Tutorial:
Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße? (1)

Betrachtungen zu einem ebenso wirkungsvollen wie überstrapazierten Motiv.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Ein meteorologisch-astronomischer Ausflug
3. Kompositorisch-dramaturgische Exkursionen
4. Eine psychologische Annäherung
5. Kurzer Boxenstop beim Kitschbegriff
6. Zurück im fotografischen Alltag: Was können wir tun?
7. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

1. Einführung in das Thema

Nach dem sperrig-launigen Titel des Tutorials ein kurzer Dialog, der sich bei Betrachtung eines typischen Sonnenuntergangsbildes vielleicht ergeben könnte (siehe dazu auch Abbildung 1) …

Abb. 1: Der Dialog

Stimme 1: „Was für eine stimmungsvolle und ausdrucksstarke Aufnahme! Diese Schönheit zieht mir völlig die Schuhe aus!”

Stimme 2: „Was für ein gräßlicher Kitsch! Das sülzt ja dermaßen, daß man schon eine Wanne drunter stellen muß!”

Ein schwieriges Thema? Ein provozierendes, polarisierendes, wie es sich im obigen Dialog ausdrückt? Beides ist wohl zu bejahen, und doch (oder gerade deswegen) reizte es mich, dieses Thema einmal in Form eines Tutorials anzupacken und hier zu präsentieren.

Ich selbst kann nicht verhehlen, bei der Betrachtung von Sonnenuntergangsbildern oft genug hin- und hergerissen zu sein, zwischen beiden obenstehenden Zitaten quasi zu pendeln. Vielleicht stimmen ja beide, auch wenn sie sich widersprechen – eine Art ‚fotografischer Dialektik‘ …

So komme ich auf mein Motiv für dieses Tutorial. Wann immer ich auf widersprüchliche Gedanken, Gefühle und Strebungen stoße, hat es sich für mich bewährt, ‚ein bis zwei Schritte zurückzugehen‘ – von einer Warte festgefügter Meinung auf eine solche vertiefter Untersuchung. Nicht viel anderes will ich auch hier versuchen, nur eben in Schriftform: Material sichten, Bedeutungsebenen herausarbeiten, Fallstricke erkennen, Orientierung ermöglichen. Sofern Ihr darin Handreichungen für Eure eigene Annäherung an das Thema fändet, würde es mich freuen und wäre der Zweck dieses Tutorials erreicht …

Was kommt in den nächsten Abschnitten also auf Euch zu?

Im Sinne der Herleitung der Grundlagen möchte ich in Abschnitt 2 zunächst ganz nüchtern bei einigen physikalisch-technischen Aspekten einsteigen, bei der Frage nämlich, wo eigentlich die Himmelsfarben und Sonnengröße bzw. -form herrühren, über die wir bei solchen Bildern immer wieder staunen. Alles schon bekannt? Um so besser, dann rückt bitte drei Felder (bzw. einen Abschnitt) vor …

Bildanalytische, mithin also rationale Aspekte stehen auch im Zentrum des Abschnitts 3. In diesem Zusammenhang möchte ich der Frage nachgehen, ob sich in Sonnenuntergangsbildern typische und immer wiederkehrende Elemente der Komposition und Dramaturgie (mithin also Stereotypien) beschreiben lassen.

Etwas subtiler, also emotionaler bzw. persönlicher wird es dann in Abschnitt 4. Ich möchte dazu einige Anleihen bei meinem (psychologischen) Zweitberuf machen, um das Phänomen und die oft starke Wirkung solcher Bilder zu veranschaulichen.

Daran anknüpfend müßten wir uns in Abschnitt 5 doch noch ein wenig mit dem Begriff des Kitsches befassen. Anhand gängiger Definitionen möchte ich untersuchen, ob und inwieweit der Kitschbegriff auf das typische Sonnenuntergangsbild anzuwenden ist.

Im anschließenden Abschnitt 6 verweist schon die zugehörige Überschrift auf den Versuch, probate Lösungen zu finden und bei jener Gratwanderung zwischen Ausdrucksstärke und Kitschverdacht nicht ins Straucheln zu geraten. Anhand eines Bildbeispiels möchte ich Ansätze aufzeigen, wie man solche Motive mit dramaturgischen Spannungsbögen und inhaltlicher Tiefe anreichern und sie so den Fängen von Konventionalität und Trivialität befreien könnte.

Im letzten Abschnitt 7 möchte ich dann, wie bei allen Tutorials, das Geschriebene nochmals zusammenfassen.

Zu textlastig soll das Ganze natürlich auch nicht werden, deswegen gibt es immer wieder Bildbeispiele und Illustrationen.

Abb. 2: Bildersuche nach 'Sonnenuntergang' bei Google

In diesem Abschnitt seht Ihr als Abbildung 2 etwa das Ergebnis meiner Bildersuche nach ‚Sonnenuntergang‘ bei Google – 18 Seiten, wobei die Suche hier schlichtweg abbricht, das Ende der Fahnenstange aber gewiß noch nicht erreicht ist. Bezeichnend sind hierbei nicht nur die ‚endlosen Reihen immer wieder gleichen Bilder‘ (mehr dazu in Abschnitt 3), sondern insbesondere auch die (hier nochmals ausgeschriebenen) ‚verwandten Suchanfragen‘; es scheint, wie wenn sich Google hier mittlerweile als ‚Maschinennorm durchschnittlicher Geschmäcker und Erwartungen‘ (mehr dazu in den Abschnitten 4 und 5) aufspielen wollte: „Wallpaper … Herz … am Meer … Berge … mit Palmen … Liebe …”

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

9 Antworten
  1. Frank says:

    Oh, da bin ich gespannt!

