Leserfoto:
Heitere Skurrilität

Ein ‚etwas anderes Landschaftsbild‘, gewürzt mit subtilem Regelbruch möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (7 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Markus Aatz aus dem hessischen Oberursel (Taunus) hat uns das obige Bild unter dem Titel „Mohn und Silage RGB” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo, angeregt durch das Mohn Bild letztens, möchte ich mein Mohn Bild in den Ring werfen. Ich bin gerne mit der Kamera in der Landschaft und auf Feldern unterwegs, auf der Suche nach interessanten Motiven. Ich denke daß ich hier eine schöne Situation eingefangen habe. Mir gefallen die Farben (das Bild ist eins meiner ‚RGB‘ Serie), und die Komposition, durch die Silage Ballen entsteht fast eine surreale Atmosphäre. Was meint ihr dazu?”

Zur Aufnahme wurde die 2010 eingeführte APS-C-Kamera Canon EOS 60D mit Zoomobjektiv Canon EF-S 10-22mm f/3.5-4.5 USM verwendet. Die Brennweite betrug 13,0 mm (entsprechend 20,8 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1,6), die Belichtungsdaten unter Blitzbedingungen waren 1/125 Sekunde bei Blende f/10,0 und ISO 100.

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Sofern wir bei diesen Bildbesprechungen ‚gemeinsam um Erkenntnis ringen‘ wollten, wäre ich ganz bei Markus. Zu einem Kampf, wie es die Phantasie des ‚in den Ring Werfens‘ nahelegt, müßte es aber nicht ausarten … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Als Blickfang dieses ganz offensichtlich von Bodennähe aus aufgenommenen Bildes fungiert eine im rechten unteren Viertel fußende, farblich und tonal deutlich hervorgehobene Klatschmohngruppe mit dem Blütenstand im Goldenen Schnitt.

Deren Strukturen sind teils direkt erkennbar, teils überlagert (durchgezogene und punktierte rote Linien ebd.).

Diese Gruppe wird besonders auf der linken, angedeutet auch auf der rechten Seite von Lichtreflexen bzw. Spitzlichtern der folienverpackten Heuballen flankiert (orange Linien ebd.).

Besagte Heuballen ziehen, sich dabei im Sinne eines Kulissenphänomens überlappend, fast bis zum oberen Bildrand (gelbe Linien ebd.).

Den oberen Bildabschluß stellt ein reizvoll mit Wolken aufgelockerter Himmel dar (blaue Linien ebd.).

Die Blickführung ergibt sich zwanglos im Sinne eines Bildeinstiegs bei den Lichtreflexen links unten und einem Schwenk nach rechts zur Klatschmohngruppe, um dann der Stafette der Heuballen nach oben zu folgen und im Himmel zu enden (violetter Pfeil ebd.).

Ein Aspekt, den ich hier kurz ansprechen möchte (ich komme bei den Townerten nochmals darauf zurück), ist das am differenten Schattenwurf erkennbare Vorhandensein von zwei Lichtquellen – einem Kunstlicht, welches von links unten und einem natürlichen Licht, welches von rechts oben hereinscheint (grüne Pfeile ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich etwas rechtsversetzt und minimal zweigipflig bei einem Median von knapp 145. Die angedeuteten Peaks im extrem linken und rechten Tonwertbereich sollten nicht mit klassischen Tonwertabbrüchen verwechselt werden, sie sind stattdessen Ausdruck der (roten) Reinfarbigkeit.

Bei der Visualisierung der Zoneneinteilung folge ich wiederum folgendem Schema: große Schrift – großer lokaler Kontrastumfang; kleine Schrift: kleiner lokaler Kontrastumfang; rote Farbe – Schatten; orange Schrift – Mitten; gelbe Schrift – Lichter …

Wie schon angedeutet, taugt die Klatschmohngruppe durch ihre kontrastreiche Zeichnung in den Zonen I bis IX ganz unzweifelhaft zum Motivzentrum.

Angenehm zurückhaltend beläuft sich an dieser Stelle der flankierende Heuballen in den Zonen IV bis VI.

Reizvoll ist ferner die subtile Staffelung der Heuballen zur Höhe hin – der Mittelgrund tritt mit den Zonen VI bis VIII gegenüber dem Vordergrund in den Zonen VI bis VIII zurück, was als ‚Räumlichkeitseindruck durch Kontrastverlauf‘ bezeichnet werden kann.

An dieser Stelle möchte ich noch auf die ‚Posterisation als ergänzendes Hilfsmittel der Bildanalyse‚ zurückgreifen.

Die massive Einschränkung der Ton- und Farbwerte in der untenstehenden Abbildung erschafft nicht nur ein ganz irreales Bild, sondern soll vor allem den Blick für bestimmte Bildgegebenheiten schärfen – hier eben die Blitzartefakte im Sinne unnatürlicher Lichtreflexe auf den Folien (1 ebd.) sowie die enorme Farbdichte auf den Klatschmohnblüten im Sinne eines streckenweise ‚ausblutenden Rottons‘ (2 ebd.).

