Tutorial Streetfotografie (6/7):
Abstraktion

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

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3.6 Anschnitte und Abstraktion

Fast schon zum Ende meiner Aufzählung hin sei (last but not least) auf die Möglichkeit hingewiesen, mit Anschnitten von Personen zu arbeiten oder auf die Darstellung von Personen ganz zu verzichten. Es kommt der Einwand, daß das dann keine Streetfotografie mehr wäre? Das sehe ich anders und verweise nochmals auf Punkt 2.2 dahingehend, daß Streetfotografie Aspekte des spontanen Straßenlebens aufzeigen und nicht mit einer Porträtfotografie unter Outdoor-Bedingungen verwechselt werden sollte. Auch die Ferne von Personen, mithin also die Beschränkung auf Objekte oder gar die fotografische Abstraktion, kann indirekt auf die Anwesenheit und Einwirkung von Menschen hinweisen.

Abb. 22: ´Leere Flasche´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)Mein Bild ´Leere Flasche´ (siehe dazu auch Abbildung 22) soll dieses Wirkprinzip veranschaulichen. Dort ist zum Aufnahmezeitpunkt kein Mensch, aber die Relikte allein mögen uns wohl den Rest der Geschichte, einschließlich des vormaligen Einwirkens eines Menschen, erzählen.

Abb. 23: ´Straßenmusik´ (Quelle: Marcus Leusch, undatiert)Nochmals möchte ich ein Bild von Marcus Leusch anführen – dieser weist ein vielfältiges und interessantes Streetportfolio auf und hat schon etliche Arbeiten zur Besprechung und Diskussion eingereicht. Diese Bild hier trägt den schlichten Titel ´Straßenmusik´ und wurde hier im April 2014 besprochen (siehe dazu auch Abbildung 23).

Wir sehen auf dem Bild einen doppelten Torso – zwei Hände einer Person und Teile einer Harfe. Mögliche Fallstricke von Wiedererkennbarkeit werden so gemieden und trotz (oder gerade wegen) der Ausschnitthaftigkeit weist das Bild eine starke Dynamik auf.

3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby

Zuletzt möchte ich noch einen Ansatz erwähnen, den ich über die letzten Jahre hinweg entwickelt hatte. Über das Lensbaby und insbesondere über Bauart, Funktionsweise und die nicht ganz einfache Bedienung hatte ich in einem eigenen Tutorial bereits im April 2013 berichtet.

Das Lensbaby eignet sich nach meinem Dafürhalten auch sehr gut für die Streetfotografie. Die tendenzielle Abbildungsschwäche und die weitläufigen Unschärfebereich außerhalb des ´sweet spots´ sind streng genommen Objektivschwächen, werden hier aber im Sinne eines kreativen Gestaltungsmoments nicht nur in Kauf genommen, sondern geradezu gesucht. Die genannten Eigentümlichkeiten erlauben kaum eine derart akkurate Darstellung einzelner Personen, wie wir sie von hochabbildenden Objekten gewohnt sind. Und eben diese Vagheit erweist sich im Sinne unserer heutigen Erörterung, insbesondere der Meidung von Kollisionen mit den Persönlichkeitsrechten der Abgebildeten, geradezu als Segen.

Ich will diesen Ansatz beizeiten noch in einem separaten Tutorial ausführlich vorstellen und mich hier darauf beschränken, nochmals zwei Beispielbilder aus meinem eigenen Portfolio und deren Kommentierung durch Florian Adler vom Magazin ´Schwarzweiß´ anzuführen.

Abb. 24: ´Entfremdet´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)Unser Leser hat ein sehr skurriles Foto zur Diskussion und Analyse eingesendet. Da gibt es das verblüffende Wechselspiel aus Realem und Spiegelung, das durchaus zu verwirren vermag. Thomas Brotzler fotografiert ein Sakko in einer Schaufensterauslage. Leicht schräg von der Seite bringt das Sakko eine gewisse formale Spannung. Gut platziert ist auch die Fensterschnittstelle, die, aus der der Mittelachse weit nach links versetzt, das Bild vertikal teilt. Doch nun wird es spannend: Es sind die Spiegelungen in den Scheiben, die das Besondere in diesem Bild ausmachen. Genau beobachtet unser Leser das Motiv und findet den entscheidenden Moment, in dem ein anonymer Mann kleinformatig, scheinbar ins Jackett integriert, zu erkennen ist. Dazu werden auch noch ein Straßenverlauf und Autoparkbuchten sichtbar. Auch die überstrahlten weißen Abgrenzungen im linken Bildteil und dem unteren Bildbereich bewirken eine seltsame Szenerie, die vom Bildautor wirksam und geheimnisvoll anmutend miteinander verbunden werden. Schaufenster, mit ihren Auslagen und vor allem mit ihren Glasspiegelungen, garantieren unendlich viele Motive. Allerdings muß man sich mit ihren sehr konzentriert auseinandersetzen, um wirklich alle Feinheiten und Seltsamkeiten zu entdecken. Vielleicht erreichen die Redaktion in Zukunft weitere Aufmerksamkeit erregende Arbeiten zu diesem Thema.“ (siehe dazu auch Abbildung 24)

Abb. 25: ´Mondän´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)Ein weiteres, auf den ersten Blick seltsam anmutendes Foto hat unser Leser Thomas Brotzler eingesendet. Er ist Psychotherapeut und so interessieren ihn Zwischenwelten, auf die er trifft. Diesmal findet er sein Motiv in einer Schaufensterauslage. Das zu beobachtende Wechselspiel aus Schärfen und Unschärfen fasziniert. Aus dem Vordergrund führt eine abgerundete Form in den Bildhintergrund. Daß diese Form nicht scharf gezeichnet ist, stört hier nicht. Vielmehr trägt sie bei zu einem geheimnisvoll anmutenden Bildinhalt. Die Bewegung weist auf zwei Schaufensterpuppen in linken oberen Bildbereich. So ist größtmögliche formale Spannung erzielt und eine eindeutige Ausrichtung des Bildbetrachters. Neben der unscharfen Form, die in den Bildhintergrund führt, fallen die durch Lichtbrechungen in den Schaufenstern ebenfalls unscharf wirkenden Architekturelemente auf. So ist auf eine sehr unwirklich anmutende Welt verwiesen, die ziemlich unkonkret bleibt. Das öffnet natürlich dem Betrachter des Bildes unzählige Assoziationen, die vom Bildautor durchaus angestrebt sind. Es bleibt das Wechselspiel aus realer Welt und verfremdeter Welt. Der Fotograf manipuliert hierbei nicht, sondern greift zurück auf Vorhandenes. Es gibt so manchen Fotografen, der mit komplizierter Verschiebetechnik an der Kamera solche Bildeindrücke manipuliert, um an ähnlich geheimnisvolle Bildaussage zu gelangen, Unser Leser greift bei seiner Auseinandersetzung mit der Welt nur auf Vorhandenes zurück. Und vielleicht liegt gerade hier die Stärke seiner Arbeit.“ (siehe dazu auch Abbildung 25)

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