Leserfoto:
Eine Allegorie der Zeit

Ein reizvolles ‚Porträt mit Zeitbezug‘.

Ausgangsbild

Unser Leser Stephan Oertel aus Leipzig hat uns das obige Bild unter dem Titel „In Gedanken ans neue Jahr” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Foto entstand zu unsere Silvesterfeier und ich habe meinen ersten Blitz, den ich erst seit dem 23.12.2013 besitze, ausprobiert. Ich versuche mich seit ca. einem halben Jahr mit Portraitfotografie und würde mich über Kritik freuen. ”

Zur Aufnahme wurde eine sehr wertige Ausrüstung mit der Canon EOS 6D (Affiliate-Link) und der Festbrennweite Canon EF 100mm f/2.8L Macro IS USM verwendet. Die Brennweite betrug 100 mm (entsprechend Kleinbildäquivalent beim verwendeten Vollformat), die Belichtungsdaten waren 1/60 Sekunde unter Blitzbedingungen bei Blende f/2,8 und ISO 100.

Die Porträtfotografie ist ein anspruchsvolles, aber auch lohnendes Gebiet. Und so freuen wir uns über die wachsende Anzahl von Bildeinreichungen unserer Leser in diesem Bereich. Sofern unser einschlägiges Porträt-Tutorial dazu beitragen konnte, wäre einer seiner Zwecke erfüllt. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition: Grundelemente

Die junge Frau in der rechten Bildhälfte zieht den Blick des Betrachters auf sich. Die Augen und das Kinn formen das für Porträts so typische umgekehrte Dreieck (rote Linien ebd.). Diese dynamische Figur wird vom Halbrund aus Wangen- und Kinnpartie sowie dem Winkel des Haaransatzes eingerahmt (orange Linien ebd.). Eine weitere Staffelung stellen die bogigen Strukturen der Schultern und der Haarkontur dar (gelbe Linien ebd.).

Doch mit dieser wichtigen ‚Motivgruppe‘ ist dieses Bild noch nicht ‚auserzählt‘ … im Hintergrund und in weiche Unschärfe fallend gewahren wir eine helle Strebe (blaue Linien ebd.), die das Bild in zwei Hälften teilt – in einen rechte, volleren und einen linken, leereren Raum.

Doch ist diese Leere nicht vollständig, was für die Gesamtwirkung wichtig ist – einzelne Strukturen zeichnen sich ab, wir meinen schemenhaft Gebüsch und einen Baum zu erkennen (grüne Linie ebd.).

Komposition: Blickführung und Zeitbezug

Noch auf eine zweite Weise, im Sinne der Blickführung (siehe dazu ggf. auch das Tutorial ‚Blickwege bei der Bildbetrachtung‚), möchte ich die Komposition beschreiben.

Ich habe dazu das Bild in einen virtuellen Raum gestellt. Nun scheint es, wie wenn der Blickweg von der linken Rückseite her durch das Bild geht und schließlich dem Blick der jungen Frau nach rechts, aus dem Bild heraus folgt.

Die fokussiert.com-Bildkritik ist die Besprechung einer von Leserseite eingesandten Fotografie. Sie zeigt Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung. Sie wollen dabei sein? Reichen Sie Ihre Fotografie ein. Oder buchen Sie eine private Kritik.
So ist darin nach meinem Dafürhalten eine starke ‚Metapher des Zeitbezugs‘ verwoben, die sich im Sinne der ‚Rückschau auf das Vergangene‘ und der ‚Vorschau auf das Kommende‘ bereits im Bildtitel andeutet.

Die sich in der Bildteilung und Blickführung anbietende ‚Allegorie der Zeit‘ – jene Anregung also, am Beispiel der Abgebildeten auch die eigenen Gedanken in Richtung der Vergangenheit und Zukunft schweifen zu lassen – gefällt mir in dieser Arbeit sehr gut.

Zwei Vorschläge zur Überarbeitung (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder) hätte ich noch …

Überarbeitung 1: Auffrischung der Farben und Tonwerte

Sofern man die Farbfotografie weiter ausarbeiten möchte, gelingt es durch ein einfaches Manöver mit dem Werkzeug ‚Tiefen/Lichter‘ (siehe dazu ggf. auch das einschlägige Tutorial), das etwas flau wirkende Bild prägnanter und leuchtender zu gestalten.

Auch eine Schwarzweißkonvertierung ist zu erwägen, sie bietet nach meinem Dafürhalten phantastische Möglichkeiten, ‚das Wesen eines Abgebildeten zu ergründen und darzustellen‘ und sich nicht auf vordergründigen Naturalismus und Farbauftrag zu beschränken.

Wichtig bei beiden Überarbeitungen ist, daß die linke Bildhälfte nicht ‚zur schwarzen Fläche verkommt‘, sondern ihre Differenzierung der Zonen 0 bis II beibehält.

 

 

 

Überarbeitung 2: Schwarzweißkonvertierung

3 Antworten
  1. Stephan Oertel says:

    So nun komme ich hin nach über 2 Jahren hier mal wieder vorbei und freue mich über die Kritik und die Anregungen zu meinem Portrait. Ich habe es später es auch in Tiefen und Lichter auf gewertet. Die SW Umwandlung ist auch sehr gut gelungen Danke. https://flic.kr/p/kEQoHx
    Hier ist ein weiteres Foto aus der Reihe. Nochmals danke für die konstruktiven Anregung

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  2. Christian Fehse says:

    Erstmal ist das ein sehr gelungenes Portrait und auch keine leichte Sache trotz E-TTL bei den Lichtverhältnissen. Thomas Idee mit der SW-Konvertierung gefällt mir auch sehr gut. Nur finde ich sein Überarbeitung ein bisschen hart. Ich habe es mal etwas weicher und heller mit viel Rot versucht:

    http://update.infomantis.de/download/cf/in-gedanken-ans-neue-jahr-2.jpg

    Das hebt die Person gut hervor und bringt insgesamt eine sehr weiche Hauttonwiedergabe und ein detailreiches Bild.

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    • Thomas Brotzler says:

      Danke für Deine Bearbeitung, Christian!

      Wenngleich mir persönlich diese Variante den Gesamteindruck zu sehr abflacht und den Hintergrund zu sehr betont, so zeigen sich darin doch Spielbreite und Gestaltungsmöglichkeiten der Schwarzweißfotografie auf.

      Ähnliches bietet die Farbfotografie nach meinem Dafürhalten nicht, denn hier stoßen vergleichbare Tonwertverschiebungen alsbald an die Grenzen der realistichen Abbildungspflicht.

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