Leserfoto:
Gelungener Einstieg

Was herauskommt, wenn ein ‚geschultes Auge‘ sich neuen fotografischen Themen zuwendet, soll die heutige Bildbesprechung aufzeigen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Neujahrsstimmung am See” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Chiemsee/Prien: Sonnenaufgang über dem See, die Möwen am Steg dösen vor sich hin oder lauern auf Beute, im Hintergrund öffnet sich das Panorama auf die Voralpen, Nebel in den Niederungen, eine deutlich sichtbare Wolkendecke, durch die sich das Licht der Sonne in diesen frühen Stunden hervorzukämpfen versucht, eilt über die von Schnee bedeckten Berggipfel … Eine meiner ersten Fotografien im neuen Jahr, und auch noch eine für mich eher seltene Landschaftsaufnahme – ich lerne sehen, mal schauen, was daraus noch wird?! … Aufnahmedaten: Nikon D 700, 50 mm-Makro-Objektiv/2.8 bei Blende 14, Belichtungszeit 1/125, ISO 200, Bearbeitung in Lightroom/Photoshop, Kontrast angehoben, Himmel und Berggipfel leicht nachbearbeitet (Tiefen/Lichter)”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch, daß die abgelesene und kleinbildäquivalente Brennweite beim hier verwendeten Vollformat identisch war.

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Es ist immer schön, eine fotografische Entwicklung zu begleiten – wie hier bei Marcus, von dem wir schon ansehnliche Street- und Porträtfotografien in Schwarzweiß kennengelernt haben und der mittlerweile auch die farbige Street oder wie jetzt die monochrome Landschaft anpackt. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Eine kontrastreiche und kraftvolle, zudem detailreiche Landschaftsaufnahme im 3:2-Querformat erwartet den Betrachter.

Die von Marcus schon erwähnte Reihe der Möwen (rote Linien ebd.) sitzt bzw. lauert auf dem Geländer eines von rechts in den See hineinragenden Stegs (gelbe Linien ebd.). Diese Struktur findet ihre Verlängerung in der etwa im Goldenen Schnitt befindlichen Uferlinie (grüne Linien ebd.).

Landschaftlich eingerahmt wird das Ensemble von den etwa im Drittel von oben liegenden Spitzen der Bergkette (blaue Linien ebd.), dem darüberliegenden, dramatisch ausgestalteten Wolkenhimmel und den Spiegelungen auf der Wasserfläche darunter (türkisfarbene Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Histogramm zeigt eine Spitze im Schattenbereich, ansonsten sehr gleichmäßig verteilte Tonwerte bei einem Median von etwa 105.

Die erwähnten tiefen Schatten konzentrieren sich auf den Steg im Sinne der Zonen 0 bis II, des weiteren auf die Flanken der Berge, wobei hier um die Uferlinie herum eine schöne Variation in den Zonen III, IV, II und IX besteht.

Gerade diese Bereiche der Uferlinie und der auf dem Geländer sitzenden Vogelkette stellen ‚Hotspots‘ in tonaler Hinsicht dar. Sie entscheiden maßgeblich über Atmosphäre und Wirkung dieser Arbeit.

Überarbeitung (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Die tiefen Schatten des Stegs erschienen mir doch etwas ‚zu verklumpt‘, so daß sich der Blick des Betrachter darin verlieren könnte. Ich habe diese dunklen Bereiche deswegen weiter geöffnet, um so die Gesamtbalance der Tonwerte zu verbessern.

Desgleichen habe ich die Linie der Vögel sowie die Uferlinie bis zu den Schneepartien der Berge noch abgewedelt, um diesen bildentscheidenden Bereich mehr leuchten zu lassen und so zur Geltung zu bringen.

Schon von früheren Besprechungen her dürfte mir wohl ein ’spiegelungsfreudiger Ruf‘ anhaften, dem ich auch hier folgen möchte … eine solche horizontale Verkippung scheint mir plausibel, um die Blickführung vom Steg über die See und von dort in die Berge und den Himmel zu erleichtern.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Der ‚Einstieg in die Landschaftsfotografie‘ (sofern Marcus dies als einen solchen empfindet) ist rundweg gelungen. Man merkt einfach, daß sich Marcus über die Jahre einen ‚guten fotografischen Blick‘ erarbeitet hat, den er nun erfolgreich auf andere Themenbereiche anwendet.

