Leserfoto:
Zwischen Dokumentation und Gestaltung

In der heutigen Bildbesprechung wollen wir gestalterische Aspekte aufgreifen, auch in Hinblick auf eine ’nötige Gestaltungshöhe‘.

Unser Leser Heiko Kaffenberger aus dem hessischen Mühltal hat uns das obige Bild unter dem Titel „Selbstportrait doppelt” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

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Er schreibt dazu: „Das Bild entstand im Museum für moderne Kunst in Luxemburg. In einem verspiegelten Raum. Im Loch über dem Fernseher ist eine Kamera, das Bild wird zeitverzögert auf dem Fernseher gezeigt. So konnte ich mich als Fotograf und aufgezeichnet im Fernseher aufnehmen. Der Zeitverzug betrug nur einige Sekunden. Ich fand es spannend diese Installation so zu nutzen. Aufgenommen habe ich das Bild mit einer NIKON D5000 im Jahr 2011. Das Bild ist nur um ca. 1 Grad gedreht um die Mittelsenkrechte senkrecht zu bekommen. Ansonsten entspricht es dem Original. Eine Frage bleibt wie ist es mit dem Urheberrecht des Künstlers der Installation? Muss man dies Beachten?”

Über die verwendete Ausrüstung hatte Heiko bereits berichtet. Zum Objektiv und den Aufnahmedaten liegen keine Informationen vor.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Drei Motivschwerpunkte lassen sich in diesem Bild festmachen (siehe rote Zahlen ebd.):

  • Ein in dunklen Töne gehaltener, sehr weit links am Bildrand platzierter Mann, der seinerseits – als Spiegelung bzw. Doppelung des Fotografen, doch mit anderer Blickwarte – die Szene fotografiert (siehe 1 ebd.) …
  • Ein etwa im Drittel von links liegender, an der Wand montierter Bildschirm, auf welchem schemenhaft eine Gestalt erkennbar ist (siehe 2 ebd.) …
  • Schließlich noch ein zweiter Bildschirm, etwas größer wie der Vorgenannten und sehr weit rechts am Bildrand platziert, hier mit einer deutlich erkennbaren Person (siehe 3 ebd.) …

Diese Elemente finden sich in einen Raum eingebettet, der sich mit einigen Fluchtlinien und Senkrechten zu erkennen gibt (ohne Markierung).

Die Blickführung ergibt sich zwanglos von links nach rechts, entlang den genannten Hauptelementen (siehe gelber Pfeil ebd.).

Auf die Platzierung und das Zusammenwirken der Hauptelemente werde ich in der Zusammenfassung zurückkommen. Bleiben wir zunächst noch bei der Bestandsaufnahme, zu der auch die Benennung der Problembereiche gehört (siehe türkisfarbene Zahlen und Linien ebd.):

  • Der fotografierende Mann ist extrem am Rand positioniert, somit schon außerhalb des Aufmerksamkeitsfokus‘ (siehe 1 ebd.), er liegt zudem in der Unschärfe (siehe 2 ebd.) …
  • Die Ecke des Raumes weist eine kissenförmige Verzeichnung auf (siehe 3 ebd.) …
  • Die ‚Mittelsenkrechte‘ ist weder mittig noch senkrecht (siehe 4 ebd.) …
  • Der rechte Bildschirm ist etwas im Uhrzeigersinn verdreht, was hier vermutlich eine Folge einer leichten Verkippung der Kamera nach unten und damit eine stürzende Linie ist (siehe 5 ebd.) …

In der Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) habe ich zunächst versucht, die Verkippung, Verdrehung und Linienflucht zu beseitigen.

Dies erwies sich als ein gar nicht so leichtes Unterfangen, da gerade einfachere Optiken oftmals ein komplexes Verzerrungsmuster aufweisen – die Abbildung zeigt entsprechend einen Kompromiß. Der Fotografierende ist hier etwas nach vorne gebeugt, was auch der Situation vor Ort entsprochen haben könnte. Auf die weitergehenden Überarbeitungen komme ich in der Zusammenfassung zurück.

Farben:

Im Bereich der Person und des Raumes überwiegen Gelb- und Brauntöne, im Bereich der Bildschirme Blautöne.

***

Zusammenfassung:

 

Auf die formalen Mängel des Bildes im Sinne der komplexen Verzerrung sowie der stürzenden Linien, des weiteren auf ‚Reparaturmöglichkeiten und -grenzen‘ hatte ich schon hingewiesen.

Inhaltlich hinterläßt diese Arbeit bei mir einen zwiespältigen Eindruck – reizvoll ist zweifelsohne das ‚Spiel der Elemente in den verschiedenen Motivgruppen und entlang der Blickführung‘, also zunächst der ‚Mensch mit Kamera‘, dann der ‚Bildschirm mit schemenhaft erkennbarer Person‘, schließlich der ‚Bildschirm mit deutlich erkennbarer Person‘.

Im Sinne der gestaltpsychologischen Ähnlichkeitsregel (siehe dazu ggf. mein einschlägiges Tutorial) werden hier Bildelemente wiederholt und gruppiert, doch wird die sich so ergebende inhaltliche Nähe durch den zu großen räumlichen Abstand auch wieder konterkariert und zunichte gemacht.

In diesem Sinne erscheint mir das Bild ‚zu unfertig‘, zu wenig mit eigener Schöpfungshöhe versehen, zu dokumentarisch, was auch Heikos Frage nach Berücksichtigung der Urheberrechte an der gezeigten Installation indirekt beantwortet – dies könnte (ohne hier juristische Expertise zu beanspruchen, zumal diese im Streitfall immer eine Einzelfallentscheidung wäre; stattdessen nach meiner nötigen Kenntnis der relevanten Rechtsbelange als Fotograf) bei einer Nutzung des Bildes außerhalb des persönlichen Bereichs und nicht nur zu Schulungszwecken (wie hier) tatsächlich heikel werden …

Die ‚Frage der Schöpfungshöhe‘ trieb mich also um, damit auch die Überlegung, wie man dem Bild eine ‚eigenständige Gestaltung‘ verleihen könnte – denn das vor Ort Gesehene ist ja wie ‚Rohkost, die man in der eigenen Fotografieküche noch veredeln könnte bzw. sollte‘.

Zwei skizzenhaft Vorschäge findet ihr in diesem Sinne nachstehend, eine Schwarzweißkonvertierung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) als Film-noir-Adaption und ein Tryptychon (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild), welches den Raum teilt, neu zusammensetzt und die einzelnen Elemente in einen anderen Blickpunkt bringt …

Bildteil:

Komposition: Bildelemente und Blickführung

Komposition: Problembereiche

Überarbeitung: Entzerrung

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

Überarbeitung: Triptychon

7 Antworten
  1. Erica di Motta says:

    Zuerst möchte ich den Diskutierenden gratulieren; denn das Niveau tendiert zu Erkenntnissen, daß es verschiedene Ansatzpunkte in der Fotografie gibt:
    künstlerisch-geschaffene, realistische Wiedergabe (Produktfotografie), Portraits als Expression der Persönlichkeit, usw.

    Ich mußte als Lyrikerin ebenso mir die Frage stellen, warum soll ich schreiben, es ist doch alles beschrieben an Gefühlen und gesagt: Nein es ist die ureigenste Sichtweise einer Persönlichkeit und hat damit Berechtigung geschrieben, fotografiert, gemeißtelt und/oder zu werden.
    Die Bildidee ist gut, denn der Fotograf wird auch zum nächsten Bild im Bild gehen! Es ist die Frage, wie ich den Raum aufteile und vor allem die Schwierigkeit des vorhandenen Platzes. Ich höre oft, ach hättest du und nur ich weiss, da wäre ich vielleicht in den Bach gestürzt, die Treppe runtergefallen oder, oder…

