Leserfoto:
Fluch und Segen des spektakulären Motivs

Ein spektakuläres und entsprechend schon oft aufgenommenes Motiv kann sich auch zur Bürde verwandeln, wie ich in der heutigen, vergleichenden Bildbesprechung aufzeigen möchte.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

 
Ausgangsbild

***

Unser Leser Daniel Knieper aus dem nordfriesischen Husum hat uns das obige Bild unter dem Titel „False Kiva” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Als ich das erste mal ein Bild vom False Kiva gesehen hatte, war es bereits um mich geschehen. Für mich stand fest, wenn ich die Gelegenheit bekomme muss ich diesen Ausblick selber genießen. Im Dezember 2013 bot sich nun die Gelegenheit und ich krönte einen Wochenendroadtrip mit einer Wanderung zum False Kiva im Canyonlands Nationalpark in Utah. Kamera Canon EOS 650D Objektiv Canon EF-S 10-22mm Brennweite 11mm Belichtungszeit 1/400s ISO 100”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Daniel bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 17,6 mm bei einem Formatfaktor von 1,6.

***

Zu ‚False Kiva‘ mußte ich selbst erst ein wenig recherchieren …
Vergleichsarbeit (Quelle: John Fowler, Wikipedia)Im englischen Wikipediabeitrag findet sich der entscheidende Hinweis: „False Kiva is a human-made stone circle of unknown origin in a cave in a remote area of the Canyonlands National Park, which is located in U.S. state of Utah … It has become a popular spot for photographers capturing the Southwest, offering a unique frame for the dramatic thunderstorms or clear skies beyond.”

Es geht also um den Steinkreis und den Ausblick als ein recht bekanntes Fotomotiv. Und es geht auch darum, wie sich Daniels Arbeit im Vergleich zu den zahllosen Abbildungen diese Motivs hält. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Ein Steinkreis, etwas links ausgerichtet und in tiefe Schatten versunken, dominiert den Vordergrund (rote Linien ebd.). Eine Höhlenkante zieht sich fast um das gesamte Bild herum und rahmt die Elemente der Bildmitte ein (orange Linien ebd.).

Von der rechten Bildseite her schiebt sich ein Bergmassiv in das Blickfeld (gelbe Linien ebd.).

Weitere Bergmassive werden im Hintergrund erkennbar (durchgezogene blaue Linien ebd.), eingerahmt von einem kleineren Abbruch im Mittelgrund und der zwischen Goldenem Schnitt und Bildmitte liegenden Horizontlinie (punktierte blaue Linien ebd.).

Die Blickführung ergibt sich von den Einzelsteine rechts unten über besagten Steinkreis im Vordergrund in den Mittel- und Hintergrund, dort insbesondere auf die schemenhaft erkennbaren Bergmassive und den Himmel (grüner Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich deutlich zweigipflig bei einem Median von gut 105. Die bestehenden Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich weisen darauf hin, daß der Kontrastumfang vor Ort von diesem Sensor und bei dieser (konventionellen) Aufnahmetechnik nicht gemeistert werden konnte.

Ein deutlicher ‚Buckel im Schattenbereich‘ wird erkennbar, dieser repräsentiert die in geschlossene Schatten fallende Höhlenndecke mit den Zonen I bis II sowie die Schattenpartien des Steinkreises mit den Zonen O bis I (rote Beschriftung ebd.).

Auch die Mitten sind gut belegt, sie finden sich im Bereich des Höhlenbodens mit den Zonen IV bis VI und dem Himmel mit den Zonen IV bis VIII (orange Beschriftung ebd.).

Ein weiterer Peak zeigt sich im Lichterbereich, hier insbesondere die ausgewaschen wirkenen Strukturen im Mittel- und Hintergrund anzeigend (gelbe Beschriftung ebd.).

Farben:

Warme, rötlich-braune Töne dominieren den Vordergrund, kalte, blau-türkisfarbene Töne den Mittel- und Hintergrund. Die verwendeten Farben, insbesondere der Rot- und Blauanteil, wirken streckenweise ‚wie ausgeblutet‘.

Struktur:

Die Feinstruktur ist insgesamt nur schwach ausgebildet, entpsrechend wenig Details werden erkennbar. Das Bild wirkt über weite Strecken recht flau, ‚wie ausgewaschen‘.

An der Ausrüstung liegt es nicht, die verwendete Kamera-Objektiv-Kombination wäre allemal für eine deutlich bessere Abbildungsleistung gut.

