Leserfoto:
Dramatisches Chiaroscuro

Wie gezielte Unterbelichtung die atmosphärischen Qualitäten einer Porträtaufnahme verbessern kann, möchte die heutige Bildbesprechung aufzeigen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Dieter Lange aus Leipzig hat uns das obige Bild unter dem Titel „Dominique Leonetti (Lazuli)” in der Kategorie ‚Event/Musik‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Foto entstand beim Burg Herzberg Festival 2010 und zeigt den Sänger und Gitarristen der französischen Band Lazuli. Mich faszinierte an dem Bild die ausdrucksvolle Mimik und Gestik. Das hell bestrahlte rechte Auge entstand durch kleine Taschenlampe, mit der sich Dominique Leonetti selbst bestrahlte. Ich habe bis auf einige Feinheiten (kleine Retuschen, einen geringfügigen Beschnitt und eine winzige Drehung) nichts verändert. Beim Fotografieren von Musikern sind Hände wichtig für mich, sie sagen viel aus.”

Zur Ausrüstung und den Aufnahmedaten liegen bei diesem Bild keine Daten vor.

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Zur Gruppe ‚Lazuli‘ mußte ich mich erst einmal etwas schlau machen (auch ich als Kritiker lerne immer gerne noch etwas dazu) …

Auf der Homepage der Gruppe lesen wir: „Quelque part entre rock progressif, chanson, électro et world, la musique atypique de Lazuli, onirique, exploratrice, nous mène hors des sentiers battus.” (Übersetzung: ‚Irgendwo zwischen Progressive Rock, Chanson, Elektro und World [Music] [angesiedelt,] führt uns die unkonventionelle, traumartige und ’sich herantastende‘ Musik von Lazuli von ausgetretenen Pfaden weg.‘). Auf den Videoclips, die ich sah, singt Dominique Leonetti, der Leadsänger der Gruppe, französisch (schön, aber ungewöhnlich!) und mit unglaublich hoher Stimme (ungewöhnlich, aber schön!).

Doch zurück zu Dieters Bild. Betrachten wir dazu zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

‚Übersichtlich und doch auch geheimnisvoll‘ präsentiert sich das Bild im 2:3-Hochformat …

Als Motivzentrum erschließt sich rasch der Bereich der Augen (rote Linien ebd.), umgeben von der Nase und der Nasolabialfalte (orange Linien ebd., ‚Nasenlippenfurche‘ klingt auch nicht besser) und beiden Händen (durchgezogene gelbe Linien ebd.) bzw. Armen (punktierte gelbe Linien ebd.).

Mehr schemenhaft rahmen Haarsilhouette, Mikrofonständer und Gürtel die Hauptelemente ein (grüne Linien ebd.).

Der Hintergrund findet sich nicht im Sinne eines räumlichen Bezugs nicht dargestellt. Die Umgebung des Sängers fällt in tiefen Schatten, die Person scheint ‚in der Nacht zu schweben‘.

Die Blickführung ergibt sich über den rechten Arm des Sängers (von Betrachterseite links) und führt steil nach rechts oben zu dessen Hand und Gesicht (violetter Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Histogramm ist extrem linksschief und weist einen Median von nur 7 auf. Massive Tonwertabbrüche im Schattenbereich zeigen sich im Hintergrund.

Von Seiten der Tonwertverteilung fallen das Gesicht und die Hände des Sängers in die Zonen II bis IX, somit ergbt sich im Motivzentrum auch das Kontrastmaximum.

Deunkle Töne übrwiegen bereits an den Armen mit Zone I bis III bzw. IV. Noch mehr in den Schatten fällt die Haarsilhouette mit der Zone I, der Rest des Bildes besteht aus dem reinen Schwarz der Zone 0.

Farben:

Unter den Bedingungen eines künstlichenBühnenlichts fallen ein violetter Ton fällt auf Gesicht bzw. Haar und ein roter auf die Arme.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Dieters Bild erhält seine besondere Note durch das extreme Chiaroscuro, welches nur Teile der Person auf der völligen Finsternis des Hintergrundes heraustreten läßt.

Ein solch frontales und von unten herscheinendes Licht weicht von natürlichen Lichtbedingungen extrem ab und wirkt – ich hatte es im dritten Teil meines Tutorial zur Porträtfotografie bereits kurz erwähnt – sehr dramatisch oder auch bedrohlich.

Hier ist es Teil der Bühnenshow, also der Inszenierung des Sängers vor dem Publikum. Sehr bekannt geworden ist eine solche Lichtführungen auch aus den Edgar-Wallace-Verfilmungen, wie die untenstehenden Vergleichsbilder bekannter Darsteller (Barbara Rütting und Eddi Arendt) zeigen.

Was mit dem Bild passiert, wenn man den extremen Kontrast durch Öffnung der Schatten zu vermindern versucht, zeigt die untenstehende Überarbeitung. Das Resultat ist wohlgemerkt keine Empfehlung, sondern vielmehr eine Warnung.

Durch diese ‚Normalisierung‘ werden zwar bisher verborgene Details der Person erkennbar, aber das Bild verliert nach meinem Dafürhalten auch einiges an atmosphärischer Qualität. Anders ausgedrückt ist der ‚kalkulierte Regelbruch der Unterbelichtung‘ für die Bildwirkung dieser gelungenen Arbeit unverzichtbar.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Schattenbeschnitt

Tonwerte: Zonenverteilung

Vergleichsbild: Barbara Rütting (Quelle: div.)

Vergleichsbild: Eddi Arent (Quelle: div.)

Überarbeitung: Schattenöffnung stört atmosphärischen Eindruck

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Timo H says:

    Ich finde die Warnung übertrieben. Das Bild verliert ? Nach meinem subjektivem Eindruck gewinnt es. Es steht außer Frage das es sich hierbei gleichzeitig um ein technisches sowie künstlerisches also subjektives Phänomen handelt. LESERFOTO:
    Dramatisches Chiaroscuro. Die Musik scheint nicht so Bedrohlich. Das Lied welches bei der Aufnahme gespielt wurde wäre ein gute Hinweis um die Stimmung des Bildes bei mir zu untestützen. Ansonsten sehe ich hier keinen schweben. Die Vergleichsbilder von TV Filmen finde ich etwas weit hergeholt. Hier sind viel mehr Facetten zu erkennen als wenn ich diese mit der Zoneneinteilung vergleiche.

    Antworten

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