Leserfoto:
Ein Mann, ein Haus …

‚Streetfotografie vom Feinsten‘ möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Im Gleichgewicht” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Mensch und Raum: Kippfigur im GleichgewichtMainz/Neue Synagoge: Am Synagogenplatz gibt es eigentlich immer etwas zu fotografieren, schon allein wegen der ungewöhnlichen modernen Architektur – ein Lichtblick im Tal der vielen Bausünden in dieser Stadt! In der vorliegenden Aufnahme gelingt es scheinbar einem Laubarbeiter mit seinem Sauger das bedenklich zur Seite geneigte Gebäude vor dem Fall zu retten … – und hat so wahrscheinlich eine drohende Katastrophe verhindert ;-)) … Aufnahmedaten: Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 18 mm), Belichtungszeit: 1/250s bei ISO 200, Blende: 8, Kontraste leicht angehoben”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 27 mm bei einem Formatfaktor von 1,5.

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Was im obigen (kleinen) Vorschaubild als störendes Moiré erkennbar wird, hat übrigens nichts mit dem fehlenden Tiefpaßfilter der Fuji X-E1 zu tun. Es ist vielmehr ein Komprimierungs- und Verkleinerungsartefakt des JPG-Bildes, welches in der vergrößerten Vorschau deutlich nachläßt … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Ein futuristisch wirkendes Gebäude, noch dazu gekippt und fast das ganze Bild ausfüllend, zieht den Betrachter in seinen Bann.

Vielleicht erst auf den zweiten Blick fällt jene vergleichsweise kleine Person ganz links unten auf, der auf einem ’schmalen Saum Boden‘ steht (violette Linien ebd.). Wir gewahren dessen Vornüberneigung (rote Linien ebd.), die offensichtlich die Last des nach hinten reichenden Laubbläsers ausgleichen soll (rote Punkte ebd.). Und wir staunen, daß die Neigung der Person und jener nach rechts oben strebenden Gebäudepartie (orange Linien ebd.) so erstaunlich parallel ist.

Auch der Rest des Gebäudes verdient Beachtung – insbesondere die Schrägen (gelbe Linien ebd.), da es hier gar keine Senkrechten und Waagrechten zu geben scheint; aber auch die Oberlichter mit ihren Streben (blaue Linien ebd.), kontrapunktisch zur Person im rechten oberen Bildteil liegend und zugleich die hellste Partie markierend.

Wir bemerken links unten und rechts oben noch zwei Anschnitte des Gebäudes (weiße Linien ebd.) – wie wenn sich dieses den gesetzten Rahmen sprengen und noch in die Umgebung drängen wollte.

Die Blickführung kann im Sinne eines komplexen Kreises etwa bei der Person links unten beginnen, sich nach steil nach rechts oben fortsetzen, um im Bereich der Oberlichter umzudrehen, dann im Zickzack den absteigenden Diagonalen zu folgen und schließlich bei Schattenwurf rechts der Person zu enden (grüne Linien ebd.).

Einige Allegorien scheinen sich hier anhand Marcus‘ eigener Gedanken und der ebenso übersichtlichen wie geheimnisvollen Komposition anzubieten: sofern der Person eine stützende Funktion zukommt, dann wäre das Gebäude das gestützte Objekt. Klein und groß tauschen so ihre Bedeutung, das Gleichgewicht wirkt aber zugleich labil. Das Gebäude selbst nimmt in den auf die Person bezogenen, parallel zu dieser laufenden Hauptpartien die Form eines Ausrufezeichens, in den Nebenpartien hingegen die Form eines Fragezeichens an.

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Histogramm zeigt sich linksschief bei einem Median von etwa 70. Vereinzelte Tonwertabbrüche im Schatten liegen vor, doch finden sich diese in den dunklen Bereichen des Gebäudes und unterstreichen so dessen Wuchtigkeit.

In Hinblick auf die Zonenverteilung besteht zwei als Blickfänge dienende und insofern auch aufeinander bezogene Kontrastmaxima – im Bereich der Person links unten in den Zone I bis VII und im Bereich der Oberlichter in den Zonen I, V und IX.

Die Gebäudefront als solche tritt demgegenüber niederkontrastiger in den Zonen I bis IV etwas zurück. Noch weiter in den Hintergrund tritt der Himmel mit den Zonen V bis VI in den unbewölkten und der Zone IX in den bewölkten Partien.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich kann Marcus zu dieser wohlkonzipierten und allegorischen Arbeit nur gratulieren. Sie zeigt meines Erachtens auf, wozu Streetfotografie auch in heutigen Zeiten noch gut sein kann.