Daran gemessen belaufen sich meine Überarbeitungsvorschläge auf Kleinigkeiten, die aus meiner Sicht vielleicht noch verbessert werden und zu einer verstärkten Bildwirkung beitragen könnten.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Hotspots

Überarbeitung: Auffrischung der Tonwerte

Überarbeitung: Horizontale Spiegelung

Überarbeitung: Veränderte Blickführung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,

    herzlichen Dank für Deine wiederum sehr aufbauende Bildkritik. In der Tat habe ich mittlerweile schon einige „Versuche“ in Richtung Landschaftsfotografie hinter mir. Das ist alles noch eine mühsame Suche in einem neuen Genre – und der Wald als Thema ist mir immer noch eine Rätselfigur (habe Vieles einfach wieder gelöscht!). Insofern fühle ich mich jetzt über Deine Beurteilung meines „Einstiegs“ geradezu positiv überrascht, aber im vorliegenden Beispiel waren die Bildelemente ja auch recht überschaubar und mit meinen bescheidenen Kenntnissen, die eher einem inneren Instinkt folgen, recht gut zu bewältigen.

    Deine „Aufhellung“ wegen des „verklumpten“ Stegs macht das Bild gewiss lesbarer, ebenso wie die Bildspiegelung. – Letztere hatte ich geradezu erwartet oder herausgefordert (??) :-))

    Nun zeigte sich die düstere Stimmung an diesem frühen Morgen genau so wie ich sie präsentiert habe. Eine Aufhellung gehört in diesem Fall also zur künstlerischen Freiheit ebenso wie die Frage, was für eine Stimmung hier denn eigentlich transportiert werden sollte. Vor allem aber Berge und Steg sind von Prien am See so sichtbar wie gezeigt. Daran mochte ich nachträglich nichts ändern, auch wenn ich anfangs selber mit einer Spiegelung des Motivs geliebäugelt habe und nur wegen meines „verquasten“ Naturalismus davor zurückgeschreckt bin. Manchmal hätte auch ich ein Motiv gerne schon in der Realität gespiegelt vorliegen – wegen der besseren Bildästhetik und Lesbarkeit … Auf jeden Fall mache ich da lernend weiter…

    1000 Dank und beste Grüße
    Marcus


    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Marcus,

      ich kann Deiner Argumentation zwanglos folgen – ‚das Geheimnisvolle, sich nicht gleich Offenbarende‘ zu zeigen war Deine Vision. Doch Du erwähntest auch die ‚Lesbarkeit‘ – wie weiland Markworts „Fakten, Fakten, Fakten, und immer an den Leser denken“? Ein Aspekt bzw. Argument noch hierzu: der sehr kleinteilige Komplex aus Steg und Vögeln scheint nach Lesbarkeit (vulgo tonaler Differenzierung) zu verlangen, sonst bleibt der Lesewunsch des Betrachters womöglich unbefriedigt. Ich persönlich würde in der Motivsuche und -erarbeitung also zu einem strukturärmeren Vordergrund tendieren, wenn ich das Düstere bzw. Versteckte symbolisieren wollte.

      Grau ist alle Theorie, deswegen zur Veranschaulichung ein Bild aus meinem Masuren-Portfolio. Siehst Du dort den Spannungsbogen zwischen tonal verschmelzendem Vordergrund und kontrastreich gezeichnetem Mittelgrund? Ich meine, daß es ‚mysteriös genug‘ bleibt …

      Viele Grüße
      Thomas

    • Marcus Leusch says:

      … „aus meinem Masuren-Portfolio“ …:

      Wahrlich eine famose Aufnahme – bei der sich m i r sehr unmittelbar ein existenzialistischer Deutungshintergrund öffnet (die Gedanken sind frei)


      Ja, ich verstehe jetzt besser, was Du mit „tonaler Differenzierung“ ansprichst – das ist in 
dieser Aufnahme einfach sehr feinsinnig und präzise umgesetzt. Ein gutes Lehrstück für einen „Streetworker“ wie mich, der so noch eine ganze Menge Arbeit vor ich sieht.

      
Werde also demnächst einmal auf Motivsuche gehen und sehr wahrscheinlich 
auch mein Stativ auf den Buckel packen, das ich bei meinen Streifzügen durch Stadtlandschaften und Straßen bislang nie gebraucht habe, für sorgfältig ausgearbeitete Landschaftsfotos ist das aber unentbehrlich. Und schließlich: Das Moment der Entschleunigung von der Straße in die Natur passt ja auch recht gut zu meinem Naturell. 



      Herzliche Grüße
      Marcus

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat „existenzialistischer Deutungshintergrund

      Huja, wohl dacht‘ ich auch, ob der allseits bekannte und beliebte Charon dort wohl anlegte … nicht der einzige, aber einer der maßgeblichen Gründe, warum ich mich bei diesem Steg auf die ‚visuelle Begehung‘ beschränkte …

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