Leserfoto:
Ein Schiffswrack wie ein Fabelwesen

Auch Unbelebtes läßt sich ‚porträtieren‘, wie die heutige Bildvorstellung aufzeigen möchte.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Bernard Ksiazek aus Gießen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Verlassenes Schiff” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Schiff habe ich auf meiner Fototour auf Island (Akranes) entdeckt. Es hat mich durch seinen heruntergekommen Zustand direkt in seinen Bann gezogen. Obwohl es nicht mehr seetauglich scheint, hat es nichts von seinem Glanz verloren. Canon 6d F/7.1 1/40s Iso 500 24mm”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Bernard bereits berichtet. Weitere Details des hier verwendeten 24-70-Zoomobjektivs (Canon, Sigma, Tamron?) sind hier nicht bekannt. Zu ergänzen wäre noch, daß die abgelesene Brennweite beim hier verwendeten Vollformat auch der kleinbildäquivalenten entsprach.

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Bernard Ksiazek: 'Nachdenklicher Affe'Manchen unserer Leser mag Bernard mit seinem feinfühligen Tierporträt (siehe nebenstehendes Bild), welches wir im Mai 2013 hier besprochen hatten, in guter Erinnerung geblieben sein.

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente der heutigen Arbeit.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Wir sehen ein 2:3-Hochformat mit einem aufgebahrten Schiffswrack vor tiefem Horizont und dramatischer Landschaft.

Besagtes Schiffswrack ist unzweifelhaft das Motivzentrum. Fast bildfüllend bietet es immer noch einen imposanten Anblick, zugleich entstehen ‚Assoziationen in Richtung eines Fabelwesens, Helms oder Gesichts‘ mit zwei Augen (rote Linien ebd.), Nasenrücken und Stirnansatz (orange Linien ebd.) sowie Kinnpartie und Haaransatz (gelbe Linien ebd.).

Quer- und ins Bild hineinlaufende Schienenstrukturen werden am unteren Bildrand erkennbar, des weiteren zwei geschichtete Holzstapel, welche das Schiffswrack tragen (grüne Linien ebd.).

Der Horizont liegt sehr tief, so daß aus solcher Untersichtanmutung das porträtierte ‚Schiffsfabelwesen‘ noch mächtiger bzw. sogar bedrohlich wirkt (blaue Linien ebd., siehe dazu ggf. auch den zweiten Teil meines Tutorial ‚Porträtfotografie‘).

Die Konstruktion ist nicht ganz exakt, die Abweichung nach rechts bereits mit bloßen Auge erkennbar. Darüber hinaus werden harmonische Linien und Kreuzungen des Goldenen Schnitt von bildwichtigen Strukturen nicht berührt (türkisfarbene Linien ebd.).

Die Blickführung gestaltet sich als ‚mächtige Aufwärtsbewegung‘ von den tragenden Schienen über die Bugkante zum Himmel (violetter Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich linksversetzt bei einem Median von etwa 85, dabei aber normalverteilt mit geringfügigen, den Gesamteindruck nicht weiter störenden Tonwertabbrüchen im Schattenbereich des Schienenunterbaus.

In der Spreizung der Tonwerte bleiben Möglichkeiten ungenutzt, das Bild wirkt insgesamt ‚auf düstere Art etwas flau‘ – der Bodenbereich und das Schiffswrack beschränken sich auf die Zonen I bis V bzw. VI, die Himmelsbereiche auf die Zonen III bis VII bzw. VIII.

Farben:

Rötliche Brauntöne (‚Rost‘) im Schiffsrumpf kontrastieren mit dem dunklen Himmelsblau, welches sich (sei es als Spiegelung oder verwitterter Farbanstrich) wiederum auf Teilen des Wracks wiederfindet.

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Zusammenfassung:
Bernard ist der Verdienst zuzusprechen, das Potential der Szene erkannt und im Sinne eines Untersichtporträts auch wirkungsvoll angegangen zu haben.

So gut das Konzept auch ist, die Umsetzung mit der Dislozierung des Hauptelements und der naturalistisch-flauen Anmutung erscheint aus meiner Sicht nicht optimal – es fehlt mir Dramatik, es wirkt zu brav, fast ‚zu sehr touristisch mitgenommen‘.

In der Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) habe ich durch entsprechenden Beschnitt das Schiffswrack ins Zentrum und dessen ‚Augen‘ in den Goldenen Schnitt gebracht.

Im Zuge der skizzenhaften Schwarzweißkonvertierung (bitte nicht mit der einfachen Graustufenumwandlung der illustrierenden Abbildungen verwechseln) geriet der Himmel dunkler, so daß das zugleich aufgehellte Schiffswrack nun vor diesem ‚leuchtend hervortreten‘ kann.

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Bildteil:

Komposition: Darstellung der Bildkonstruktion

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Neukonstruktion nach Beschnitt

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Da kann ich nur zustimmen. Es ist immer wieder verblüffend, durch welch kleine Veränderungen im Bildaufbau sich doch sehr viel verbessern lässt.

    Bei der Schwarzweißkonvertierung finde ich das nicht ganz so eindeutig. Der Himmel gewinnt an Dramatik, dafür geht der Farbkontrast zwischen dem Rost am Schiff und dem blauen Himmel verloren.

    Antworten
  2. Stefan says:

    Hallo Thomas,
    ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie es in fast allen Bildern – selbst wenn sie auf den ersten Blick schon sehr gut wirken – noch Verbesserungspotential gibt. Deine Bildbesprechungen schulen den Blick und motivieren dazu, die eigenen Bilder noch einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen.

    Antworten

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