Tutorial:
Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße? (4)

Betrachtungen zu einem ebenso wirkungsvollen wie überstrapazierten Motiv.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Ein meteorologisch-astronomischer Ausflug
3. Kompositorisch-dramaturgische Exkursionen
4. Eine psychologische Annäherung
5. Kurzer Boxenstop beim Kitschbegriff
6. Zurück im fotografischen Alltag: Was können wir tun?
7. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

4. Eine psychologische Annäherung

Die Fotografie ist von ihrem Wesen her vieldeutig. In weiten Bereichen dient sie (zweckmäßiger- und zulässigerweise) der Dokumentation von etwas Gesehenem bzw. der bildgestützten Erinnerung daran. Um solche Aspekte geht es beim Sonnenuntergangsbild jedoch nicht, hier steht stattdessen die Vermittlung von Stimmungen, Gefühlen und Tendenzen (mithin also die Botschaft) ganz im Vordergrund. Auf solche Phänomene möchte ich in diesem Abschnitt etwas näher eingehen.

Abb. 9: Karl Jaspers (Quelle: Wikipedia)

Ein wesentliches Hilfsmittel dazu ist die Ergründung und Darstellung der Symbolbedeutung. Es handelt sich somit um einen Aspekt der Ausdruckspsychologie, allerdings nicht im engeren Sinn der von dem deutschen Psychiater und Philosophen Karl Jaspers (1883 – 1969, siehe dazu auch Abbildung 9) zu Beginn des 20. Jahrhunderts konzipierten und in der Entwicklung der Psychosomatik weitergeführten Lehre des ’stellvertretenden Ausdrucks verborgener seelischer Vorgänge in Haltung, Mimik und Gestik‘, sondern im Sinne einer ‚vom direkt interaktionellen Geschehen losgelösten Zweit- bzw. Stellvertretersprache‘.

Die verwendeten Symbole zielen auf den Empfänger (bzw. den Betrachter als dessen Repräsentanz) ab, sie werden aber nicht direkt vom Sender (bzw. dem Fotografen als dessen Repräsentanz) geäußert, sondern in eine abstrakte und bildmäßige Form überführt. Statt des direkten Dialogs zwischen den Menschen und der dabei inbegriffenen Vermittlung von Wünschen und Ängsten besteht also eine indirekte Kommunikation insofern, daß der Sender (bzw. der Fotograf als dessen Repräsentanz) über das Bild und dessen Symbole zum Empfänger (bzw. dem Betrachter als dessen Repräsentanz) ’spricht‘. Da Bild wird in solcher Weise zum Träger einer Botschaft, die im wirksamsten Fall ‚etwas verklausuliert, aber dennoch eindeutig auslesbar‘ ist.

Dieser (psychologische) Mechanismus gilt nun keineswegs nur für die Sonnenuntergangsfotografie, sondern er ist wichtiges Merkmal jedweder abbildender oder darstellender Kunstschöpfung, mithin also unverzichtbarer Bestandteil eines kreativen Prozesses. Sofern wir aus methodischen Gründen einmal (grobsortiert und im Vorgriff auf den nächsten Abschnitt) Kitsch und Kunst unterscheiden wollten, stießen wir alsbald auf nachhaltige Bedeutungs- und Wirkungsunterschiede, etwa in Hinblick auf die ‚Plakativität versus Subtilität der zugehörigen Aussage‘.

Mehr dazu wie gesagt noch im Abschnitt 5, zunächst möchte ich aber auf die Symbolsprache der typischen Bildelemente eingehen. Eine solche Beschreibung und Bedeutungsbeimessung ist notgedrungen Interpretation und insofern immer vom Standpunkt des Interpretierenden abhängig, der in meinem Fall ein psychoanalytischer ist.

4.1 Sonne

Die Sonne ist Glutofen der Verschmelzung und Quell allen Lebens zugleich, somit zerstörerische und schöpferische Instanz in einem. Erst und gerade in der Voraugenführung dieser enormen Ambivalenz verdeutlicht sich die existentielle Bedeutung der Sonne. Es muß insofern nicht wundern, daß die Sonne in der frühen Menschheitsgeschichte als göttliche Repräsentanz angerufen wurde.

