Tutorial:
Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße? (5)

Betrachtungen zu einem ebenso wirkungsvollen wie überstrapazierten Motiv.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Ein meteorologisch-astronomischer Ausflug
3. Kompositorisch-dramaturgische Exkursionen
4. Eine psychologische Annäherung
5. Kurzer Boxenstop beim Kitschbegriff
6. Zurück im fotografischen Alltag: Was können wir tun?
7. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

5. Kurzer Boxenstop beim Kitschbegriff

Ich komme nun nochmals auf den Begriff der ‚Plakativität versus Subtilität der zugehörigen Aussage‘ zurück, der im letzten Abschnitt bereits Erwähnung fand und an welchem ich die ‚Grenzlinie zwischen Kitsch und Kunst‘ festmachte.

Wikipedia macht es sich mit dem Begriff des Kitsches nicht leicht. Im zugehörigen Artikel finden sich Vermutungen zur Herkunft des Begriffs, breit gefächerte Definitions- und Vergleichsversuche und letztlich auch eine Vielzahl angewandter Beispiele.

Abb. 10: Der zeitgenössische Allvater des Kitsches (Quelle: Wikipedia)

Interessant ist ein Vergleich der verwendeten Abbildungen auf den verschiedensprachigen Unterseiten: Im Deutschen (wie erstaunlicherweise auch im Esperanto) steht obenauf der Gartenzwerg (siehe dazu auch Abbildung 10), während der röhrende Hirsch (siehe dazu auch Abbildung 11) eher der Vergangenheit zugerechnet wird; im Englischen (wie auch im Türkischen und Katalanischen) finden wir dort eine süßliche Katzendarstellung, im Französischen (wie auch im Bretonischen, in seltener Eintracht) ein Hirschgeweih, im Italienischen hingegen ein Engelsfigürchen …

Abb. 11: Der historische Konkurrent des Gartenzwergs (Quelle: Moritz Müller der Jüngere, gemeinfrei)

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Wikipedia weist auf die Schwierigkeit hin, eine griffige Formel für das Phänomen des Kitsches zu finden. Begründet wird dies zum einen mit der nicht völlig geklärten Sprachherkunft des im ausgehenden 19. Jahrhundert im Münchner Raum aufgekommenen Begriffs, zum anderen mit dessen Unübersetzbarkeit in andere Sprachen. Im Englischen, Französischen oder Türkischen sei der Begriff etwa unverändert übernommen worden.

In der Umschreibung des Kitsches wird (weiter bei Wikipedia) die Nichtauslegbarkeit (also die schon ‚vorgekaute‘ und somit fertige Interpretation) im Gegensatz zur Interpretationsbedürftigkeit des Kunstwerks angeführt, desgleichen die Verwendung von Stereotypen, Klischees und bereits sattsam Bekanntem im Gegensatz zum Originalitäts- und Innovationsanspruch der Kunst. Als weitere Kennzeichen des Kitsches werden noch häufige Reproduktion, formale (wie etwa Stil- und Medienmix) und inhaltliche Auffälligkeiten (wie etwa Übersteigerung und Illusionsschaffung) angeführt.

Abb. 12: Rolf Basten

Bei meinen weiteren Recherchen zum Thema stieß ich noch auf den interessanten, in Vortragsform ausgearbeiteten Artikel ‚Wann ist es Kitsch und warum? Über Geschichte und Aussagekraft eines zwiespältigen Phänomens, am Beispiel der Kunstmusik‘ von Rolf Basten. Dieser ist Cembalist und Kirchenmusiker, entsprechend betrachtet er die Dinge aus einer musikwissenschaftlichen Sicht.

Die Brücke zu unserem fotografischen Thema gelingt nach meinem Dafürhalten über die ‚Bindungsphänomene der ambivalenten Betrachtung und Wirksamkeit‘ – will heißen, daß wir den Gegenstand unseres Interesses mit zwiespältigen Empfindungen betrachten, daß dieser in uns selbst wiederum zwiespältige Empfindungen auslöst und daß so im übertragenen Sinn zwischen uns und dem Gegenstand unseres Interesses eine besondere und hochwirksame Beziehung entsteht. Für diesen, aus meiner (psychoanalytischen) Sicht bedeutsamen Beziehungsaspekt fand ich bei meiner Suche keine andere bzw. bessere textliche Entsprechung.

Rolf Basten bringt dies mit der Formulierung „Ich glaube, wenn Kitsch als Bewertungskriterium verwendet wird, kommt eine Ambivalenz zum Ausdruck, im Sinne von ‚zu schön, um wahr zu sein’” sehr gut auf den Punkt. In Vorbereitung dieses Gedankens hatte er auf die ‚zeitgeistkonforme, aber unselige Durchmischung von Empfindung und Bewertung‘ hingewiesen: „In der Totalität des Subjektiven wird Wahrnehmung nicht mehr als Reaktion auf Wirklichkeit gesehen, vielmehr erscheinen Wirklichkeit und Wahrnehmung identisch und werden nicht mehr differenziert. ‚So wie es mir gefällt, so ist es auch‘. Persönliche Empfindung ist zugleich Bewertungskriterium. Medien und Marktstrategen nutzen die mangelnde Fähigkeit zur Differenzierung aus, um Kunstprodukte im Sinne des Profites effektiv lancieren zu können. Sie suggerieren den Konsumenten geschickt die dazu nötige subjektive Wahrnehmung.”

Um nun zum Ende dieses Abschnitts hin die Ausführungen zu verdichten und auf die uns hier beschäftigende ‚Frage aller Fragen‘ (nicht Douglas Adams) zurückzukommen, möchte ich selbst das Ganze wie folgt zusammenfassen: „nach meinem Dafürhalten ist die Fotografie des Sonnenuntergangs dann tatsächlich als Kitsch zu bezeichnen, wenn wir Kriterien der steten Wiederholung des bereits sattsam Bekannten, der formalen und inhaltlichen Auffälligkeiten wie Übersteigerung, Vermischung und Vereinfachung sowie der in Wirkung und Betrachtung maßgeblichen Zwiespältigkeit auf diesen Begriff anwenden.”

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche und befaßt sich mit der Frage, wie wir ´aus der Kitschfalle herauskommen´.

2 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Sehr anschaulich diese kurze Abhandlung über den Kitsch. Und sie führt uns auch gleich wieder weg vom Sonnenuntergang und seinem verwandten „Vorgartenbewohner“. Das macht sie für mich noch einmal lesenswerter, weil da weitere Horizonte geöffnet werden. 
Kitsch hat sowohl eine individualpsychologische als auch eine soziale/gesellschaftliche Komponente. Beide gehören für mich zusammen: „… Kitsch entsteht und verbreitet sich am wirksamsten in kulturell ungleichartigen Situationen: Deren Nebeneinander verstärkt Identitätsstreben und Bestätigungsverlangen. Wo Identität Wunschbild bleibt und Bestätigung das Erstrebte, lädt Kitsch ein zu deren Pseudorealisierung.“ Das Zitat stammt aus dem Büchlein von Otto F. Best, Der weinende Leser. Kitsch als Tröstung, Droge und teuflische Verführung, Ffm. 1985. Das ist eine aufschlussreiche Zeitreise von den Ästhetikdebatten des „Sensualismus“ (18. Jh.) bist heute (aus literatur-/kunstwissenschaftlicher Sicht) …


    Wie Kitsch nun als Schönheitsbegriff in einer Massengesellschaft sogar vom Kunstmarkt (Bildende Kunst/Fotografie) Besitz ergreift, kann an vielen Beispielen nachvollzogen werden: Mir ist besonders der spanische Fotograf Eugenio Recuenco in Erinnerung (auf diesen Seiten vor einigen Wochen unter dem Titel „Surreales Pathos“ vorgestellt), der mit seinen inszenierten „Sonnenuntergängen“ wohl nahezu alle Kriterien eines Kitschbegriffes erfüllt. Das sind jene „Kunstprodukte“, die von Marktstrategen „im Sinne des Profites effektiv lancier(t)“ werden, wie es Rolf Basten hier sehr treffend formuliert.

    Ich freu‘ mich schon auf die kommenden Folgen Deines Tutorials

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Marcus, danke für Deine Ergänzungen zum Thema. Und im kleinen Vorgriff auf den nächsten Abschnitt: die Überzeichung des Ganzen bzw. die Würzung mit gegenläufigen (formalen und inhaltlichen) Spannungsbögen ist auch das, was ich als Ausweg aus dem Dilemma empfehle. Es grüßt Thomas

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