    Der Sonnenuntergang fasziniert uns ja nicht nur als fotografische Abbildung sondern auch in Real. Und ich stelle mir gerade die Frage, wo dieser psychologische Moment seinen Ursprung hat. Vergleichbar zu der Frage, warum wir gerne in ein brennendes Feuer (Lagerfeuer o.ä.) sehen. Feuer hat nicht nur Wärme und gares Fleisch gebracht, sondern in früheren historischen Phasen auch ganze Städte und Dörfer verwüstet. Das „Warme, und kulinarisch Genussreiche“, was mit dem Feuer verbunden ist, ist also tiefer psychologisch verwurzelt.

    Und beim Sonnenuntergang und -aufgang muss es auch so einen Jahrtausende-alten Effekt geben, der sich genetisch in uns manifestiert hat. Ich glaube nicht, dass es sich hier um einen reinen Lerneffekt handelt. Was wir unter Romantik verstehen (nicht die Empfindung selbst, sondern die Einordnung dieser Empfindung) ist sicher zum großen Teil angelernt. Aber die Faszination der tief stehenden Sonne muss tiefer und damit historisch viel weiter zurück liegen.

    Vielleicht ist dies auch eine Betrachtung, die Aufnahmen etwas weniger per se dem Kitsch zuzuordnen. Vielleicht sagen wir nur Kitsch dazu, weil sich das Lichtspiel tatsächlich auch einfach und ohne viel Kenntnis und in Massen und in einer unendlichen Variationsbreite (zusammen mit den Wolken und der Umgebung) bildlich ablichten lässt und in dieser Qualität der Masse auch schon ausreicht. Weil eben die psychologische Wirkung so intensiv ist.

    Antworten
  2. Christiane says:

    Ergänzung: 6 ist natürlich dann der Schlüssel zum besseren Sonnuntergangfoto…..darauf bin ich besonders neugierig.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ich hätte die Neigung, jenes ‚besser oder schlechter‘ durch ein ‚mehr oder weniger zweckdienlich‘ zu ersetzen … und eher Vorschläge dazu zu machen statt mir schlußgültige Urteile herauszunehmen. Die Dinge sind kompliziert, da die Wirkung immer im Betrachter entsteht …

  3. Christiane says:

    Hallo Herr Brotzler, ich glaube, spontan bin ich am meisten gespannt auf Abs.4 bzw 5. Was ist der Grund für unsere Faszination für Sonnenuntergänge/aufgänge und diese dann auch noch festhalten zu wollen in meist kitschigen Fotos? Lesen werde ich alles, so wie ich schon alle Tutorials gern gelesen habe. Dafür auch mal ein pauschales Dankeschön. Herzliche Grüße
    Christiane

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Herzlichen Dank meinerseits für die freundlichen und anerkennenden Worte. Wir könnten hier gerne beim vertrauten Internet-Du bleiben.

      Nun ist also Spannung erzeugt, und da hoffe ich natürlich, den entsprechenden Bogen (der ja gewissermaßen auch zu den Polen von Astronomie und Psychoanalyse reicht) halten zu können. Mal schauen …

      Man möge beim Lesen aber bitte nicht aus den Augen verlieren, daß ich zum Thema durchaus eine gewisse ironische Distanz wahre. Anders mag es mir kaum gelingen, etwas halbwegs Vernünftiges dazu zu schreiben. Denn wie angedeutet finde ich Kitsch bisweilen berührend und erschreckend zugleich …

  4. Hans says:

    Leber Thomas, eben sah ich mich am Strand in genau diesem Zwiespalt und hab einige Bilder gemacht. Tolle Idee! Bin Gespann. Grüße Hans

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      So vernehme ich also, lieber Hans, daß Du gerade zwei Sonnenuntergänge vor Augen zu haben scheinst – einen vor dem wirklichen und einen vor dem geistigen Auge. Uns kann es natürlich recht sein, wenn unsere Leser auch in der Ferne nicht auf ‚Fokussiert‘ verzichten können. Freilich könnte ich persönlich auch das Gegenteil gut heißen, zumal ich selbst bei meinen Urlauben und Fotoexkursionen ‚jedweden Stecker moderner Elektronik ziehe‘ :o) … mit nachdenklicher Ironie grüßt Thomas

    • Hans says:

      … wenn nur die Akkus länger halten würden und man nicht immer Steckdosen, Kabel, etc. suchen müsste ;-)

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Sonnenuntergang”) möchte ich energisch entgegentreten. Über dieses Thema hatte ich mich im Tutorial ‚Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße?‘ weitschweifig ausgelassen. Der Bildwitz dieser Aufnahme (daß also so etwas Großes, Mächtiges und […]

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