Leserfoto:
Ein besonderer Augenblick

Eine formal und inhaltlich sehr überzeugende Bildinszenierung möchte ich Euch in der heutigen Besprechung vorstellen.

Konzeptbild: Gruppe

Unser Leser Christian Loose aus Dortmund hat uns das obige Bild unter dem Titel „Der Kreis” in der Kategorie ‚Konzept‘ zur Besprechung eingereicht.

Das Bild entstand im Gasometer Oberhausen zur Christo-Ausstellung. Die Leute lagen dort einfach nur auf den Matten herum. Zuerst habe ich gehadert, ob ich sie alle ansprechen sollte, aber dann dachte ich mir, dass ich mich hinterher nur ärgern würde, wenn ich es nicht täte. Es haben auch alle brav mitgemacht und meines Erachtens hat das Bild schon fast eine rituelle Wirkung. Ich hoffe es gefällt auch anderen, außer mir.

Zur Aufnahme wurde eine Nikon Corporation Nikon D7000 mit Zoomobjektiv Sigma 17-50mm 2.8 EX DC OS verwendet. Die Brennweite betrug 17,0 mm (entsprechend 25,0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/40 Sekunde bei Blende f/2,8 und ISO 800.

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Als Bildzentrum und Blickfang fungiert, horizontal mittig und vertikal nahe dem unteren Bildrand gesetzt, eine Gruppe von Menschen (rote Linien ebd.). Die 12 Personen (wenn ich richtig gezählt habe) bilden einen Kreis, halten sich an der Hand und schauen gemeinsam sehr konzentriert nach oben. Vor allem um die Gruppe herum, diese einrahmend und am Boden, sehen wir noch eine Anzahl von Liegetüchern (gelbe Linien ebd.).

Gegenüber der dunkleren Gruppe grenzt sich der helle Raum ab. Er wird (wenn ich es richtig erkenne) gegliedert durch Stoffbahnen mitsamt deren Säume bzw. Verkettungen (aus Hand des ausstellenden Künstlers), und zwar nicht auf eine glatte bzw. architektonisch korrekte, sondern vielmehr runde bzw. fließende Weise (blaue Linien ebd.). Die oberste Begrenzung sticht durch die Tonwertunterschiede (siehe unten) noch etwas heraus (grüne Linie ebd.).

Die Bewegung durch das Bild beginnt bei der blickfangenden Gruppe, setzt sich deren eigener Blickführung folgend nach oben fort, um sich an der pbersten Begrenzung wieder zu zerstreuen (violette Linie ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich deutlich rechtsversetzt mit einem Median von etwa 225, einer High-Key-Anmutung entpsrechend. Die Mitten sind vergleichsweise gering besetzt, die hellen Partien hingegen betont, ohne daß es zum Tonwertabbruch im Lichterbereich kommt.

Die Menschengruppe selbst deckt ein breites Spektrum der Zonen I bis VIII ab. Deutlich davon abgegrenzt liegen die Stoffbahnen und der Boden in den Zonen VIII bis IX (X).

Farben:

Wir sehen einzelne, leicht gebrochene Farbtupfer in der Gruppe, die sich auf solche Weise vom farbarmen Vorder- und Hintergrund deutlich absetzen.

Zusammenfassung:

Von einer ‚rituellen Wirkung‘ der Inszenierung und seines Fotos spricht Christian, und ich kann diesen Aspekt sowohl von der Schilderung wie vom Bildergebnis her sehr gut nachempfinden.

Es scheint, wie wenn wir durch das Bild Zeuge eines ganz besonderen Augenblicks würden, in welchem eine Gruppe, vormals noch erkennbar auf den Liegetüchern ruhend, sich nun erhoben und zu gemeinsamem Tun gefunden hat. Sie schauen allesamt konzentriert nach oben, und wir Betrachter lassen uns davon natürlich verleiten und tun es ihnen gleich, so daß auch unser Blick über kongeniale Installation streift. Ich meine fast, daß Christo sich keine wirksamere In-Szene-Setzung hätte wünschen können …

Die ruhige und statische Komposition, die trotz ihrer High-Key-Anmutung noch ausgewogene und im Lichterbereich gut eingefangene Tonalität, die Simulation des Raums mit sparsamen, nichtsdestotrotz wirksamen Mitteln (Farbdichte- und Tonwertkontraste) umrahmen auch in formaler Hinsicht diese rundweg gelungene Arbeit.

