Leserfoto:
Versuch einer Ideallandschaft

Die Kombination einer gelungenen Befassung der Ton- und Farbwerte mit einigen kompositorischen Schwächen wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Peter Eich aus Konstanz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Überschwemmung am Bodensee” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Wollmatinger Ried ist eine große Schildlandschaft am Bodensee bei Konstanz. Hier sind immer wieder einige der Wiesen überschwemmt, so auch diese. Ich spazierte im Januar 2014 zum Sonnenuntergang dort vorbei und wollte mein neues Objektiv testen, das Nikkor 14-24. Fast hätte ich das Bild zuhause gelöscht. Doch nach etwas Korrektur in Lightroom ist aus dem RAW doch noch ein Resultat entstanden, das ich mag.”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D610 mit Nikon AF-S Zoom-Nikkor 14-24mm 1:2,8G ED verwendet. Die Brennweite betrug kleinbildäquivalente 14 mm aufgrund des verwendeten Vollformats, die Belichtungsdaten waren 1/80 Sekunde bei Blende f/4,5 und ISO 400.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Bild empfängt den Besucher im 4:3-Querformat und mit einer Zentralkomposition, wie sie sonst etwa bei Sakralmotiven bekannt ist.

Zu Veranschaulichung der Ausrichtung wurden der Goldene Schnitt eingezeichnet (türkisfarbene Linien ebd.). Gemessen an der waagrechten Horizontlinie, aber auch an den senkrechten Entsprechungen zwischen Bäumen und Spiegelung fällt eine Verdrehung des Bildes im Uhrzeigersinn um etwa ein Grad auf (blaue Linien ebd.).

Nicht unproblematisch ist auch die Dislozierung der beiden Baumstämme nach links. Peter mag die für ihn korrekte Ausrichtung anhand der Baumsilhouetten ermessen haben, da diese von Betrachterwarte aus einen deutlichen Drift nach rechts haben – doch ist dies zweischneidig, weil auch mittels solchem Versatz nach links eine nach rechts gerichtete Bildgewichtung verbleibt.

Von Seiten der einzelnen Bildelemente sind die beiden buschig wachsenden und gruppiert stehenden Bäume (Haselnuß?) mitsamt deren Spiegelungen im Wasser als Motivzentrum zu benennen (durchgezogene bzw. punktierte rote Linien ebd.). Geradezu schmerzlich fällt am Bildoberrand ein knapper Beschnitt beider Baumkronen ins Auge (blaßrote Fläche ebd.).

Zwei seitlich der Baumgruppe und etwa im Goldenen Schnitt von unten liegende, inselartige Schildabsiedlungen rahmen das zentrale Motiv ein (orange Linien ebd.). Weitere Schilfabsiedlungen (gelbe Linien ebd.) lockern die nahegelegene Uferlinie (grüne Linie ebd.) auf. Darüber erstreckt sich die Horizontlinie (türkisfarbene Linien ebd.)

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich mittig und ausgewogen bei einem Median von etwa 130.

Einige Tonwertabbrüche fallen im Lichterbereich auf, doch sind diese eher der Reinheit der Gelb- und Rottöne im unteren Himmelsbereich geschuldet und stören die harmonische Tonwertverteilung nicht.

Farben:

Relativ reine Blau-, Gelb- und Orangetöne im Hintergrund kontrastieren sehr anmutig mit stark gebrochenen Grüne- und Brauntönen im Vordergrund.

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Zusammenfassung:

Peters Arbeit hinterläßt bei mir offen gesagt einen zweischneidigen Eindruck.

Zum einen ist die subtile Befassung der Ton- und Farbwerte zu loben, die das Bild für den Betrachter zweifellos als eine harmonische Landschaft erscheinen läßt.

Zum anderen ist die kompositorische Anlage nicht optimal, insbesondere im Sinne der Verdrehung des Gesamtbildes und des knappen Anschnitts der Baumwipfel.

Ich hatte auch auf die offensichtlich geplante und doch nicht konsequent eingehaltene Mittigkeit hingewiesen. Nun entziehen sich organische Strukturen einer einfacher Arithmetik, die man etwa im Bereich der Archtekturfotografie anwenden könnte, natürlich gerne. Doch scheint Peters Lösung hier nicht optimal, weil in seiner Version weder die Baumstämme noch die -silhouetten ausgerichtet erscheinen.

In meiner Überarbeitung (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder) habe ich die Verdrehung des Gesamtbildes beseitigt, die Baumstämme durch leichten Beschnitt von rechts her in die Mitte gebracht und eine Simulation der Bilderweiterung nach oben eingefügt, welche die Uferlinie in den Goldenen Schnitt von unten bringt.

Wenngleich so die Zentralkomposition weiterhin vorherrscht, würde ich die Blickführung doch als eine dynamische, von der linken Schilfabsiedlung im Vordergrund über beide Bäume nach rechts oben ziehend und die rechte Schilfabsiedlung im Vordergrund eher als Kontrapunkt auffassend beschreiben (violette Linien ebd.).

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Komposition: Ausrichtung

Komposition: Grundelemente

Tonwerte: Histogramm und Lichterbeschnitt

Überarbeitung: Geradeausrichtung und simulierte Erweiterung nach oben

Überarbeitung: Veränderte Blickführung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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