    Bei einer Bildbetrachtung, auch in der Malerei gibt es verschiedene Interpretationen, ob das jedoch durch den Schaffenden beabsichtigt ist, ist oftmals fraglich, da ja „hineininterpretiert“ oder oftmals nach Jahrhunderten (Malerei) von Menschen nicht aus dieser Zeit beurteilt.
    Ich stelle ebenfalls in der Literatur fest, wie die Menschen Zeitströmungen unterliegen, „wer versteht Goethe“? wirklich, wir haben nicht in seiner Zeit gelebt. Daher ist selbst ein Kunststudium nur eine Interpretation im Nachhinein, nicht im Augenblick der Schaffung des Objektes, des Bildes, des Fotos.
    Allzeit gut‘ Licht

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  2. Thomas Brotzler says:

    Hallo Ihr beiden,

    ich freue mich sehr über Euren Eifer und die anspruchsvolle Diskussion. Es ist vielleicht so: ebenso, wie eine persönliche Sichtweise des Fotografen seine Bildnahme veredelt, vermag dies die Diskussion bei einer Bildbesprechung.

    Ihr kennt meinen bildanalytischen Stil mittlerweile: wie ich kürzlich in einem anderen Diskussionsfaden ausführte, liegt mir wenig daran, eine Bildbesprechung mit einer „Mainstream-Deutung zuzukleistern“ (was das Bild als solches und dem Betrachter denn nun bedeuten solle); was zählt, ist, die Betrachtung zu ermöglichen und die Diskussion anzuregen. Dies soll ja auch ‚Kunst‘ von ‚Postkarte‘ unterscheiden: Letzere ist quasi schon vorgekaut, Erstere vollendet sich erst durch die Interpretation des Betrachters – oh Mühsal, oh Freude … bei den Künstlergesprächen meiner eigenen Ausstellungen schätze ich mit am meisten, mit anderen (wie den eigenen) Interpretationen konfrontiert zu werden …

    Zurück zum Bild und Euren Argumenten zur fotografischen Schöpfungshöhe:

    Du, Alexander, scheinst eher dem Gedanken ‚unvermeidlicher Abbildung‘, Du, Marcus, eher jenem ’nötiger Interpretation‘ zu folgen. Beides ist aus meiner Sicht richtig und ergänzt sich im Sinne von Komplementarität. Und mir fällt in diesem Zusammenhang auch das Diktum von Henri Cartier-Bresson ein, „das äußere und das innere Bild auf eine Linie zu bringen“. Noch radikaler ausgedrückt (eine Haltung, zu der ich bisweilen neige) wäre dies: „das Motiv ist (fast) nichts, die Vision (fast) alles …“

    Freundlich grüßt
    Thomas

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      Hallo Thomas,

      Dank für das Ordnende („unvermeidliche Abbildung“/“nötige Interpretation“), das allerdings Gegensätze aufbaut, wo für mich keine zu sein scheinen. Sehr treffend in diesem Zusammenhang das letzte Zitat von H. Cartier-Bresson, dem ich noch eines von Caspar David Friedrich hinzufüge, weil‘s meine Gedanken recht gut auf die Spitze treibt und vielleicht deutlicher formuliert, wozu ich oben nicht so recht in der Lage war: „Der Maler soll nicht malen, was er vor sich sieht, sondern was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er lieber zu malen, was er vor sich sieht.“

      Herzliche Grüße ins Ländle
      Marcus

  3. Alexander says:

    Ich bin noch nicht überzeugt…
    Du (Marcus) sagtest:
    >>“Wenn wir etwa ein Portrait betrachten, dann handelt es sich dabei nie um die konkrete Person selbst, sondern um einen mittels technischer Apparatur (Fotoapparat) festgehaltenen Moment, in der uns ein Fotograf/Fotografin eine ganz persönliche Sicht auf einen Menschen vermittelt.“ <<
    Da bin ich noch bei dir – ein Abbild bleibt es trotzdem. OK, wir haben eine unterschiedliche Definition von Schaffenshöhe und Abbild.
    Ich muss allerdings sagen, bei einem Portrait, wo auch noch viel handwerkliches mit hinzukommt, z.B. Lichtsetzung und Pose (falls die Person vom Fotografen dirigiert wird), ist schon ein kreatives Eingreifen (=Schaffenshöhe) des Fotografen gefordert. Stimmt. Dennoch, bleibt hier ein Mensch vor der Kamera, der so ist, wie er ist (in seiner Gestalt) – da hat der Fotograf nichts mit zu tun (von Make Up jetzt mal angesehen). Bei Naturfotografie ist m.E. die Schaffenshöhe des Fotografen eher noch geringer, weil die er/sie nun wirtklich ur nutzt, was schon da ist. Damit ein Naturbild schön aussieht oder sonstwie gefällig, oder sonst irgendwas, was der Fotograf hineininterpretiert und festhält, muss die Natur nur da sein. Und sie ist da. Vielleicht bin ich auch etwas überreizt von dem Faktum, dass auf einschlägigen Fotoseiten abertausende, immer gleich anmutende Naturaufnahmen zu sehen sind, die mir, so schön oder so interessant sie im einzelnen sein können, mittlewerweile beliebig erscheinen (das gilt auch für die eigenen Versuche).
    Im Grunde will ich nur sagen: "man" sollte die Schaffenshöhe vielleicht nicht überbewerten. Sie ist irgendwo da, aber der Fotograf "erschafft" doch nichts, was nicht schon vor ihm steht. Das was er/sie vor sich hat IST doch schon "geschaffen" – und das macht doch m.M.n. den höchsten Anteil an einem Foto aus.
    In abstrakte Fotografie hingegen steckt mehr als blosse Abbildung. Da steckt Kreativität drin – zumindest für den Betrachter, der mit der Abstraktion etwas anfangen kann.
    Und wie ich schon sagte, Fotos genutzt, um mit ihnen etwas anzustellen (Collagen, Mehrfachbelichtung oder Composing(? – richtiges Wort?), da steckt m.E. mehr Input vom Fotografen drin (also Schaffenshöhe).
    Soviel zunächst mal dazu.
    LG, Alexander

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      „… aber der Fotograf ‚erschafft‘ doch nichts, was nicht schon vor ihm steht“

      Hallo Alexander,

      Deine Beharrlichkeit könnte ich durchaus noch mit einigen Gegenargumenten kontern, dafür reicht der Platz auf diesen Seiten aber bei Weitem nicht aus. – Und wir wollen‘s ja auch nicht in kunstphilosophische und allzu theoretische Wipfelhöhen treiben, denen niemand mehr folgen kann oder mag.
      
Nun, für mich bleiben die obigen drei Sätze gültig, denen man noch unzählige andere Aspekte unterordnen könnte, wie etwa jene:

      – die von der Kamera gesehene Natur versus die Natur, die das menschliche Auge wahrnimmt (was macht der Fotograf daraus?)

      – das Licht als formschöpferische Qualität/die Kenntnisse des Fotografen darüber


      – Fotografie als Mittel zur Entdeckung der Realität, die in bisher unbekannten Perspektiven und Zusammenhängen wahrgenommen werden kann/Erkenntnisinteresse des Fotografen

      – ästhetische Grundkonstanten der Wahrnehmung bezogen auf die Komposition eines Bildes

      – die soziale und menschliche Intensität der optischen Wiedergabe

      – der soziale und kommunikative Grundcharakter von Fotografie überhaupt

      etc.pp.

      
Und vielleicht noch eine letzte Bemerkung zur „abstrakten Fotografie“: ein Bild wird „gemacht“, es ist immer schon abstrakt und nicht zu verwechseln mit dem Objekt der Begierde selbst oder einem seiner Spiegelbilder (angefangen bei einem willkürlichen Bildausschnitt, der immer eine sehr persönliche Komponente hat, bis hin zur Bildbearbeitung). Insofern bewegt sich sogar die so genannte „Dokumentarfotografie“ auf einem abstrakten Niveau (gewagte These, die sich aber beweisen ließe!). Bei den Landschaftsfotografen bin ich da sehr nahe bei Edward Weston (siehe Wikipedia). Wenn wir noch einen Schritt weiter zur S/W-Fotografie gehen, dann wird dieses Abstraktionsniveau noch einmal deutlicher. Ich kenne keinen normalsichtigen Menschen, der Gegenstände in Graustufen wahrnimmt! Aber vielleicht wird ein Schuh daraus, wenn wir Fotografie als ein eigenständiges grafisches Medium begreifen.

      Ich glaube, dieser interessante Austausch kreist viel eher um ein Missverständnis, das wir gemeinhin mit „Realismus“ bezeichnen, so wie es mittlerweile möglich ist, Gegenstände in einem 3-D-Drucker zu reproduzieren. Das hat mit dem Sinn von Fotografie aber kaum etwas zu tun. 



      Beste Grüße
      Marcus

  4. Alexander says:

    Ich finde das Bild von der Grundidee her nicht schlecht. Man sieht sich (also den Fotografen zwei mal – zeitversetzt). Nur leider geht für mich dieser Aspekt flöten weil, ohne die Beschreibung, es handele sich bei den Bidschgirminhalten um eine zeitversetzte Aufnhame des Forografen (ohne Kamera), würde ich dessen gar nicht Gewahr werden – man kann es sich mit Phantasie möglicherweise denken. Vielleicht erkennt man es ja auch bei einer grösseren Abbildung als sie mir hier am Bidschirm zur Verfügung steht.
    Zum Thema Schöfungshöhe habe ich mir auch schon öfter Gedanken gemacht, bin aber noch nicht zu einem abschliessenden Urteil gekommen.
    Hier liegt der Fall ja wohl so, dass der „Künstler“ (Anführungsstriche, weil immer debattierbar ist, was Kunst denn nun sei), sich ja nun genau das, was der Fotograf hier tut, bei seiner Installation gedacht hat. Trotzdem ist die Bildidee, obwohl sie sich aufdrängt, ja ganz gut. Aber, sie ist wie in der Kritik schon angedeutet sicher etwas „platt“ umgesetzt (das meine ich nicht böse – ich hätte es höchst wahrscheinlich nicht besser/ anders gemacht).
    Zur Schaffenshöhe generell: Ich bin der Meinung (bis jetzt), dass ein enzelnes Foto im Grunde immer ein Abbild ist – eine Kopie, krass gesagt. Ich meine wenn ich die Natur fotogarfiere, egal wie schön (das Foto, oder die Natur!), sie war ja bereits da! Da ist kein Schaffen meinerseits. Der Fotograf/die Fotografin, die es schafft, es „künstlerisch“ ins Bild zu setzen (was immer das heisst: gefällig, nach (Drittel-)regeln der Kunst), nutzt auch „nur“ zum grossen Teil den schon vorhandenen Aspekt des Bildes – die Natur (oder die Installation).
    Bei Architekturfotografie und speziell bei dieser Installation hier finde ich es offenkundig: es gab schon mal jemanden, der seinen Bau (seine Installation) schon von allen Perspektiven (im Geiste) gesehen hat: der Fotograf macht nur eine Abbildung einer möglichen Perspektive. Schön, dass er/sie das gesehen hat, aber hohe Schaffenshöhe ist für mich was anderes – sie gibt es möglichgerweise bei einem Foto überhaupt gar nicht.
    Was ich damit auch sagen will, ich bilde mir nichts auf „meine“ Fotos ein (ok, vielleicht sind sie ja auch Müll :-) und auf deren „Schaffenshöhe“. Ich bilde lediglich – mehr oder weniger gefällig für mich und andere – die Natur, einen Gegenstand oder sonst was ab.
    Bei der Kombination von Fotos (Kollagen etc.), bei sonstwas, was „man“ einem Foto angedeihen lassen kann (nicht nur Photoshop, aber vielleicht auch das), da kann Schaffenshöhe ins Spiel kommen.
    Ich sage noch mal ausdrücklich: Das sind meine Gdanken dazu zur Zeit, bzw. es ist ein möglicher Aspekt, ich bin da noch zu keinem abschliessenden Urteil gekommen….