Es ist eine Arbeit, welche ich als präsentations- und ausstellungswürdig erachte.

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

 

***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


6 Antworten
  1. Christian Loose says:

    Erst mal vielen Dank für die so ausführliche Bildkritik. Leider habe ich sie erst heute lesen können, da ich leider keine Mail dazu erhalten habe. Das Bild selbst hatte ich vor deutlich längerer Zeit eingereicht und gar nicht mehr damit gerechnet, dass es überhaupt noch Beachtung findet.
    Umso mehr freut es mich jetzt den Artikel zu sehen :-)

    Antworten
  2. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Ich finde, das ist gerade der Hingucker an dem Bild, dass ich mich frage, warum stehen die Leute umgeben von Nichts im Kreis.

    Sehr schönes Bild und auch passende Kritik. Vielen Dank dafür!

    Antworten
  3. laderio says:

    Die Arbeit mag künstlerisch wertvoll sein, allerdings kann ich ihr als „normaler Betrachter“ nicht recht etwas abgewinnen. Was mir „fehlt“ kann ich leider nicht beschreiben. Der Hintergrund hat noch etwas, die Gruppe dazu passt mir persönlich nicht recht ins Bild und wirkt auch etwas verloren.

    P.S.:
    Wenn man die Brennweite auf Kleinbildformat umrechnet, müsste man das nicht konsequenterweise auch mit der Blende machen?

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Das wäre nicht ganz logisch, denn der letztlich maßgebliche „Sensorschwund“ (am verkürzten Format) führt zu einer „Brennweitenverlängerung“ (also den Unterschied zwischen abgelesener und tatsächlicher Brennweite), nicht aber zu einer Veränderung der Blendenöffnung.

    • laderio says:

      Nunja, die Brennweite „verändert“ sich ja auch nicht, „verhält“ sich halt nur anders bei unterschiedlich großen Sensoren. Möchte man unabhängig von der Sensorgröße den Bildausschnitt angeben, müsste man eigentlich den Bildwinkel angeben, nicht die Brennweite. Daher ist das „umrechnen“ der Brennweite nur dafür da, um einen Vergleich mit Kleinbild zu ermöglichen. Weil die Brennweiten für Kleinbild vielen „alten Hasen“ eben mehr sagen als 50° Blickwinkel. Aber genauso wie sich die Brennweite nicht verändert, verändert sich natürlich auch nicht die Lichtstärke bzw. die Blende. Aber genauso wie bei der Brennweite verhält sich die gleiche Blende bei anderer Sensorgröße eben auch anders. Die 2er Blende bei APS-C verhält sich dann eher wie eine 2,8er Blende am Vollformat. Sowohl was das eingefangene Licht angeht, als auch was die Schärfentiefe angeht.
      Konsequenterweise müsste man daher eigentlich sogar den ISO Wert umrechnen, wobei hier natürlich noch maßgeblich die Sensorqualität eine Rolle spielt und der Wert daher eh nur bei gleicher Sensorqualität für eine Vergleichbarkeit nutzt.
      Bedeutet für ein vergleichbares Bild muss ich die 70 mm, F 2,8, ISO 400 vom Vollformat am APS-C Sensor mit (ca.) 50mm, F 2,0 und ISO 200 „knippsen“. Die Unterschiede sollten dann kaum vorhanden sein.

      Eine Brennweitenverlängerung existiert also eigentlich gar nicht und dient nur der Vergleichbarkeit. Für die Vergleichbarkeit müsste man aber die anderen beiden Werte eigentlich auch noch umrechnen, wobei das bei ISO nur bedingt Sinn macht.

      Ich hoffe die Ausführung war jetzt nicht zu lang ;-)

  4. Marcus Leusch says:

    Formal und inhaltlich für mich eines der besten Bilder, die ich hier in der letzten Zeit gesehen habe (–wäre früher auf meiner Liste für das Bild des Monats gewesen)! Eine „ruhige und statische Komposition“, die für mich dennoch etwas kraftvoll „Spi-rituelles“ 
in diesem lichten Raum vermittelt. 


    Für mich aber auch eine Anregung, mal von meiner eigenen „dunklen Phase“ Abschied zu nehmen um mich auch für die lichteren Momente (High-Key) zu interessieren … 


    Dank also für die Bildanregung und für diese wieder einmal sehr treffende und erhellende Kritik …

    

Beste Grüße
    Marcus

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *