Leserfoto – „Fußball, auf den Hund gekommen“:
Schnappschuß mit Tiefgang

Gute Fotos regen zum Nachdenken an, doch sollte man kompositionelle Entscheidungen aus einem Grund treffen.

(c) Hans Praefke

Das Bild entstand 2014 in Buenos Aires im Problembezirk La Boca

Marke: NIKON CORPORATION, Modell: NIKON D3000, Belichtungszeit: 10/2500, ISO: 200, Blende: 110/10, Brennweite: 180/10

Nachdem ich dieses Bild ausgewählt hatte – ja, der Hund hatte es mir auch angetan – habe ich erst einmal recherchiert. Das mache ich zwar sonst auch, aber wenn Dein „Modell“ hier ein Tutu angehabt hätte, wäre die Aussage der Aufnahme eine vollkommen andere.

Für diejenigen Leser, die mit La Boca nichts anfangen können: La Boca ist ein Stadtteil von Buenos Aires, der eine wechselhafte Geschichte hinter sich hat. Gegründet wurde La Boca von Genoeser Immigranten, erklärte 1882 einmal die Unabhängigkeit von Argentinien (was nicht lange anhielt) und erlebte mehrere große Demonstrationen während der jüngsten argentinischen Wirtschaftskrise. La Boca wird gerne von Touristen besucht, seiner bunten Häuser und seines interessanten Straßenlebens wegen. Das Herzstück ist das Fußballstadion „La Bombonera“, und die Farben des Fußballklubs „La Boca Juniores“ sind blau und gelb.

Zu sehen ist auf Deinem Schnappschuß ein Hund, den sein Besitzer mit einer Hose, einem T-shirt und einem Narrenhut ausgestattet hat. Der Hut und das T-shirt sind beide blau-gelb, die Hose für den Hund so modifiziert, daß er sich erleichtern kann, ohne in selbige machen zu müssen. Dein „Modell“ wurde im Schein einer Straßenlaterne oder etwas Ähnlichem fotografiert, es wird bereits dunkel. Das Foto wirkt beinahe, als sei es mit Blitz aufgenommen, doch wurde laut EXIF kein Blitz ausgelöst und auch die anderen Daten, etwa Verschlußzeit, sprechen dagegen.

Analysiert man die Aufnahme näher, stellt man fest, daß sich der Hund fast perfekt im Goldenen Punkt befindet (rosa):

Goldener Schnitt

Der natürliche Horizont (gelb) ist stark gekippt, ein Effekt, den man auch als „Dutch Angle“ bezeichnet:

Gekippter Horizont

Dutch Angle kann, richtig eingesetzt, Spannung oder Dramatik im Bild erzeugen. Ein kippender Horizont wird auch gerne benutzt, wenn der Fotograf ein bereits zu Tode fotografiertes Motiv interessant darstellen möchte, oder wenn er mehr von dem Motiv in der Aufnahme haben möchte.

Wenn mir eine Gestaltungsentscheidung nicht klar ist, erforsche ich die Alternativen mittels einer „Was wäre, wenn“ Frage: Was wäre, wenn der Horizont hier gerade wäre? Zerstört es das Foto? Verändert es die Bildaussage? Hier ist mir nicht klar, was Dich dazu bewogen hat, einen Dutch Angle zu benutzen (ich gehe einmal davon aus, daß es Absicht war). „Gefällt mir eben so“ als Grund bringt mir als Betrachter nichts, wenn es zum Bild nichts beiträgt, und es ist meines Erachtens nicht die Art von Foto, die davon profitieren kann. Wäre der Hund in einer Begegnung mit einem anderen beispielsweise, oder würde er in etwas wühlen, wäre es eine andere Sache. So läuft er nur schnuppernd an Dir vorbei, und Du hast seiner interessanten Aufmachung wegen auf den Auslöser gedrückt.

Wenn man dieses per Objektivkorrektur in Photoshop rückgängig macht, kommt folgendes heraus:

Korrigiertes Vergleichsfoto

Die Komposition verändert sich trotzdem nicht grundlegend (sie wird sogar kompakter), und das Bild wird dadurch auch nicht langweiliger – der Hund hat immer noch ein lustiges Outfit an und befindet sich buchstäblich im Rampenlicht. Das Monument links und die Mülltonnen rechts rahmen jetzt den Hund sogar meines Erachtens besser ein.

Näher eingehen möchte ich noch auf die Bildaussage: jemand hat sich die Mühe gemacht, seinen Hund vollkommen einzukleiden; er trägt auch ein neu aussehendes rotes Halsband. Er ist jedoch nicht angeleint, und sein Besitzer ist nicht zu sehen. Hinter dem Hund sieht man Häuser, Mülltonnen, ein Monument. Ein Mann steht zwischen Autos am Rand der Straße und ist kurz davor, diese zu überqueren. Ohne zu wissen, daß es sich um La Boca, Buenos Aires oder Argentinien handelt, hätte ich auf Südamerika getippt. Das Fußballtrikot, der Mann im Hintergrund, die Straßenszene deuten darauf hin. Auch in Mexiko laufen Hunde an manchen Orten so durch die Gegend.

Der Hund ist in den Farben eines Fußballklubs angezogen und hat noch zusätzlich eine passende Narrenkappe auf. Man kann dieses so interpretieren, daß ein besonders glühender Fan des lokalen Clubs weder Kosten noch Mühen gescheut hat, seine Begeisterung kund zu tun, und die Tatsache, daß sogar der Hund „Farbe bekennt“, läßt einen gewissen Humor vermuten. Es dokumentiert die lokale Fußballbegeisterung, und man fragt sich unwillkürlich, warum der Hund so angezogen ist, wo er herkommt, wo er hingeht usw.

Es hätte nahegelegen, sich in La Boca auf die farbenfrohen Häuser zu konzentrieren. Vermutlich hast Du auch etliche Aufnahmen derselben gemacht, wie viele andere Besucher auch. Diesen Hund noch „mitzunehmen“, verrät ein Interesse an dem, was „hinter den Kulissen“ passiert. Es ist einmal etwas anderes, ein hübscher Schnappschuß, der sich gut in eine dokumentarische Serie einreiht.

 

1 Antwort
  1. Tilman says:

    Hallo,
    ein lustiges Bild welches mich anspricht, nicht nur wegen dem Motif. Auch Deine Besprechung, Sofie, habe ich mit viel Interesse gelesen. Danke dafür! Ich kann den Vorschlag, das Bild durch eine Rotation auszurichten, nachvollziehen. Allerdings finde ich, dass so ein wichtiger Aspekt verloren geht: Im Original, sind die Hinterläufe fast senkrecht. Der Hund sieht aus wie ein „Mensch“, welcher sich bückt. Nach der Rotation, ist es halt nur noch ein angezogener Hund.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

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