Leserfoto:
Starke Symbolik

Eine Bildbesprechung zur Erläuterung und Weiterführung des Tutorials ‚Waldfotografie‘

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Günter Bramböck aus dem niederösterreichischen Biedermannsdorf hat uns das obige Bild unter dem Titel „Festhalten” in der Kategorie ‚Natur/Tier‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Als Beitrag zum Thema Waldfotografie.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 5D Mark II mit dem Weitwinkelzoom Canon EF 17-40mm f/4L USM verwendet. Die Brennweite betrug kleinbildäquivalente 22,0 mm angesichts des verwendeten Vollformats, die Belichtungsdaten waren 0,6 Sekunde bei Blende f/22,0 und ISO 200.

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Ich freue mich sehr über Bildeinreichungen, die das Thema meines Tutorials zur Waldfotografie aufgreifen und fortführen. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Aufnahmesetup:

Günter verwendete bei dieser Aufnahme eine sehr wertige und praxistaugliche Kombination aus gutmütigem Kameragehäuse mit hohem Dynamikumfang und abbildungsstarkem Objektiv. Ich selbst arbeite mit dieser Kombination gerne im Landschafts- und Architekturbereich.

Seine Wahl der maximal geschlossenen Blende f/22,0 mag in der Hoffnung auf möglichst hohe Schärfentiefe begründet sein, doch scheint er mir dain doch ‚über das Ziel hinausgeschossen‘ zu sein:

  • Allein schon die Weitwinkligkeit verstärkt die Schärfentiefe enorm, was oft unterschätzt wird.
  • Bei solch extremen Blendenbereichen mindert die Beugungsunschärfe die mögliche Abbildungsleistung erheblich.
  • Die Vielzahl der so scharfgestellten Elemente verstärkt das getaltpsychologische ‚Dilemma der Multistabilität‘ – mehr dazu unten oder im dritten Teil meines Tutorials zur Gestaltpsychologie.

So hätte ich in dieser Situation wohl um zwei bis drei Stufen auf Blende f/11,0 bzw. 8,0 aufgeblendet. Die Belichtungszeit wäre dadurch um das Vier- bis Achtfache verkürzt worden worden.

Auch hätte man zum Ausgleich noch die Sensorempfindlichkeit erhöhen können, denn bis ISO 800 verhält sich die Canon EOS 5D Mark II ausgesprochen gutmütig.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Als Motivzentrum des Bildes fungiert jener angeschnittene und mit Teilen des Wurzelwerks und des unteren Stamms erkennbare Baum (durchgezogene rote Linien ebd., eine Fichte nach der Rindenzeichnung?).

Der Anschnitt eines zweiten, nach links hinten versetzten Stammes dient als Doppelung des Hauptmotivs (punktierte rote Linien ebd.).

Anlaß zum Bildtitel gab, daß sich besagter Baum mit seinen Wurzeln an einigen Felsbrocken festklammert – es sind derer vier in unmittelbarer Nähe des Motivzentrums, die mir kompositorisch wichtig erscheinen (durchgezogene gelbe Linien ebd.).

Links hinter dieser Kaskade wird noch ein weiteres Wurzelwerk erkennbar (punktierte gelbe Linien ebd.).

Weitere Elemente zu den Bildrändern hin habe ich mit ‚Beiwerk/Ablenkung‘ bezeichnet (grüne Schrift ebd.). Es sind für sich betrachtet schöne Elemente, gewiß, doch verwässern sie nach meinem Dafürhalten eben auch die Komposition und lenken vom Motivzentrum ab.

Eine eingängige Blickführung (violettes Fragezeichen ebd.) vermag ich bei der Vielzahl von Bildelementen leider nicht zu beschreiben.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Deutlich linksschief und -versetzt und mit einem Median von etwa 75 zeigt sich das Histogramm.

Wir sehen vielfache Tonwertabbrüche, besonders in einem umschriebenen Schattenbereich, flächiger hingegen in den Feinstrukturen des Lichterbereichs.

Farben:

Gebrochene Grün- und Brauntöne dominieren das Bild.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Wie schon bei den Tonwerten beschrieben, leidet die Feinstruktur gerade im Lichterbereich. Als Ursache ist ein kombinierter Zeichnungsverlust bei lokaler Überblendung und genereller Beugungsunschärfe zu vermuten.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Zunächst möchte ich Günters Bildidee würdigen. Der Wald ist kein Ort von ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘, sondern eine oftmals rauhe Welt.

Wenngleich wir Menschen dort mittlerweile selten von ‚Witterung, Wildtieren und Wegelagerern‘ heimgesucht werden, könnten uns andere Arten sicher einiges über den dortigen Überlebenskampf berichten. Dies, so meine ich, greift Günter mit einer markanten (und weiter ausbaufähigen) Symbolik auf.

Doch lassen sich an seiner Arbeit auch die kompositorischen und belichtungsmäßigen Schwierigkeiten der Waldfotografie veranschaulichen.

