Leserfoto:
Ein Bild der Unmittelbarkeit

Eine archaische Aufnahme fernab vom konventionellen ‚Rosarotgefühl und Kindchenschema‘ möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Jörg Fietkau aus dem nordbadischen Niefern-Öschelbronn hat uns das obige Bild unter dem Titel „new life” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Ich habe das Bild direkt (bei) nach der Geburt meiner dritten Tochter aufgenommen. Es war mehr oder weniger Spontan, deshalb auch ein Schnappschuss. Ich finde das es sehr viele Babybilder gibt, solche denke ich aber doch eher selten sind. Ich habe auch sehr lange überlegt ob ich das Bild veröffentlichen soll, Ich habe es jetzt doch einmal gewagt. Aufgrund meiner perönlichen emotionalen Bindung zu diesem Bild finde ich es Weltklasse. Nun sollt Ihr mir sagen ist es wirklich gut, oder sollte ich mir ein anders Hobby suchen, bzw. kann man sich so ein Bild auch aufhängen.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 1000D mit Zoomobjektiv 18 bis 200 mm (Canon, Tamron, Sigma?) verwendet. Die Brennweite betrug 72 mm (entsprechend gut 115 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/60 Sekunde bei Blende f/5,6 und ISO 400, der Blitz wurde ausgelöst.

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Es rührt mich wohl, wenn Jörg mir solche Wegweisung hinsichtlich ‚Bild aufhängen oder anderes Hobby suchen‘ zubilligt, doch erschiene mir ein solcher ‚Richtspruch aus der Ferne‘ auch problematisch. Vielleicht wäre schon geholfen, wenn ich etwas zur Beschreibung und zum Verständnis des Bildes beitragen könnte.

Betrachten wir in diesem Sinn zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente …

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Wir sehen ein Querformat im heute üblichen 3:2. Die Szene ist ebenso übersichtlich wie archaisch – ein Neugeborenes, noch deutlich von der Geburt gezeichnet und ganz in seiner eigenen Welt; zugleich sicher gehalten, auch emporgehoben und vorgezeigt von zwei Händen, die etwas von rechts ins Bild hineinreichen. Wir Betrachter scheinen so der haltenden Person über die linke Schulter zu blicken.

Die Aufzählung der wichtigen Bildelemente soll beim Gesicht des Neugeborenen beginnen. Es wirkt doch etwas angestrengt von den Mühen der Geburt, noch etwas ‚verhutzelt‘ gar (rote Linien ebd.). Seine Arme setzen des weiteren starke Signale – der rechte steht in die Luft, weiß vielleicht gar nicht, wo er hin will; der links ist zum Gesicht gebogen, und den Daumen dürfen wir wohl im Munde vermuten – der Saugreflex wird getriggert (orange Linien ebd.).

Ergänzend und abschließend treten schließlich noch die haltenden Hände von rechts unten hinzu – auch dies eine starke Geste, schützend und wertschätzend zugleich (gelbe Linien ebd.).

Die Blickführung ist übersichtlich – vom Betrachterstandpunkt haben wir das Neugeborene unmittelbar gegenüber, der Blick geht also quasi in das Bild hinein (violetter Pfeil ebd.).

Auch die Problembereiche des Bildes sollen nicht unter den Tisch fallen. Der motivnahe Blitz setzt unschöne Glanzlichter auf Stirn und Wangen (1 ebd.), im Gegenzug tiefe und abgezirkelte Schatten besonders unter dem linken Arm (2 ebd.) und reines Schwarz im Hintergrund. Die rechte Hand ist leider etwas abgeschnitten, wo eine vollständige Darstellung von Vorteil gewesen wäre (3 ebd.). Die Schriftzeichen des rechten Handschuhs und vermutlich angeschnittene linke Bein bieten schließlich noch einiges Ablehnungspotential vom bildwichtigen Geschehen (4 ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt einen Median von etwa 70, recht gut belegte Mitteltöne und einen starken Peak im Bereich der tiefen Schatten. Das Neugeborene wird in den Zonen III bis VII bzw. IV bis VI umspielt, die Handschuhe grenzen sich davon etwas heller und deutlich kontrastärmer in den Zonen VI bis VII ab.

Farben:

Bläuliche Rottöne, eine sogenannt ‚livide Verfärbung‘ des Neugeborenen und gedämpfte Gelbtöne der Handschuhe dominieren das Bild.

Struktur:

Das Schärfemaximum liegt auf dem linken Handschuh der haltenden Person und der linken Hand des Neugeborenen, leider jedoch nicht auf dessen Gesicht oder gar Augen.

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Zusammenfassung:

Es ist die ‚Unmittelbarkeit‘, welche mir in diesem Bild besonders gut gefällt – damit meine ich zum einen die ‚Unmittelbarkeit der körperlichen Nähe‘, in die wir Betrachter durch den Blickwinkel des Fotografen hineingezogen werden; ich meine damit aber auch die ‚Unmittelbarkeit der ganz archaischen Geburtsvorgänge‘, eine Art hereinbrechender und überwältigender Naturgewalt, mit der wir hier konfrontiert werden und die sich vom ‚Rosarotgefühl und Kindchenschema‘ abgrenzt.

Wir bekommen so nach meinem Dafürhalten eine ziemlich gute Idee, wie anstregend und komplikationsträchtig das Geburtsgeschehen auch in heutiger Zeit noch ist, allen lindgrünen Wänden und gutsortierten Wellnessecken heutiger Kreißsäle zum Trotz. Die moderne Geburtsmedizin hat die frühere Gefährdung der Mütter und Neugeborenen Gott sei Dank deutlich mindern, wenngleich nicht völlig bannen können.

In solcher Betrachtung scheint mir – über den begreiflichen Stolz des Vaters und seine Ergriffenheit hinaus – dem Bild auch eine übergeordnete Bedeutung für uns Außenstehende zuzukommen. Nun stellt sich die Frage, ob und wie wir die bestehenden Problembereiche neutralisieren und das Bild so zu noch besserer Wirkung bringen könnten.

Ein erster, wichtiger Schnitt ist eine Verdichtung des Bildgeschehens. Die seitlichen Partien im reinen Schwarz des Negativraums sind überzählig. Auch von unten her kann etwas abgenommen werden, wodurch zugleich die ablenkenden Elemente rechts unten entfernt werden. Die linke Hand des Neugeborenen bleibt im Zentrum, sie ist dort als ‚Brücke zur Welt‘ wichtig und wird von den Linien des Goldenen Schnitts umrahmt (siehe Bild ‚Überarbeitung: Verdichtung durch Beschnitt).

Im zweiten Schritt würde ich noch eine Schwarzweißkonvertierung vorschlagen (nicht zu verwechseln mit der Graustufenumwandlung zu Illustrationszwecken), um das Geschehen ‚dramatisch zu übersetzen‘. Für Interessierte sei erwähnt, daß hierbei die Charakteristik des guten alten ‚Ilford Delta 400 Professional‚ simuliert wurde. Der Rotkanal wurde noch leicht zurückgenommen, um die Abstufung zwischen Neugeborenem und Handschuhen zu betonen (siehe Bild ‚Überarbeitung: Ergebnis nach Schwarzweißkonvertierung‘).

Die weiteren Problembereiche, wie die unglücklich angeschnittene rechte Hand oder die überstrahlten Lichter und zugelaufenen Schatten nach Blitz bleiben davon natürlich grundsätzlich unberührt, doch finde ich, daß die so dazugewonnene Dichte und Dramatik diese ein Stückweit überspielt.

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Bildteil:

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Blickführung

Komposition: Darstellung der Problembereiche

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Verdichtung durch Beschnitt

Überarbeitung: Ergebnis nach Schwarzweißkonvertierung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Christine Frick says:

    Hallo Jörg,
    Zunächst mal herzlichen Glückwunsch!
    Ja, als Mutter von vier Kindern erinnere ich mich doch immer wieder gerne an diesen ergreifenden Moment, wenn das heiß ersehnte Kind das Licht der Welt erblickt.

