Tutorial Landschaftsfotografie (4/6):
Wetter ist Stimmung

Obwohl ich mich schon lange mit der Landschaftsfotografie beschäftige, bin ich ’noch längst nicht mit Staunen fertig‘, in welchem Ausmaß die Wetterstimmung  die Landschaft beeinflußt. Die eigentliche Landschaft erscheint mir oftmals eher wie eine Leinwand, auf der Wetter und Licht ihr Bild malen.

Abb. 13: Aufziehendes Gewitter (Eigenes Portfolio, Pyrenäen 2013)

Aufziehendes Gewitter (Eigenes Portfolio, Pyrenäen 2013)

Ihr kennt diese Phänomene sicher auch, daß also ein und dieselbe Szene manchmal ganz heiter und friedlich, dann wiederum düster und bedrohlich wirken kann. Wenn wir uns nochmals auf den ‚Wortsinn der Fotografie‘ besinnen, dann sind es ja allen voran eben diese atmosphärischen Kräfte, die ‚mit dem Licht malen‘. Es ist diese Variabilität der Stimmung, die für mich mit den größten Reiz der Landschaftsfotografie ausmacht …

Was wäre denn nun ‚ein gutes Wetter‘ für die Fotografie? Allen laienhaften Vorstellungen zum Trotz ist es selten das schöne Wetter, also der ’strahlend blaue Himmel unter gleißender Mittagssonne‘, welches gute Bilder verspricht – der Dynamikumfang solcher Szenen übersteigt regelmäßig die Aufnahmemöglichkeiten unserer heutigen Kameras, so daß wahlweise ‚Schatten absaufen oder Lichter ausbrennen‘ müssen. Der Himmel ist dann leer und langweilig, die Kontraste sind riesengroß, das Licht ist hart, die Objekte werden dadurch nicht schön weich und differenziert, sondern allenfalls schlaglichtartig gezeichnet.

Natürlich können Gegenlichtaufnahmen mit silhouettenartigen Vordergrundstrukturen reizvoll sein, aber sie sind es eben nicht immer – ‚Ausnahmen bestätigen die Regel‘, heißt es doch so schön …

Abb. 14: Nach dem Regen (Eigenes Portfolio, Cevennen 2012)

Nach dem Regen (Eigenes Portfolio, Cevennen 2012)

Am liebsten ist mir persönlich das durchwachsene Wetter – schön gestaffelte Wolkenformationen, im Idealfall auch an einigen Stellen durchbrochen, so daß Teile der Landschaft illuminiert sind oder gar Strahlenbüschel (im Englischen auch nett als ‚god’s beams‘ – Gottesstrahlen – bezeichnet) erkennbar werden.
Sehr lohnend kann auch ein Blick auf eine Landschaft kurz vor oder nach einem Unwetter sein. Die Dramatik eines aufziehenden Gewitters (und Blitzfotografie ist heute ein eigenes Genre, wie Gary Hart hier auch anekdotisch beschreibt) sucht ihresgleichen; die frische gewaschene Landschaft und klare Luft nach einem Regenguß ebenso.

Eine gewisse ‚Wetterfestigkeit für Mensch und Material‘ ist hierbei eindeutig von Vorteil. Zwar gibt es ganz wunderbare Lösungen für den Regenschutz, sei es als Befestigung am Blitzschuh für den Objektivschutz, als ummantelnde Komplettlösung für die Kamera-Objektiv-Einheit oder als an den Trägern des Fotorucksacks montierbarer Regenschirm für die ‚Mensch-Kamera-Einheit‘; auch sind solche Lösungen in Zeiten des Internets leichthin zu recherchieren und (gemessen an sonstigen Ausrüstungskosten) eigentlich erschwinglich – doch kann ich mir das ‚kleine anekdotische Einsprengsel‘ nicht verkneifen, daß ich auf vielen und langen Wegen durch die Landschaft noch nie jemand traf, der sich (wie ich) auch solcher Hilfsmittel bedient hätte …

8. Dramaturgie (2) – Bedeutung des Lichts …

Abb. 15: Bäume im Gegenlicht (Eigenes Portfolio, Region 2009)

Bäume im Gegenlicht (Eigenes Portfolio, Region 2009)

Wetterstimmung und Lichtwirkung sind in der Landschaftsfotografie schwerlich getrennt bzw. unabhängig voneinander zu betrachten, insofern knüpft das hier Gesagte natürlich am vorherigen Abschnitt an.

