Leserfoto:
Atmosphärische Stadtlandschaft (4)

Auch im profanen bzw. alltäglichen Motiv schlummern Reize, die mit entsprechender Platzierung und Ausarbeitung zur Geltung gebracht werden können.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

 
Ausgangsbild

***

Unser Leser Sascha Leichsenring aus Norderstedt hat uns das obige Bild unter dem Titel „_ under the bridge” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Foto entstand eher zufällig, als ich mit einem manuellen Objektiv (Carl Zeiss Pancolar 1,8/50mm) in der hamburger Hafencity am fotografieren war. Ich fotogragfierte gerade das neue „Spiegel-Haus“, drehte mich um und stellte fest, das mein Auto unter der alten Brücke auch als Motiv taugt. Ich stellte das Stativ in etwa auf Scheinwerfer-Höhe ein, fokussierte manuell auf den Scheinwerfer und nutzte Blende 1.8, um eine möglichst knappe Schärfe zu erreichen, bzw. das cremige Bokeh des Pancolars auszunutzen. (Weitere Angaben: Canon EOS 1D III, ISO 100, no flash, Blende 1.8, AWB, 0,8 sek. Belichtungszeit, anschließend Konvertierung in s/w und leichte Schärfung). Ich habe bewusst nicht das ganze Fahrzeug in das Bild einbezogen, um mehr Dynamik ins Bild zu bringen, ausserdem wollte ich kein „Standard“-Motiv ablichten. Ich mag eine etwas andere Sicht im Bezug auf die Bildgestaltung.”

Über seine sehr wertige Ausrüstung und die Aufnahmedaten, des weiteren über seine Überlegungen zur Bildgestaltung hatte Sascha bereits berichtet. In diesem Sinn möchte ich seine Arbeit an professionellen Maßstäben messen.

***

Ich habe mir erlaubt, das Bild intern in die Kategorie ‚Architektur‘ zu verschieben, denn zur ‚Street‘ fehlt mir hier doch das ‚Menschelnde und Vergängliche‘ … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild zeigt ein etwas über das 3:2-Format hinaus verbreitertes Querformat.

An bildwichtigen Strukturen zu nennen sind das angeschnittene und durch die dunklen Tönen vor allem durch die Kontrastkanten erkennbare Fahrzeug (blaue Linien ebd.), des weiteren der etwa im Bilddrittel von links und im Goldenen Schnitt von unten liegende Fluchtpunkt (rotes Kreuz ebd.) mitsamt den auf diesen hinführenden Linien (gelbe Linien ebd.).

Ergänzend markieren einige Vertikalen – teils im Lot, teils als Brückenstreben etwas schräg geschnitten – links im Bild den Vordergrund (grüne Linien ebd.). Dieses Moment wird im Hintergrund schemenhaft aufgegriffen (grüne Punkte ebd.).

Die Blickführung (violette Linien ebd.) will ich im Sinne des Bildeinstieges links unten, einer kurzen Irritation und Abweichung entlang der Brückenstreben und der fast ausgebrannten Lichterkette (violette Punkt ebd.), der nachfolgenden Querbewegung zum Fahrzeug und dem Mäandern des Blicks entlang dessen Kontrastkanten nach rechts unten skizzieren.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich deutlich linksschief bei einem Median von knapp 70 im Sinne einer ‚Low-Key-Anmutung‘.

Entsprechend sind die Schatten recht stark, die Mitten hingegen vergleichsweise schwach belegt. Eine Betonung erfahren wiederum die Lichter durch die bereits erwähnte Lichterkette an der Decke und die Kontrastkanten des Fahrzeugs.

Die ‚tonale Dramatik‘ des Bildes läßt sich an jenem Aufeinandertreffen der Zonen I bis II bzw. IX bis X im Deckenbereich, der Zonen 0 bzw. VII bis VIII im Bereich der Fahrzeugfront skizzieren.

Farben:

Eine leichte Sepiatonung liegt über dem ansonsten schwarzweißen Bild.

***

Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Die sehr atmosphärische, düstere und etwas geheimnisvoll wirkende Anmutung in Saschas Bild möchte ich würdigen, desgleichen auch den wunderschönen Schärfeverlauf und das hier erfolgreiche ‚Bemühen, aus profanen bzw. alltäglichen Elementen ein besonderes Bild zu erschaffen‘.

