Leserfoto:
Vertikale Betrachtungen

Eine Streetfotografie als Hochpanorama? Warum nicht, wie die heutige Bildbesprechung zeigt.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Dirk Wenzel aus dem sachsen-anhaltinischen Mansfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel „Fenster mit Hut bunte Version” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Farbversion” … Wo es eine ‚Farbversion‘ gibt, gibt es zumeist auch eine ‚Schwarzweißversion‘ (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild), und die hatte Dirk zuvor eingereicht. Er schreibt dazu in der ihm eigenen Art: „… die Wiederholung des Persönlichkeitsverlustes durch die Vermeidung des InnenBlickkontaktes … ein Street mit dem Telefon geknipst … SW Version und beschnitten … Thema: ‚Fensterblicke‘ … Brennweite: 4,28 …”

Die Exif-Daten geben noch folgende Auskunft: Apple iPhone 4S, Belichtungszeit 1/1000 Sekunde, Blende f/2,4, kleinbildäquivalente Brennweite von etwa 33 mm bei einem Verkürzungsfaktor von 7,64.

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Eine ‚Streetfotografie als Hochpanorama im überstreckten 1:2-Format‘ sucht schon ihresgleichen und ist allein schon deswegen eine Besprechung wert … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Text

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich leicht zweigeteilt, ansonsten aber ausgewogen bei einem Mittelwert von knapp 140. Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich liegen nicht vor.

Konstrastreich zeichnet sich die Person rechts unten in den Zonen I bis VIII ab. Niederkontrastiger und insofern optisch zurückgesetzt liegen beide Fenster in den Zonen II bis VII. Der Hintergrund changiert von den Zonen VI bis VIII im oberen bis zu den Zonen I bis II im unteren Bildbereich.

Farben:

Gebrochene Grün- und Orangetöne bestimmen das Bild und erinnern ein wenig an eine ‚Crossentwicklung alter Tage‘.

Struktur:

Im Vergleich zur Schwarzweißversion fällt hier in positiver Weise ‚ein mehr an Struktur im Hintergrund‘ auf – hier kam womöglich ein Photoshop-Filter wie etwa ‚Differenz-Wolken‘ zur Anwendung.

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Zusammenfassung:

Dirks Bilder sind zumeist unkonventionell und gerade deswegen interessant – wir hatten davon ja schon einige besprochen …

Trotz meiner bekannten ‚Schwäche für die Schwarzweißfotografie‘ muß ich sagen, daß ´die monochrome Version hier nicht richtig knallt‘. Dieses Bild braucht Farbe bzw. lebt von dieser. ‚Naturalistische Verwechslungsmöglichkeiten‘ kommen wegen der verschobenen Farben (wie gesagt an Crossentwicklung erinnernd) von vornherein nicht auf …

Künstlerische Ansätze (denen Dirk zweifelsohne folgt) bedürfen der Verklausulierung, sie wollen es dem Betrachter ‚etwas schwer machen‘ und ihn zu einer Interpretation anregen. Wenn sich im Unterschied dazu ein Bild dem Blick sofort und zweifelsfrei erschließt, nennen wir das mit Fug und Recht ‚Postkarte‘, ‚Kalenderbild‘, bisweilen schlichtweg ‚Kitsch‘ …

Freilich frage ich mich, ob es Dirk mit der Verklausulierung (nicht in seinen Bildern, sondern in den Beschreibungen) bisweilen nicht auch ein wenig übertreibt – eine persönliche Meinung, denn ein Urteil habe ich hier nicht über ihn zu fällen; vielleicht kommen wir in der Diskussion darauf zurück, ob ‚ein weniger bisweilen auch mehr‘ sein könnte …

Doch nochmals zum Bild. Die Fenster erscheinen mir einerseits wie ‚Metaphern des Durchblicks‘, den unser Protagonist mit seiner dunklen Sonnenbrille hoffentlich hat oder ggf. sucht; andererseits hatte ich die ‚Assoziation von Gedankenblasen‘, die unserem Bildhelden entspringen und nach oben ziehen.

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Bildteil:

Schwarzweißversion

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Antworten
  1. Dirk says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter an der Seehundbank …

    Lieber Thomas … vielen Dank für die Worte zu diesem / diesen eingereichten Bildern.

