Leserfoto:
Scheibchenweise …

Die Verwendung von Bewegungsartefakten und Primärfarben zur Veranschaulichung der Bilddynamik möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (7 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Christoph Koch aus Freiburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Dynamics” in der Kategorie ‚Bildjournalismus‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Ich fotografiere seit ca 2-3 Jahren hobby-mäßig; momentan mit einer Canon EOS600D. Das Bild ist Ende November im Rahmen einer (Bild-)reportrage für eine lokale Zeitung entstanden. Ein Freund von mir ist da Volontär und meinte, ich könne doch sicher für seinen Artikel über den Mixed Martial Arts Sport ein paar Bilder machen. Es war das erste Mal, dass ich mit einem geliehenen Blitz (Speedlite 430 EX II) Bilder machte. Die Grundlagen (Blitzen auf den ersten/zweiten Verschlussvorhand; Decke als Diffusor nutzen etc.) habe ich mir noch kurz vorher im Internet angelesen. ;-) Das Bild entstand während des etwa 2-stündigen Trainings in einer mit wenigen – teilweise flackernden – Neonröhren ausgeleuchteten Trainingshalle. Auch wenn MMA ja ein durchaus ‚gewaltvoller‘ Sport ist, war ich von der friedlichen Atmosphäre, sowie von dem Fokus und der Achtsamkeit der Sportler sehr beeindruckt. Viele Bilder strahlen durchaus eine gewisse Harmonie. Wichtig war mir aber auch die Dynamik, die Schnelligkeit und die Konzentration darzustellen (widerspricht sich das?), weshalb ich in diesem Beispiel den Kontrast und die Sättigung (übertrieben?) hochgeregelt habe. Ich bin mir noch etwas unsicher, was den Bildausschnitt angeht, ob die Sättigung ‚too much‘ ist, ob es zuviel Wischbewegungen sind (das Gesicht des Gegners ist ja z.B. gar nicht zu sehen), ob mein Hauptmotiv das Gesicht des am Boden liegenden oder eher die viele Bewegung ist etc. Also: HILFE!”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 600D mit Zoomobjektiv Sigma 18-200mm f/3.5-6.3 DC OS verwendet. Die Brennweite betrug 51 mm (entsprechend knapp 82 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 0,4 Sekunde (mit Blitz, im Sinne der nachgezogenen Bewegungsspuren vermutlich ‚auf den zweiten Vorhang ausgelöst‘) bei Blende f/8,0 und ISO 400.

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Christoph hat dieses experimentelle Bild auch in seinen FC-Account eingestellt, wo es bisher nur wenig Beachtung und keine Kommentierung erfuhr – zu Unrecht, wie ich angesichts der dynamischen Stilmittel meine. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Bild ‚fordert den Betrachter‘, es empfängt diesen mit einem ‚Geknäuel von Leibern, Bewegungen und Farben‘. Bei längerer Betrachtung schälen sich Körperstrukturen wie Rumpf, Arme und Beine heraus (rote Linien ebd.). Gleichwohl bleiben diese auf seltsame Weise unverbunden, erscheinen wie Fragmente bzw. ‚Körperscheibchen‘.

Ein Gesicht fällt noch ins Auge, etwa im Dritten von oben und links platziert, dem Betrachter zugewandt und diesen doch nicht anblickend, stattdessen Konzentration und Kraftanstrengung ausdrückend (blaue Linien ebd.).

Weitere, horizontal bzw. etwas diagonal verlaufende Strukturen fallen auf – Bewegungsspuren, die wir kaum mehr einem Körperteil zuordnen können (gelbe Linien ebd.).

Der Hintergrund im oberern Teil wird durch eine Senkrechte und eine Waagrechte markeirt (grüne Linien ebd.).

Die Frage der Blickführung durch eine derart komplexe Motivgruppe ist eine schwierige, ‚viele Wege mögen hier nach Rom führen‘. Ich schlage einen Einstieg beim schemenhaft erkennbaren Fuß links unten vor, gefolgt von einer Querbewegung nach rechts, denn einem Mäandern nach links oben über Unterschenkel, Oberschenkel und Rumpf bis zum erwähnten Gesicht (violetter Pfeil ebd.).

