Leserfoto:
Eine verpaßte Chance …

Der Autofokus moderner Kameras kann, so er ein Eigenleben führt, manch interessanten Gestaltungsansatz zunichte machen, wie die heutige Bildbesprechung aufzeigen möchte.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

 
Ausgangsbild

***

Unsere Leserin Lissi Gerhardt aus Münster hat uns das obige Bild unter dem Titel „Nur wenige große Dinge verdienen Bewunderung” in der Kategorie ‚Stillleben‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Gesehen im Herbst 2013 in der Arabischen Wüste Ägyptens … Nikon Coolpix L20, Blende F/5.5, Belichtungszeit 1/620 Sek., Brennweite 7mm”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Lissi bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von etwa 40 mm bei einem Formatfaktor von knapp 5,7.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Einfache Kompositionen sind oft nicht die schlechtesten, und entsprechend übersichtlich präsentiert sich das Bild.

Etwa im Drittel von unten fällt jener etwa 20 Grad im Uhrzeigersinn gedrehte Kamm als Hauptmotiv ins Auge (rote Linien ebd.). Als Bezugspunkt im Hintergrund fungiert der etwa 15 Grad im Uhrzeigersinn verkippte Horizont (gelbe Linien ebd.).

Die Blickführung geht vom Kamm zum Hintergrund (grüne Linie ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm ist ausgewogen und mittenbetont bei einem Median von etwa 140. Ein kleiner ‚Buckel im Lichterbereich‘ wird durch den Himmel markiert. Maßgebliche Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich liegen jedoch nicht vor.

Das Hauptmotiv des Kamms hebt sich mit den Zonen VII bis IX ausreichend gegenüber dem Wüstenboden in den Zonen IV bis VII ab.

Farben:

Warme Gelb- und Brauntöne bestimmen den Vordergrund, kühle Blautöne den Hintergrund.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Schärfemaximum liegt etwa in der Bildmitte, somit in einem nicht motivwichtigen Bereich (violette Fläche ebd.).

***

Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Lissies Idee, einen Findling (hier ein Kamm) zum Hauptmotiv zu machen und das touristisch üblicherweise interessante Motiv (hier ein Wüstenboden mit Hügelsilhouette) ‚auf die Ränge zu verweisen‘, ist bestechend.

Ein vergleichbares Gestaltungsmoment findet sich etwa in der Serie ‚Surreale Landsachaften‘ (siehe dazu untenstehende Vergleichsarbeit) meines Freundes und Fotografenkollegen Torsten Andreas Hoffmann.

Auch die deutliche Verkippung des Bildes (hier vielleicht zunächst zur Übersteigerung der bereits gegebenen leichten Verdrehung des Kammes gegenüber dem Horizont geplant) erscheint hier konstruktiv im Sinne eines weiter entfremdenden bzw. surrealistischen Moments.

Unbenommen des interessanten Gestaltungsansatzes wird die Bildwirkung aufgrund der Fehlfokussierung leider deutlich abgeschwächt – ‚der Autofokus sucht sich irgendwas‘ …

Man mag dies bedauern und zugleich die erleichternde Bildautomatik bzw. erschwerte manuelle Steuerungsmöglichkeit heutiger Kompaktkameras verfluchen …

***

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickfuehrung

Tonwerte: Histogramm und Zoneneinteilung

Struktur: Schärfemaximum

Vergleichsarbeit (Quelle: Torsten Andreas Hoffmann, Surreale Landschaften 13)

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


1 Antwort
  1. Christian Fehse says:

    Hm – wahrscheinlich hatte es der Kamm sein sollen, oder? Ich finde das Bild sehr passend, da der Fokus so die Beiläufigkeit oder das „fehl am Platz sein“ des Kamms für mich noch verstärkt. Jeder sieht anders, wobei ich der fast ketzerischen Meinung bin, das Schärfe doch manchmal etwas zu viel Aufmerksamkeit in den Bildern bekommt.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *