Langzeit auf Wasser:
Die Tiefenwirkung einfacher Bildkomposition

Eine Beschränkung der Bildelemente bietet beste Voraussetzungen für überzeugende Bilder. Die dabei zu beachtenden Feinheiten wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Florian Fahlenbock aus dem bodenseenahen Markdorf hat uns das obige Bild unter dem Titel „Seezeichen” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Bild wurde wieder am Bodensee aufgenommen. Ich bin zunehmend von Langzeitbelichtungen fasziniert und beschäftige mich in letzter Zeit hauptsächlich damit. Dies in Verbindung mit schwarz weiß Fotografie empfinde ich zunehmend als mein Metier. Ich bin jedoch noch ein absolutes ‚Greenhorn‘ auf dem Gebiet und würde mich daher über eine Besprechung des Bildes hinsichtlich Komposition, Bildaufbau und Tonwerten sehr freuen. Zur Aufnahme wurde eine Canon 600D mit Kitobjektiv und 08/15 Graufilter benutzt. Hinsichtlich der Preise hochwertiger Linsen muss ich mich (noch) mit dieser einfachen Grundausstattung zufrieden geben.”

Zur Aufnahme wurde die APS-C-Kamera Canon EOS 600D mit Kitobjektiv EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 IS II verwendet. Die Brennweite betrug 55,0 mm (entsprechend 88,0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 4,0 Sekunden bei Blende f/14,0 und ISO 200.

„Lieber (wie hier schon deutlich erkennbar) ein ‚vielversprechender Gestaltungsansatz bei magerer Ausrüstung‘ wie andersherum”, dachte ich spontan bei Florians sympathischer und bescheidener Selbstbeschreibung.

Kurz mußte ich (‚von oberschwäbischem Geblüte, aber mit badischer Ehefrau bewehrt‘) noch darüber sinnieren, ob Markdorf nun wohl eine schwäbische oder eine badische Gemeinde sei – Letzteres, würde ich jetzt mal annehmen, aber der ‚innerwürttembergische Verlauf des Spätzlegrabens‘ ist nicht immer so klar …
Florian Fahlenbock: 'Spargelfeld'Florian (damals noch in Freiburg im Breisgau) ist uns ja bereits von einer ‚naturnahe-abstrakten Arbeit‚ her bekannt, die wir im September 2013 hier besprochen hatten (siehe auch nebenstehendes Bild). Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente der heutigen Arbeit.

Übersichtlich und eingängig empfängt ein Bildquadrat den Besucher.

Die Konstruktion läßt den in der vorherrschenden Diesigkeit bzw. Nebligkeit verschwimmenden Horizont etwa auf Höhe des Goldenen Schnittes von unten erkennen, während die fünf sichtbaren Seezeichen sich in vergleichbar seitlicher Anordnung nicht einfinden wollen (durchgehende rote Geraden ebd.).

Das mittlere der erwähnten Seezeichen ist uns am nächsten, insofern am größten und stellt das Motivzentrum dar (rote Linien ebd.).

Von Seiten der Größenstaffelung folgen dann die Elemente zwei und fünf (orange Linien ebd.) sowie eins und vier (gelbe Linien ebd.). Dergestalt wird eine Auflockerung, ein Rhythmus ‚klein – mittel – groß – klein – mittel‘ oder (für diejenigen, die es musikalisch mögen) ‚la – ti – do – la – ti‘ erkennbar, auf den ich unten noch zu sprechen kommen werde.

Der (wie schon erwähnt) ‚verschwimmende Horizont‘ deutet mit sparsamen Mitteln reizvoll die räumliche Tiefe an (grüne Linien ebd.).

Von Seiten der Blickführung erscheint mir ein Einstieg am unteren Ende des mittleren Seezeichens, eine Fortsetzung nach oben und schließlich ‚eine sich aufbürdende Entscheidung‘ der Fortsetzung nach links oder nach rechts plausibel (violette Pfeile ebd.). Auch darauf möchte ich unten noch zu sprechen kommen.

Das Histogramm zeigt sich deutlich rechtsversetzt und etwas rechtsschief bei einem Median von etwa 225, wobei aber keine Tonwertabbrüche im Lichterbereich zu verzeichnen sind. Es handelt sich also um eine vom Dynamikumfang der Kamera gut bewältigte Aufnahme mit High-Key-Anmutung.

Die erwähnte Größenstaffelung der Seezeichen wird durch die lokale Tonwertspreizung in guter Weise unterstützt. Das zentrale Element liegt in den Zonen 0 bis VIII, während die darum gruppierten Elemente etwas abgestuft die Zonen I bis VII umfassen.

Auch die Raumstaffelung ist mit dem Himmel in Zone IX, dem verschwimmenden Horizont in Zone VIII und dem Wasser in den Zonen VIII bis IX subtil und reizvoll abgestuft.

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Zusammenfassung:

Florians Arbeit vermittelt, wie ich meine, eine sehr beschauliche und komtemplative Atmosphäre. Besonders gut gefallen mir die Sparsamkeit der Bildelemente und die subtile Ausarbeitung der Tonwerte.

Auf ein irritierendes Moment möchte ich jedoch noch zu sprechen kommen, wie schon oben angekündigt … es ist die seitliche Anordnung der fünf Hauptelemente, die ‚knapp an der Linienharmonie vorbeigeht‘; und es ist das fünfte (rechte) Element, welches das Bildgewicht nach rechts verlagert und in gewisser Weise eine schwierige Entscheidung beim Blickdurchgang erforderlich macht.

In der untenstehenden Überarbeitung ist das Hauptelement in den Goldenen Schnitt von rechts gelegt und besagtes fünftes Element ausgeblendet. Ich meine, daß diese Anordnung der Elemente die ruhige Atmosphäre besser unterstützt und die Blickführung erleichtert. Nun lassen sich auch zwei seitlich gekippte Dreiecke konstruieren, die den Zusammenhalt der verbleibenden Bildelemente besser visualisieren (blaue Linien ebd.).

Komposition: Darstellung der Konstruktion

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Beschnittvorschlag

Überarbeitung: Neukonstruktion

1 Antwort
  1. Florian Fahlenbock says:

    Vielen Dank für die ausführlich Kritik!
    Das Bild ist ja schon etwas älter und lustigerweise hab ich den Beschnitt mittlerweile genauso angelegt wie empfohlen. Es hängt seit geraumer Zeit entsprechend an der Wand.
    Bei der Aufnahme dachte ich ursprünglich daran 5 Elemente einzubeziehen, da ungerade Anordnungen meines Erachtens meist „spannender“ sind. Beim nochmaligen bearbeiten gefiel mir einfach nicht, dass das rechte Seezeichen fast aus dem Bild fällt.
    Anyway, vielen Dank nochmals für die Besprechung. Es hilft einfach sehr im stetigen sich verbessern!

    Antworten

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