Leserfoto:
Zwischen professioneller Anmutung und kalkuliertem Regelbruch

Das wohltuende Ergebnis eines durchdachten Konzepts, einer professionellen Aufnahme bzw. Ausarbeitung und eines kalkulierten Regelbruchs.

Ausgangsbild

Unser Leser Daniel Mack aus dem nordrhein-westfälischen Königswinter hat uns das obige Bild unter dem Titel „Brot und Spiele 2.0” in der Kategorie ‚Konzept‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Jeden Monat veranstalten wir einen privaten Fotowettbewerb unter Freunden. Das Motto lautete ‚Brot und Spiele‘. Kaiser Trajan habe Massenunterhaltungen besonders gepflegt, in der festen Meinung, ‚dass das römische Volk insbesondere durch zwei Dinge, Getreide und Schauspiele, sich im Bann halten lasse‘. Mein Bild stellt ein Konzept der modernen Variante dar. Im Studio aufgenommen, eine Softbox frontal, ein Spotlight auf den Hintergrund. Geschossen mit Olympus OM-D EM5, 45mm, Blende f1.8 und 1/125. ISO 200.”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Daniel bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch, daß als Objektiv die Festbrennweite Olympus M.Zuiko Digital 45mm f/1.8 (Affiliate-Link) mit einer kleinbildäquivalenten Brennweite von 90,0 mm (bei einem Formatfaktor von 2,0) verwendet wurde.

Daniels Ansatz, sich im ‚Bilderwettstreit mit Freunden‘ zu messen und dabei in einer aufwendigen Studioarbeit – wahlweise ironisch oder resignativ – ‚panem et circenses‚ als altbewährtes Herrschaftsprinzip der Mächtigen zu zitieren, gefällt mir sehr gut. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Aufnahmesetup:

Mit der Verwendung der maximalen Offenblende von f/1,8 verzichtete Daniel zwar auf einen Teil der möglichen Abbildungsleistung, deren größte Ausprägung sich im Bereich der ‚kritischen Blende‚ von f/5,6 bis f/11,0 findet. Gleichwohl war die Entscheidung hier unzweifelhaft richtig, um den Schärfeverlauf (dazu unten noch mehr) schön in Szene zu setzen.

Des weiteren fällt auf, daß Daniel sich auf ein Führungs- und Hintergrundlicht beschränkte und damit in Abweichung von der klassischen Drei- bzw. Vierpunktbeleuchtung auf das Aufhellungs- und Kantenlicht verzichtete (siehe dazu ggf. den dritten Teil meines Tutorials zur Porträtfotografie). Doch auch diese Entscheidung erscheint vor dem Hintergrund der insgesamt hellen Bildanmutung nachvollziehbar.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild empfängt den Betrachter im 4:3-Querformat und mit übersichtlicher Anordnung der Elemente.

Gesicht und Hände fesseln unseren Blick in besonderer Weise, und so stellen diese auch in Daniels Bild die Hauptelemente dar (rote Linien ebd.), die sich mit gutem Zutun auch als verkipptes und sehr spitzes Dreieck beschreiben lassen (ohne Abbildung ebd.).

Eingerahmt werden diese Elemente von den Hauptstrukturen des Körpers, insbesondere beiden Armen und Händen, wobei man die Fältelungen des Kragens noch als gesichtsbetonende Struktur hinzunehmen kann (orange Linien ebd.).

Die zweite, gegenüber der Person nachrangige, gleichwohl auch im Kontrapunkt zu dieser stehende Motivgruppe stellt jene Formation der Pizzaschachteln dar (eine ans Sofa gelehnt, die anderen auf diesem gestapelt), deren Inhalt sich unser Protagonist im wesentlich schon einverleibt haben mag (gelbe Linien ebd.).

Zur ‚Erdung‘ dieser beiden Motivgruppen dient das Sofa (grüne Linien ebd.).

Schließlich findet sich mit dem Schattenwurf des Sofas und einer Bodenkante auch noch der Raum angedeutet, in welchem die Szene spielt (türkisfarbene Linien ebd.).

Von Seiten der Blickführung möchte ich jene Aufwärtsbewegung von den Pizzaschachteln links unten über die Hände mit Playstation zum Gesicht des Protagonisten benennen (breiter violetter Pfeil ebd.).

Wichtig für die Bilddynamik (ich komme in der Zusammenfassung noch darauf zurück) ist auch noch die etwa 30 Grad nach rechts betragende Verkippung des Bildes (schmaler violetter Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich etwas rechtsschief und zweigipflig bei einem Median von 140.

Bei der Zonenverteilung (Schatten rot, Mitten und Mischbereiche orange, Lichter gelb, hoher Kontrastumfang in großer und niedriger in kleiner Schrift) stechen insbesondere zwei Bereiche ins Auge – die sehr kontrastreich gezeichnete Person in den Zonen I bis IX und der etwas zurückhaltender kontrastierte ‚Pizzabereich‘. Deutlich davon abgesetzt liegen der Hintergrund und Teile der Sofaflanken in den Zonen VII bis IX.