Der Anschnitt des Fahrzeugs ist zweifelsohne richtig und läßt einen interessanten Spannungsbogen zwischen den Elementen der Fahrzeugfront und dem Fluchtpunkt entstehen.

Doch herrscht mir in diesem Bild auch ‚zu viel irritierende Multistabilität‘ vor – siehe dazu ggf. auch mein Tutorial zur Gestaltpsychologie

In diesem Sinn konkurrieren die hochkontrastig anmutenden Details der Fahrzeugfront und der Deckenpartie, etwas weniger ausgeprägt auch der Brückenstreben um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Ich hatte diesen Aspekt auch schon obenstehend durch die Irritation der Blickführung zu veranschaulichen versucht.

In meiner skizzenhaften Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) habe ich versucht, diese Aspekte etwas auszugleichen und das Kontrastmaximum ‚in Richtung des Fahrzeugs zu verschieben‘.

Dazu wurden die Schatten deutlich geöffnet (+20 % im Werkzeug ‚Tiefen/Lichter‘, siehe dazu ggf. auch mein einschlägiges Tutorial), die Zonen VII bis VIII angehoben und die Zonen IX bis X etwas abgesenkt. Die harten Kanten der Deckenlichter wurden etwas weichgezeichnet, die Fahrzeugfront in den lichten Bereichen weiter abgewedelt.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


19 Antworten
  1. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter …

    mit großem Interesse EURE ALLER Worte gelesen …

    doch zuvor schaute ich das Bild und nun beschreibe ich meine „Eindrücke“

    1. der kleine Rückspiegel in „hell“ gibt mir die Verbindung zum „unsichtbaren Fahrer“ der dieses sehen kann… welches bis in die Tiefe des Bildes … also nach hinten in die Unschärfe … nur nicht ganz von diesem Standpunkt mir gezeigt wird… so Fluchtpunkt und Wiederholungen von Lichtern und so …

    2. ich erinnere mich an Parkhauslichter und ähnliche Gegebenheiten …

    3. da entdecke ich die Spiegelung in der Tür unter dem Spiegel …
    wau … Horizontallinien durchbrechen die dominant Linienführung in die Tiefe …

    4. es entsteht eine Spannung und der Wusch … etwas weiter nach links zu rücken um dieser Spannung noch etwas mehr Einblick …

    5. geht nicht… schon klar … Bild ist nicht beweglich aber … es hat einen Wunsch ausgelöst … der mich doch länger bei der Betrachtung hält … und…

    6 die Tiefe die Unschärfe die Linienführung die Wiederholung der Lichter … alles ausgeblendet … die Horizontale und damit nur diese eine Ebene im Bild hat mich erreicht und den Schwerpunkt meiner Betrachtung …

    7. Grüße vom Krabbenkutter

    … auf der Seehundbank ist das Licht schon aus …
    … nur der Horizont hat noch einen leichten Lichtsaum

    GR Dirk

    Antworten
  2. Günther says:

    Hallo Thomas, Grimmaldi,

    Danke für eure anregende Diskussion.
    Mir gefällt die Herangehensweise von Thomas mit dem handwerklichen Schwerpunkt muss aber sagen dass mir die „Kritik“ von Grimmaldi hier besser geholfen hat.
    Du hast das Bild zwar überarbeitet aber ich weiss nicht ob du es auch so aufnehmen würdest oder eine andere perspektive gesucht hättest, so wie Grimmaldi. Was ja nicht heisst dass diese Vorschläge jetzt gut sein müssen aber ich hab mir Gedanke darüber gemacht und überlegt, ja das könnte vielleicht was sein.
    Und darum geht es ja, andere Möglichkeiten aufzeigen die zum überlegen anregen und mich in meiner Sichtweise weiterbringen.

    Antworten
    • Christian Fehse says:

      Hallo Günther

      Zitat: „Mir gefällt die Herangehensweise von Thomas mit dem handwerklichen Schwerpunkt muss aber sagen dass mir die “Kritik” von Grimmaldi hier besser geholfen hat.“

      Grimaldi stelle in erster Linie Behautungen auf: es gibt nichts Neues, keine Story hinter dem Bild, der Betrachter wendet sich gelangweit ab. Das heißt nichts anderes als das Grimaldi das Bild nicht erkennt, nicht spannend findet. Und dann gibt er Ratschläge, was man „besser“ machen könnte: sprich, das es ihm gefällt. Sowas ist legitim und seine Anregungen sind auch nicht schlicht. Nur, damit wird das Bild ein anderes Bild (ein Bild nach seinem Geschmack).

      Jetzt sagst Du, seine Ansichten haben Dir geholfen. Okay – also findest Du Dein Bild eigentlich auch langweilig und es hat keine Story. Das kann ich nicht ganz verstehen. Du hattest mit dem Bild etwas bestimmtes vor! Sonst hättest Du es doch nicht so gemacht. Außerdem finde ich durchaus, das man aus dem Bild etwas herauslesen kann. Man muß daszu nur anders schauen und empfinden als Grimaldi (was seine Sichtweise in keinster Weise entwertet).

      Thomas und Grimaldi waren sich einig: es gibt gestalterische Elemente in dem Bild. Grimaldi findet diese nicht „sehenswert“, Thomas macht dazu keine Aussage. Du mußt für Dich entscheiden, was Du mit dem Bild machen wolltest. Wenn das Bild für Dich keine Bedeutung hat, dann kannst Du beim nächsten Mal die Anregungen von Grimaldi aufgreifen.

      Ich möchte besonders auch etwas zu der von Grimaldi – retorisch – gestellten Fragen „Was wolltest Du eigentlich zeigen? Was ist Deine Story? Was ist die Bildaussage?“ sagen. Den Fragestellern solcher Fragen antworte ich meistens „Wenn Dir dazu nichts einfällt, dann wird das Bild Dich nicht erreichen“. Fällt mir selber dazu keine Antwort ein, dann lösche ich das Bild.

    • Thomas Brotzler says:

      Zunächst begrüße ich sehr die angeregte, auch kontroverse Diskussion. Wenn Günther in Grimmaldis Erklärungsansatz einen besseren Bildzugang findet, dann ist das in Ordnung. „Viele Wege führen nach Rom“, und ich vermag darin kein Rivalisieren und schon gar keine Unbotmäßigkeit zu erkennen, wie Grimmaldi selbst zu befürchten schien.

      Ich darf aber noch anmerken, daß es nicht Günthers Bild ist, sondern Saschas. Der hat sich noch nicht zu Wort gemeldet, was wohl mit dem derzeit leider wieder einmal darniederliegenden Benachrichtigungsmodus‘ zu tun hat.

    • Christian Fehse says:

      Mist wer lesen kann, ist klar im Vorteil… :-(

      Trotzdem halte ich Beurteilung von Bildern, die überwiegend auf dem Geschmack des Beurteilenden beruhen, für mich persönlich nicht besonders hilfreich – so gut der Geschmack auch begründet wird.

  3. Grimmaldi Stefanidis says:

    P.S.

    Um aber mit meinen Kommentaren, hier an dieser Stelle, unter dem obigen Foto „angeschnittener Mini des Nächtens auf Brücke“, nicht das Thema zu verfehlen, versuche ich jetzt den (meinen) Kreis zu schließen und, obwohl es mir nicht zusteht (Thomas, bitte vereihe), das Bild aus meiner Sicht zu beurteilen:

    In diesem Foto kommen einige bildgestalterische Elemente zum Einsatz, wie Texturgradient, Silhouette, Perspektive, zulaufende Linien, Wiederholungen, Hell-Dunkel-Kontraste usw. usw.. Dies alles hatte der Fotograf „Sascha Leichsenring“ sehr wahrscheinlich trotz Zufall gesehen, bedacht und integriert. Und trotzdem gibt es, nach meiner Meinung, kaum eine Bildwirkung. Die „Erregungsskala“ bleibt bei mir bei null (das ist nicht böse gemeint, denn immerhin gibt es ja stilistische Elemente, die Sascha gut angewendet hat). Insofern ist das Bild für eine Bildkritik besonders interessant – kaum Wirkung trotz mehrerer gestalterischer Mittel.

    Warum ist das so? Das „Wirkoptimum“ funktioniert nicht. Oder mit meinen Worten „die potentielle Erregungsskala“ wird nicht bedient.