Die Angst vor Selbstverlust und die Hoffnung auf Erfüllung sind zugleich Themen, die jeden von uns auf eine ganz fundamentale Weise betreffen. In jeder Umarmung des geliebten Gegenübers findet sich jener Zwiespalt aufs Neue abgebildet – wir können diesen nur meistern, wenn wir ein gutes Stückweit der sonst üblichen und nötigen Situationskontrolle aufgeben, uns von der Woge der Leidenschaft erfassen und auf den Gipfel der Lust spülen lassen können. Die unbedingte und rauschartige Erfüllung, die Überwindung der schmerzlichen Trennung vom geliebten Gegenüber und die Option der Lebensschöpfung sind dann der Lohn für solchen Mut.

In solcher Weise weist das Symbol der Sonne eben auch starke Bezüge zu Fragen unserer Sexualität und Reproduktivität auf. Man könnte zugleich sagen, daß deren Repräsentanz als höhere Macht bzw. unbedingte Autorität auch eine Brücke des Gott- bzw. Urvertrauens schafft, die uns ausreichend Mut fassen läßt, uns in den Strudel der von zwar widersprüchlich anmutenden, in ihren Einzelaspekten aber nachvollziehbaren Vorstellungen des Verschlungenwerdens und Erfülltseins besetzten Leidenschaft begeben zu können.

Die Spiegelung im Wasser, mithin als ‚die Absiedlung der Sonne‘ könnte ferner als Symbol der Reproduktivität und Lebensschöpfung aufgefaßt werden.

4.2 Horizont

Der Horizont fungiert vor dem Hintergrund des oben Gesagten nicht nur als ‚Ort der beginnenden Unendlichkeit‘ (hinter dem Horizont), sondern auch als Ort des Grenzübertritts. Auch dies weist symbolisch auf Aspekte der ‚nötigen Entgrenzung und ersehnten Erfüllung’ in der Sexualität hin. Trotz dieser ‚potentiellen Bodenlosigkeit‘ fungiert die Horizontlinie in unserer Vorstellung andererseits als realer Ort, der uns eine Vorstellung der anstehenden Schwelle und des ersehnten Ziels vermittelt und insofern eine ’nötige Restkontrolle der Situation‘ erlaubt (wir verlieren uns in der Umarmung ja nie vollständig).

4.3 Landschaft

Sonnenuntergangsbilder erzielen ihre Wirkung über die Symbolisierung von Weite, und diese ist in der ‚Kombination von Himmel oben, Wasser unten‘ am markantesten. Auf einer symbolischen Ebene werden hierdurch die schon oben angeführten Elemente von Unbegrenztheit und Losgelöstseins (hier des Raumes, im übertragenen Sinn unserer selbst) nochmals zitiert und verstärkt.

4.4 Begleitelemente

Im Grunde genommen bedürfte es jener Begleitelemente gar nicht, da das ‚Tableau von glühender Sonne, markantem Horizont und weitläufiger Landschaft‘ den oben dargestellten, kompositorisch-dramaturgischen Rahmen bereits ausreichend abbildet. Aus dieser Warte lassen sich auch besagte Begleitelemente als ‚Verstärkung und Verdeutlichung des bereits vorhandenen Grundthemas‘ beschreiben.

Dazu passend handelt es sich zumeist auch ‚gängige Metaphern des Idyllischen und Paradiesischen‘ – bei Schiffen, Paaren und Palmen ist dies offensichtlich, wohingegen bei Bergen und weiteren Uferstrukturen eher die ‚Notwendigkeit des Anstiegs und Übertritts‘ nochmals betont wird.

4.5 Farbpsychologie

Von Seiten der Farbpsychologie läßt sich zwar keine lineare Zuordnung zwischen Farbe und Emotion beschreiben (da die Wirkung der Farbe im einzelnen Objekt immer auch maßgeblich von der Einbindung in die szenischen Kontext abhängt), wohl aber eine Tendenz. In dieser Weise firmiert Rot oftmals als Farbe der Wärme bzw. Hitze, um nicht zu sagen der Glut bzw. des Feuers, im übertragenen Sinn auch der Liebe und Leidenschaft. Auch Gelb weist solche Aspekte auf, doch tritt hier des öfteren noch eine unterschwellig aggressive Bedeutungskomponente hinzu.

Die typische Farbkombination von Rot und Gelb rahmt die Grundelemente von Sonne und Horizont samt deren (oben beschriebener) sexueller Konnotation ein. Es herrscht weitgehende Einigkeit, daß Leidenschaft sich nur in Verschmelzung und Grenzübertritt ausbilden kann, und dazu gehören eben Hingabe und ein Fallenlassen ebenso wie ein gewisses Maß an Entschlossenheit und Initiative. Hier tritt die menschliche Aggression auf den Plan, die nach psychologischer Auffassung nicht nur die (weithin verbreitete und insofern befürchtete) Vorstellung von destruktiver Gewalt und Zerstörung in sich trägt, sondern (subtilerer und versteckter) eben auch jene eines konstruktiven Zupackens.

Die gedeihliche Bahnung und Dosierung jener im Menschen so tief verwurzelten Aggression ist (das möchte ich noch am Rande anmerken) immer auch ein großes Thema in der praktischen Psychotherapie. Eine altruistische Charakterfixierung, eine Depression oder viele Ängste und Zwänge als Manifestation seelischer Krankheit können durchaus als Versuche verstanden werden, die Aggression als menschliche Grundbedingung bzw. ‚conditio sine qua non’ zu bannen, doch lösen solche Bewältigungsversuche das zugrundeliegende Dilemma regelmäßig nicht auf, sondern verschieben es allenfalls und verstärken es bisweilen noch.

Um auf unser Thema zurückzukommen: auch durch die Farbuntermalung wird (wie schon zuvor bei der Landschaft und den Begleitelementen) also das vorhandene Grundthema nochmals verstärkt und verdeutlicht.

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

7 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Dass ich noch einmal in einem Photo-Blog mit Karl Jaspers konfrontiert werde, hätte ich mir niemals träumen lassen :-))

    Die Frage nach kulturbedingten spezifischen Wahrnemungsweisen, von denen Tilman spricht, finde ich hier sehr bemerkenswert. Vor allem weil sie über die eurozentristischen Anschauungen zur Ästhetik bzw. zu Fragen der Bildauffassung (Farbe/Komposition) hinausgehen.

    Warum gab es etwa in der alten Hochkultur China weitgehend keine farbige Malerei? Die entwickelte sich meines Wissens knallbunt erst in der Begegnung mit westeuropäischen Vorstellungen.
    Warum sind die Bildvorstellungen von Form und Proportion in der afrikanischen Kunst ursprünglich ganz andere als in Europa (Zentralperspektive)? Auf diese Irritation steigt ja sehr spannend der Kubismus (Picasso/Braque) ein. …

    PS.: „blaue, graue und grüne Bettwäsche“ gehören wahrscheinlich zur Psychopathologie des Alltagslebens … ;-)

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Dass ich noch einmal in einem Photo-Blog mit Karl Jaspers konfrontiert werde, hätte ich mir niemals träumen lassen

      Genau! Wo doch Marketing / Werbung schon längst erkannt / festgelegt haben, daß der typische Internetnutzer zuvorderst zur Aufnahme von Drei-Wort-Sätzen und Abgabe von Ein-Klick-Voten (‚like and buy‘) befähigt ist :o) …

  2. Tilman says:

    Anzufügen wäre, dass „bei den Herren der Schöpfung graue, blaue und grüne Bettwäsche hoch im Kurs steht“ [BILDZEIGUNG, 26.03.2014]. :-)

    Antworten
    • Tilman says:

      Was mich bei diesem Thema interessiert… ist das Empfinden von Farben nicht auch geschlechtsspezifisch. Und hängt es nicht auch von der Kultur, dem Alter und der Bildung ab. Vermutlich… was einige Menschen/Kulturen als kitschig empfinden, ist für andere wunderschön (diese Erfahrung habe ich bereits bei einer internationalen Fotogemeinschaft gemacht). Das würde bedeuten, dass man in Abhängigkeit der Zielgruppe fotografieren müsste. Oder Kunst als Selbstverwirklichung versteht, ohne jegliche Notwendigkeit einer Rückkopplung.

    • Thomas Brotzler says:

      Aus dem Stegreif habe ich keine Studien zur Farbpsychologie parat, in denen solcher Frage nachgegangen wäre.

      Von meiner Erfahrung als praktizierender Psychotherapeut heraus würde ich sagen, daß sich die Varianz eher auf Individuen bzw. Charakterzüge erstreckt denn auf Geschlechter.

      Rot, Grün und Blau sind nach meiner weiteren Erfahrung Farben, die eher gleichförmig interpretiert werden, während Gelb sehr unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Das mag damit zusammenhängen, daß die Konnotation in Richtung Lebendigkeit, aber auch Aggressivität geht.

  3. Christiane says:

    ui, das sind ja gewagte Zusammenhänge, aber was gedacht werden kann ist möglich. Ist faszinierend, wozu unsere Hirne in der Lage sind. Solche Verknüpfungen sind spannend und regen zum Nachdenken an.
    Gruß Christiane

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