Farben:

Gebrochene Balu- und Orangetöne, durchsetzt mit einigen Rot- und Grüneinsprengseln dominieren das Bild

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Nur kurz seien die Bandingartefakte in der linken oberen Bildecke erwähnt (rotes Viereck ebd.). Diese entstehen bei der Verkleinerung und Kompression ins 8-Bit-JPG-Format und liegen im Ursprungsbild gewiß nicht vor. Man hätte diesem Effekt mit einer Weichzeichnung bzw. Schärfungsausklammerung dieses Bereichs entgegentreten können.

Das Schärfemaximum liegt auf dem Gesicht und den beiden Händen, wo es hingehört (gelbes Dreieck ebd.). Sehr schön stellt sich der Schärfeverlauf dar mit seinem schon erwähnten Schärfemaximum, der weichen Schärfe auf dem restlichen Körper und der angelehnten Pizzaschachtel, der leichten Unschärfe auf den übrigen Pizzaschachteln und der deutlichen Unschärfe im Hintergrund (Blauabtönungen ebd.).

***

Zusammenfassung:

Ich möchte Daniel zunächst danken, daß er als gelernter Fotograf bzw. Fotodesigner uns seine Arbeit zur Besprechung anvertraut. Dies ist uns, wie man so schön sagt, ‚Ehre und Herausforderung zugleich‘ …

Seinem eigenen, professionellen Anspruch ist Daniel mit dieser Arbeit zweifellos gerecht geworden.

Dies beginnt schon mit den Entscheidungen zur Blendenwahl und Ausleuchtung, welche im Sinne eines ‚kalkulierten Regelbruchs‘ recht lehrreich wirken.

In formaler Hinsicht überzeugen die schöne Darstellung der Ton- und Farbwerte, desgleichen der Schärfeverlauf, welcher auf kleinem Raum enormen Tiefeneindruck schafft.

Inhaltlich ergibt sich der Bildwitz durch die Substitution des althergebrachten Prinzips ‚Brot und Spiele‘ durch die neuzeitliche Konnotation von ‚Pizza und Playstation‘. Man mag, dies überläßt Daniel ganz dem Betrachter, darüber schmunzeln oder verzweifeln, daß der Mensch sich in seiner Manipulierbarkeit über die Zeiten so wenig ändert.

Auch die Verkippung, wiederum ein Aspekt ‚kalkulierten Regelbruchs‘, ist schließlich ein gelungenes und wichtiges Element der Bilddramaturgie, indem sie eine ‚Metapher einer verdrehten Welt‘ einführt.

***

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung und Verkippung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Struktur: Schärfemaximum und Bandingartefakte

Struktur: Schärfeverlauf

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Da bin ich leider etwas zu spät gekommen und kann nur noch sehen, wie hier gerade zugesperrt wird.

    Vielen Dank allen für die Bildkritiken.

    Möge das Licht mit euch sein.

    Antworten
  2. Thomas Brotzler says:

    Hallo Ihr drei …

    Ich habe mich nochmals mit Euren Argumenten hinsichtlich der Verkippung auseinandergesetzt, und ich „bleibe darin doch mehr bei Daniel“ (wie er selbst es ja nochmals verdeutlicht hat). Meine Überlegungen dazu: Man könnte die Verkippung als „neumodischen Manierismus“ hinstellen, doch empfinde ich diese in diesem Bild nicht als ein oberflächliches oder modisches „pimp me up“, sondern als ein gut eingesetztes kompositorisches und dramaturgisches Element (verdrehte Welt bzw. drohendes Kippen). Auch die Blickführung wird unterstützt, denn erst so entsteht eine aufsteigende Diagonale, die im Gesicht des Protagonisten endet.

    Eine nicht verkippte Aufnahme ließe mich an „Die Eltern des Künstlers II“ von Otto Dix aus dem Jahre 1924 denken: extrem statisch, extrem zäh, was der Darstellungsabsicht des Malers zweifelsohne entsprach. Die Eltern stecken in ihrer Welt fest, nichts kann sich ändern …

    Zurück zu Daniels Bild: Computerspiele sind hier ein wesentliches Thema. Wir tauchen da in eine virtuelle, künstliche Welt ein. Und („Matrix“ läßt grüßen) wir können uns darin verlieren. Genau dies bringt Daniel für mich mit diesem Element gekonnt auf den Punkt.

    Zitat: „gerade die Kommentar- und Diskussionskultur hier auf dieser Seite schätze ich neben den Bildbesprechungen sehr

    Ihr habt ja das Drama und das langsame Sterben von Fokussiert wahrscheinlich mitbekommen. Die Diskussion rund um den siebten Teil meines Streettutorials bringt es nochmals auf den Punkt.Von den freien Autoren war ich ja der Letzte, der hinzukam. Mittlerweile komme ich mir hier vor wie „der Letzte, der das Licht ausmacht“ :o) …

    Thomas

    Antworten
    • Stefan W. Wolf says:

      Hallo Daniel,
      Hallo Thomas,

      vielen Dank für Eure Antworten :)

      @Daniel:
      Kann ich gut nachvollziehen, ging mir das ein oder andere mal auch schon so.

