Leserfoto:
Kirche in blauer Stunde

Heute wollen wir eine recht ansprechende Aufnahme – nach Bekunden des Fotografen eine ‚Premiere in der Nacht- und Architekturfotografie‘ – analysieren und weitere Entwicklungsschritte diskutieren.

Ausgangsbild

Unser Leser Moritz Griebl aus dem niederbayerischen Vilshofen an der Donau hat uns das obige Bild unter dem Titel „Kirche in blauer Stunde” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo zusammen, habe dieses Bild während einer Reise durch Albanien im Sommer 2013 aufgenommen. Es war für mich eine fotografische Premiere in vielerlei Hinsicht. Zum einen entstand dieses Bild erstmals für mich auf einer Reise mit ner DSLR, nämlich mit der Nikon D5100. Zum anderen berührt dieses Bild gleich 2 Genres in denen ich völliger Neuling bin (hört sich jetzt so an als wäre ich in anderen Genres schon sehr erfahren, was aber auch nicht stimmt :-)), nämlich der Fotografie in der Blauen Stunde, also Langzeitbelichtungen und Architekturfotografie. Mir gefällt der Komplementärkontrast zwischen dem Blau des Himmels und den Orangtönen der angestrahlten Kirche und auch die Dynamik der vorbeiziehenden Wolken, die dem Bild meiner Meinung nach Tiefe verleihen. In der Entwicklung in Camera Raw sowie in der Nachbearbeitung wurde das Bild in den Flächen leicht entrauscht, Kontraste etwas angezogen, insbesondere in den Wolkenstrukturen und es wurde nachgeschärft.Kameradaten waren: Nikon D5100, mit dem Nikkor AF-S DX 18-105mm f3,5-5,6 ED VR Objektiv, bei 21mm (entspricht 31mm Kleinbild) Brennweite; Belichtungszeit 13 Sekunden bei f25 und ISO 100. Für eine Kritik, die mich fotografisch, aber auch in der Bearbeitung weiter bringt wäre ich sehr dankbar.

***

Manchen von Euch mag Moritz über die Besprechung seines Bildes „Kinder beim Spielen” im Dezember 2013 in Erinnerung geblieben sein – damals noch mit Bridgekamera und einigen daraus resultierenden Bildartefakten, aber mit guten Ansätzen im Sinne der Komposition und Dramaturgie. Die Diskussion war damals lebhaft und über die Abwägung des Für und Widers verschiedener Bearbeitungsansätze – wie ich meine – auch sehr lehrreich. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition

Zentraler Blickfang ist der imposante Kirchenbau, der durch die gewählte Weitwinkligkeit trotz des Querformats bildfüllend aufgenommen wurde. Er findet sich aus der Mitte heraus nach links, etwa in den Goldenen Schnitt gelegt, wodurch bereits ein Spannungsbogen zu dem schemenhaft am rechten Bildrand erkennbaren, modernen Gebäude (siehe blaue Linien ebd.) geschaffen wird, der sich auch im zweiten, nach rechts unten abzielenden Teil der Blickführung (siehe grüne Linien ebd.) fortsetzt.

Doch zurück zum Hauptmotiv: erhaben steigen die beiden Kirchtürme auf (rote Linien ebd.), darin das in der christlichen Symbolik wohlbekannte Moment des ‚Verweises nach oben‘ (Transzendenz, Gottesnähe) in schöner Form widerspiegelnd. Reizvoll gekontert werden diese linear aufstrebenden Strukturen durch das aufrechte Dreieck der Kirchensilhouette, welches in der christlichen das Auge Gottes symbolisiert (orange Linien ebd.). Um den ‚Reigen der geometrischen Figuren‘ abzuschließen, treten zur Linie und zum Dreieck noch die runden Strukturen des Krichenbaus, die vornehmlich in den Bedachungen erkennbar werden (gelbe Linien ebd.).

Einige Nebenstrukturen vervollständigen das Bild – kleinere bzw. schemenhaft erkennbare Gebäude auf der Horizontlinie links und rechts des Hauptmotivs (siehe türkisfarbene Linien ebd.); schließlich die Wolkenstrukturen, deren Anordnung hier fast wie ein vond er Kriche ausgehender Strahlenkranz wirkt (ohne Illustration, um die Abbildungen nicht zu überladen).