Abb. 16: Uferpartie im Streiflicht (Eigenes Portfolio, Region 2009)

Uferpartie im Streiflicht (Eigenes Portfolio, Region 2009)

Wenn wir über das Licht sprechen, sollten wir zunächst dessen Qualität und Richtung betrachten. Eine direkte, hochstehende Lichtquelle (etwa also eine gleißende Mittagssonne) wird ein hartes, kontrastreiches Licht erzeugen und die Objekte entsprechend ‚holzschnittartig ausleuchten‘.
Für eine weichere und differenzierte Zeichnung der Objekte bzw. der Landschaft taugt hingegen eine gedämpfte Beleuchtung besser – sei es durch eine wolkengefilterte bzw. tiefstehende Sonne oder im Sinne der bei Landschaftsfotografen seit jeher beliebten (morgendlichen oder abendlichen) Dämmerungssituation.

Neben dem bereits erwähnten Gegenlicht mit seiner silhouetten- bzw. scherenschnittartigen Objektzeichnung ist das Vorderlicht zu erwähnen, welches im Rücken des Fotografen platziert ist und die Objekte relativ flach und wenig plastisch erscheinen läßt.

Für den Eindruck von Räumlichkeit und Plastizität optimal ist das Seiten- bzw. Streiflicht, also jenes schräg und seitlich auf die Objekte einwirkende Licht (siehe dazu auch Abb. 16).

5 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,
    vielen Dank für so viele inspirierende Einblicke in ein Genre, dass sich mir erst allmählich erschließt. – Übung macht den Meister ;-)

    „… der Dynamikumfang solcher Szenen übersteigt regelmäßig die Aufnahmemöglichkeiten unserer heutigen Kameras … “
    Wie hältst Du es diesbezüglich mit Grauverlaufsfiltern, die ja bei Landschaftsfotografen beliebt zu sein scheinen, um schwierige Lichtsituationen auszugleichen? Welche (bezügl. Dichtegrad) würdest Du aus Deiner Praxis empfehlen können?

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Marcus,

      danke für Deine werschätzende Rückmeldung. Auf Deine Frage hin: ich habe zwar einen Filterset von Cokin, aber der hat hier mittlerweile richtig Staub angesetzt, denn ich fotografiere Landschaft meistens dann, wenn …

      1. sich das „Dramawetter“ über mir aufbaut und die Landschaft heller wie den Himmel erscheinen läßt,
      2. oder eben zur „blauen Stunde“, wenn der Dynamikumfang gegenüber der Mittagssituation wieder „geziemlich rückläufig“ ist.

      Der Einsatz von Verlaufsfiltern setzt auch einen einigermaßen geraden Horizont (und damit eine gewisse kompositorische Öde) voraus, sonst ergeben sich „seltsame Schattierung beim Überstehenden“

      Thomas

    • Marcus Leusch says:

      Merci für Deine prompte Antwort.

      
Ich meine mich zu erinnern, dass es genau aus diesem Grund („setzt auch einen einigermaßen geraden Horizont voraus“) mittlerweile Verlaufsfilter in den Charakteristiken „soft“ (weicher Verlauf) und „hard“ (strenger horizontaler Schnitt) gibt. Ich selbst habe schon eimal mit einer der „Soft“-Versionen geliebäugelt, war mir aber mangels Erfahrungsberichten (jenseits einer Werbeabsicht für dieses oder jenes Produkt) nicht sicher, ob das wirklich eine Anschaffung Wert gewesen wäre. Überdies scheinen mir Einsteckfiltersysteme (wie bei Cokin) viel praktikabler (situativ variabler) zu sein als Schraubfilter …

      Gruß
      Marcus

    • Thomas Brotzler says:

      Gewiß, der harte oder weiche Übergang … aber ein erhaben in den Himmel hineinreichender Baum, der den Horizont unterbricht (das meinte ich mit gerade), bekommt, ob hart oder weich, eine recht morbide Schattierung … einen gewissen Unterhaltungswert hat das Cokin-System schon. Glaube mir, da wirst Du rasch als fotografierendes Marsmännchen angesprochen und um Deine Papier gebeten …

    • Marcus Leusch says:

      Habe den „Baum“ wohl verstanden, … aber „fotografierende Marsmännchen“ sind mir manchmal die liebsten Erdenbewohner ;-))

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