Leserfoto:
Effektfotografie

Fluch und Segen der Effektfotografie wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unsere Leserin Maria Gianmoena aus dem oberösterreichischen Obertraun hat uns das obige Bild unter dem Titel „Light painting” in der Kategorie ‚Abstraktion‘ zur Besprechung eingereicht. Sie schreibt dazu: „Bei diesem Bild habe ich versucht mit Stahlwolle 3 Orbs zu zeigen.”

Zur Ausrüstung und den Aufnahmedaten liegen keine Informationen vor.

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„Light painting, Stahlwolle, Orbs, dazu passend auch Geisterflecken …”. Kurz beschlich mich das Gefühl, bisher etwas Wesentliches in der Fotografie verpaßt zu haben. Fündig wurde ich dann u. a. beim Video ‚Steel Wool Photography Tutorial‘, welches die Erstellung solcher Bilder recht gut beschreibt und unseren interessierten Lesern insofern anempfohlen werden kann.

Maria ist hier bei Fokussiert schon einmal vor zwei Jahren durch ein sehr stimmungsvolles Landschaftsbild (siehe auch nebenstehende Abbildung) in Erscheinung getreten.

Das heute besprochene Bild ist jedoch ganz anderer Natur und läßt auf Marias Experimentierfreude schließen. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die drei hellen Strukturbereiche – man mag diese als ‚ring- bzw. lampionartige Strukturen mit Ausbreitungstendenz‘ beschreiben – fallen sogleich ins Auge (siehe rote bzw. gelbe Linien in ‚Kompositon 1‘). Der Hintergrund ist hingegen nur schemenhaft angedeutet und markiert sich insofern kaum (blaue Linien ebd.).

Durch die Größenverteilung der Einzelelemente ergibt sich ein Raumeindruck. Der Blick wird entsprechend von der linken Vordergrundstruktur (siehe 1 in ‚Komposition 2‘) zur rechten Mittelgrundstruktur (siehe 2 ebd.), von dort zur im Goldenen Schnitt liegenden Hintergrundstruktur (siehe 3 ebd.) und dann nach oben zu den schemenhaft erkennbaren Restelementen geführt (gelbe Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm weist einen Median von knapp 35 auf und verweist so auf die dunkle bzw. nächtliche Aufnahme.

Es ist zudem ausgeprägt zweigipflig und weist eine Vielzahl von Tonwertabbrüchen im Schatten- und Lichterbereich auf, während die Mittenbereiche kaum belegt sind.

Farben:

Die Lichtstruktur sind in orangen, die Schattenstrukturen in bläulichen Tönen gehalten.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Marias Bild zeigt mit dieser Art des ‚Lightpaintings‘ einen sehr ungewöhnlichen und interessanten Effekt auf. Hier zeichnet die Kamera etwas auf, was wir mit bloßen Augen so nicht sehen können und was bereits dadurch die Aufmerksamkeit des Betrachters zu binden vermag.

Doch sehe ich darin – insbesondere wenn eine solche Machart bereits unzählige Male kopiert wurde, wie die entsprechende Bildersuche bei Google nahelegt – auch eine gewisse Gefahr, das Bild auf bloße Effekthascherei zu reduzieren und gute Gestaltungsregeln außer Acht zu lassen.

In diesem Sinn ist mir in Marias Bild der Hintergrund zu sehr nebensächliches Beiwerk, zu wenig ausgeführt, er dekoriert das Hauptmotiv mehr als daß er dieses einrahmt.

In der Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) habe ich deswegen skizzenhaft versucht, die verschiedenen Bildelemente durch Schattenaufhellung des Hintergrundes und leichte Entsättigung des Vordergrundes wieder ‚ins Lot zu bringen‘.

