Leserfoto:
Versunken im Tanz

Eine verdichtete Bildbetrachtung.

Ausgangsbild

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Unser Leser Jonathan Kopf aus Stuttgart hat uns das obige Bild unter dem Titel „el niño” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Der Junge, welcher in sich selbst versunken in den Gassen des Barri Gotic Barcelonas vor sich hin tanzte, faszinierte mich sofort. Durch die Perspektive zwischen den Mauern hindurch habe ich versucht der Situation einerseits Tiefe zu verleihen, andererseits das ‚einsame‘ Tanzen des Jungen herauszustellen. Aus einer Serie von Bilder habe ich dann das herausgesucht, in welchem er sich in der Pfütze spiegelt. Tipps würden mich vor allem hinsichtlich EBV interessieren – einerseits fand ich Schwarz-Weiß besser um die Grundstimmung des Bildes zu unterstreichen, andererseits geht der Junge dann aufgrund fehlender Helligkeitskontraste fast unter. Da auf mich reines Color-Key irgendwie billig wirkt, habe ich mich für einen Mittelweg entschieden und alle Farben außer Blau stark, aber nicht ganz entsättigt. Wie hätten Sie das Bild bearbeitet? Auch über Tipps zum Fotografieren selbst würde ich mich freuen, auch wenn man bei Street ja ohnehin kaum Vorbereitungszeit hat…”

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Die Faszination der Szene mit dem ‚im Tanz versunkenen Jungen im Hinterhof der alten Stadt‘ konnte ich nach der obenstehenden Beschreibung unmittelbar nachempfinden.

Wie Jonathan sehe ich aber auch die Schwierigkeiten des Bildes …

Zum einen ist da jene von links bis fast zur Bildmitte hineinreichende Mauerkante, die als Symbolisierung der versteckten Beobachterwarte des ‚Flaneur photographique‘ durchaus zulässig und wirksam ist, doch eben auch ‚wie ein Brett vor dem Kopf‘ erscheinen kann.

Zum anderen (und fast noch gravierender) ist die geringe Figur-Grund-Differenzierung des Jungen anzuführen, der tonal eher mit der Straßenflucht verschmilzt wie daß er sich von dieser abhebt.

In der Überarbeitung setzte ich auf eine Schwarzweißkonvertierung und die Möglichkeiten von Silver Efex Pro. Dies ist ein ursprünglich von Nik und mittlerweile von Google vertriebenes und erschwingliches Photoshop-Plugin und mein Standardprogramm für solche Bearbeitungen.

Knapp unterhalb des Jungen setzte ich einen Kontrollpunkt und hellte das Bild dort deutlich auf, wie die untenstehende Abbildung ‚Überarbeitung: Zwischenschritt‘ zeigt (das Verblassen wurde aus didaktischen Gründen hinzugefügt).

Die fertige Version zeigt die untenstehende Abbildung ‚Überarbeitung: Endergebnis‘. Durch die deutliche Aufhellung der Straßenflucht zeichnet sich der dunkel gehaltene Junge nun besser ab, zugleich ist das vormalige Dilemma des ausbrennenden Streiflichts gemindert.

Was Jonathans Wunsch nach ‚Tips für die Streetfotografie‘ angeht, kann eine kurze Bildbesprechung wohl kaum das umfassen, was sonst Gegenstand eines ausführlichen Tutorials wäre.

Einen Ratschlag kann ich hier aber geben: ‚erst den Rahmen kompositorisch festlegen, dann auf den dramatischen Augenblick warten‘. Im untenstehenden ‚Vergleichsbild aus dem eigenen Portfolio‘ etwa wartete ich schon eine Weile an jenem Treppenabsatz und konnte so in Ruhe den kompositorischen Rahmen festlegen, um dann zur Aufnahme jenen Augenblick kurz von dem Eintritt des jungen Mannes in das helle Streiflicht abzupassen.

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Überarbeitung: Zwischenschritt

Überarbeitung: Endergebnis

Vergleichsbild aus dem eigenen Portfolio (Bretagne 2010)

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Auch mich spricht das Bild sehr an. Durch die Schwarzweißumwandlung von Thomas hebt sich der Junge deutlich vom Hintergrund ab.

