Leserfoto:
Ein einziges Bild kann schon den Ausflug lohnen …

An Küstenlinien kann man sich gar nicht ’sattfotografieren‘, wie ich anhand der heutigen Bildbesprechung aufzeigen möchte.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Kay Kietzmann aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel „Blue Feeling” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Halli hallo, neulich war ich im Familienurlaub auf Mallorca. Einen Tag habe ich tatsächlich Freigang bekommen und konnte tun und lassen was ich wollte – Fotografieren. Um halb fünf saß ich im Mietwagen um mich auf nach Cap Fermentor zu machen. Als die blaue Stunde begann, oder hätte beginnen sollen, dämmerte mir langsam, dass die Lichtverhältnisse wohl doch nicht wie erhofft sein würden. Ich tröstete mich damit, dass die Chancen gut stehen würden ein faszinierendes Wetterphänomen beobachten zu können. Doch leider wollten auch keine Wolken bzw. Nebelschwaden über die Klippen ziehen. Nun ja, neben etlichen trüben Bildern ist nun auch dieses entstanden. Es gefällt mir aus der Serie am besten. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ich irgendetwas hätte besser machen können – mal davon abgesehen, dass mehr Aktion auf dem Meer gut gekommen wäre, denke ich. Nur konnte ich mir das leider nicht aussuchen. Beste Grüße Kay”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 400D mit Zoomobjektiv Canon EF-S 10-22 mm f/3.5-4.5 USM verwendet. Die Brennweite betrug 10 mm (entsprechend 16 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/400 Sekunde bei Blende f/8,0 und ISO 200 .

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Unbenommen davon, daß Kai uns hier eine sehr atmosphärische Arbeit zeigt, sind bei den Einreichungen oft die Kommentare das Beste: „Familienurlaub auf Mallorca. Einen Tag habe ich tatsächlich Freigang bekommen …” Das bringt nun wirklich Farbe in den grauen (monochromen?) Alltag eines Bildkritikers, es erinnert mich auch an eigene (mehr oder weniger erfolgreiche) Bemühungen, meine Familie ‚zu Trage- und Geduldsdiensten abzurichten‘ … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild empfängt den Betrachter in einem etwas über das gewohnte 3:2 gestreckten Querformat, mit einer übersichtlichen Anordnung der Elemente.

Als Blickfang fungieren die detailreich gezeichneten Binnenstrukturen des linken Felsen (siehe rote Linien ebd.) und dessen Silhouette (siehe orange Linien ebd.). Der Blick schweift weiter nach rechts, folgt der Kaskade der schroff zum Meer hin abfallenden Felsen mit ihren Umrissen (siehe durchgezogene gelbe Linien ebd.) und Binnenstrukturen (siehe punktierte gelbe Linien ebd.).

Wie ein Absatz und vorläufiger Abschluß ragt schemenhaft noch ein letzter Felsen empor (siehe blaue Linien ebd.), bevor sich der Blick im schemenhaft erkennbaren Horizont (siehe punktierte türkisfarbene Linien ebd.) und den weiteren Strukturen des Himmels sowie des Meers ergeht.

Die Blickführung ergibt sich zwanglos in einer Bewegung von links nach rechts. Ich meine auch, zwei Hauptrichtungen beschreiben zu können im Sinne eines oberen Vektors, der den Felskämmen bis zum Horizont folgt und eines unteren Vektors, der links unten bei den Binnenstrukturen einsteigt und sich dann nach rechts oben fortsetzt (siehe grüne Pfeile ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt bei einem Median von 125 einen größeren Peak in Zone VII bis VIII und einen kleineren in Zone I bis II. Der Schattenbereich zeigt leichte Tonwertabbrüche in den dunklen Partien der Binnenstrukturen des linken Felsen. Diese stören nicht weiter, sondern betonen sogar die Plastizität der Formen. Im Lichterbereich ist der Tonwertumfang nicht ganz ausgeschöpft, was der atmosphärischen Anmutung des Bildes gut tut. So bleibt der diesige und weiche Eindruck des Hintergrundes gut erhalten.