    Deine konstruktive Kritik möglicher „Übertreibungen“ :-) habe ich, wie so üblich … mal ne Nacht darüber schlafen … inhaltlich verarbeitet :-) … und bin zu dem Ergebnis gekommen … die Freude am Wortspiel nicht verlassen zu wollen … doch mit Bedacht den Ort der Präsentation zu überdenken…

    Auch denke ich … eine gewisse Herausforderung darf es schon sein und nicht jeden Menschen kann ich “ da abholen, wo er sie gerade….“ und so find

    doch trage ich diese DEINE Worte nun in meinem Herzen und versuche das bauchgefühlte Bild mit der Seite eines möglichen Betrachters zu sehen … wenn das überhaupt geht … doch denke ja etwas … und dann schlafe ich noch einmal eine Nacht und so …

    Auf den Punkt … eine wichtiger Aspekt von DIR Thomas … ehrlich geschrieben… DANKE

    zum Bild nur kurz … :-)

    Hallo Marcus hallo Chilled Cat hallo Thomas …

    die soziale Komponente des Rückzuges mit Vorhängen und diese Sonnenbrille trotz WEIßHEMDTRÄGER … wieder eine Bedeutung für mich … brachte diesen Bildmoment als Ausschnitt …

    was versteckt sich dieser junge mann hinter dieser Maskerade im offenen Raum …

    vielleicht ist dieses Gespräch zweier Krabben von letzter Woche eine Antwort … aber nur vielleicht …

    sagte die eine Krabbe … ich glaub wir sind im Netz … antwortet die zappelnde Krabbe einige Maschen weiter … das nennt man heute vernetzt … und somit sind wir nicht allein … ein Trost dachte die Krabbe und blieb noch eine weile da hängen …

    … von der Seehundbank einen tollen Abend

    Dirk

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „… die Freude am Wortspiel nicht verlassen zu wollen … doch mit Bedacht den Ort der Präsentation zu überdenken …

      Das kann ich voll und ganz unterschreiben.

      Wie arm wäre unsere Sprache (auch in geschriebener Form), wenn sie sich nur auf Kurzmitteilungen und Dreiwortsätze beschränkte, wie es in unserer Social-Media- und Marketing-affinen Welt mittlerweile in Mode ist! Sprache war aber schon immer auch Poesie und Musik …

      Aber es gilt zugleich, daß die Botschaft den Empfänger erreichen sollte. Gut, Verwirrtheit ist auch eine Reaktion (nicht unähnlich der ursprünglichen Rezeption der dekonstruktivistischen Elemente von Dada), aber sie kann sich auch gegen den Sender richten.

  2. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    In der Farbversion hat das Bild schon was… vor allem durch das ungewöhnliche Format und die Bildaufteilung. Trotzdem sehe ich nur einen Mann mit Hut vor einer Hauswand mit zwei Fenstern.

    Mit Dirks Bildbeschreibung kann ich nichts anfangen.

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      Ja, es ist vielleicht ein Nachteil von manchen solcher „unkonventionellen“, wie auch immer künstlerisch inspirierten Fotografien, dass sie ohne eine Erklärung des Fotografen kaum „funktionieren“. Es lässt sich wohl auch trefflich darüber streiten, inwiefern dies nun eine Straßenfotografie im klassischen Sinne ist, zumal die hier vorgestellte „Geschichte“ erst mühsam konstruiert werden muss. Trotzdem: Komposition, Farbgebung und Format geben mir durchaus interessante Anregungen für’s eigene Arbeiten …

    • Thomas Brotzler says:

      Zum Erklärungsbedarf von Kunstwerken oder eben auch entsprechender Fotografien gibt es sicher keine einzig gültige Wahrheit.

      Von Seiten meiner eigenen Ausstellungstätigkeit möchte ich aber „den guten Wert der Mitte, nicht zu viel und nicht zu wenig“ betonen. Wenn wir den Betrachter ohne alles, ohne Fingerzeig oder Einführung, „auf das Bild loslassen“, wird er verloren gehen oder fliehen. Wenn wir ihn „völlig zutexten“, berauben wir ihn seiner eigenen Interpretation, die unverzichtbares Merkmal jedes Kunstwerkes ist.

      Auch heiligt der Zweck die Mittel: Bei einem Künstlergespräch oder einer Bildbesprechung darf mehr, bei einer Ausstellung sollte weniger erklärt werden.

      Ihr erinnert Euch in diesem Zusammenhang vielleicht an den 5. Teil meines Tutorials „Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße?“. Ich hatte dort die (aus meiner Sicht bestechende) These von Rolf Basten dargelegt, nach der Kitsch sich dadurch auszeichnet, daß ein Bild derart selbstredend ist, daß es gar keiner weiteren Interpretation bedarf.

  3. Marcus Leusch says:

    P.S.: Gerade fällt mir auf, dass das Wort „Goldfisch“ in der SW-Version fehlt. Das bringt mich noch auf folgenden Gedanken: Auch Nebel und Schlieren sind wahrscheinlich in der Color-Variante nachträglich in‘s Bild gerückt worden (digitale „Kunstfreiheit“?!). Zum fotografischen Bild tritt ein „Sprachbild“ hinzu, das Teil der Gesamtanmutung wird.

    
Und hier kommen wir noch einmal auf den besagten „Goldfisch“ zurück, frei nach Prof. Dr. Grzimek: Meine lieben Tierfreunde, der Horizont eines in Unfreiheit und in häuslicher Umgebung eines Menschen lebenden Goldfisches verläuft am gläsernen Rand seiner Behausung. Ein Fisch im Glas ist immer sichtbar und stets kommunikativ. Im Gegensatz zu uns Menschen ist er nicht in der Lage, sich in allen erdenklichen Situationen zu verstellen oder gar „unterzutauchen“, da ihm die nötigen Mittel zu Mimikry von der Evolution nicht mitgegeben wurden … :–))

    

Liebe Grüße in die Runde
    Marcus

    Antworten
  4. Marcus Leusch says:

    „… Verklausulierung …“
    „Fenster mit Hut“, daraus ließe sich noch eine Dreiecksgeschichte spinnen, auch zum ausgeschriebenen „Goldfisch“ könnte ich eine Gedankennähe entwickeln – Farbgebung des Bildes, das möglicherweise sogar durch die Scheiben eines Aquariums hindurch fotografiert sein könnte: siehe Schlieren/Partikel im Farbfoto, die ja in der SW-Version fehlen…. (?) 
Dirks eigene Bildbeschreibung klingt allerdings recht kryptisch. Da könnte ich mich bis zum „Persönlichkeitsverlust“ an einer Interpretation versuchen, ohne dass mir ein zweifelsfreier Bezug zur Aufnahme gelänge. 


    Zum Foto (Color): 
Mit gefällt der recht einfache Bildaufbau, in dem die beiden Fenster mit dem Hutträger einen netten Dreiklang unter der von Thomas beschriebenen aufwärts strebenden Blickführung bilden. Ich persönlich hätte das Bild noch gespiegelt, aber das ist hier eine reine „Geschmacksfrage“.
    Auffällig ist, dass alle Fenster inklusive Brille „verhangen“ sind, und somit wohl keinen „InnenBlickkontakt“ (Dirks eigene Worte) zulassen. Dieser
„Persönlichkeitsverlust“, der kaum noch einen Durchblick nach draußen (Kontakt/das Soziale) wie nach Drinnen (ja, was gäbe es da zu sehen??) zulässt, wiederholt sich gewissermaßen in diesem Bild, wenn ich denn doch einmal über Dirks Bildbeschreibung spekulieren soll. Mir kommen da also ähnliche „Metaphern des Durchblicks“ in den Sinn, wie sie Thomas andeutet. Dazu passt übrigens auch jener im Bildtitel zitierte Hut, der ja als modische Attitüde zwar auffällt, aber doch eher verdecken und verbergen soll.

    Auch die Farbgebung (Goldfisch?) durch Crossentwicklung finde ich hier recht passend zur Rätselhaftigkeit von Dirks ureigenem „Erklärungsmuster“, ebenso wie Nebelschleier und Schlieren im Bild. Sie nehmen der Aufnahme etwas von ihrer Unmittelbarkeit und möglichen Nähe, rücken sie eher in eine abstrakte Ferne (Anmutung einer schon älteren Fotografie) – und so wiederholt sich für mich auch in der technischen Umsetzung selbst jenes direkte „Vermeiden eines Blickkontakts“, insofern auch ein Bild seinen Betrachter „ansieht“ … 


    Beste Grüße an Thomas und Dirk („Moinmoin!“)
    Marcus

    Antworten

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