      Ich für meinen Teil handhabe es immer so: Zuerst muss es MIR gefallen, bevor ich einem Bild die Chance gebe anderen gefallen zu können ;)

      Von daher finde ich es toll, dass du ehrlich über dein Shoot und deine Entscheidungsfindung berichtest und dich letztendlich für die Aufnahme entschieden hast, die DIR am besten gefällt! So sollte es sein.

      @Thomas:
      Die Blickführung wird definitiv durch die Komposition unterstützt, da gebe ich dir vollkommen recht. Hätte man eine statischere Variante gewählt hätte man inhaltlich (Person und Beiwek) re-komponieren müssen, damit es überhaupt noch funktioniert.

      Für „darin verlieren“ nimmt (mir persönlich) der Protagonist zu viel Raum ein. Da fände ich es interessant, wenn er bspw. zwischen Pizzaschachteln und DVD-Hüllen untergehen (=sich verlieren) würde ;)

      Fazit: Wir bleiben wohl beide bei unserer Meinung, können aber die Intention des Gegenübers nun ein Stück weit besser verstehen. Gefällt mir :)

      Unabhängig davon:
      Ja, ich habe das Ausbluten dieser Seite hier mitbekommen und vor den Feiertagen verdrängt. Sollte sich ein Nachfolgeprojekt ergeben, wäre auch ich mehr als interessiert daran (ob als Leser oder Mitwirkender sei dahin gestellt) teilzunehmen ;)

      Da meine E-Mailadresse wahrscheinlich nicht angezeigt wird und ich sie auch nicht unbedingt hier öffentlich posten möchte, verweise ich auf meine Internetseite und die dortige Kontaktmöglichkeit.

      Ich würde mich sehr freuen wenn es weiter geht.

      Egal wie.

      Herzliche Grüße & ein schönes Wochenende
      Stefan

  3. Daniel Mack says:

    Lieber Thomas,

    vielen Dank für ausführliche Besprechung meines eingereichten Bildes. Natürlich freue ich mich immer sehr über positives Feedback :-)

    Das Argument des gekippten Bildes atte ich bereits beim Shooting. Die Dynamik soll meiner Intention nach das „Kippen“ des Modells, bzw. der Gesellschaft darstellen. Kennt ihr das Gefühl, wenn man laaange auf den Bildschirm starrt und nach und nach den Bezug zur Realität verliert?

    Ich habe auch eine waagerechte Aufnahme gemacht, diese gefiel mir aber nicht so sehr.

    Viele Grüße,

    Daniel

    Antworten
  4. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Die Bildidee zum Thema „Brot und Spiele“ finde ich toll. Ich könnte mir gut noch einen Flokati unter dem Sofa und eine dezente altmodische Tapete im Hintergrund dazu vorstellen. Damit ist der Hauptdarsteller zwar nicht mehr so freigestellt, dafür wirkt die Umgebung nicht ganz so steril.
    Beim Thema Verkippung oder nicht bin ich mir unsicher, das Argument von Stefan scheint mir schlüssig.

    Antworten
  5. Stefan W. Wolf says:

    Ein interessantes Bild (Glückwunsch, Daniel), das mich doch sehr zum Schmunzeln gebracht hat. Gerade zwischen den Feiertagen habe ich mich schon etwas in diesem Bild wiedererkannt ;)
    Eine weitere aufschlussreiche Besprechung (Danke, Thomas).

    Ich stimme weitestgehend mit Thomas‘ Ansichten überein, bis auf einen Punkt.

    Thomas schreibt:
    „Auch die Verkippung, wiederum ein Aspekt ‘kalkulierten Regelbruchs’, ist schließlich ein gelungenes und wichtiges Element der Bilddramaturgie, indem sie eine ‘Metapher einer verdrehten Welt’ einführt.“

    Meiner(!) Meinung nach macht diese Verkippung das Bild bzw. den Inhalt unnötig dynamisch. Unser Couchpotatoe scheint gerade aus dem Bild zu fallen. Gerade im Hinblick einer Gesellschaftskritik würde für mich persönlich eine statische, ruhige (vielleicht sogar langweilige) Komposition mehr zusagen, da es den Ausdruck ‚Brot und Spiele‘ (=ruhig stellen) verbunden mit einer gewissen Lethargie besser zum Ausdruck gebracht hätte.

    Wohlgemerkt, das ist meine Ansicht, belehrt mich sehr gerne eines Besseren – denn gerade die Kommentar- und Diskussionskultur hier auf dieser Seite schätze ich neben den Bildbesprechungen sehr.

    Nichtsdestotrotz gefällt mir das Bild von Daniel in seinen Grundzügen gut, da das Thema bzw. der Ausdruck gekonnt in unsere moderne Zeit transponiert wurde :)

    Herzliche Grüße
    Stefan

    Antworten

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