Das Bild ist einerseits zu voll – viele Elemente ringen um Aufmerksamkeit, auch solche am Bildrand. Das eigentlich zur Verfügung stehende Motivzentrum mit Solitärbaum, Doppelung und den vier einrahmenden Felsbrocken gerät so ins Hintertreffen.

Darauf bezieht sich mein erster Überarbeitungsvorschlag (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) – es ist ein Beschnitt, der sich auf besagtes Motivzentrum beschränkt und diesen im Sinne eines naturnahen Stillebens mehr Geltung verschaffen soll.

Mein zweiter Überarbeitungsvorschlag (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) arbeitet mit dem gegebenem Ausschnitt. Hier habe ich den Hintergrund skizzenhaft (für eine saubere Ausarbeitung bräuchte es das nicht verkleinerte und komprimierte Original) etwas aufgehellt und weichgezeichnet, um zu einer ‚bessere Differenzierung zwischen Figur und Grund‘ zu kommen.

In Hinblick auf das Belichtungsproblem möchte ich mich heute auf den Hinweis beschränken, daß in der Digitalfotografie zugelaufene Schatten im gewissem Umfang wiederherstellbar, ausgebrannte Lichter jedoch unwiderruflich verloren sind.

Man sollte die Belichtung in solch kontrastreicher (und vom begrenzten Dynamikumfang heutiger Sensoren nicht erfaßbarer) Umgebung also eher an der korrekten Darstellung der Lichter bemessen – mehr dazu in einem kommenden Tutorial ‚Das digitale Belichtungsdilemma‘ …

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Schattenbeschnitt

Tonwerte: Histogramm und Lichterbeschnitt

Überarbeitung 1: Beschnittvorschlag

Überarbeitung 2: Aufhellung und Weichzeichnung des Hintergrundes

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Christian Fehse says:

    Ich finde das Bild ist ein typisches digitales Foto. Es verbinden eine hohe Retailauflösung mit einem kleinen Format – das dann noch mit Ultra-Weitwinkelobjektiven erzeugt diesen „alles im Bild ist scharf“-Look. Ich kenne einige Leute, die genau das erschaffen wollen. Der Traum vom perfekt scharfen Bild. Ich glaube sowas paßt ganz gut in die Zeit, wo auf der einen Seite alles klar erkennbar und jedes Detail überall sichtbar gemacht werden kann und auf der anderen Seite gerade dadurch etwas der Überblick verloren geht. Man weiß gar nicht mehr so genau, welches Detail man sich anschauen soll. Ich finde das Bild so wie es ist sehr stimmig, aber etwas schwer zu betrachten. Thomas Überarbeitungen machen es leichter und fokusierter.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Danke für Deine Gedanken zur Weitwinkligkeit. Ich kann dieses „scharf von hier bis Bagdad“ zumeist auch nicht ab, weil dadurch räumliche und atmosphärische Qualitäten leiden (der Horizont einer Landschaft darf sich nach meinem Dafürhalten in weicher Schärfe belaufen), und schon gar nicht, wenn in bestimmten Kreisen Abbildungsleistung und Schärfentiefe das einzig Diskussionswürdige sind (und kompositorisch-dramaturgische Belange überhaupt keinen Ausdruck mehr finden) …

      Aber den „Fluch der Schärfentiefe“ kenne ich trotz Vollformat selbst schon auch, da ich sehr oft „im kleinbildäquivalenten 17-mm-Bereich“ (mit dem TS oder dem 17-40) arbeite. Um „das Malerische bzw. Pictorialistische im o. g. Sinn“ herauszuarbeiten, sollte man öfters eine offene Blende wagen (hatte ich ja schon gesagt, vielleicht sogar f/5,6) oder eben näher an das Vordergrundmotiv herangehen, was die Schärfentiefe auch wieder mindert …

    • Christian Fehse says:

      Ich will es mal etwas vorsichtiger ausdrücken: der kompositorische Ansatz ist möglicherweise ein anderer. Ich kenne Leute, die vor 15, 20 Jahren schon davon geträumt haben, so ein Bild zu machen wie dieses – was damals aber nur möglich war, wenn man Ausrüstung im Wert einen Mittelklassewagens benutz hat. Das hat ja einen Reiz eine Faszination diesen Wald so „in Gänze“ darzustellen. Es besteht nur sehr viel mehr die Gefahr, das die Bilder nicht mehr begreifbar werden. Hier in diesem Bild „stören“ auch etwas die Highlights, die nicht so gut eingefangen sind.

      Was mich bei der Weitwinkeligkeit immer wieder überrascht: auch bei diesem Bild hätte ich geschworen, das es mit 50mm aufgenommen ist. Die Tiefe kommt durch den Reichtum an scharfen Details und nicht durch den Blickwinkel. Das könnte ich mit meinem 24er an analog überhaupt nicht

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