    Warum nicht? Es gibt rein gar nichts Neues, es gibt keine Story hinter dem Bild, ich muss nicht suchen, ich muss nichts hinterfragen, nicht denken. Dies alles brauche ich aber als Betrachter, um in ein Bild „einzusteigen, ein Stück mitgenommen zu werden und bereichert wieder auszusteigen“.
    Auch die Ästhetik, ein vollkommen losgelöster Aspekt der Bildwirkung, der hier tatsächlich ein wenig vorhanden ist (und der bei Landschaftsaufnahmen viel stärker alleinstehend wirken muss), bringt hier nicht viel, da Mini und Brücke nicht genügend Ästhetik liefern können.

    Bildgestalterisch sehe ich zusätzlich folgendes Problem: Die Bildlinien laufen auf einen Fluchtpunkt zu, die Wand am Brückenkopf. Dieser Fluchtpunkt verschwimmt jedoch in Unschärfe. Das Auge wird geleitet und folgt in die Unschärfe und versteht schließlich, dass es dort nichts finden kann. Somit setzt es neu an und sucht nach Interessantem im Vordergrund. Doch auch der scharfe Vordergrund (Mini) ist nur angeschnitten und kann somit das Auge nicht weiter befriedigen.

    Und jetzt die Frage an den Fotografen: Was wolltest Du eigentlich zeigen? Was ist Deine Story? Was ist die Bildaussage? Darüber muss ich mir beim Fotografieren im Klaren sein, ansonsten merkt es der Betrachter sofort und wendet sich gelangweilt ab. Und was schreibt der Fotograf dazu? Das Bild entstand eher zufällig. OK, das passt und verdeutlicht, was falsch gelaufen ist, bzw. besser laufen könnte.

    Wie ginge es evtl. besser? Auf jeden Fall sollte man sich für ein Thema entscheiden! Annahme – der Mini: Dann versuche den Mini als Hauptmotiv zu nehmen, z.B. vom Standort 3m zurück und 2m nach rechts, links unten oder oben im goldenen Schnitt stehend und lass ihn in der Tiefe der Brücke „vereinsamen“, mit einer relativ weiten Brennweite. So bekommt er fast menschliche Züge und das sieht der Betrachter immer gerne! Oder stelle ihn eher etwas in den Hintergrund, so dass die Linien genau auf ihn zulaufen. „Och der arme Mini, so ganz alleine auf der einsamen, langen Brücke, im Dunkel der Nacht. Bestimmt stiehlt ihn bald jemand“ o.ä. ….jetzt ist eine Story daraus geworden und schon beginnt der Betrachter zu denken und zu träumen, Du hast ihn mitgenommen.

    Antworten
  4. Grimmaldi Stefanidis says:

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für Deine Antworten. Richtig, das „Wirkoptimum“ – vertraut und neu. Nachdem ich meinen letzten, vorherigen Kommentar abgeschickt hatte, habe ich über mein Beispiel des Barkeepers nachgedacht und fand es allgemein recht passend – jedoch eher weniger in der Landschaftsfotografie (LF). Das hast Du jetzt geraderückt. In der LF gelten etwas andere oder besser gesagt, feinere Maßstäbe gelten.

    Denn „jeder kennt Landschaft“. Aber er sieht sie nicht aufmerksam genug. Hier hilft „Effekthaschen“, selbst im rein positiven Sinn, selten, wenig oder sie wirkt sogar kontraproduktiv, stereotyp, postkartenartig usw. (ich finde übrigens, dass Postkarten hier niveaumäßig viel besser geworden sind als vor 20 Jahren, deshalb bin ich zurückhaltend, diesen Begriff heute noch so anzuwenden). Auch Anselm Adams hat „ein wenig Effekthascherei“ betrieben. Zu seiner frühen Zeit war es aber noch nicht klischeehaft, da seine „Tricks“ bis dato dem Betrachter unbekannt waren. Die Kopie von Adams heute ist schon fast wieder Klischee. Ein schwieriges Thema.

    Somit nimmt die Bildgestaltung in der LF auch sicher einen größeren Anteil bei der Bildwirkung ein. Soweit sind wir wohl jetzt erst einmal „d’accord“.

    Und auch sonst stimme ich Deinen Darstellungen zu, z.B. im Zusammenhang teure Fotoausrüstung als Selbstläufer.
    Also auf zu Deinem nächsten Tutorial für uns alle.