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      Drei mögliche Antworten auf recht schwierige Fragen:

      1.
      „… a thing is not seen because it is visible, but conversely, visible because it is seen …“ („… Etwas wird nicht gesehen, weil es sichtbar ist, es ist im Gegenteil sichtbar, weil es gesehen wird …“). Das Zitat von Diane Arbus (mehr zur Fotografin bei Wikipedia) ist für mich im Lauf der Jahre gewissermaßen zu einem Motto für meine eigenen fotografischen Arbeiten geworden. Die Kunst, in einem Bild deutlicher zeigen zu können, was unserem Bewusstsein für Gewöhnlich entgeht, und hierbei mitunter nicht nur in der Konzentration auf einen Gegenstand (Sache/Person), sondern auch auf seine relativen Bezugsebenen (im Alltag), gehört für mich zu einem der wertvollsten Schätze der Fotografie, die freilich immer wieder auf‘s Neue gehoben werden müssen.

      2.
      Fotografie ist niemals das bloße Abbild von Etwas. Wenn wir etwa ein Portrait betrachten, dann handelt es sich dabei nie um die konkrete Person selbst, sondern um einen mittels technischer Apparatur (Fotoapparat) festgehaltenen Moment, in der uns ein Fotograf/Fotografin eine ganz persönliche Sicht auf einen Menschen vermittelt. Manchmal erscheinen uns solche Bilder denn auch im Nachhinein eigentümlich fremd, vielleicht weil sie uns eine bislang „unsichtbare“ Seite des Portraitierten zeigen. Ich spreche jetzt mal nicht von den zahllosen Photoshopmutanten (Promi-Bildchen), die uns von den Titelseiten der Illustrierten anlächeln, und die allenfalls einen Wiedererkennungswert vermitteln. Aber auch diese haben ja mit der wirklichen Person recht wenig gemein, ebenso wie die Millionen „biometrischen“ Passfotos aus dem Automaten … 

      3.
      Jedes Foto interpretiert einen Ausschnitt unserer Erfahrungswirklichkeit und es hängt sehr von der „Schaffenshöhe“ des Menschen hinter der Kamera und von seinem Gestaltungswillen ab, ob uns diese seine Interpretation nun berührt oder nicht, ob sie uns mitnimmt auf seine Reise oder ob sie uns gar zu eigenen Seherfahrungen anregt, zu der das jeweils vorliegende Bild nur ein Anlass gewesen ist. Das betrifft nicht nur die People/Street-Fotografie, sondern lässt sich für mich ebenso auf die Natur- und Landschaftsfotografie, auch auf Architekturfotografie etc. übertragen. Ob dabei nun Kunst entsteht, muss im Einzelfall immer wieder hinterfragt werden – der Kunstbegriff als solcher ist für mich in dieser Diskussion ohnehin die am meisten bemühte und gleichermaßen verkannte Größe.

      Zum Foto von Heiko: Die dreifache „Brechung“ – Blick des Fotografen bei der Aufnahme, Spiegelbild, zeitversetzt gesendetes Fernsehbild (Portrait des Fotografen) – erscheinen mir in der Bearbeitung von Thomas („Triptychon“) deutlich stimmiger zu werden, da sie die Ebenen in ein raum-zeitliches Kontinuum setzen, mit dem sich der Betrachter auseinandersetzen muss. Wie gehören die Bilder, die ja hier als eine lesbare „Geschichte“ angelegt sind, zusammen. Für mich ein sehr lehrreiches Beispiel, wie aus einer schwierig (nur mit Begleittext) zu interpretierenden Aufnahme eine „sprechende“ Erzählstruktur hervorgezaubert werden kann. … 



      Mit Dank und besten Grüßen in die Grunde
      Marcus

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