Leserfoto:
Ein bißchen Zerstörung …

Ein interessantes Konzept verdient auch eine entsprechende Umsetzung

Ausgangsbild

Unser Leser Malte Renken aus Hamburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Alles zerstört…?” in der Kategorie ‚Konzept‘ zur Besprechung eingereicht.

Ich bin Malte, 24 Jahre alt und fotografiere seit ca 3 Jahren, wobei ich im letzten Jahr erheblich dazu gelernt habe durch Fachlektüre und Gesprächen mit anderen Fotografen. Meine Bilder sind meist nicht perfekt und im Prinzip habe ich auch bei weitem nicht das Know-How, wie ich es gerne hätte, aber ich denke sie können sich sehen lassen ;) Ich habe dieses Foto zusammen mit meinem Bruder geknippst, in einer verlassenen Jugendherberge! Ziel war es, den Moment nach einem ‚Ausraster‘ darzustellen. Daher die lässige Pose mit dem Golfschläger und dem Blick aus der geöffneten Tür. Fotografiert wurde mit einer EOS 1100D und dem Canon EF 16-35mm f/2.8L II USM. Habe für die Szene ein Stativ benutzt und mit 1/2 Sekunde belichtet bei f4 und ISO 400. Brennweite betrug 16mm! Bei der Nachbearbeitung habe ich versucht meinen Bruder dunkel erscheinen zu lassen. Ansonsten habe ich nur ein wenig die Sättigung angehoben, das wars :) Habe schon von diversen Leuten Kritik bekommen, das z.B. der Auschnitt ein wenig anders gewählt werden soll, da links und rechts noch Fenster zu sehen sind, aber ansonsten gabs von deren Seite nichts zu bemängeln. Deswegen würde ich mich gerne mal eure Meinung zu dem Bild interessieren!

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Malte bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von knapp 26 mm bei einem Formatfaktor von 1,6.

Ausführliche Erläuterungen bei der Bildeinreichung schätze ich sehr – auch Fragen und Zweifel wären hierbei willkommen und könnten bei der Besprechung berücksichtigt werden … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente …

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Eine kontrastreich-düstere ‚Türstockszene mit Person‘ im 2:3-Hochformat empfängt den Betrachter.

Als Blickfang und Motivzentrum fungiert ein junger Mann in Rückenansicht, im Schwerpunkt etwa in den Goldenen Schnitt von links oben gelegt, dabei seltsam geneigt und mit Jacke sowie Kapuze versehen, welche Teile des Kopfes verdeckt und somit auf den ersten Blick an ‚Quasimodos Buckel‚ denken läßt (durchgezogene rote Linien ebd.). Auf den zweiten Blick wird ein Golfschläger erkennbar, den der junge Mann in der rechten Hand hält und auf den er sich zu stützen scheint (punktierte rote Linien ebd.).

Ein Kaskade von Senkrechten und Waagrechten im Mittel- (durchgezogene orange Linien ebd.) und Hintergrund (punktierte orange Linien ebd.) rahmt die Hauptperson ein. Es handelt sich um Türstöcke, Schwellen und Fachungen, die in ihrer Ausrichtung an den Bildrändern einerseits einen Kontrapunkt zur geneigten Person darstellen, andererseits dem Bild einen sehr statischen Eindruck geben.

Der Boden um den jungen Mann herum zeigt sich von Fragmenten bedeckt – Kabel, Scherben und kleinere Holzstücke, soweit erkennbar (gelbe Linien ebd.).

Im oberen Teil der seitlichen Bildränder irritieren zwei knapp angeschnittene Lichtquellen (türkisfarbene Blitze ebd.). Dunkle Leere im Sinne eines weitläufigen ‚Negativraums‘ erstreckt sich schließlich im vorderen Boden- und insbesondere im Deckenbereich (grüne Blitze ebd.).

Die Posterisation verdichtet das Bild auf die wesentlichen Elemente. Eine kurzläufige, einmal um die Hauptperson herumführende und keinen rechten Abschluß findende Blickführung wird darin erkennbar (violetter Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich extrem zweigipflig mit U-Form bei einem Median von gut 45. Die Mitten sind kaum belegt, dafür finden sich weitläufige Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich, der Zone 0 bzw. X ohne jede Detailzeichnung und Tonwertmodulation entsprechend.

Einzig Mauerwerk und Fachungen als motivisch nachrangige Elemente zeigen etwas Struktur in den Zonen I bis II bzw. II bis IV.

***

Zusammenfassung:

„Alles zerstört … nach einem ‚Ausraster‘ … lässige Pose” – ich lese wohl die Beschreibung, suche aber deren Entsprechung im Bild vergebens.

Stattdessen sehe ich eine statisch ausgerichtete, wohlgeordnete und fast brav wirkende Architekturbrache. Spannungsvolle Abgründe oder bildliche Dramatik finde ich hier nicht visualisiert. Auch das Posing der Hauptperson erscheint mir eher bemüht, keinesfalls jedoch entgrenzt, erschöpft oder gar ‚genüßlich der vorherigen Raserei nachspürend‘, wie es im vorgetragenen Bildkonzept anklang.

Auch die formale Umsetzung vermag mich nicht zu überzeugen, wie ich im Sinne der störenden Nebenlichtquellen, des nicht gemeisterten Szenenkontrasts und der ‚Blickführung im kurzen Kreise‘ oben schon ausgeführt habe.

Was könnte man aus dieser Szene noch herausholen?

Ein Beispiel zeigt die untenstehende ‚Überarbeitung 1‘. Hier orientiert sich die Vertikale an der geneigten Person, wodurch der Raum verkippt und der konventionellen Betrachtung ‚entrückt‘ wird.

Ein Beschnitt eliminiert die störenden Nebenlichtquellen, eine forcierte Tonwertnormalisierung mit dem Instrument ‚Tiefen/Lichter‘ bringt im Vorder- und Mittelgrund mehr offene Schatten und dunkle Mitten zur Geltung und vermag im Hintergrund einen Teil der ausgebrannten Lichter ‚einzufangen‘.

Die Blickführung erscheint nun eingängiger im Sinne einer von der Person zu den Bodensplittern hin abfallenden Diagonale – hier endet der Blick beim ‚Werk‘ (violetter Pfeil ebd.).

Eine ‚Überarbeitung 2‘ bietet sich im Sinne einer horizontalen Spiegelung noch an – hier wandelt sich die Blickführung zu einer aufsteigenden Diagonale und fokussiert auf die Person.

***

Bildteil:

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Posterisation zur Verdeutlichung der Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Lichterbeschnitt

Tonwerte: Schattenbeschnitt

Überarbeitung 1: Verkippung, Beschnitt, Tonwertnormalisierung und Blickführungsänderung

Überarbeitung 1: Endergebnis

Überarbeitung 2: Wie oben, zusätzlich horizontale Spiegelung

Überarbeitung 2: Endergebnis

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


2 Antworten
  1. Micha-WD says:

    Hallo Mark,
    ich würde den oberen Rand nicht beschneiden, weil die relativ große, dunkle Fläche oben, dem Bild ein schweres, drückendes Gewicht vom Rand her gibt, das in diesem Fall zur beabsichtigten, düsteren Bildstimmung passt.
    Außerdem würden bei der gekippten Version dann die rechts oben ins Dunkel auslaufenden Linien (Balken) abgeschnitten werden, was ich weniger elegant fände.
    Bin mal so frei, mich zu äußern.
    Gruß,
    Michael.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *