Leserfoto:
Ablenkung vom eigentlichen Motiv

Eine sorgsame Bestimmung des Hintergrundes ist auch für die Wirkung eines Stillebens entscheidend, wie die heutige Bildbesprechung aufzeigen möchte.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Martin Kisza aus Dresden hat uns das obige Bild unter dem Titel „Hanging” in der Kategorie ‚Stillleben‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Foto habe ich schon vor einiger Zeit im Spreewald gemacht. Im kleinen Ort Schlepzig hingen diese Forellen am Haken und warteten auf den Räucherofen. Irgendwie gefiel mir diese einerseits martialische, gleichzeitig aber auch recht friedlich wirkende Szene. Ich habe an diesem Räucherfischstand eine kleine Serie gemacht, aber das Bild gefällt mir persönlich am besten.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 400D mit Kitobjektiv EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 verwendet. Die Brennweite betrug 55,0 mm (entsprechend 88,0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1,6), die Belichtungsdaten waren 1/160 Sekunde bei Blende f/5,6 und ISO 200 .

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Eine Reihe hängender Räucherforellen wird erkennbar, darunter eine deutlich gezeichnete (rote Linien ebd.) und davor und dahinter mehrere schemenhaft erkennbare (durchgezogene und punktierte Linien ebd.).

Im Hintergrund lenken helle und dunkle Partien (blaue Linien ebd.) die Aufmerksamkeit des Betrachter auf sich, wie die Posterisation (siehe dazu ggf. mein einschlägiges Tutorial) zusätzlich verdeutlichen soll.

Die Blickführung ergibt sich vom rechten Bildrand zur Bildmitte hin (grüne Linie ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm ist deutlich linksschief bei einem Median von knapp 75. Sowohl im Bereich der Schatten wie der Lichter liegen ausgeprägte Tonwertabbrüche vor. Demgegenüpber kontrastarm ist das eigentliche Hauptmotiv der Fische in den Zonen I bis V gezeichnet.

Farben:

Gebrochene Blau- und Gelbtöne dominieren das Bild.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die Schärfezone beschränkt sich auf ein kleines Areal rund um das Auge des vergelichsweise deutlich gezeichneten Fisches (violette Fläche ebd.).

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Die knapp bemessene Schärfe ist nicht das Problem des Bildes, dies darf bei einem Stilleben bzw. einer Nahfotografie durchaus so sein.

Skeptisch stimmt, daß das eigentliche Motiv der hängenden Räuscherfische durch die kontrastarme Zeichnung völlig ins Hintertreffen gerät. Die extrem hell und dunkel gezeichneten Partien des Hintergrund ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und lenken so von den bildwichtigen Teilen ab.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Komposition: Posterisation

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Struktur: Schärfezone

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


4 Antworten
  1. Martin K. says:

    Vielen Dank für die Bewertung meines Fotos. Eine Frage bleibt allerdings offen – wie könnte man das Bild besser machen? Aus der technischen Analyse ziehe ich, dass das eigentliche Motiv mit mehr Kontrast dargestellt werden sollte. Insofern ist es ein Thema der Nachbearbeitung, oder? Nun wird durch eine Kontrastanhebung ja der helle Fleck noch nerviger, auch wenn die Fische dann deutlich besser aussehen. Klar, das einfachste wäre gewesen, den Bildausschnitt anders zu wählen und die Fische bis an den linken Bildrand gehen zu lassen. Mit etwas Luft links gefiel es mir persönlich allerdings besser.

    Gibt’s hierfür noch einen „Tip vom Profi“, welcher das Bild „rettet“?

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Martin,

      ich möchte Dir in zweierlei Hinsicht antworten – allgemein und speziell …

      Daß Du erst vier Monate nach Veröffentlichung „zu Deinem Bild und der Besprechung gefunden“ hast, bedeutet ja etwas. Wie hatten wir freie Autoren doch dafür gekämpft, daß seitens der Chefredaktion jeweils zeitnahe eine Benachrichtigung an die Einreichenden geht, damit diese von der Besprechung etwas haben und an der Diskussion teilnehmen können! Das klappte eine Weile ganz gut, ist aber nach dem zwischenzeitlichen Besitzerwechsel von Fokussiert „völlig verschütt gegangen“. Es gibt jetzt keine sich zuständig fühlende Chefredaktion mehr („Der Kapitän verläßt als Erster das Schiff …“) …

      Zum anderen verstehe ich mich selbst nicht in erster Linie als „Richter, Juror oder Bewerter“, Mir geht es eher um eine Bestandsaufnahme, aus denen der Einreichende sich dann im Idealfall Maximen für eine künftig bewußtere Bildgestaltung ableiten kann. Hier war meine Analyse vielleicht nicht klar genug. Ich wollte darauf hinweisen, daß mir das Motivzentrum zu kontrastarm erscheint, gerade weil das Bild insgesamt (insbesondere durch den Hintergrund) zu kontrastreich ist. Der abzuleitende Tip ginge demnach in Richtung einer veränderten Blickwarte. Ich hätte die Kamera etwas nach rechts geschwenkt und mich auf das Stilleben der Forellen konzentriert.

      Thomas

    • Martin K. says:

      Hallo Thomas,

      danke für die Antwort.
      Ja, über eine kurze Meldung, dass mein Foto „kritisiert“ wurde, hätte ich mich gefreut. Ich verfolge ja euren Facebook-Kanal, aber da wurde es leider auch nicht erwähnt. Insofern war er Zufallsbesuch nötig, um meine Kritik doch noch zu entdecken.

      Ich habe gerade mal in die Bildserie geschaut. Ich habe das gleiche Motiv noch mal im Hochformat geschossen. Der überbelichtete Bereich links ist da natürlich weg, aber dafür habe ich einen am oberen Ende. Wahrscheinlich hätte ich, um auch etwas Luft neben den Fischen zu haben, in die andere Richtung fotografieren müssen. Nuja… ich bin mal wieder im Spreewald und vielleicht gelingt mir das Bild dann besser ;-)

      Danke für deine fachlichen Tipps.

      Grüße
      Martin

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