    Merci und Gruß,
    Grimmaldi

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Also auf zu Deinem nächsten Tutorial für uns alle.“

      Das war jetzt der „korrekte Anriß“. Ich sehe bei den Diskussionen zu meinem kommenden Kitsch-Tutorial schon die Server unter dem Ansturm zusammenbrechen :o) …

  5. Grimmaldi Stefanidis says:

    Hi Thomas,

    es ist „Deine Seite“, die ich gerne besuche. Ich möchte Dich nicht überzeugen (jedenfalls nicht unbedingt) aber offen diskutieren. Insofern – 2 x danke, für Deine Seite und die offene Diskussion.

    Auch ich habe einen wissenschaftlichen Beruf, ebenso habe ich länger als ein Jahrzehnt mit hochprofessionellen Fotografen und Kameraleuten zusammengearbeitet und Geld damit verdient. Die analytische Herangehensweise an ein Thema oder Problem ist mir also einerseits zur zweiten Natur geworden. Was die fotografische Kunst anbelangt, so versuche ich diese „zweite Natur“ jedoch erst einmal abzustellen, sie ist mir hinderlich beim „losgelösten künstlerischen Denken und Fühlen“. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass ich die Bildgestaltung vor etlichen Jahren gelernt und verinnerlicht habe (nichts ist perfekt und abgeschlossen, das ist mir dabei klar). Jedoch versuche ich mir beim Fotografieren zu verbieten, dieses Wissen dominant werden zu lassen, ansonsten ist wiederum „Bildgestaltungsmainstream“ zu befürchten (Drittelregel, das Auge sieht von links nach rechts, von hell zu dunkel usw.)!

    Du schreibst, „gefühlte 95 Prozent der Bildbetrachtungen im Internet sind ‘Ergriffenheitsprosa ohne bildanalytische Grundlage’ „. Das sehe ich genauso und oft schmerzt mich das. Viele Menschen sind auch nicht in der Lage, zu analysieren, warum sie ein Bild mögen oder nicht (dazu erwähne ich unten mehr, wie Identifikation, Wiederkennung usw.). Das ist auch verständlich und denen kann man mit der technischen Bildanalyse und Bildgestaltungstechnik teilweise helfen. Aber eben nur teilweise. Denn eine ausschließlich technische Sichtweise bei der Kreation eines Fotos führt zur Einschränkung der künstlerischen Perspektive, auf die es doch ankommt, wie erwähnt. Somit ist für mich also auch die reine Beurteilung eines Bildes nach technischen und gestalterischen Aspekten solange „trivial“, wie der künstlerische Aspekt, die Bildaussage die „potentielle Erregung“ unbeachtet bleibt.

    Jetzt lass mich bitte ein Beispiel anführen, um mich verständlich zu machen, was über „Ergriffenheitsprosa“ aber auch über die „technische Bildanalyse“ hinaus möglich wäre:
    Ich nehme ein fiktives Beispiel eines Barkeepers, der fotografisch „eingefroren“ wird, als er soeben seinen Cocktailmixer vor einem großen Barspiegel durch die Luft wirbelt. Zusätzlich zu diesem Bild bekommst Du, Thomas, nun die Aussage des Fotografen geliefert (so ist es ja wohl meist, glücklicherweise äußern sich die Fotografen auf Deiner Seite über deren Beweggründe zu ihrem Foto), dass dieses Bild in eben jener Bar aufgehängt werden soll. Als Bildanalyst kann ich jetzt voller Inbrunst an dieses Foto herangehen und über Bildtechnik, Bildgestaltung und „emotionalen Erregungswert“ ein Urteil abgeben. Angenommen, Bildtechnik und Bildgestaltung sind ausgezeichnet, so kann man hier auch den emotionalen bzw. künstlerischen Auftrag erkennen: Das Publikum in der Bar wird mit dem Foto stark angesprochen, der emotionale Erregungswert für das Barpublikum ist hoch, denn der Wiedererkennungswert ist 100%, Identifikation ebenso usw.. Sobald diese besagte Bar und der Barkeeper dem Betrachter jedoch gänzlich unbekannt sind, sinkt der „emotionale Erregungswert“ drastisch. Identifikation, Wiedererkennung usw. sind kaum noch gegeben.

