Zu viele Elemente:
Die Qual der Wahl

Eine Fülle ansehnlicher Bildelemente kann bisweilen auch eine kompositorische Last sein, wie die heutige Besprechung aufzeigen möchte.

Ausgangsbild

Unser Leser Moritz von Specht aus Winterthur  hat uns das obige Bild unter dem Titel „U-Bahnhof München” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Diese Aufnahme stammt aus einem Fotoworkshop, bei dem es um U-Bahnhöfe in München ging. Mir persönlich hat das Foto erst einmal nicht besonders gut gefallen, und ich hätte es wahrscheinlich nicht weiter bearbeitet, aber dem Workshopleiter Micha Pawlitzki und auch Anderen gefiel es sehr gut und jetzt würde mich ein Euer Expertenkommentar sehr interessieren. Am Beschnitt habe ich noch nichts verändert. Klarheit, Schwarz-Weiss Beschnitt, Temperatur, Lichter und Tiefen habe ich angepasst.

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 5D Mark III mit Canon EF 24-105mm f/4L IS USM verwendet. Die Brennweite betrug kleinbildäquivalente 105 mm, die Belichtungsdaten waren 25 Sekunden bei Blende f/22,0 und ISO 160.

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Aufnahmesetup

Moritz mag auf die Überlagerung etwaiger Bewegungsartefakte (insbesondere der Rolltreppe) aus gewesen sein, als er solche Kombination aus kleiner Blendenöffnung und langer Belichtungszeit wählte.

Rein zur Erfassung des Raumes hätte eine Blende f/11,0 bis f/14,0 sicher genügt und einiges an Belichtungszeit und damit auch Sensorrauschen und Hotpixel gespart (wiewohl solches in der hiesigen Verkleinerung nicht erkennbar ist; das müßte man an der 100%-Darstellung oder am großformatigen Druck prüfen).

Komposition

Ein ganzes Potpourri optischer Eindrücke empfängt den Betrachter zunächst. Ich will auf diesen Aspekt möglicher Überladung oder Ablenkung noch zurückkommen, zunächst aber die einzelnen Elemente beschreiben …

Wir finden vertikale Streben auf der linken, mehr noch auf der rechten Seite, welche filigran den Raum gliedern; ebensolche horizontale Streben, die zum einen die Decke unterteilen, zum anderen eine Art doppelten Boden schaffen und etwa die Rolltreppe im Hintergrund optisch unterteilen.

Auch Lichtstreifen und Spiegelungen nehmen einen bedeutenden Platz in der Bildanlage ein – erstere etwa an den Handläufen der Rolltreppen und an Umterrand der abgehängten Leuchten, letztere im Bereich der gesamten Decke.

Und doch scheint mir die Komposition etwas überladen bzw. das Bild zu viele Motivschwerpunkte aufzuweisen. Mich selbst zog sogleich die Rolltreppe mit ihrer Spiegelung auf der linken Seite in ihren Bann, dann verfing sich mein Blick kurz in jener scheinbar kreuzartigen Struktur in der Bildmitte und zuletzt folge ich noch der aufsteigenden Diagonale am rechten Bildrand – die untenstehenden Abbildungen ‚Motivschwerpunkte‘ und ‚Blickführung‘ sollen dieses aus meiner Sicht bestehende ‚Dilemma des irrenden Auges‘ ein wenig illustrieren …

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm weist einen Median von 123 und zwei Peaks im Bereich der Zonen III und VII auf. Schatten, Mitten und Lichter finden sich jeweils gut belegt, doch stoßen die Tonwerte auch an beiden Seiten an, so daß einige Tonwertabbrüche (insbesondere im Bereich der Lichter) zu verzeichnen sind.

Farben

Gebrochene Ocker-, Oliv- und Brauntöne, unterbrochen von einigen Blautupfern dominieren das Bild.

Zusammenfassung

Ich darf das Geschriebene nochmals dahingehend zusammenfassen, daß das Bild für mich eine Vielzahl interessanter und ansehnlicher Elemente aufweist, aber doch auch überladen wirkt und den Blick des Betrachters durch konkurrierende Motivzentren nicht zur Ruhe kommen läßt.

Könnte es Sinn machen, diese Fülle durch Auswahl und Beschnitt konstruktiv einzudämmen und so besser zu verwerten? Ich meine: ja.

Drei Vorschläge dazu findet Ihr noch im Bildteil, wobei diese (von 1 bis 3) eine gewisse ‚Metamorphose von räumlich-konkret zu abstrakt-angedeutet‘ durchlaufen.

Nun habe ich dem etwas skeptischen ‚Nein‘ von Moritz und dem zitierten ‚Ja‘ von Micha Pawlitzki samt Gruppe quasi mein eigenes ‚Ja, aber‘ entgegengestellt. Ich hoffe, daß Moritz hierin Anregungen für seine eigene Bildbewertung und -gestaltung finden kann. Wie immer bleibt uns auch die Diskussion zu diesem Thema …

***

Bildteil:

Komposition: Motivschwerpunkte

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm

Überarbeitung: Auswahl- und Beschnittvorschlag 1

Überarbeitung: Auswahl- und Beschnittvorschlag 2

Überarbeitung: Auswahl- und Beschnittvorschlag 3

7 Antworten
  1. Manfred Haupt says:

    Verglichen mit einigen Foren u. Ä. konnte ich mit den Bildbesprechungen von Thomas bisher am meisten anfangen. Auch wenn ich mich hier bisher nicht zu Wort gemeldet habe, fände ich es sehr schade, wenn es diese nicht mehr gäbe. Kann ich noch etwas für den Erhalt tun, z.B. ein Bild einsenden?

