Leserfoto:
Rascher Blickdurchgang

Die Bedeutung spannungsvoller Komposition und Blickführung wollen wir im Rahmen der heutigen Bildvorstellung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Felix Schmidt aus dem sachsen-anhaltinischen Halle (Salle) hat uns das obige Bild unter dem Titel „Pauluskirche bei Nacht” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hi. Hier mal ein Foto von mir, zu welchem ich gerne eine Kritik hätte. Aufgenommen am 8.1.2014 gegen 18.00 Uhr in Halle (Saale). Zu sehen ist die Pauluskirche auf dem Hasenberg. Da die Kirche seit ca. 4 Wochen abends beleuchtet wird, wollte ich dies natürlich gleich mit meiner neuen Kamera festhalten. Exif-Daten: Kamera: Canon EOS 6D Objektiv: EF 24-105 f/4 L IS USM Brennweite: 24mm Blende: f/5,6 ISO: 1.600 Bel.zeit: 1 sec”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Felix bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch, daß die abgelesene und kleinbildäquivalente Brennweite beim hier verwendeten Kleinbildvollformat identisch waren.

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Bildversion auf '500px'Im Vergleich zu Felix‘ Bildversion bei ‚500px‘ weist die hier gezeigte einen etwas erhöhten Kontrast und Farbauftrag und eine Verdichtung auf die Kirche durch einen Beschnitt von unten her auf.

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild zeigt ein etwas gestrecktes 3:2-Querformat und weist drei Teile auf – einen mittleren, recht ‚vollen‘ mit der von Kunstlicht beleuchteten, fast die ganze Bildhöhe einnehmenden Kirche sowie zwei seitliche, recht ‚leere‘ mit sehr dunklen Baumsilhouetten und einem davon nur geringfügig abgesetzten Nachthimmel. Die Posterisation verdeutlicht diese Bildgewichtung mit den drei sich über jeweils ein Drittel der Bildbreite erstreckenden Teilen.

Die mittig angelegte Kirche stellt den Blickfang und das Hauptmotiv des Bildes dar. In seiner Gesamtstruktur wirkt sie wie ein aufrechtes Dreieck (durchgezogene rote Linien ebd.), darüber hinaus weist sie reiche Binnenstrukturen auf (punktierte rote Linien ebd.).

Zu beiden Seiten wird die Kirche von zwei kleinen Straßenlaternen und dem davon beleuchteten Buschwerk (orange Linien ebd.) eingerahmt.

Im Hintergrund werden noch Baumsilhouetten (durchgezogene türkisfarbene Linien ebd.) und -binnenstrukturen (punktierte türkisfarbene Linien ebd.) schemenhaft erkennbar.

Die Blickführung folgt der zentralen Struktur von unten nach oben (violetter Pfeil ebd.) im schnellen Durchgang, während die seitlichen Teile wenig zum Verweilen einladen.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich deutlich linksversetzt und linksschief bei einem Median von knapp 25. Weitläufige Tonwertabbrüche finden sich im Schattenbereich, nicht jedoch im Lichterbereich.

Die Kirche als Hauptmotiv umfaßt die Zonen II bis VII. Die Baumsilhouetten liegen in den Zonen 0 bis I, der Nachthimmel findet sich davon wenig abgegrenzt in der Zone I.

Farben:

Das Hauptmotiv ist von warmen Orangetönen, das Gras und Himmel von kalten Grün- und Blautönen beherrscht.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Mit seiner mittigen Komposition, den weitläufigen Negativräumen und dem insgesamt recht flauen Bildeindruck kann mich Felix‘ Arbeit leider nicht völlig überzeugen.

Die Binnenstrukturen der Kirche sind zweifelsohne reizvoll dargestellt, doch darüber hinaus ist das Bild zu rasch durchgesehen, lassen zu wenig Spannungsbögen das Bild lebendig werden.

Ich darf auf die untenstehende Überarbeitung verweisen, in welcher durch einen Beschnitt der (aus meiner Sicht) überzählige Negativraum vermindert wurde und eine Farbauffrischung erfolgte.

Im so entstehenden 7:6-Querformat bekommt die links unten platzierte Straßenlaterne als Kontrapunkt zur großen Kirche neue bzw. größere Bedeutung. Sie fungiert nun als Ausgangspunkt für eine viel spannendere, zunächst nach nach rechts (zur Kirche hin) und dann nach oben (zur Turmspitze hin) strebende Blickführung.

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Bildteil:

Komposition: Darstellung der Bildgewichte durch extreme Posterisation

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Beschnitt und Farbauffrischung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


2 Antworten
  1. Ralf says:

    endlich wieder eine „Thomas Brotzler-Kritik“!

    Ich hätte das Bild ähnlich beschnitten wie Thomas, die Farben finde ich aber im obersten Bild am natürlichsten. Das Bild zeigt auch die
    Schwächen von dem 24-105mm – ich benutze es selber an der 5D – die Verzerrung gerade im unteren Bereich ist leider ziemlich deutlich.

    Wäre es hier sinnvoll gewesen zur Verminderung
    der stürzenden Linien von einem weiteren Standpunkt aus mit einer höheren Brennweite zu Fotografieren, oder ergibt das gleich ein anderes Bild?. Wie ist deine Meinung?

    Beste Grüße
    Ralf

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ich selbst benutze das ‚Canon EF 24-105 f/4 L IS USM‘ eigentlich gerne, aber am weitwinkligen Ende finde ich es auch äußerst bescheiden. In solcher Bereichen nehme ich dann das ‚Canon EF 17-40 f/4 L USM‘ oder noch besser gleich das ‚Canon TS-E 17 f/4 L‘ mit und ohne Extender 1,4x.

      Aber es ist verrückt: die von verschiedenen Fotografen beschriebene, bescheidene Leistung am weitwinkligen Ende bildet sich bei Tests (siehe obigen Link zu Traumflieger) nicht entsprechend ab. Tonnenförmige Verzeichnung ja, aber was will man bei solch einem erschwinglichem Preis auch erwarten! Und 2344 Linienpaare bei förderlicher Blende von f/5,6 gehören ganz gewiß nicht zum Schlechtesten, was der Markt zu bieten hat …

      Deine Überlegungen zur Abstandnahme sind nachvollziehbar, zudem ja alle wesentlichen Elemente parallel zur Bildebene stehen und sich so Vorder- und Hintergrund bei Brennweitenänderung nicht gegeneinander verschieben würden. Insofern ergäbe das kein grundsätzlich anderes Bild. Vermutlich war das Problem eher, daß kein solch geeigneter (entfernterer) Standort verfügbar war …

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