Ein weiterer Blick auf die Zonenverteilung unterstreicht das Gesagte. Wie schon in früheren Bildanalysen habe ich eine lokale Segmentierung dahingegehnd vorgenommen, daß Schatten rot, Mitten organge und Lichter gelb, große Kontrastumfänge größer und kleine Kontrastumfänge kleiner geschrieben wurden. Demzufolge findet sich die meiste Dynamik in der linken Feldformation, gefolgt von der Himmels- und Meerespartie. Der horizontnahe Bereich hingegen wirkt wie beschrieben diesig und relativ kontrastarm.

Farben:

Gedämpfe rötlich-braune Töne im Vordergrund sowie bläulich-türkisfarbene im Hintergrund beherrschen das Bild.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Bitte werft ein Auge auf den wunderschönen, den Raum tief staffelnden Schärfeverlauf in diesem Bild – links im Vordergrund sind feinste Details erkennbar, während der Mittelgrund grobe Strukturen und der Hintergrund malerisch-diesige Unschärfe zeigt.

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Zusammenfassung:

Ich weiß nicht, warum Kay ‚hier so rummacht‘: dies ist eine ausgezeichnete Landschaftsaufnahme mit einer eingängigen Komposition, einer gradlinigen Blickführung und einer ansehnlichen, zu enormer Raumtiefe führenden Verteilung der lokalen Kontraste und Strukturen!

Es war aus meiner Sicht richtig, den Tonwertbereich gerade im Lichterbereich nicht auszuschöpfen, sondern hier einige Reserven zu lassen, um dem Hintergrund und dem Himmelsbereich seine Weichheit zu belassen. Hier gilt also, daß man es mit der ‚Tonwertoptimierung‘ schnell übertreiben kann …

‚Mehr Aktion auf dem Meer‘ hätte ich dem Bild übrigens nicht gewünscht, dies hätte von der beeindruckenden Felskaskade abgelenkt. Eher könnte man noch das Gegenteil überlegen – eine Langzeitbelichtung (mit Graufilter und Stativ), die Meer und Himmel zu Watte hätte werden lassen, aus der dann die Felsen wie überirdische Strukturen herausragen.

Sofern in diesem Bild überhaupt eine Überarbeitung vonnöten ist, würde ich diese sehr behutsam durchführen – vielleicht ein kleiner Beschnitt, um den Fokus noch mehr auf die imposante Felsenflucht zu setzen; ggf. eine vorsichtige Erhöhung des Mitteltonkontrastes und ein ebensolches Abwedeln in den hellen Partien des linken Felsen, um diesen noch etws plastischer wirken zu lassen (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild).

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Struktur: Schärfeverlauf

Überarbeitung: Beschnitt, lokales Abwedeln

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. DWL says:

    Hut ab!
    Ein wirklich sehr gutes Landschaftsfoto. Die einfache Struktur dreier Flächen,
    welche sich jedoch sowohl in ihrer chemischen und physikalischen Beschaffenheit als auch
    ihrer Farbe extrem unterscheiden, übet bereits als solche einen ungeheuren reiz aus:
    2x Wasser (gasförmig und flüssig) welches harmlos wirkt. Jedoch zeigen die Spuren
    im Fels, wie
    gewaltig diese Kräfte wirken. Zudem nehmen sie den Fels ebenso optisch wie
    faktisch „in die Zange“.
    Insofern halte auch ich es für einen Glücksfall (!), daß das Meer fast spiegelglatt ist:
    man traut ihm angesichts des zerfurchten Felsen keineswegs zu, so harmlos zu
    sein, wie es sich da gibt.
    Die Natur hat hier zwar bereits vieles gut platziert – aber die gestalterische
    Komposition ist einfach perfekt gelungen.
    Der grandiose Kreisbogen der Klippenformation, an welchem das Auge des Betrachters entlanggeführt wird, wird perfekt von der weit hinten nachgelagerten, inselförmig erscheinenden Felsformation mit dem trennenden Wasser dazwischen wie mit einem i-Tüpfelchen ergänzt und stoppt den Blick kurz. Perfekt.
    Wunderbar auch die durch dort hinten Nebel oder eher leichten lokalen Niederschlag
    das neugierige Auge festhaltende Unschärfe in einer kleinen region dieser Formation,
    die das Bild realistischer macht. Mein einziger (minimaler) Kritikpunkt ist eine leichte
    Tendenz zu übernatürlich wirkendem Kontrastumfang (ein allgemeiner Modetrend,
    die HDR-Funktionen der Bearbeitungsprogramme sind bisweilen zu verlockend und
    man hat nicht mehr den Mut, auch einmal Bereiche mit tiefen Schwärzen zu
    akzeptieren) und eine m.E.n. leicht übertrieben (= am Rande des Unrealistisch/Surrealen)
    erscheinende Steigerung der Farbsättigung und der ebenfalls einen
    Hauch überdramatisiert bearbeitet erscheinende Himmel.
    Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, daß es solche Szenen *fast* in dieser Art
    tatsächlich geben kann. Das ist aber schon fast betriebene Kritik – Ich habe
    jedenfalls schon sehr lange kein Landschaftsbild gesehen, in welchem
    ich mit solch hohem Genuß sehr, sehr lange verweilte und regelrecht spazieren ging
    wie in diesem! Hut ab!

    Antworten
  2. Jörg Fietkau says:

    Ich kann mich den Kommentaren nur anschliessen. Ein für mich rundum gelungenes Bild. Sonnenbilder habe ich genug. Ein Bild wie deines reizt mich viel mehr.

    Ich bin da so der Typ schatten und nicht viel Sonne (obwohl ein schöner Sonnenaufgang…). Bei mir kommt da genau auf das mir der Wind so leicht um die Ohren säuselt, ich aber trotz Wolken keinen Sturm erwarten muss, da das Meer noch so herlich ruhig ist und mir einen Gewissen frieden bringt. Bei so einem Bild kann man sich echt reinfühlen und Gedanken…

    schönes gelungenes Bild

    LG Jörg

    Antworten
  3. Christine Frick says:

    Was für ein fantastisches Urlaubsfoto, auch wenn der Himmmel nicht unbedingt wolkenlos ist, um Sonne zu tanken. Aber das wissen wir ja alle. Diese Wolken sind einfach super und verstärken die Bildwirkung. Und einen Tag Zeit für das heißgeliebte Hobby, die Fotografie!
    Was will man mehr :-)
    LG Chris

    Antworten
  4. Grimmaldi Stefanidis says:

    Ahh, das tut ja richtig gut. Seit langem ein Foto an diesem Ort, in das ich „eintauchen“ kann.
    Man spürt den kühlen, durchfeuchtenden Wind fast körperlich bei der Betrachtung, man möchte, wie eine Möve, der Küstenlinie folgen und diese von nahem betrachten. Dies erzeugt eine Art von Wiedererkennung, persönlichem Bezug, man kennt ähnliches und kann es sich hier stundenlang ansehen, ohne dabei auszukühlen.
    Ich habe mit dem Snipping Tool für mich selbst, den Ausschnitt nochmals verengt. Von der unteren Kante habe ich etwas entfernt. Ebenso vom rechten Rand. Der äußere, rechte Fels ist jetzt vom rechten Rand etwa ebenso weit entfernt, wie der untere Bildrand.
    Die mich so anziehenden Klippen sind jetzt wesentlich näher gerückt, jetzt möchte ich noch mehr hineinsehen, ja hineinspringen in das Bild.
    Sehr gut bemerkt Thomas, weniger Kontrastumfang ist hier mehr, die Pastelltöne lieben das.

    Merci, Grimmaldi

    Antworten
  5. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Da bin ich auch dabei, ich sehe ebenfalls keinen Handlungsbedarf. Der leichte Dunst in der Ferne zusammen mit der Küstenlinie der Felsen erzeugt im Bild einen schönen Tiefeneindruck. Die schroffe Felsstruktur zieht meinen Blick immer wieder aus der Ferne zurück.

    Antworten

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