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Bildteil:

Komposition 1: Grundelemente

Komposition 2: Objektstaffelung und Blickführung

Tonwerte: Histogramm

Überarbeitung: Leichte Schattenöffnung und Entsättigung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


4 Antworten
  1. Thomas Brotzler says:

    @Erica …

    Der Kommentar mußte erst freigeschaltet werden, weil er Links enthält. Wegen der allfälligen Spamflut geht das leider nicht anders. Da ich einige Tage zur Fotoexkursion unterwegs war, kam ich erst heute dazu …

    @Christian …

    Zitat: „Allerdings passiert es mir selber immer wieder, das es fast alle Bilder, die ich mache schon gibt!“

    Ein interessanter Aspekt und gewiß wahr. Ich persönlich denke, daß es sehr schwer ist, den schon so häufig aufgenommenen Motiven (und ähnlich für Stile) noch etwas Neues zu entlocken. Ein Beweis, daß es geht, ist die wunderschöne Serie von Michael Kenna über den Mont Saint Michel

    Antworten
  2. Christian Fehse says:

    Ich finde das Bild „schon“ und „gut“, auch wenn ich wahrscheinlich so etwas nicht machen würde.*gg* Außerdem denke ich, daß das Bild durch Thomas Veränderungen gewinnt – wenn man sich streiten will, dann aus meiner Sicht über die Entsättigung der Ringe vielleicht.
    Ich weiß nicht, ob dieses Bild „kopiert“ worden ist, oder ob es einfach nur sehr viele Menschen gibt, die gerne so ein Bild machen. Allerdings passiert es mir selber immer wieder, das es fast alle Bilder, die ich mache schon gibt! Das scheint der Unterschied zur Vor-Internet-Zeit zu sein. Für mich persönlich ist daraus die Konsequenz: trotz der größen Öffentlichkeit werden meine Bilder in erster Linie für mich gemacht. Früher hatte ich kein Publikum – heute hab ich ein, aber das Bild ist schon gemacht. Wenn es mir gefällt und noch zwei wichtigen Anderen, dann ist es ein gutes Bild…:-)

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      „dass es fast alle Bilder, die ich mache, schon gibt“

      Wenn ich mir deinen „Fußballplatz“ in Erinnerung rufe, dann gibt es den für mich 
nur ein einziges Mal in dieser sehr eigenen lakonischen Bildsprache. Ich sehe das im Netz recht selten, weil hier doch vieles auf „schön bunt“ und „glatt“ gebürstet ist. Aber das scheint ja gottlob nicht Deine Auffassung von Fotografie zu sein.

      Bloße Effekte nutzen sich hingegen eher ab, aber man kann aus ihnen durchaus einiges lernen, wie aus der vorliegenden Aufnahme, wenn der „Knalleffekt“ des experimentellen Versuchs verblasst ist. Vielleicht geht man dann einmal einen Schritt weiter und sucht nach ähnlichen „natürlichen“ Eindrücken, ohne sie künstlich herbeiführen zu müssen – vom Feuerwerk über die Autobahn zu den lichtanimierten Reklamewelten einer Großstadt oder zum Metallarbeiter am Hochofen. Es bleibt für mich hingegen immer die Frage, wie sich das in eine Bildaussage integrieren lässt, wenn‘s nicht bloß beim Effekt stehen bleiben soll. In diesem Zusammenhang kann ich Thomas‘ Einwand, der Hintergrund sei (kaum sichtbare) Dekoration, nur zustimmen. Wie also passen sich die Lichtspiralen in das Gesamtkonzept der Aufnahme ein, ohne das der Bildeindruck ein Beliebiger wird. Ein guter Hinweis könnte da Andreas Feiningers „Helicopter“ sein (bei Google/Bilder unter „andreas feininger helicopter“ zur Ansicht).

      Beste Grüße in die Runde
      Marcus


  3. Erica di Motta says:

    Lightpainting ist mir schon vor ca. 4 Jahren begegnet, benötigt viel Vorbereitung. Die Wirkung hängt auch vom Motiv ab.

    Ich finde das Bild gar nicht so schlecht.
    bei diesem Link sind einige interessante Arbeiten dabei https://www.google.de/search?q=Lightpainting&client=firefox-a&hs=AfE&rls=org.mozilla:de:official&channel=fflb&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=0RG8U–dB4b-Of3ogKAJ&ved=0CCEQsAQ&biw=1488&bih=880
    auch hier: http://www.youtube.com/watch?v=TQHzLLeM-fo

    Das Landschaftsfoto ist wunderschön, Gratulation.

    Antworten

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