    Ich finde, dass der Junge als Hauptmotiv sehr klein ist. Durch einen beherzten Beschnitt würde ich das ändern und so dem Jungen im Bild mehr Gewicht verleihen.

    Antworten
  2. Dirk says:

    Nachtrag …

    Jonathan … jetzt habe ich DICH zu deinem Bild nicht wirklich angeschrieben … sorry …
    natürlich ist es DEIN Bild und meine Gedanken sind an DICH gerichtet … Thomas Bildbeschreibung habe ich als unterstützende Inhalte genutzt und „Versunken“ in meine Gedanken …

    … DICH nicht angesprochen …

    … Du hast mit dem Bild aber erreicht … dass ich mir einiges für weitere Fotos so mitnehme und DANKE Dir für dieses Bildbeispiel und Thomas seinen Besprechung …

    BGr Dirk

    Antworten
  3. Dirk says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter an der Seehundbank …

    mein erster Eindruck auch nach Meermaliger Betrachtung dieses Bildes …

    der Titel „Versunken“ überträgt sich für mich auf das ganze Bild Bildwirkung …

    fallende Linien , Schaufensterbeleuchtung – welche nach unten gerichtet ,
    heruntergelassene Gitter hinter den Schaufenstern , das Wasser auf dem Gehweg in der Gasse welches nach unten weg fließt unterstützt der Gedanke durch die Deckel im Gassenboden als Ablauf … ,
    die fallenden Formen der Rechtecke, der Blick des Jungen nach unten und die Spiegelung des Jungen im Wasser welche nach „unten“ zieht so find …

    Versunken in … in einer erweiterten Erklärung …

    und die Mauer im linken Bildteil mit der Schwere…
    … als wenn mir das Bild gleich auf den Tisch fällt … :-)

    wie Thomas es beschreibt find ich … die Leichtigkeit der Tanzbewegung erfüllt hier nicht mit ausreichender Wirkung den Bildinhalt als „Bildschwerpunkt“

    … die Ausrichtung dieser Szene bei Meereren Bildern hätte bestimmt einen Versuch gelassen … mit einer perspektivischen Veränderung diese fallenden Linien in die Bewegung des Jungen einzubinden … vielleicht

    … Thomas Bildbeispiel empfinde ich als ein gutes Beispiel… für die Streetfotografie auch eine Gesamtwirkung zu konstruieren unter der Berücksichtigung von Zeit und Beobachtung was an diesem Ort geschehen könnte …

    auch in Thomas Bildbeispiel fallen die Linien und das Bild fällt in die Tiefe … aber nicht auf den Tisch so find … fällt in die hellere Bildtiefe …

    hier verbinden sich die Elemente des Bildes ob baulicher ART und der Person zu einem Thema … hinab runter abwärts … die Bildbotschaft ist klar und deutlich spür bar …

    zurück zum Bild Versunken in …

    die Mauer links im Bild hat eine andere Anordnung der Rechtecke durch die Lage der einzelnen Steine … hier könnte ich mir eine Linienführung durch einen anderen Bildschnitt und Formatwahl bei der Bildgestaltung denken…

    meine damit … vorhandene Linienführungen in die Bildplanung mit einbinden und diese für ein wirkungsvolles Gesamt nutzen …

    Linien , Perspektivenwahl , Bewegung beobachten und und könnten hilfreich werden… auch wenn StreetBilder nicht immer die Zeit für einen besonderen Moment lassen…

    … denke aber … einfach mal einen Tag mit Übungsbildern unter Berücksichtigung eigener Ziel für die Bildgestaltung nutzen und somit das Auge für den schnellen Moment sichern …

    oha die Ebbe ist da … jetzt bin ich mit dem Krabbenkutter versunken und schaukle mit den letzten kleinen Wellen so dahin …

    Allen noch gute Ostertage so mit den abgerundeten und vielleicht hinabfallenden … welche bunt bemalt … weil rundlich und nicht rechteckig und so …

    Grüße Dirk

    Antworten

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