Einige Interpretationsansätze (‚der Stützende und das Gestützte, das Frage- und Ausrufezeichen‘, das durch die Kopflastigkeit der Elemente so labil wirkende Gleichgewicht) hatte ich oben schon angeführt. Hier bin ich gespannt auf die weitere Diskussion …

Bei der Beschäftigung mit diesem Bild kam mir auch die ‚Legende von den 36 Gerechten (hebräisch: lamed-waw zadikim)‚ bzw. deren moderne Adaption der ‚Gerechten unter den Völkern (hebräisch: Chassid Umot ha-Olam)‚ in den Sinn …

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Anschnitte

Komposition: Blickführung

Komposition: Allegorien

Tonwerte: Histogramm und Zoneneinteilung

Tonwerte: Schattenbeschnitt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Christian Fehse says:

    Hallo Marcus,

    ein wunderbares Bild. Nimm das Lob mal an. Ich seh schon, hier sind die Natur-, Street- und Architekturfotografen unter sich und in ihrem Element. *gg*

    Liebe Grüße,

    Christian

    Antworten
  2. Marcus Leusch says:

    Lieber Thomas,

    wieder so eine Besprechung, bei der ich selbst erst einmal die Luft anhalten muss. Ich fotografiere ja über die Jahre bloß so vor mich hin, ohne wirklich gehobenen Anspruch, aber immer mit dem Sinn für mich etwas Verborgenes im Sichtbaren zu entdecken, kleine fotografische Randnotizen im Alltag … Manchmal ist es da für mich leichter, mit „gehagelter“ Kritik umzugehen. Dein Lob braucht also eine Weile, um auch anzukommen und richtig einsortiert zu werden. Letztlich freue ich mich bei aller Zurückhaltung natürlich sehr über diese Bildanalyse und Deine Mühen, die mir wieder sehr viel über mögliche Lesarten eines meiner Bildes verraten. Dank dafür.

    Der aufstrebende Gebäudekomplex, bei dem Du hier in der Form ein „Ausrufezeichen“ und – Deinem betrachtenden Blick folgend – ein absteigendes „Fragezeichen“ interpretierst, passt für mich recht gut zum Sinn dieser Architektur von Manuel Herz insgesamt: Das Gebäude soll den jüdisch-christlichen Begriff „Kedushah“ (Segensspruch für „Heiligung“/“Erhöhung“) körperlich fassbar machen. Im Hebräischen besteht dieses Wort aus fünf Buchstaben, die jeweils einem bestimmten Bereich der Synagoge sinnfällig zugeordnet sind. „Sprechende Architektur“ auch im hier abgebildeten, hoch aufragenden Dach über dem Versammlungsraum, der ein „Schofar“ darstellt, ursprünglich ein aus Widder-oder Kuhhorn gefertigtes Blasinstrument. Es steht für die Kommunikation mit Gott. In Deiner Lesart Ausruf und Frage zugleich. Aber was wäre dieses Hineinhorchen in die Stille ohne den einzelnen Menschen? – Ja, ein Haus und ein schaffender Mensch im Gleichgewicht, stabil und gleichermaßen immer auch sehr fragil …

    Mit herzlichem Dank
    Marcus


    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Klarer Fall von Lobstörung, lieber Marcus. Schwer zu behandeln, aber mit dem Leben grundsätzlich vereinbar :o) …

    • Marcus Leusch says:

      Eine sehr treffende Fernanalyse ;-)

      Habe mich mal auf die Couch gelegt, um meiner „Störung“ zu begegnen. Es ist wohl auch das „Schweigen im Walde“, das mich immer wieder leicht irritiert. Aber vielleicht sind da meine Erwartungen zu hoch gesteckt, Krankheit des Literaturwissenschaftlers: „Ein Gespräch wir sind …“

      Dank an Christian für‘s „Wunderbare“ – Und, ja, das Lob ist mittlerweile recht beflügelnd angekommen :-))

    • Thomas Brotzler says:

      Manchmal erscheint mir das Internet etwas schwerhörig, da dort die „lauten Töne“ so gefragt scheinen …

      Mit diesen tue ich mir von meinem Wesen und meinen didaktischen Absichten her schwer, entsprechend gibt es bei mir (erste These, siehe auch mein hiesiges Autorenprofil) eher leise Töne. Für anderes, bisweilen Grobschlächtiges, mögen sich andere hier vielleicht eher berufen und zuständig fühlen …

      Doch spare ich, wenn man meine anderen Bildbesprechungen durchsehen möchte, ja auch nicht an einer aus meiner Sicht gebotenen Kritik. Es geht mir also (zweite These) gewiß nicht um „Bauchpinseln“ …

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