt hat das Bild für mich außerdem mehr rätselhafte Spannung, die sich so wohltuend nicht auflösen lässt. Etwas Unheimliches bleibt am Ende beeindruckend lange im Raum stehen …

    Grüße in die Runde
    Marcus

    Antworten
  2. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter…

    bei der Erstbetrachtung kamen mir folgende Gedanken…

    ein Frame einer subjektiven Kamerafahrt auf die getropfte Scheibe mit einem schnellen Orientierungsversuch …

    wer steht da hinter der Scheibe ?
    kann das Umfeld mir eine Botschaft vermitteln?
    wen oder was ich möglicherweise erwarten kann von der angeschnittenen Person?

    ist das hellere Etwas ein Fahrzeug mit einer Aufschrift? Nein… nichts zu erkennen…

    keine Orientierung …

    die angeschnittene Person lässt keine HANDLUNG erkennen… nur Vermutungen …

    der Regen und die Tropfen auf der Scheibe verstärken die düstere Stimmung … doch diese sind die Einzigen… die eine Bewegung erahnen lassen und somit keinen Stillstand vor und nach diesem Frame …

    im Film war gerade ein Schnitt oder könnte jetzt erfolgen …

    eine HANDLUNG die nur auf meine „Erfahrung“ beruhend weiter gedacht und so …

    und was bleibt …

    die emotionale Erinnerung an den „Handlungsreisenden“

    ein so find großartige Bildkomposition die sich lohnt länger zu betrachten …

    zwei drei Schritte vom Monitor entfernt …

    wirkt es noch einmal „anders“ …

    so find … übersichtlicher … verliert aber an Spannung und emotionaler Wirkung …

    es beginnt zu regnen … mache den Scheibenwischer am Krabbenkutter an …

    BGr Dirk

    Antworten
  3. Alexander says:

    Hmmm, mir ist da rechts auch zu viel zu sehen. Der Weisse „Fleck“ ist einfach zu gross, so dass ich da immer draufstarren muss.
    Ich würde meinen, es muss nicht alles zu etwas „geheimnisvollen“ (um)gedeutet oder stilisiert werden…
    Was wäre wenn man das Bild drastisch beschnitte: so etwa bis zu dem Punkt wo in dem Zonenbild die Zonen II bis VII markiert sind. Die halbe Person ist immer noch geheimnisvoll genug (ganz im Gegensatz zum weissen Fleck…).

    Antworten
  4. Erica di Motta says:

    Hallo,
    meine erste Reaktion: gefällt mir, meine zweite kritischere geht auf die Position des Fotografen. Der „halbe Mensch“ interessant,
    mich stört aber der flächige graue Hintergrund, den ich vermeide, wenn ich meine Position als Fotograf verändere, nicht frontal stelle sondern eine Perspektive einbaue. Vielleicht hilft dieser Tipp?

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ein geheimnisvoller Hintergrund kann durchaus als ‚willkommenes Fragezeichenelement‘ fungieren – so hatte ich es ja beschrieben und zugleich die Spiegelung vorgeschlagen, um über die Endstecke der Blickführung wieder mehr beim Menschen zu landen (denn vermutlich setzen wir uns lieber mit den Geheimnissen des Gegenübers wie mit denen des Hintergrundes auseinander).

      Insofern scheinen wir mit unserem Unbehagen gar nciht so weit auseinander …

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  1. […] eindrucksvolles Beispiel hierfür ist etwa Zorica Antonics Bild ´Stranger´, welches hier im Juli 2014 besprochen wurde (siehe dazu auch Abbildung […]

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