    Der erste Gedanke, als ich das Bild sah, war für mich auch so, wie Thomas dann vorgeschlagen hat, eine schwarzweiss Bearbeitung. Da du jedoch lieber die farbige Version an die Wand hängen möchtest, so würde ich es zumindest etwas entsättigen. Es soll aber nur meine eigene Meinung sein, denn jeder hat ja seinen eigenen Geschmack.
    LG Chris

    Antworten
  2. Heiko says:

    Hallo Jörg,

    als ich Dein Bild gesehen habe, dachte ich gleich an diese Bilder:

    http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kaiserschnitt-fotos-zeigen-babys-kurz-nach-schnitt-geburt-a-1013512.html

    und habe mich gefragt, wieso der dortige Fotograf hier ein Bild einreicht. ;-)

    Ernsthaft: bei einem Schnappschuss habe ich bei mir oft die Situation, dass mir der Ausschnitt nicht gefällt. Einen zu großen Ausschnitt kann man beschneiden, aber bei einem zu kleinen eben nichts „dazupinseln“. Mir gefällt an Deinem Bild der Ausschnitt. Ich habe das Gefühl, ganz nah dran zu sein, aber mir fehlt nichts. Die nicht ganz im Bild befindliche rechte Hand hat Thomas schon erwähnt, was mir zwar auch aufgefallen ist. Aber für mich tut das der Sache keinen Abbruch.

    Wegen der recht groben Körnung erinnert mich der SW-Vorschlag von Thomas eher an ein Ultraschall-Bild. Mir gefällt die Farbversion deutlich besser, weil ich dabei das Gefühl habe, dass das Kind wirklich auf der Welt ist und ich es nicht nur via Medizinapparate gezeigt bekomme.

    Glückwunsch zu einem aus meiner Sicht gelungenen Schnappschuss.

    Antworten
  3. Jörg Fietkau says:

    Hallo

    Danke für das Feedback und die Tipps wie ich noch etwas mehr aus dem Bild machen kann. Außerdem weiß ich jetzt auch mehr über die Bildwirkung auf Aussenstehende. Die Betrachtungsweise von Herr Brotzler hatte ich so nicht auf dem Schirm und ist ebenfalls sehr Interessant.

    Was den Blitz angeht war es keine Absicht. Die Bilder vor und nach diesem sind ohne Blitz und die Augen hat Sie auch erst nach dem Wiegen richtig auf gemacht. Ich bin auch nicht der Kinderschrecker Typ mit Blitz. Warum ich hier den Blitz an hatte kann ich nicht mehr sagen, aber man möchte es mir nachsehen das ich im Emotionsmodus doch weniger auf Einstellungen geachtet habe. Auf Grund schlechter Erfahrungen habe ich mittlerweile das Blitzen aufgegeben, und es mir zum Sport gemacht ohne Blitz und besseren Technik bzw. Einstellungen mehr heraus zu holen.

    Naja wie auch immer Danke nochmals für die Analyse und bin gespannt ob noch jemand Feedback hat. Übrigens das fotografieren als Hobby habe ich noch nicht aufgegeben und mich eher vebessert. Das sagt zumindest meine Umwelt. Weshalb auch für mich das Feedback sehr wichtig ist. Kann ja nur was lernen.

    An dieser Stelle ein Dank für die Mühe und die Beackerung dieser Seite von Herrn Brotzler und Kollegen. Hatt mir immer wieder geholfen und ist auf jeden Fall immer interessant.

    Gruß
    Jörg

    Antworten
  4. Henrik says:

    Sorry, Leute, aber wie kann man ein neugeborenes Kind anblitzen? Ich habe auch Foto meiner Tochter im wirklich dunklen Geburtszimmer mit einer billigen Canon Schnappschusskamera gemacht, aber ich weiß, wo man den Blitz ausschaltet – ist halt etwas verwackelt und ziemlich verrauscht, aber bekommt trotzdem (wie der Autor ja auch andeutet) den persönlichen Pulitzerpreis.
    Tut mir leid, habe ich null Verständnis dafür.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Da möchte ich Jörg ein wenig in Schutz nehmen. Die Tochter hatte die Augen ganz offensichtlich schon vor und nicht erst zur Aufnahme geschlossen (so schnell ist der Schutzreflex nach Blitz nicht). Unbenommen davon ist das, was auf das Neugeborene an Welteindrücken einprasselt (nicht nur Licht, sondern auch Geräusche, Gerüche, Berührungen) noch von ganz anderem Kaliber …

      Vielleicht können wir es so stehen lassen und über das Bild als solches diskutieren.

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