Farben:

Die gebrochenen Grüntöne des vorderen Heuballen treten in einen reizvollen Komplementär- und Farbdichtekonstrast mit den reinroten Tönen der Klatschmohngruppe.

In der oberen Bildhälfte dominieren minimal blaßrosa Töne in den oberen Heuballen und kräftige Blautöne im Himmel.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Von Seiten der sehr eingängigen Komposition und Blickführung, der mit geringen Abstrichen ausgewogenen Ton- und Farbgebung sowie der sehr heiteren Anmutung kann ich Markus‘ Arbeit nur loben.

Ich hatte auf die Problematik der zwei Lichtquellen hingewiesen. Doch mittels einer konventionellen Aufnahme ohne Blitz hätte der Klatschmohn zweifellos nicht derart zur Geltung kommen können wie hier im Bild.

Von der Verwendung des Kunstlichtes rühren dann natürlich auch die unnatürlich anmutenden Lichtreflexe auf der Folie her. Gleichwohl erscheinen auch diese akzeptabel, da sie den Blickeinstieg links unten und die Blickführung nach rechts oben unterstützen.

Ein kritischer Punkt ist auch die enorme Farbigkeit im Bereich der Blüten (‚ausblutendes Rot‘), doch ist auch dies vertretbar im Sinne eines ‚Farbdichtekontrastes‘.

Die Aufnahme kann aus diesen Abwägungen auch als gelungenes ‚Beispiel für kalkulierten und subtilen Regelbruch‘ aufgefaßt werden.

Ganz kann ich meine Leidenschaft für die Schwarzweißfotografie nicht verleugnen, so daß ich für ‚Liebhaber des Monochromen‘ und außer Konkurrenz noch eine entsprechende Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) vorstellen möchte – bitte nicht zu verwechseln mit der simplen Graustufenumwandlung in den Illustrationen des Analyseteils.

Findet Ihr auch, daß es ein ganz anderes Bild mit einer ganz anderen Stimmung ist? Wo Marcus‘ Arbeit trotz ihre subtilen Skurrilität etwas Freundliches und Heiteres ausstrahlt, scheint die Überarbeitung viel entrückter, bedrohlicher …

Ich hatte dabei auch ein Motiv aus meinem Frankreichportfolio im Sinn, welches ich abschließend noch als Vergleichsarbeit (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zeigen möchte.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Komposition: Lichtquellen

Tonwerte: Histogramm und Zoneneinteilung

Tonwerte: Posterisation zur Darstellung von Blitzartefakten und Reinfarbigkeit

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

Vergleichsarbeit: Cévennes, Mont de Lozère (2012)

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Christian Bartusch says:

    Um auf Thomas‘ Frage einzugehen: Auch ich finde, dass die vorgenommene SW-Konvertierung dem Bild eine wesentlich bedrohlichere Atmosphäre verschafft. Ohne Zweifel kommt der Himmel in dieser Version wesentlich stärker zur Geltung. Allerdings gilt für den Mohn, welcher ja eigentlich das Hauptmotiv verkörpert, genau das Gegenteil. Mangels der farblichen Heraushebung wirkt mir dieser auf dem monochromen Bild zu unscheinbar. Mein Blick bleibt nun nicht mehr an der Pflanze hängen, sondern gleitet direkt über die Strohballen weiter zum Himmel. Ich habe den Eindruck, dass ich das farbige Bild dagegen länger betrachte, da ich dort dem Mohn mehr Aufmerksamkeit schenke, bevor mein Blick weiterwandert.

    Abschließend möchte ich natürlich auch meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass wir hier bald wieder neue Bildkritiken lesen dürfen.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Du hast es sehr gut auf den Punkt gebracht: in der Farbaufnahme sichert der Komplementärkontrast zwischen lindgrünem Heuballen und roten Mohn die Vordringlichkeit des Hauptmotivs. In der Schwarzweißversion geht dies natürlich verloren. Hier zieht es den Blick eher nach oben, in den hochkontrastigen Himmel.

      Bildbetrachtungen sind aus meiner Sicht immer auch ein gutes Experimentierfeld, um die Auswirkung veränderter Farbe, Tonalität und Struktur auf die Gesamterscheinung des Bildes kennenzulernen und solches als erweitertes Instrumentnarium in eine bewußtere eigene Bildgestaltung einfließen zu lassen.

  2. icke says:

    Sehr schön. Wann aber gibt’s denn endlich Nachschub? Habt Ihr keine Zeit mehr oder gibt’s keine Einsendungen?…

    Hoffe Euch bald wieder öfter lesen zu dürfen!

    Antworten

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