Manch einer wird sich fragen, warum ich die stürzenden Linien nicht erwähne, „wo der Brotzler doch sonst immer so ehrenkäsig im Sinne der exakten Architekturfotografie ist” … bitte gemach: das hätte ich wohl moniert, wenn sich das Bild im Sinne einer klassischen Zentralkomposition auf die Kirche beschränkt hätte.

Hier ist aber ein zusätzliches Bewegungs- und Spannungsmoment vorhanden, nämlich das Gegenüber des großen Sakral- und des kleinen Profanbaus. Indem diese beiden Bildelemente sich einander quasi zuneigen, scheinen mir die stürzenden Linien hier nicht störend, sondern sogar bildwirksam. Bitte schaut Euch dazu auch die untenstehende Vergleichsarbeit an: wie wenn ‚die Kathedrale und das Karussell miteinander tanzen würden‘ …

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das paßt hier soweit, wie auch das Histogramm mit geringen Tonwertabbrüchen im Schatten- und Lichterbereich aufzeigt. Die Lichter sind immer die ‚Fallstricke der Nachtfotografie‘ – vielleicht hätte man sie durch bewußte Unterbelichtung der Aufnahme und Schattenaufhellung in der Bearbeitung noch etwas schöner hinbekommen können; doch hat Moritz nach meinem Dafürhalten das Übliche und Mögliche (kleine Blendenöffnung, ‚Sternchenlichter‘) getan …

Farben:

Moritz selbst sprach bereits den Komplementärkontrast an, der die Kirche durch die Warmtöne hervor- und den Bildrest durch die Kalttöne bildwirksam zurücktreten läßt.

Zusammenfassung:

Vielleicht können wir in der Diskussion nochmals den Aspekt aufgreifen, ob er in der Bildanlage bereits jenes Profangebäude am rechten Bildrand als kompositorischen Kontrapunkt und Abschluß im Sinn hatte oder ob dies eher eine glückliche Fügung war.Zunächst möchte ich Moritz zu dieser atmosphärischen und spannungsvollen Aufnahme Anerkennung zollen.

Nach alter Gewohnheit habe ich das Bild wieder einmal einer Schwarzweißkonvertierung und darüber hinaus auch einer Kolorierung (mit 40% der Originalfarben im Ebenenmodus ‚Farbe‘) unterzogen. Um ‚besser oder schlechter‘ geht es auch hierbei nicht, eher um Vergleichsmöglichkeiten.

Es stellt sich stark die Frage, ob der Wegfall des so bildwirksamen Komplementärkontrasts hier durch die Akzentuierung der Kontraste und Strukturen im Zuge der Schwarzweißkonvertierung aufgewogen werden kann; ferner, ob die Kolorierung hierbei einen guten oder schlechten Kompromiß darstellt.

Was meines Erachtens aber unzweifelhaft erkennbar wird, ist der Umstand, daß die Schwarzweißkonvertierung eine gute Ausgangsbasis benötigt bzw. latente Schwächen (welche durch die Farben des Ausgangsbild freundlch zugedeckt bleiben) gnadenlos demaskiert: Ihr seht die Artefakte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) in Form der nun wirklich störenden Linsenflecke rechts oberhalb der Kuppel (siehe 1) und die nicht wenigen Sensorflecke, die sich auf Moritz‘ Gerätschaft mittlerweile schon angesammelt haben (siehe 2) …

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickfuehrung

Tonwerte: Histogramm

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung, Kolorierung

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung, Artefakte

Vergleichsarbeit 'Kathedrale und Karussell in Quimper' (eigenes Portfolio)

Die fokussiert.com-Bildkritik ist die Besprechung einer von Leserseite eingesandten Fotografie. Sie zeigt Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung. Sie wollen dabei sein? Reichen Sie Ihre Fotografie ein. Oder buchen Sie eine private Kritik.


6 Antworten
  1. Moritz Griebl says:

    Hallo zusammen,
    erst mal vielen herzlichen Dank für die besprechung.
    Ich muss dann erstmal vorweg gestehen, dass die positiven Eigenschaften des Bildes mehr oder weniger zufalls treffer sind :-). Ich war auf Fototour, hab die Kirche gesehen, abgedrückt und erst bei der Betrachtung am Pc gemerkt, dass es mich ziemlich anspricht. Daher sind Thomas Erklärungen immer recht hilfreich, da sie mir quasi im Nachhinein erklären warum das so ist.
    Ich finde in diesem Fall die stürzenden Lienien eigentlich auch nicht sehr störend, da sie irgendwie die kirche impossanter wirken lassen. Die beiden Konvertierungen von Thomas gefallen mir auch sehr gut. Insbesondere die sw Konvertierung. Hierbei wurder meiner Meinung nach der verlorene Komplementärkontrast sehr schön durch den gelungenen Hell-Dunkel-Kontrast ersetzt. Vielen Dank für die Tipps zu den Sensorflecken. Die habe ich gar nicht bemerkt und sogleich wine Reinigung gurchgeführt. LG Moritz

    Antworten
  2. Manch einer says:

    Hallo Thomas,

    ich habe das Bild gesehen und gedacht: „Au Backe, da hat jemand auf fokussiert.com ein Bild eingereicht und die stürzenden Linien sind nicht gerichtet – da ist ja klar, was passiert!“ ;-)

    Aber da Du Deine Pappenheimer offensichtlich ganz gut kennst, habe ich prompt wieder was gelernt. :-D

    Vielen Dank auch für diese Besprechung.

    Viele Grüße
    Heiko

    Antworten
  3. Ekhard Eitel says:

    Hallo zusammen!
    In der Tat eine sehr spannungsvolle Aufnahme, die auch mir durch den Komplementärkontrast und durch die ansprechende Lichtstimmung zur blauen Stunde sehr gut gefällt. @Moritz: Vielen Dank für das Hochladen!
    Zwei Dinge möchte ich an dieser Stelle gerne noch ansprechen:
    In meinen Augen würde das Bild gewinnen, wenn man die störenden Blendenflecken (Lens flares) retuschieren würde. Was ja in Photoshop einfach machbar ist.
    Das am rechten Bildrand erkennbare, moderne Gebäude habe ich nicht, „als bewusst in Szene gesetzten Spannungsbogen zur Kirche“ empfunden, da es unvollständig und abgeschnitten am äußeren rechten Bildrand klebt. Bei einem absichtlich gewählten Kontrapunkt würde ich gerne dieses Gebäude als Ganzes mit auf dem Bild sehen und nicht „abgesäbelt“.
    Viele Grüße Ekhard

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „… Blendenflecken (Lens flares) retuschieren … in Photoshop einfach machbar …

      Ja und nein nach meiner Erfahrung, lieber Ekhard. Gewiß vermögen Bereichsreparaturpinsel und Kopierstempel wahre Wunder zu bewirken, doch vornehmlich in strukturlosen bis -armen Bereichen. Im strukturnahen oder -haltigen Bereichen resultiert oft ein grausliges Geschmier durch diese Instrumente … die Alternative besteht im behutsamen Abwedeln und Nachbelichten, doch auch damit ist es bisweilen schwierig, einen sauberen Übergang zu schaffen … jedenfalls habe ich aufgrund solcher Widrigkeiten schon das eine oder andere vielversprechende Bild weglegen müssen. Gruß vom Thomas

  4. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Ich habe lange überlegt, warum ich finde, dass dieses Bild durch die Schwarzweißkonvertierung stärker gewinnt
    als das „Schiffswrack wie ein Fabelwesen“, obwohl bei beiden der Farbkontrast im Originalbild eine wichtige Rolle zu spielen scheint. In der Schwarzweißfassung sind die Steine der Kirche viel kontrastreicher und der Himmel wirkt dramatischer. Aber irgendwie war der Effekt beim Schiffswrack sehr ähnlich. Ich glaube, dass es daran liegt, dass sich in der Schwarzweißkonvertierung die Kirche stärker vom Himmel abhebt. Das war beim Schiffswrack nicht so der Fall.

    Vielen Dank, dass es hier doch noch etwas weitergeht!

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Diesen Überlegungen ist zu folgen. Beim „Schiffswrack“ hätte man durch die Aussteuerung des Rotkanals die Strukturen übrigens auch noch besser abheben können. Es stimmt aber, daß meine Aufmerksamkeit nicht auf diesem Punkt ruhte.

      Ja, es geht hier noch etwas voran, aber es sind schon ältere, archivierte Beiträge, die noch zur Veröffentlichung kommen. Wir Autoren können keinen neuen Beiträge mehr verfassen. Einige Hintergrundinfos, ein kurzes Interview (mit mir) auf Seen.by und einen Link zu einer interessanten Umfrage (zur professionellen Bildkritik) gibt es hier:

      http://www.brotzler-fineart.de/ablage/nl1503_20150217.htm

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