Wenn wir uns die Platzierung der Hauptmotivgruppe vor Augen führen, so fällt uns die relative Enge nach links und rechts hin sowie die relative Weitläufigkeit nach oben und unten auf (siehe gelbe Schrift ebd.).

Mir scheint hier durchaus das Motiv von ‚Beengung und Verlorenheit‘ anzuklingen, was mich zum untenstehenden Beschnittvorschlag veranlaßt. Daraus resultiert ein 5:4-Hochformat mit Wegnahe überzähligen Raumes oben und unten, wodurch mir die Motivgruppe besser in den Hintergrund integriert scheint.

Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild weist eine starke Zeichnung durch primäre bzw. nur leicht gebrochene Farben auf. Das Blau das Hemdes steht im Komplementärkontrast zum rötlichen Orange bzw. Gelb der Hose und der querverlaufenden Bewegungsspuren. Gerade das Rotorange ‚blutet schier aus‘ und taugt hier als Signalfarbe.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Christoph verfolgt in seinem Bild mit Hilfe von Bewegungspuren durch längere Belichtungszeit und einem Festfrieren durch Blitzen auf den zweiten Vorhang einen Ansatz, der zu einem erstaunlichen Bildergebnis führt. Auf solche Weise kann das Auge die Szene nicht mehr sehen, hier schafft die Kamera also etwas Neues.

Man könnte dieses Gestaltungsmoment als ‚Dekonstruktivismus des vor Ort Vorhandenen und Rekonstruktivismus einer neuen Wirklichkeit‘ beschreiben. Die beiden Protagonisten vereinen sich zu einem ‚Handlungskonvolut‘, sie bleiben zugleich aber im Sinne der überlagernden Bewegungsspuren und scheinbaren Unterbrechungen auch fragmentarisch.

Dieser Ansatz gefällt mir außerordentlich, und wenn man der Kunst die Rolle zuschreiben würde, den Augenblick zu überhöhen, zu verdichten und zu übersetzen, um ihn aus dem profanen Zusammenhang zu befreien, denn hätte Christoph mit dieser Arbeit tatsächlich etwas in solcher Weise geschaffen.

Die Selbstbewertung unserer Arbeit folgt ja immer auch der öffentlichen Reaktion, sofern man sein Schaffen nicht als ‚l’art pour l’art‘ versteht.

Gleichwohl würde ich Christoph raten, hier nicht allzu sehr auf die Resonanz der ‚Fotocommunity‘ oder der ‚Lokalzeitung‘ zu bauen – erstere ist ein guter ‚Indikator des Massengeschmacks‘, weswegen dort Haustiere und Sonnenuntergänge ebenso zuverlässig bejubelt wie Arbeiten außerhalb des Mainstreams ignoriert werden; letztere dient gemeinhin anderen Zwecken, insbesondere der konkreten Berichterstattung über das Geschehene und der unmittelbaren Wiedererkennbarkeit durch die Leser, so daß dort künstlerische Ansätze ebenfalls eher für Befremden sorgen dürften.

Ich will zum Schluß den obigen Beschnittvorschlag nochmals aufgreifen und die ‚Fingerübung einer Überarbeitung‘ präsentieren. Es geht mir hierbei insbesondere darum, die enormen Gestaltungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die sich nach ‚Überwindung des realistischen Abbildungsfluchs‘ auch in der Fotografie ergeben.

Die erste Version ist eine Schwarzweißkonvertierung mit digitaler Filmkornsimulation und der Umsetzung der Signalfarben in abgestufte Grauwerte. Diese Fassung verstärkt nach meinem Dafürhalten noch die Überhöhung und Entfremdung der Szene, doch wirkt sie mit ihrem Verzicht auf die Farben insgesamt zu brav.

Deswegen wurden in der zweiten Version noch die Ursprungsfarben im Ebenenmodus ‚Farbe‘ dem Schwarzweißbild zu 65% überlagert – mehr zu solchen ‚Einfärbungsoptionen‘ in einem kommenden Tutorial …

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Komposition: Platzierung

Farben: Messung dreier Punkte

Überarbeitung: Beschnittvorschlag

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

Überarbeitung: Rekolorierung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Volker says:

    Hallo Thomas, danke für deine sehr interessante und tiefgründige Bildbesprechung, les ich immer wieder gerne und versuch für mich auch was rauszulesen!
    herzlich
    Volker

    Antworten

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