    Ähnlich verhält sich dies bei der Kritik bzw. Beurteilung von Büchern (Sachbücher einmal ausgenommen). Ein wesentlicher Beurteilungsaspekt dabei ist die Fähigkeit eines Autors, den Leser „einsteigen zu lassen, ihn mitzunehmen und bereichert wieder aussteigen zu lassen“. Ein Buchkritiker muss sich dieser Aufgabe stellen und sollte dazu in der Lage sein, sich in die verschieden Lesertypen hineinzuversetzen, ohne Mainstream zu fordern. Sprachstiel, Buchaufbau usw. sind dabei zunächst zweitrangig, wenn auch nicht unwichtig.

    Bei einem „angeschnittenen Mini des Nächtens auf einer Brücke“, wie auf dem Bild oben, sehe ich sehr wenig „emotionalen Erregungswert“ für den allgemeinen Betrachter. Sollte der Fotograf nicht auf einen ganz besonderen Motivationsgrund zu diesem Bild hinweisen, ist es aus meiner Sicht künstlerisch wenig aussagevoll. Dieses Urteil, oder wenistens einen Hinweis, sollte man sich, nach meinem Verständnis über Bildanalyse, zu fällen bzw. zu erwähnen wagen, wenn der Einreicher des Bildes bzw. die Leserschaft etwas dabei lernen will bzw. soll.

    Lieben Gruß
    von Grimmaldi

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Grimmaldi,

      auch ich möchte Dir für das engagierte Diskutieren danken – solches würzt die Bildbetrachtung und ist insofern nötige Ergänzung. Ich will einige Punkte herausgreifen und beantworten …

      Zitat: „Auch ich habe einen wissenschaftlichen Beruf …'“

      Ich sah Dich bei meiner Recherche eifrig bloggen, jedoch fand ich keine direkten Seiten über Dich …

      Zitat: „Was die fotografische Kunst anbelangt, so versuche ich diese ‚zweite Natur‘ jedoch erst einmal abzustellen, sie ist mir hinderlich beim ‚losgelösten künstlerischen Denken und Fühlen.'“

      Die meisten professionellen Fotografen (einschließlich meiner selbst) verfahren wohl nach diesem Motto. Dieses läßt sich aus meiner Sicht auch auf viele komplexe bzw. kreative Tätigkeiten anwenden.

      Ich verwende hierzu gerne das Beispiel des Musizierens: es gilt, sein Rüstzeug zu kennen und sein Handwerk zu lernen (was zunächst lästig und unergiebig sein kann), um dann über die Verinnerlichung und Automatisierung Freiräume für die Gestaltung zu schaffen und so etwas zu erschaffen.

      Zitat: „Viele Menschen sind auch nicht in der Lage, zu analysieren, warum sie ein Bild mögen oder nicht.“

      Auch hier scheinen wir ähnlicher Auffassung zu sein.

      Man könnte aus meiner Sicht ergänzen, daß die Besucher einer Ausstellung dies zunächst auch nicht können müssen. Diese sind frei darin, entweder auf der Warte ihrer Ergriffenheit an die Bildbetrachtung herangehen oder sich einer Führung anschließen, um ihre Empfindungen mit angebotenen Worten und Erklärungen zu vergleichen.

      Für angehende Fotografen mit Gestaltungsanspruch mag dies aus meiner Sicht schwerlich genügen. Diese sollten sich schon mit den Grundprinzipien der Bildwirksamkeit befassen und nicht nur ‚auf Gefühl und Wellenschlag vertrauen‘.

      Es ist dieses weitverbreitete kompositorisch-technische Defizit, verbunden mit der schier unerschüttlichen Erwartung, daß die teuer gekaufte Fotoausrüstung es doch richten müßte, die so viele Amateurfotografen so begeistert beginnen läßt und dann oft zu tiefer Frustration führt.

      Und diese Gruppe möchte ich mit meinen Grundlagentutorials und Bildbesprechungen ansprechen. Der didaktische Fokus liegt also auf der Vermittlung allgemeiner und angewandter Grundlagen – gerne auch mit der Option einer weiterführenden Diskussion auf der interpretativen und emotionalen Ebene, aber wir sind hier nicht von vornherein in einer ‚digitalen Meisterklasse‘ …

      Zitat: „Sobald diese besagte Bar und der Barkeeper dem Betrachter jedoch gänzlich unbekannt sind, sinkt der ‚emotionale Erregungswert‘ drastisch. Identifikation, Wiedererkennung usw. sind kaum noch gegeben … sollte der Fotograf nicht auf einen ganz besonderen Motivationsgrund zu diesem Bild hinweisen, ist es aus meiner Sicht künstlerisch wenig aussagevoll.“