Die insgesamt sehr flaue und strukturarme Anmutung des Bildes ist nach meinem Dafürhalten vielmehr durch die Lichtsituation bzw. den enormen Kontrastumfang begründet: ‚hier trifft zu viel, dort zu wenig Licht auf den Sensor‘, und in beiden Fällen kann dieser ’seinen Job nicht wirklich gut machen‘ …

***

Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Daniel sprach so begeistert über seinen ‚Weg zum Bild‘, er schien sich ’schier in diese Szene verguckt‘ und eine Menge Geduld und Entbehrung aufgebracht zu haben, um bis dahin zu kommen.

Es fällt mir durchaus schwer, ihn mit meiner Bildanalyse und den Hinweisen auf die bestehenden Problembereiche konfrontieren zu müssen, aber ‚billiges Fortloben‘ wäre ja auch keine Lösung und vor allem kein Anreiz zu fotografischen Fortschritten.

Vielleicht können Daniel auch einige Erfahrungen trösten, die ich selbst im Laufe meines Fotografenlebens machen mußte …

Was habe ich über die Jahre schon ’stundenlanges Fersengeld mit 15 Kilo Ausrüstung auf dem Buckel‘ gegeben, um dann öfters feststellen zu müssen, daß mir die richtige Inspiration fehlte, mich das Motiv nicht wirklich ergriff oder die Belichtungssituation schlichtweg unmöglich war! Oder daß ich (nicht weniger schlimm bzw. tückisch) vor Ort zufrieden war, um dann zuhause festzustellen, daß das Bild nicht das ausdrückt, was ich vor Ort sah und empfand …

Ich habe bei Daniels Bild noch eine Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) mit Öffnung der Schatten und Erhöhung des Mitteltonkrastes versucht.

Trotzdem bleibt gegenüber John Fowlers Arbeit, die ich mit seiner feinen Struktur und ausgewogenen Belichtung rundweg als ‚State of the art des dort Erreichbaren‘ bezeichnen würde, noch ein gewaltiger Unterschied.

Vielleicht hatte dieser mehr Geduld beim Warten oder schlichtweg mehr Glück mit dem Wetter und Licht. Oder er machte eine Belichtungsreihe und führte die zum HDR-Bild verechneten Aufnahmen wieder in den Normalkontrastraum zurück. Sein Bild sieht mir sehr danach aus …

***

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Öffnung der Schatten, Erhöhung des Mitteltonkontrasts

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


3 Antworten
  1. DWL says:

    Daniel hatte im Gegensatz zu Fowler zunächst einmal Schlicht weniger Glück mit dem Wetter: Der wolkige Himmel ist bei Fowler fast perfekt. Und gibt mit den vielen relativ kleinen Wolkenstaffeln ein sehr gutes Gefühl für die TIEFE der Landschaft in der Ferne. Dies entfällt mangels Wolken bei Daniel. Pech. Zudem sorgt der wolkige Himmel für einen nicht ausschliesslichen, aber überwiegenden Anteil INDIREKTEN Lichtes, was die Schattenproblematik und damit die Gefahr eines zu hohen Kontrastumfangs drastisch reduziert. Obwohl beide in etwa zur gleichen Tageszeit fotografiert zu haben scheinen (leider eher gegen Mittags, was bei Wandertouren in Naturschutzgebieten ohne Übernachtungsmöglichkeiten vor Ort nicht immer vermeidbar ist und zu den krassen und scharfen, kurzen Schatten führt) , liegt im indirekten Licht bereits der Schlüssel für das bessere Foto. Zusätzlich hat Fowler hier recht üppig von der HDR-Technik Gebrauch gemacht (m.E.n. jedoch etwas zu üppig und surreal wirkend) .

    Was an Fowlers Bild sehr stört, ist die Bildstörung am linken Bildrand, wo entweder ein erst eines Zaunes, eines Schildes oder ein Fotografisches Hilfsmittel extrem den Blick vom Motiv wegsaugt. Insofern halte ich Fowelers Foto auch nicht für perfekt – aber es gefällt mir ebenfalls einfach besser – hauptsächlich aber wegen des sehr reizvollen Wolkenhimmels mit entsprechendem Licht.

    Antworten
  2. Werner says:

    Tja, es sieht wohl so aus, als ob „Out Of Cam“ bei der digitalen Fotografie nur selten funktioniert. Der relativ geringe Belichtungsspielraum der Sensoren bleibt ein Problem. Und gaukelt ein brilliantes Bild am Monitor vor.
    Eine Korrektur der Kontraste mittels Bildbearbeitungsprogramm ist einfach unumgänglich.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *