Leserfoto:
Traumhafte Seenlandschaft

Eine wunderschöne Landschaftsaufnahme mit kleinen kompositorischen Problemen möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (7 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Matthias Heppa aus Stans im Kanton Nidwalden (hach, der Vierwaldstätter See!) hat uns das obige Bild unter dem Titel „Brienzer Schwanensee” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo zusammen, bin heute zufällig auf Eure Website gestossen und habe schon einige Bildkommentare gelesen. Sehr schöne Idee. Ich dachte mir, ich versuche einfach mal mein Glück und schicke auch einen Schnappschuss ein, der mir Ende letzten Jahres in Brienz geglückt ist. Versuche mich erst seit kurzem darin, ‚Fotos‘ zu machen und verwende eine Sony NEX 5 Systemkamera mit 18-200mm. Freue mich über jede Kritik. Beste Grüsse, Matthias”

Über die verwendete Ausrüstung hatte Matthias bereits berichtet. Da die Exif-Daten des Bildes fehlen, kann ich zu den Belichtungsdaten nichts sagen.

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Nun, ‚Glück bzw. Zufall‘ sollten keine maßgeblichen Aspekte unserer Bildauswahl zur Besprechung sein. Seit der Gründung des Blogs durch Peter Sennhäuser folgt das Redaktionsteam der Tradition, bevorzugt zwei Gruppen von Bildern zu besprechen – zum einen kompositorisch und technisch überzeugende Arbeiten, an denen sich ‚Wirkprinzipien guter Fotografie‘ veranschaulichen lassen; zum anderen solche Arbeiten, die bereits gute Gestaltungsansätze, aber im Detail auch noch Verbesserungspotential aufweisen …

Zu Letzteren möchte ich Matthias‘ Arbeit zählen. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Vier Elemente fallen besonders ins Auge …

Es sind dies die Ufermauer mit Laternen links (rote Linien ebd.), der Zug der Schwäne in der Mitte der unteren Bildhälfte (orange Linien ebd.), das diesig erscheinende, in der linken Bildhäflte und im Drittel von oben liegende Gegenufer (gelbe Linien ebd.) und schließlich eine wolkige bzw. neblige Struktur, welche fast das ganze obere Bilddrittel einnimmt (grüne Linien ebd.).

Interessant wird es, wenn man die vorhandenen und gedachten Linien zusammenfügt. So ergeben sich aus der Wasserlinie der Ufermauer und dem Zug der Schwäne (durchgezogene blaue Linien ebd.), ergänzt durch eine querende Linie (punktierte blaue Linie ebd.) ein aufrechtes Dreieck. Ein zweites, allerdings nach rechts zeigendes Dreieck ergibt sich noch aus der Wasserlinie der Ufermauer und der Verlängerung der Straßenlampen (durchgezogene violette Linien ebd.), ergänzt durch eine vertikale Linie am linken Bildrand (punktierte violette Linie ebd.).

Die Bedeutung solcher ‚konstruktiver Dreiecke‘ für den inneren Zusammenhalt der Bildelemente ist nicht zun unterschätzen. Sie beeinflussen auch die Blickführung durch das Bild, welche ich hier zwischen Ufermauer und Schwänen bis zum Gegenufer nach oben steigend und dann der wolkigen bzw. nebligen Struktur nach rechts folgend skizzieren möchte (türkisfarbene Linie ebd.).

Auf einige Problembereiche sei noch hingewiesen …

Es sind dies die am linken Bildrand hineinhängenden Zweige (siehe 1 ebd.), welche von den Hauptelementen ablenken. Am oberen Bildrand findet sich schließlich ein Sensorfleck (siehe 2 ebd.) und eine auch als Blendenfleck bekannte Linsenlichtreflexion (siehe 3 ebd.).

Vom Gesamteindruck her wirkt das Bildgeschehen ein wenig zu sehr ‚an den linken Bildrand gedrückt, während die rechte Bildhälfte vergleichsweise zu leer erscheint.

Ich komme auf die Korrekturmöglichkeiten der genannten Probleme später noch zurück …

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich mittenbetont bei einem Median von knapp 140, nennenswerte Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich liegen nicht vor.

Zur Veranschaulichung der Zonenzuordnung (siehe dazu ggf. mein einschlägiges Tutorial) habe ich die Schattenbereiche rot, die Mitten orange und die Lichter gelb ausgeschrieben. Die dunkelsten Werte liegen im Bereich der Ufermauer mit den Zonen 0 bis II, dieser Bereich wird im Histogramm auch durch einen kleinen ‚Extrabuckel‘ sichtbar. Die hellsten Werte finden sich im Bereich der wolkigen bzw. nebligen Struktur mit den Zonen IX bis X.

Sehr gefällig ist die Staffelung und der subtile Übergang der Zonen im Bilddurchgang von unten nach oben, durch die Bereiche des Wassers, des Gegenufers und der wolkigen bzw. nebligen Struktur hindurch.

Farben:

Gebrochene Rot- und Blautöne herrschen im Bild vor.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Zu loben ist die phantastische Lichtstimmung, die Matthias in diesem Bild eingefangen hat. Sehr gelungen ist auch der Bezug der Hauptelemente mit den daraus ableitbaren Dreiecken und der harmonischen Blickführung.

Die oben genannten Probleme 1 bis 3 können retuschiert werden, wie ich es in der Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) skizziert habe.

Etwas kompliziertes ist es mit ‚der Enge in der linken und der Leere in der rechten Bildhälfte‘. Sofern man die Hauptelemente besser zentralisieren wollte, könnte man einen Beschnitt von rechts her versuchen, wie ihn die Überarbeitung zeigt.

Doch käme man dadurch in die Verlegenheit, ‚aus der Not der recht eng angeschnittenen Ufermauer eine (vermeintliche) Tugend der nun ebenfalls eng angeschnittenen Schwäne‘ zu machen. Auch die Blickführung wäre dann durch den Abbruch der wolkigen bzw. nebligen Struktur eingeschränkt.

Dieses Dilemma scheint mit dem vorhandenen Bild nur schwer auflösbar. Geschickter wäre es gewesen, vor Ort etwas nach links zu schwenken oder die Ufermauer etwas weitwinkliger einzubinden, um dem ‚Linksstau der Bildelemente‘ entgegenzuwirken..

***

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Konstruktive Dreiecke

Komposition: Blickführung

Komposition: Problembereiche

Tonwerte: Histogramm und Zoneneinteilung

Überarbeitung: Retusche und Beschnitt

Überarbeitung: Beschnittvorschlag von Therese Beck

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


5 Antworten
  1. Matthias says:

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für die Kritik, habe es jetzt erst gesehen, dass Du das Bild ausgewählt hast.

    Werde mir die Hinweis noch in Ruhe durchlesen, um es besser nachvollziehen zu können.

    Beste Grüsse,

    Matthias

    Antworten
  2. Thomas Brotzler says:

    Ich habe den Beschnittvorschlag von Therese einmal ausgeführt und als Abbildung 7 in den Bildteil übernommen. Aus meiner Sicht wäre dazu Folgendes anzumerken …

    • Der Horizont rückt in die Mitte, das Bild wirkt dadurch statisch.
    • Die Vordergrundstrukturen (Uferkai, Schwäne) werden zwar betont, sie stoßen aber zugleich am Unterrand an.
    • Die Balance zwischen oberem und unterem Randsaum wird aufgegeben.
    • Seitens der Schwäne ergibt sich ein stark aus dem Bild herausführendes und vom Gesamtbild ablenkendes Bewegungsmoment.
    • Die Leere der rechten Bildhälfte wird noch mehr betont.
    Antworten
  3. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin therese …

    … der Bugwelle des ersten Schwanes würde ich auch etwas Luft geben … also nach re. etwas öffnen …

    … den unteren Bildrand würde ich wegen der Spiegelung des ersten Schwanes im Wasser so belassen …

    eine kurze Antwort vom Krabbenkutter

    der Dirk

    Antworten
  4. therese beck l says:

    ich finde ihre bildbesprechungen immer sehr interessant und lehrreich. gefühlsmässig kann ich nicht immer folgen – aber das muss ich ja wohl auch nicht. hier in diesem konkreten Beispiel habe ich jedoch fragen: ich würde das bild unten mehr schneiden, damit die schwäne mehr gewicht erhalten auf der einen seite und auf der anderen die leere rechts nur zu hälfte, um mehr weite, ruhe, unendlichkeit zu simulieren. in der momentanen Fassung wirkt es für mich etwas gedrängt. danke für jedwelche antwort. lg, tb

    Antworten

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