Leserfoto:
Morbider Charme

Die Herausforderungen der Architekturfotografie wollen wir in der heutigen Bildbesprechung nochmals diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Ronny Wesche aus Erfurt hat uns das obige Bild unter dem Titel „Quod gradus – Die Treppe” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Bild zeigt eine Treppe in einem alten, verlassen Sanatorium in Thüringen. Ich habe für diese Aufnahme ein 8mm Fisheye benutzt. Um das Foto so wenig wie möglich zu Verzerren und die Brennweite optimal zu nutzen, habe ich den Bildaufbau mittig gehalten. Über konstruktive Kritik würde ich mich sehr freuen.”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D7100 verwendet. Da diese wahlweise einen Formatfaktor von 1,3 oder 1,5 ermöglicht, betrug die kleinbildäquivalente Brennweite entsprechend 10,4 oder 12 mm. Die Belichtungsdaten waren 6,0 Sekunden bei Blende f/18,0 und ISO 200.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Aufnahmesetup:

Nach meiner Einschätzung hätte bei derart extremer Weitwinkligkeit eine Blende f/8,0 bzw. f/11,0 ausgereicht, um eine durchgehende Schärfentiefe (siehe dazu ggf. mein einschlägiges Tutorial) zu erzeugen.

Die verwendete Blende f/18,0 verlängert unnötig die Belichtungszeit und bringt das Objektiv zudem aus dem Bereich des Abbildungsmaximums in jenen der beginnenden Beugungsunschärfe.

Kadrierung (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Ausgangsbild weist eine deutliche Verkippung gegen den Uhrzeigersinn und eine subtile Verzerrung nach links auf. Es ist zudem nicht exakt mittig ausgerichtet.

Die Korrektur zeigt das Ergebnis nach entsprechender Geradeausrichtung, Entzerrung und Beschneidung.

Die Bogigkeit der peripheren Linien ist hingegen nicht als Fehler der Bildkontruktion, sondern als typische (und reizvolle) Charakteristik des verwendeten Fisheyeobjektiv zu werten.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

‚Dreh- und Angelpunkt‘ des korrigierten Bildes ist jene Tür am unteren Ende des Treppenhauses (rote Linien ebd.).

Diese ist sowohl Ziel der über beide Flanken der Treppe ziehenden Blickführung (grüne Linien ebd.) wie auch Ausgangspunkt zum Übertritt in die vom Betrachterstandpunkt nur zu erahnende, taghelle Außenwelt.

In die Kompositionsskizze habe ich des weiteren sekundäre (siehe orange Linien ebd.) und tertiäre (siehe gelbe Linien ebd.) Linien eingezeichnet, die besagtes Motivzentrum der Tür einrahmen und zur enormen Tiefenwirkung der Aufnahme beitragen.

Die zunehmende Bogigkeit der Bezugslinien zur Peripherie hin hatte ich als typische Objektivcharakteristik bereits erwähnt.

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Die Belichtung ist nicht unproblematisch, der vor Ort herrschende Dynamikumfang sprengt die Aufnahmefähigkeit des verwendeten Sensors bei weitem.

In diesem Sinn ist das Histogramm zwar linksverschoben mittenbetont bei einem Median von gut 80, doch weist das Bild weitläufige Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich auf.

Insbesondere Letztere wirken im Sinne zeichnungs- und modulationsloser Bereiche (Zone X) der Tür in der Mitte, der Fenster links oben und der Treppenflanke rechts sehr störend.

Farben:

Gwebrochene Braun- und Blautöne herrschen im Bild vor.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich möchte Ronnys Arbeit zunächst im Sinne der Motivfindung würdigen.

Solch verlassene Architektur weist einen ganz eigenen, morbiden Charme auf, sie wirkt ‚wie aus der Zeit gefallen‘ und es ist ganz gewiß von Belang, diese ‚vor Eintreffen der Abrißbirne‘ fotografisch zu würdigen – zur Vertiefung darf ich auch auf mein vierteiliges Tutorial ‚Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen‘ hinweisen.

Auch die Objektivwahl erscheint mir der Szene und Bildabsicht angemessen. Jene ‚periphere Bogigkeit im Kontrast zur mittigen Gradlinigkeit‘ bringt ein surreales Element in das Bild.

Auf die Mängel im Bereich der Bildkonstruktion und Belichtung hatte ich oben bereits hingewiesen.

Zu Ersterem kann ich nur zu ‚absoluter Exaktheit‘ (bei der Ausarbeitung des Bildes, besser noch bei der Motiverarbeitung vor Ort) raten, denn ‚ein bißchen krumm und schief, aber irgendwie nett‘ kann im Sinne anspruchsvoller Architekturfotografie schlichtweg nicht genügen.

Zu Letzterem ist eine Belichtungsreihe mit Ebenenüberlagerung der problematischen Belichtungsbereiche bzw. mit HDR-Erstellung und behutsamer Herunterrechnung in den Normalkontrastraum zu empfehlen. Die Alternative bestünde im ‚konstruktiven Warten‘ auf eine andere Tageszeit bzw. bessere Wettersituation (ein grau verhangener Himmel ist für Innenraumaufnahmen optimal).

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Bildteil:

Kadrierung: Verkippung und Seitabweichung

Kadrierung: Korrektur

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickfuehrung

Tonwerte: Histogramm und Schattenbeschnitt

Tonwerte: Histogramm und Lichterbeschnitt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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