    Herzliche Grüße
    Manfred

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Wir können jederzeit nicht nur gute Fotos für Bildbesprechungen gebrauchen, sondern auch qualifizierte Autoren. Wie dem auch sei, ich hoffe, Du liest uns auch in Zukunft – wir sind momentan dabei, das Blog im Hintergrund technisch umzugestalten und haben auch ansonsten alle möglichen Eisen im Feuer.

      PS. Thomas schreibt für uns nicht mehr, seitdem das Blog erst von WEKA und schlußendlich von Peter Sennhauser übernommen worden ist. Das muß Dich aber nicht abhalten. :)

  2. Marcus Leusch says:

    … Stimme Werner fast ohne Einschränkung zu, auch wenn jeder Bearbeitungsvorschlag ja als Diskussionsvorlage dienen sollte und nie das letzte Wort haben möchte, wenn ich Thomas recht verstehe. Dass es hier kaum noch zu Wortmeldungen kommt, macht auch mich etwas stutzig, aber es war ja bislang ohnehin eine recht überschaubare „Gemeinde“, die sich hier qualitativ eingebracht hat… Ich hoffe dennoch, das gehört noch zu einer Übergangsphase, könnte andererseits aber auch mit einer „Konzentration auf Facebook“ zusammenhängen, die an mir vorbei geht, da ich mich dort nicht „heimisch“ fühle – bin vielleicht zu eigenbrötlerisch, um mich für Dreiwortsätze zu begeistern.



    Heimisch fühlte ich mich hingegen immer bei dem – didaktisch-methodisch klugen und immer am „besseren Bild“ orientierten – Charakter der Besprechungen von Thomas, die in vielen Fällen meiner eigenen Auffassung von Kritik sehr nahe waren/sind und mir wertvolle technische Hinweise vermittelt haben. Da gab es nie „Reich-Ranicki-Verrisse“, sondern eine wohltuende Sensibilität selbst für das Positive im Misslungenen.

    
Vor allem die vielen Anregungen/Ermunterungen zur Schwarz-Weiß-Fotografie und ein Feingefühl für die „stillen Bilder“, die nicht auf den ersten Blick wirken, werde ich sehr vermissen. …

    Aber vielleicht bleibt man ja auf anderen Wegen zwischen Rheinhessen und Baden-Württemberg irgendwie in Kontakt, wäre mir eine Freude … 



    Herzliche Grüße aus dem
    
allzu sonnigen Mainz

    Marcus


    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Aber vielleicht bleibt man ja auf anderen Wegen zwischen Rheinhessen und Baden-Württemberg irgendwie in Kontakt, wäre mir eine Freude …

      Das machen wir unbedingt, lieber Marcus!

  3. Werner says:

    Ich komm´ nicht umhin, so gefühlt jedes mal den Vorschlägen zu Überarbeitungen von Thomas zustimmen zu müssen. „Weniger ist mehr!“

    PS – Die Anzahl der Kommentare legt den Schluss nahe, dass „fokussiert.com“ in der letzten Zeit so ziemlich aus dem Fokus der Gemeinde verschwunden ist. Isn´t it?

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Für eine Grabrede scheint es mir doch etwas zu früh …

      Einige begründete Hoffnungen ruhen freilich auf Peter (federführend) und Sofie (beisteuernd) – hierzu wurde ja auch schon manches verlautbart, wie Konzentration auf Facebook und Verbreiterung des Autorenpools (ohne daß ich hier auf dem allerneuesten Stand der Entwicklungen bin) …

      In eigener Sache kann ich sagen, daß mein Weg bei Fokussiert sich nun offensichtlich „dem Ende nähern soll und darf“. Über einen langen Zeitraum hatte ich einen Gutteil der Bildbesprechungen und Tutorials beigesteuert. Dies und die fruchtbaren Diskussionen mag gerne in guter Erinnerung bleiben, wiewohl „frischer Wind auch nicht schadet“ …

      Ich darf noch anmerken, daß mein eigener publizistischer Weg gewiß nicht bei bzw. mit Fokussiert endet. Viele von Euch werden etwa meine Beiträge für den Fotoespresso (dpunkt Verlag), c’t Digitale Fotografie (Heise Verlag) und andere Magazine kennen.

      Auch meine Homepage bzw. der Newsletter weisen auf aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich hin …

    • Peter Sennhauser says:

      Lieber Werner

      Es ist wohl immer so im Leben eines Blogs, dass mit der Frequenz der Postings die Aufmerksamkeit des Publikums abnimmt.

      Hier ist das jetzt mal deswegen so, weil ich im Hintergrund mit dem ganzen Technikkram des Umzugs beschäftigt bin: DNS anpassen, Hoster wechseln, Daten und Datenbanken umziehen, WP aufsetzen, Designs testen. Das ist alles unspektakulär, aber ich muss wohl mal eben was drüber schreiben, damit deutlich wird, dass wir nicht ruhen. Sofie ist aktiv an der Reorganisation der Inhalte und im Gespräch mit potentiellen neuen und weiteren Autoren, und ich werde mich raschmöglichst auch wieder mit eigenen Postings beteiligen – ist einfach jetzt grade noch nicht opportun.

      Im Hintergrund tut sich einiges!

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