      Mir wird Deine Sichtweise jetzt klarer, auch wenn ich gewiß noch Skepsis empfinden und formulieren darf. Zwei Gedanken dazu …

      Zum einen gibt es das ‚Wirkoptimum gut gemischter Vertrautheit und Fremdheit‘, welches sich aus meiner Sicht aus den Grundlagen der Gestaltpsychologie ableiten läßt: ein Bild sollte ausreichend vertraut sein, um nicht abzuschrecken; zugleich aber auch ausreichend fremd, um nicht langweilig zu sein. Ich hatte zu diesen Themen an verschiedenen Stellen schon einiges gesagt, etwa in den Tutorials zur Gestaltpsychologie, zu den Spannungsbögen und zur Blickführung.

      Zum anderen rühren Fragen des ‚emotionalen Erregungswerts‘ (mithin also der aufmerksamkeitsheischenden Mitnahme des ergriffenen Bildbetrachters) aus meiner Sicht durchaus wichtige Fragen an, worin sich eigentlich Kunst von Kitsch unterscheidet.

      Mit diesem Thema will ich mich recht ausführlich in jenem Tutorial mit dem launigen Titel ‚Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße?‘ befassen, welches dem derzeitigen zur Landschaftsfotografie nachfolgen soll (Beginn also voraussichtlich in drei Wochen). Womöglich läßt sich unsere Diskussion auch dort konstruktiv fortführen …

      Freundlich grüßt
      Thomas

  6. Grimmaldi Stefanidis says:

    Hallo Thomas,

    ich habe keineswegs an Mainsteam gedacht, im Gegenteil. Bildhafte Kunst erzeugt doch erst dann Wirkung, wenn sie Regung oder besser noch Erregung erzeugt. Ich weiß nicht, wie Du jetzt auf Mainstream kommst, Postkarten sehe ich nicht als eine Kunst an, die bezüglich der Regung herauszustellen wäre. Da ist mein Anspruch an Kunst doch etwas höher und Deiner doch auch.
    Alle Arbeit eines Fotografen an der Bildtechnik bzw. Gestaltung ist doch sinnlos, wenn sein abgebildetes Motiv keinen Nerv trifft. Ein Bild wird meist keinen Nerv treffen, wenn keine kreative Absicht oder Arbeit dahinter steckt. Hierzu ein Wort mehr zu verlieren ist doch sicher angebracht, meine ich. Besser noch: Das Wagnis einzugehen, ein Bild auf einer „potentiellen Erregungsskale“ (ein selbstgewählter Begriff) einzustufen, das steckt doch auch hinter Bildbeurteilung. Gestaltung soll ja nur der Verstärkung der „potentiellen Erregungsskale“ dienen, bei Dir wird sie eher zum Selbstzweck, darauf möchte ich hinaus. Da wagen sich Sofie und Jörg etwas mehr. Bitte wag Dich also mehr, Emotionen oder potentielle Emotionen stärker zu bewerten. Und taugt ein Bild gar nicht dazu, so darf oder sollte es auch ruhig mal rausfliegen und unerwähnt bleiben.

    Einen lieben Gruß
    von Grimmaldi

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Ich weiß nicht, wie Du jetzt auf Mainstream kommst“

      Vielleicht hatte ich Dich mißverstanden, doch dies …

      Zitat: „sehr viele Menschen haben ein ähnlich subjektives Empfinden“

      … ließ mich denken, daß Dir an einer ‚Verwortung des von der Mehrzahl Empfundenen‘ gelegen wäre.

      Zitat: „Da wagen sich Sofie und Jörg etwas mehr. Bitte wag Dich also mehr, Emotionen oder potentielle Emotionen stärker zu bewerten.“

      Direkte Vergleiche zu ziehen schiene mir heikel, deswegen etwas allgemeiner: gefühlte 95 Prozent der Bildbetrachtungen im Internet sind ‚Ergriffenheitsprosa ohne bildanalytische Grundlage‘. Ich glaube, da wage ich mit meinem ‚Durchdeklinieren von Komposition, Dramatik und Tonwerten‘ sogar mehr. Und ich bin von Seiten meines Erstberufs einfach im wissenschaftlichen Arbeiten verwurzelt, und da gilt immer noch ‚erst die Analyse, dann die Synthese‘ …

  7. Grimmaldi Stefanidis says:

    Einerseits mag ich es immer wieder sehr, wie ausgiebig und detailliert Bilder hier analysiert werden. Andererseits wünsche ich mir doch immer sehr und mehr, das Wichtigste eines Bildes, die eigentliche Aussage dahinter zu beurteilen und als wesentlichen Maßstab bei der Bildbeurteilung heranzuziehen. Das kommt mir bei der Beurteilung durch Thomas oft viel zu kurz. Jetzt mag bitte keiner antworten, die Aussage eines Bildes ist ein subjektives Empfinden. Jawohl, so ist es, aber sehr viele Menschen haben ein ähnlich subjektives Empfinden. Und dieses zu treffen ist doch das Ziel eines jeden künstlerisch motivierten Fotografen.
    Teilt mir mit, wenn ich mich irre.
    Merci für diese Seite und Gruß von Grimmaldi

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ich höre Deinen Wunsch („das Wichtigste eines Bildes, die eigentliche Aussage dahinter zu beurteilen und als wesentlichen Maßstab bei der Bildbeurteilung heranzuziehen“), doch scheint mir dieser schwerlich zu erfüllen.

      Einige Gedanken noch zu der von Dir hinterfragten Subjektivität und einem möglichen Mainstream („sehr viele Menschen haben ein ähnlich subjektives Empfinden“): greifen wir ruhig einmal in die Vollen und vergleichen eine Postkarte mit einem Kunstwerk – einer der wesentlichen Unterschiede ist, daß der Betrachter ersteres nicht interpretieren muß, weil alles schon klar bzw. plakativ und die Bedeutung vorgekaut ist; letzteres lebt aber überhaupt erst von der Interpretation durch den Betrachter.

      Das ist aus meiner Sicht nicht (nur) lästig, sondern auch nötig. Ich selbst mag es sehr, wenn die Besucher meiner Ausstellungen über meine Bilder diskutieren und zu verschiedenen Schlüssen kommen. Zum einen lerne ich dann noch neue Sichtweisen kennen, zum anderen bestätigt mir die Diskussion, daß das Bild etwas auslöst …

      Bitte verlange mir also nicht ab, daß ich meine Bildbesprechung mit einer Mainstreamdeutung zukleistere. Das entspräche nicht meiner oben skizzierten Vorstellung und ich wäre Euch dann (nach eigenem Empfinden) auch ein lausiger Dozent, Lehrer oder wie immer man diesen Vermittlungsaspekt des Bilder lesen Lernens benennen möchte.

  8. Christian Fehse says:

    Ich liebe den Algorithmus der hinter dem Regler „Klarheit“ steckt. Diese selektive Kontrastveränderung an Konturen ist etwas, von dem ich nicht wüßte, das man das mit Papier und Vergrößerer hinbekommt.

    Antworten
  9. Christian Fehse says:

    Ich habe Thomas Überarbeitung mal ungezogenerweise noch etwas weitergeführt: Schwarz und Tiefen noch etwas öffnen, Kontrast etwas zurücknehmen, den Mini und den vorderen Teil des Bürgersteigs mit 100% Klarheit und in den unscharfen Bereichen die Klarkeit zurückgenommen („Haut weichzeichnen“ im Lightroom):

    http://update.infomantis.de/download/cf/under-the-bridge2.jpg

    Das Bild ist so zwar schon fast eine Mini-Werbung und ich weiß auch nicht in wie weit das Original das mitmachen würde, ohne zu viel Verlust, aber die Blickrichtung noch etwas klarer.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      So was mag ich, da verzeihe ich jede Ungezogenheit :o) …

      Witzig ist, daß ich als Digitalfotograf mit weicher Schärfe und Filmkornsimulation (mithin also eher analoge Anmutung) arbeitete, währen Du als Analogfotograf die Schärfe auf der Figur richtig herausgekitzelt hast (mithin also eher digitale Anmutung) …

      Ich finde beide Interpretationen zulässig. Wir staunen in Workshops doch immer wieder, wie sehr und unterschiedlich gerade Schwarzweißaufnahmen interpretierbar sind. Das macht aus meiner Sicht auch einen Gutteil des Reizes aus, der die Schwarzweißfotografie umweht …

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