Tutorial:
Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße? (6)

Betrachtungen zu einem ebenso wirkungsvollen wie überstrapazierten Motiv.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Ein meteorologisch-astronomischer Ausflug
3. Kompositorisch-dramaturgische Exkursionen
4. Eine psychologische Annäherung
5. Kurzer Boxenstop beim Kitschbegriff
6. Zurück im fotografischen Alltag: Was können wir tun?
7. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

6. Zurück im fotografischen Alltag: Was können wir tun?

Nach diesen Durchgängen durch meteorologisch-astronomische, kompositorisch-dramaturgische und psychologische Gefilde einschließlich eines Rekurses auf den Kitschbegriff stellt sich nun die Frage, was wir aus all dem nun machen. Wir stellen uns also vor, nächstens wieder von einem Sonnenuntergangsmotiv zu stehen und Überlegungen hinsichtlich einer bildnerischen Umsetzung anzustellen.

Aus methodischen Gründen möchte ich die gegebenen in drei hauptsächliche Möglichkeiten unterteilen …

6.1 Augen zu und durch …

Abb. 13: Klinkerwand

Das wäre das Prinzip ’weiter so wie bisher’ – warum auch nicht, wer sollte uns daran hindern? Nun ja: unser eigener Ehrgeiz vielleicht, uns nicht in Wiederholungen des immer Gleichen zu erschöpfen; vielleicht auch ein Anspruch, uns in subtileren Botschaften zu üben, die dem Betrachter noch einen Interpretationsraum lassen; und ’last not least’ mag man sich (mit einer gewissen Ironie) vielleicht fragen, ob es überhaupt möglich wäre, dieses Tutorial zu lesen, hinter die Kulissen der Symbolik und Bedeutung zu schauen und dann weiter wie bisher zu machen (siehe dazu auch Abbildung 13) …

6.2 Flucht nach vorne …

Abb. 14: Campbell Dosen (Quelle: Wikipedia)

Ein weiterer Ansatz wäre es, ’aus der Not eine Tugend bzw. aus der Trivialiät eine Kunstform zu machen’, wie es etwa ’Trash, Camp oder Pop Art’ in der Vergangenheit schon vorgemacht haben (siehe dazu auch Abbildung 14, das Bildzitat dürfte bekannt sein).

Der Übersteigerung des Plakativen oder Kitschigen läge dann ein kreatives Streben zugrunde. Freilich frage ich mich, ob die Fotografie mit ihrer (einschränkenden) Bezogenheit auf Motiv und Technik wirklich mit den enormen Freiräumen mithalten könnte, welche andere Kunstrichtungen wie etwa Malerei, Digital Art und Installationen bieten.

6.3 Achtsamer Einsatz …

Müßten wir aber, sofern wir die Fallstricke des Kitsches tunlichst meiden und nach eigenständigen Schöpfungen streben wollten, auf ‚ausgelutschte Motive‘ bzw. jenen ‚Posaunenchor der so überdeutlichen und insofern gar nicht mehr interpretierbaren Bildelemente‘ verzichten? Ich persönlich denke das nicht unbedingt …

Es erscheint mir eher eine Frage des persönlichen Standpunktes und der Art, wie wir solche Elemente einsetzen und dosieren. Ich will hierzu einen kulinarischen Vergleich bemühen: ein Stück Braten mag der Soße bedürfen, um nicht allzu trocken zu schmecken; wir wollen also Soße hinzufügen, ohne diesen darin zu ertränken (die Frage der Dosierung) und uns fragen, wo wir diese platzieren (die Frage des Einsatzes); und wir tun dies mit dem Wissen, daß wir eben mit diesem Schritt das Gericht aufwerten oder verderben können (die Frage des Standpunkts).

In solcher Weise können wir interessante Gegenpole und Spannungsbögen schaffen. Die Abbildung 15 zeigt hierfür ein gutes Beispiel.

Abb. 15: Bild 'Sonnenuntergang in den Wolken' (Quelle: Fabian Suffel)

Fabians Bild zeigt in den oberen zwei Dritteln eine typische Sonnenuntergangsszene, mit der Sonne etwa im Goldenen Schnitt des Gesamtbildes und all der (oben besprochenen) Interpretationsmöglichkeit in Richtung ‚erfüllender und zugleich gefährdender Sonnenglut in den Farben der Leidenschaft und Entschlossenheit‘.

Das untere Drittel zeigt hingegen eine ganz andere Szenerie, eine düstere Stadtlandschaft mit schemenhaft erkennbaren Hochhäusern im Vorder- und Strommasten im Hintergrund. Auch dieser Bildteil trägt (wie ich meine) eine Ambivalenz in sich: ist jene Stadtlandschaft etwas Vertrautes, in der wir uns beheimatet und aufgehoben fühlen können? Oder ist sie in ihrer Wuseligkeit und Undurchschaubarkeit auch befremdend und abschreckend?

Ich hatte Fabian im Vorfeld dieses Tutorials angeschrieben und nach seinen Gedanken zu den Gegensätzen und Ambivalenzen befragt. Er gab seine Zustimmung zur ergänzenden Verwendung seines Bildes und schrieb: „Nun ich denke, dass gerade die Kombination von Sonnenuntergang und Stadtskyline dieses Bild besonders werden lässt. Man hat sich inzwischen an den unzähligen Sonnenuntergangsfotos sattgesehen, wenngleich sie (zumindest in meinen Augen) dennoch sehr schön sind. Wäre auf diesem Bild der Sonnenuntergang in einer idyllischen Landschaft oder an einem Meer zu sehen, wäre es nichts besonderes mehr. Das selbe gilt auch für die Stadtlandschaft. Ohne diesen Sonnenuntergang , wäre diese ‚Skyline‘ sicherlich nichts schönes geschweige dem besonderes. Sobald dann jedoch der eigentlich ‚langweilige‘ Sonnenuntergang und die nicht schön anzusehende Skyline einer Kleinstadt sich kombinieren, ergänzen sich beide Motive zu einem schönen, harmonischen und dennoch kontrastreichen Arrangement. Dies sind die Momente, in denen man die Städte dieser Welt wortwörtlich in einem andern, schönen Licht betrachten kann.”

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

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