Leserfoto:
Naturspektakel mit I-Tüpfelchen

Erfrischende Urlaubsfotografie zeigt die heutige Bildbesprechung.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

Ausgangsbild

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Unser Leser Roman Piotrowski aus Potsdam hat uns das obige Bild unter dem Titel „Anzug und Natur” in der Kategorie ‚Natur/Tier‘ (auch ‚Landschaft‘ wäre natürlich möglich gewesen) zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Foto wurde am isländischen Wasserfall Gullfoss aufgenommen. Einige Menschen verließen den abgesperrten Weg, um sich mit dem Wasserfall im Hintergrund zu Fotografieren. Unter anderem auch die beiden im Bild zu sehenden Asiaten. Für mich war das eine sehr sureale Szene. Ein Anzugträger lässt sich vor solch einer Naturgewalt fotografieren. Das zweite was mir in den Sinn kam war das Klischee vom japanischen Touristen dem es um den Beweis des da seins mehr ging als um das erleben eines so gewaltigen Naturspektakels.”

Zur Aufnahme fand eine Canon EOS 600D mit Kitobjektiv Canon EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 Verwendung. Die Brennweite betrug 55 mm (entsprechend 88 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/200 Sekunde bei Blende f/8,0 und ISO 100 .

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Zwei Bildbereiche ziehen die Aufmerksamkeit besonders auf sich: zum einen zwei relativ kleine, aber deutlich gezeichnete Personen im Vordergrund und zugleich knapp vor einem Abgrund, die eine fotografierend, die andere posierend (siehe rote Linien und orangefarbiger Pfeil ebd.); zum anderen ein breiter Strom im Hintergrund, gleichsam auf einen Abgrund zufließend und dort in einem gewaltigen Wasserfall endend (siehe blauer Pfeil ebd.), der vom vorderen Abbruch und den beiden Ufern eingefaßt wird (siehe grüne Linien ebd.).

Einige Nebenelemente vervollständigen das Bild: die Struktur der Wiese, welche dem Vordergrund Leben einhaucht (siehe grüne Linien ebd.), des weiteren die Gischt des tobenden Stroms, welcher die oberen Bildpartie auflockert (siehe türkisfarbige Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die Belichtung ist sehr ausgewogen, entsprechend zeigt sich das Histogramm mit einem Mittelwert von knapp 125 und ohne nennenswerte Tonwertabbrüche.

Die kleinen Personen liegen in den Zonen 0 bis I, heben sich somit deutlich von der Wiesenumgebung in den Zonen III bis VI ab. Der tosende Strom umfaßt die Zonen V bis IX, das bei bewegtem Wasser sonst häufige leere Weiß (Zone X) ist somit erfreulicherweise gemieden. Die im Bild linke Uferpartie ist etwas dunkler in den Zonen III bis IV abgesetzt, der Hintergrund mit Gischt ersheint hingegen etwas heller in den Zonen IV bis VIII.

Farben:

Blaugraue und erdig-grünbraune Töne dominieren das Bild.

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Zusammenfassung:

Mit seiner harmonischen Komposition, ausgewogenen Belichtung und zurückhaltenden Farbigkeit weiß das Bild durchaus zu gefallen, doch wäre es ohne die Personen nur eines jener zahlreichen Erinnerungsbilder geblieben (siehe dazu untenstehende ‚Vergleichsarbeit ohne Personen‘).

Durch ihre Anwesenheit entsteht eben jener unwirkliche bzw. ’surreale‘ Augenblick, von dem Roman selbst sprach. Ganz Unterschiedliches, fast unvereinbar Wirkendes ist hier gegenübergestellt, tritt miteinander in einen skurrilen Dialog und schafft so jene ‚Spannungsbögen‘, welche uns über den Augenblick der raschen Betrachtung hinaus zu fesseln vermögen und Fragen aufwerfen. Und darüber hinaus tritt natürlich über die gemeinsame Abgrundnähe von Strom und Personen, mithin auch über die Vorstellung eines die Personen alsbald verschlingenden und mitreißenden Wasserfalls noch ein dramatisches Element hinzu.

Ich meine, in diesem Sinn auch eine generelle Empfehlung zur Urlaubsfotografie abgeben zu können: beschränkt Euch nicht nur auf die üblichen Sensationsmotive aus dem Reiseführer, sondern sucht bewußt auch Nebenschauplätze auf, die vielleicht mehr über Land und Leute aussagen wie die bekannten Klischees; oder aber, wenn Ihr schon ‚auf den Spuren der Motivklassiker‘ seid, dann macht es ruhig wie Roman und sucht nach solchen inhaltlichen Kontrasten und Spannungsbögen. Der Aufmerksamkeit des späteren Betrachters dürft Ihr gewiß sein, weil hierdurch Fragen aufgeworfen werden bzw. ‚Bildwitz‘ entsteht.

Gerade die ‚Urlaubsfotografie‘ selbst zum fotografischen Thema zu machen, kann sehr lohnend sein, wie die ‚Vergleichsarbeit aus dem eigenen Portfolio‘ (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) aufzeigt.

Von Seiten der Bildbearbeitung bestünde aus meiner Sicht noch leichtes Optimierungspotential im Sinne eines Durchgangs mit dem Instrument ‚Tiefen/Lichter‘, einer leichten Schattenöffnung und Mittelkontrastanhebung. Das Bild wirkt so noch etwas frischer, leuchtender, und die Personen heben sich so noch klarer vom Untergrund der Wiese ab (siehe dazu untenstehendes Bild ‚Überarbeitung‘).

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente und Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Vergleichsarbeit ohne Personen

Vergleichsbild aus dem eigenen Portfolio (Fotografierender Tourist am Rande der 'Alignements de Carnac', Département du Morbihan, Bretagne 2010)

Überarbeitung: Schattenöffnung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. SagtMirNix says:

    Gefällt mir außerordentlich gut. Vor allem durch die leicht abstrakt wirkende Zonenaufteilung. Auch ohne Menschen im Bild wäre es durchaus sehenswert, mit jedoch natürlich mehr, da so die Dimensionen viel deutlicher werden. Island steht definitiv auch noch auf meiner Liste!

    Antworten
    • Chilled Cat
      Chilled Cat says:

      Für mich sind es genau die beiden Personen, die den Reiz des Bildes ausmachen. Ohne die Personen finde ich das Bild sehr statisch.

      Die Menge Wasser, welche ins Tal stürzt, ist vor Ort sicher beeindruckend, das tritt aber für mich im Bild so weit in den Hintergrund, dass es für sich allein kaum noch Wirkung entfalten kann.

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