Leserfoto:
Schlaflos

Eine verdichtete Bildbetrachtung.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Tatjana Butschik aus dem niedersächsischen Hildesheim hat uns das obige Bild unter dem Titel „Schlaflos” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ (auch ‚Nacht‘ wäre möglich gewesen) zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Mit meiner Nikon D5100 und dem 18-105 Kitobjektiv wurde ich von der Momentmagie angezogen, als Schneeregen nachts auf die Autodächer fiel und das Laternenlicht sich milchig auf den Straßen spiegelte. Der letzte Schatten irrte durch die Gassen, es wirkte leicht unheimlich, die Schritte hallten in meinen Ohren und ich sah durch den Sucher meiner Kamera zu.”

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Tatjanas sehr poetische und bildhafte Beschreibung ließ mich das Potential dieser Szene erahnen – das Bild quasi ‚eher spüren wie sehen‘, denn auf der Fotografie selbst fand ich dahingehend zunächst wenig, nur schwarze Fächen und helle Punkte, abgebildet.

Mein nachfolgender Workflow ist ein Versuch, Tatjanas Bildabsicht nachzuempfinden und bildhaft umzusetzen. Zum Aufnahmesetup möchte ich noch kurz ‚1/60 Sek bei ISO 14368‘ erwähnen – so etwas geht, wie man sieht …

1. Schritt (siehe dazu untenstehend auch ‚Überarbeitung 1‘): Zunächst galt es, massiv die Schatten zu öffnen und in den neu entstehenden Mitteltonbereich etwas Kontrast zu bringen. Dies gelang mit der untenstehenden Einstellung im Photoshop-Instrument ‚Tiefen/Lichter‘ (mehr dazu bei Interesse in meinem einschlägigen Tutorial).

2. Schritt (siehe dazu untenstehend auch ‚Überarbeitung 2‘): Erst nach dieser Gesamtaufhellung wurde die Verkippung des Bildes in ihrem ganzen Ausmaß deutlich. Diese wurde mit der untenstehenden Einstellung im Photoshop-Instrument ‚Objektivkorrektur (manuell)‘ behoben.

3. Schritt (siehe dazu untenstehend auch ‚Überarbeitung 3‘): Auch nach diesen ersten beiden Schritten hob sich das Paar tonwertmäßig zu wenig vom Hintergrund ab. Dieser Bereich wurde gemäß der untenstehenden Abbildung lokal abgewedelt (mehr dazu bei Interesse in meinem einschlägigen Tutorial).

4. Schritt (siehe dazu untenstehend auch ‚Überarbeitung 4‘): Das Endergebnis.

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Überarbeitung 1: Schattenöffnung und Mitteltonkontrasterhöhung

Überarbeitung 2: Senkrechte Ausrichtung an den Laternenmasten

Überarbeitung 3: Lokales Abwedeln

Überarbeitung 4: Endergebnis

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Thomas Brotzler says:

    Ich will einige Aspekte der obigen Diskussion herausgreifen:

    Markus betont die verbleibende Distanz zwischen dem Fotografen und den Abgebildeten. So berühre ihn die Szene deutlich weniger, wie es ihm (als rührigem Streetfotografen) grundsätzlich möglich schiene.

    Ich kann diese Überlegungen nachvollziehen.

    In der verdichteten Besprechung hatte ich die kleinbildäquivalenten 120 mm Brennweite nicht erwähnt. Es ist kein unumstößliches Gesetz, aber eine kurze Brennweite vermittelt natürlich mehr Nähe. Die lange Brennweite in der Streetsituation ist elegant, holt die Szene heran und erübrigt auch manches Fragen wegen Einwilligung, aber das ‚Distanzthema‘ bleibt …

    Dirk betont eine Irritation durch die Linienführung.

    Ich finde diesen Hinweis wichtig, denn tatsächlich wird der Blick nach rechts aus dem Bild geführt. Eine Spiegelung wäre einen Versuch wert …

    Chilled Cat fragt wegen der Reproduzierbarkeit.

    In der verdichteten Besprechung blieb auch außen vor, daß hier eine Nikon 5100 verwendet wurde. Summa summarum schiene mir ein Ausdruck in A4 noch passabel, alles darüber hinaus würde dem Kundigen ein unerquickliches Maß von Artefakten offenbaren – in einer Ausstellung sah ich einmal APS-C-Formate auf 150 cm mal 100 cm geprintet; leider vergaß der Veranstalter, im Abstand von etwa drei Metern vor den jeweiligen Bildern eine Kordel zu spannen …

    ThomasD beklagt den ‚Geheimnisverlust‘ durch die aufhellende Überarbeitung.

    Einen solchermaßen postulierten ‚Reiz der Verklumpung in den Zonen 0 und I‘ kann ich persönlich nun überhaupt nicht nachvollziehen. Zu Ende gedacht hätte eine reinschwarze Fläche dann den allergrößten Reiz.

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  2. ThomasD says:

    Einmal abgesehen vom Geraderücken, gefällt mir die ursprüngliche Schwärze weit besser. Es steckt dort weit mehr „Geheimnis“ drin als in der bearbeiteten Variante. Richtig scheint mir, dass links von der Person etwas mehr Licht sein könnte. Das aber nur auf kleiner Fläche und in Maßen.
    Das Bildformat ist etwas eigenwillig. Bietet allerdings Platz genug um überflüssiges aus dem Bild zu entfernen – Auch im Hinblick auf die etwas einfallslose Kameraposition. Insgesamt ist mir die bearbeitete Variante also, viel zu realitätsnah.

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  3. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Für mich wirkt das Bild durch die Linie der Laternen und die Linie der Spiegelung auf dem Gehweg, die sich wie von Dirk hervorgehoben im Fluchtpunkt treffen. Das gibt diesem sehr dunklen Bild einen starken Eindruck der Tiefe.

    Durch Thomas‘ Aufhellung tritt unter anderem der auf den Autodächern liegengebliebene Schnee deutlicher hervor.

    Ich frage mich allerdings, ob die erwähnten 14368 ISO auch noch für eine Vergrößerung über Postkartengröße hinaus brauchbar sind?

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  4. Dirk says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter …

    Ich hebe den Fluchtpunkt im Bild hervor …

    auch wenn die Linien “ wie eine Welle etwas wackelig wirken“ – Fußweg – Autodächer – Lichtschein –

    bleibt der Punkt der Flucht passend im Bilde und schließt somit das Bild im Punkt …

    Oder … da der Fluchtpunkt nicht außerhalb des Bildes erhält die Betrachtung eine Unterstützung … den emotionale Anteil im Schatten zu beachten und zu empfinden …

    die Autolampe unten rechts lenkt ein wenig an find … schließt zwar das Bild … ohne bleibt das Auge da ruhig wo es hin soll so denk …

    Grüße von der Seehundbank Dirk

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  5. Marcus Leusch says:

    „Schlaflos“ … durch die Nacht bei ISO 14Tausend 3-6-8.

    
Es ist schon erstaunlich, was so ein Sensor heutzutage hervorzaubern kann
    – und was sich daraus mit relativ einfachen Mitteln der Bildbearbeitung entwickeln 
lässt. Für mich immer wieder ein kleines Wunder, bei dem Erinnerungsschlenker an 
manche „durchstandene“ Nächte in der (analogen) Dunkelkammer. 
Das Foto gewinnt durch die Schattenöffnung und Begradigung, auch das Paar auf dem Heimweg ist nun sichtbarer, aber die „Schritte“ hallen nicht unbedingt an meine Ohren.

    Ich persönlich wäre meiner Neugierde etwas mehr gefolgt und hätte diese Szene aus einer näheren Perspektive aufgenommen (ohne das Paar im Wortsinn zu verfolgen!!). Dann wären die Schritte 
hingegen noch „hörbar“, und das ganz auch noch ohne Beschnitt der Aufnahme. 
Dennoch: Ein Foto, das mich in Ansätzen durchaus mitnimmt auf eine Reise durch die Nacht… 


    Beste Grüße in die Runde
    Marcus

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