Leserfoto:
Spannungsbögen auf engem Raum

Gerade flüchtige und im Sinne von Standardmotiven unscheinbare Szenen haben das Potential zu wirksamen Bildern, wie die heutige Besprechung aufzeigen möchte.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Bernd Plumhof aus dem rheinland-pfälzischen Gutweiler hat uns das obige Bild unter dem Titel „Bitte recht freundlich” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Beim Besuch einer Dali-Ausstellung in Singapur erwartet den Besucher am Eingang das von starken Scheinwerfern angestrahlte Gesicht des Künstlers. Meiner Freundin, die das leicht verzerrte Gesicht Dalis betrachtete, rief ich zu, sie möge sich bitte für ein Foto umdrehen. Ihrem Blick in die Scheinwerfer folgte sogleich der Auslöser mit 1/30s bei Blende 4 und 50mm Brennweite (ISO 3200). Das Bild habe ich leicht beschnitten und in Schwarz-Weiß konvertiert, damit störende Farben nicht von der Komposition ablenken. Ich persönlich mag das Bild auch wegen der Staffelung vom Gesicht im Mittelpunkt, dem Schatten und den in gleicher Linie liegenden Augen Dalis. Nikon D700 mit Nikkor 24-120 4,0”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Bernd bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch, daß sich die abgelesene und kleinbildäquivalente Brennweite beim hier verwendeten Kleinbildvollformat entsprachen.

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Bernd hatte uns schon einige Bilder zur Besprechung eingesandt. Bei diesem hier sehe ich vergleichsweise die deutlichste Tendenz in Richtung eines eigenständigen Gestaltungsansatzes, der sich nicht in der ‚Beliebigkeit des schon vielfach und manierlich abfotografierten Standardmotivs‘ verliert. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Bild empfängt den Betrachter im etwas gestreckten 4:3-Querformat. Vom 3:2-Ausgangsbild her wurde es offensichtlich noch an den Rändern beschnitten.

Salvador Dali (1904 bis 1989) wird mit seinen bekannten Äußerlichkeiten – insbesondere den weit aufgerissenen Augen und dem halb geöffneten, halb verkniffenen Mund – als Bildkulisse zitiert. So ist es insbesondere das ‚Spiel von Vorder- und Hintergrund, von Licht und Schatten, von Augen und Mündern‘, welches den Betrachter einnimmt.

Bernds Freundin steht im Mittelpunkt des Bildes. Er porträtiert sie nicht gestellt und von der ‚Schauseite‘ her, sondern sich nach Zuruf zuwendend und zugleich vom Licht geblendet (rote Linien ebd.). Die Stärke des Projektionslicht erahnen wir am harten Schlagschatten, der zugleich als Doppelung der Hauptperson dient (orange Linien ebd.). Den Reiz des Bildes macht aus, daß Person und Schatten nun Dalis Gesicht einrahmen und dessen verzerrte Züge halb verdecken, halb betonen (gelbe Linien ebd.).

Das rechte Bilddrittel weist eine mittelgraue, wenig strukturierte und überzählig erscheinende Fläche (grünes Kreuz ebd.) auf.

Interessante Wendungen ergeben sich bei der Blickführung. Vordergründig ist es die nach rechts und leicht nach oben zeigende Geste von Bernds Freundin (blaue Pfeile ebd.), die möglichwerweise eine Einladung bzw. Ermunterung darstellte („gehen wir jetzt ‚rein?”). Dalis Blick im Hintergrund nach rechts unten (violetter Pfeil ebd.) überlagert das Ganze jedoch und bekommt seine besondere Wirkung durch jene halbe Betonung und halbe Verdeckung.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich etwas linksschief bei einem Median von knapp 105. Auffällig ist die starke Peakbildung in Zone III (vom Negativraum rechts herrührend), weniger ausgeprägt in den Zonen II, VII bis VIII und V (in abfallender Bedeutung). Die Zwischenwerte sind dabei gering belegt, und der Konstrastumfang ist im Sinne einer etwas flauen Bildanmutung nicht ausgeschöpft.

Zur bereits erwähnten Zone III des Hintergrundes gesellt sich die Zone I bis II des Schattenwurfes, während der mit den Zonen I bis IX kontrastreich gezeichneten Person die mit den Zonen III bis VII zurückhaltende Projektion gegenübersteht.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Zunächst einmal möchte ich die geschickte Konzeption und Komposition von Bernds Arbeit herausstellen.

Das besagte ‚Spiel von Vorder- und Hintergrund, von Licht und Schatten, von Augen und Mündern‘ bestand nur einen Moment lang. ‚Bitte recht freundlich‘ nennt Bernd sein Bild, ein sehr ironischer Seitenhieb auf den Umstand, daß hier im Grunde genommen zwei Gesichter ‚um den Verzerrungsgrad konkurrieren‘.

Ob Bernds Freundin hier ‚unverteilhaft getroffen‘ wurde? In gewisser Weise wohl schon, doch wie so oft kommt es auch hier auf den Zweck an. Für ein Bewerbungs- oder Coverbild würde es wohl kaum taugen, aber im Sinne der hier aufgezeigten Spannungsbögen entsteht hier doch eine ganz eigene Ästhetik und Authentizität.

Zwei Überarbeitungsvorschläge würde ich noch machen (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder) – zum einen eine Ausschöpfung des Tonwertumfangs, mit dem Instrument ‚Tiefen/Lichter‘ leicht zu bewerkstelligen und zu einem ‚deutlich knackigeren Bild‘ führend; zum anderen ein leichter Beschnitt von rechts her, der den überzähligen Negativraum begrenzt.

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Bildteil:

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung 1: Tonwertoptimierung mittels 'Tiefen/Lichter'

Überarbeitung 2: Beschnitt

Überarbeitung 3: Ergebnis

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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