Leserfoto – «Paris en pleine nuit»:
Etwas mehr Nacht bitte

(c) Nicolas Zenz

Eigentlich beginnt doch jeder Urlaub gleich. Streit mit der Freundin, ob das Stativ nun mitkommt oder nicht. Ich habe mich durchgesetzt, das Stativ im Gepäck, leider auch das Versprechen es bei der Stadtbesichtigung zuhause zu lassen (=100% der Zeit). Was macht der kreative Fotograf? Er fotographiert aus dem Hotelfenster bei Nacht. So ist dieses Foto also entstanden.

Mir gefällt es gut, der Freundin (vielleicht aus Trotz, weil ich sie damals aufgeweckt habe?) nicht besonders. Nun fände ich eine professionelle Meinung zu dem Bild interessant. Was könnte man verbessern? Wenn man sich zu lange selbst mit einem Bild beschäftigt, wird man einfach betriebsblind.

Fotodaten:
Sony NEX-C3, Daten: 60mm; F22; 20 Sek. Verschlusszeit; ISO 200

LG Nicolas

Paris ist eine dieser Städte, die einen nicht mehr losläßt, wenn man mal da war. Mir war es nur einmal vergönnt, und ich rede heute noch drüber. Du hast uns einen Schnappschuß eingereicht, der die Stadt bei Nacht zeigt. Zu sehen ist der Fluß, Straßenlichter reihen sich wie Perlen durchs Bild.

Du schreibst, Deine Freundin hätte Dir quasi verboten, Dein Stativ mitzunehmen. Ich bin kein Beziehungsberater, aber ich würde diese Verbindung nochmal überdenken. (Das schreibe ich selbstverständlich mit einem dicken Grinsen auf dem Gesicht…) Jede(r) der/die mit jemandem verbandelt ist, der obszessiv fotografiert, weiß, daß man sich in bestimmte Dinge fügen muß, wenn man verbandelt bleiben möchte: das ständige In-die-Luft-Gucken, das Stehenbleiben alle zwei Schritte, das Mitschleifen schweren Gerätes etc. gehört doch dazu.

Angenommen, es war ein normales Stativ, kann ich den Einwand verstehen – ich würde in diesem Fall anregen, in ein gutes Reisestativ zu investieren, falls Du noch mehr Fotoexkursionen dieser Art vorhast. Die sind wesentlich leichter und kompakter, und solange es sich um eines handelt, das Deiner Kamera gewachsen ist, fällt dann auch ihrerseits das Argument von Platzmangel und Unannehmlichkeiten weg.

Zurück zum Bild:

Was Nachtfotografie angeht, hast Du meines Erachtens den richtigen Ansatz gewählt. Du hast Dich hier für einen kleinen ISO und eine kleine Blende entschieden – ersteres minimiert das Bildrauschen erheblich, letzteres sorgt dafür, daß die zahlreich vorhandenen Straßenlichter als Sterne, und nicht lediglich helle Kleckse abgebildet werden. Durch diese Einstellungen wurde auch eine lange Verschlußzeit notwendig, weswegen Du DAS Stativ endlich zum Einsatz bringen konntest, und was die vorbeifahrenden Autos zu Lichtbändern hat werden lassen.

Zur Komposition wäre anzumerken, daß der natürliche Horizont (blau) aus dem Goldenen Schnitt (rosa)/dem oberen Drittel (grün) heraus verschoben ist:

Goldener Schnitt/Drittelregel

Die bestimmenden Linien, also hier die Straßen (gelb), laufen diagonal durchs Foto:

Bestimmende Linien

Hättest Du die Kamera angehoben, um den Horizont mehr nach unten zu drücken, wäre zuviel Himmel im Bild gewesen, der hier ohne Sterne für mich keinen wirklichen visuellen Anreiz bietet. Will sagen, es macht hier für mich nichts, daß der Horizont nach oben verschoben ist.

Ein oder zwei Anregungen hätte ich allerdings:

Laut EXIF hast Du das Bild in Photoshop nachbearbeitet. Auf meinem Monitor sehe ich ein durch Orange- und Rottöne bestimmtes Foto, und insbesondere der Himmel ist rotbraun statt schwarz. Das mag tatsächlich so ausgesehen haben, aber als Betrachter erwarte ich irgendwo dort schwarz.

Weiterhin ist es bei Wimmelbildern dieser Art oft schwierig, optisch einen Halt zu finden. Trotzdem es klare, bestimmende Linien gibt, und ja auch der Eindruck der Szene wichtig ist, hätte ich etwas getan, um den Blick des Betrachtenden etwas mehr zu lenken.

Ich habe also erst einmal eine leichte Vignette über das Foto gelegt, und dann den Himmel zusätzlich etwas mehr abgedunkelt. Das rote Glühen ist immer noch zu sehen, aber mein Blick wird jetzt mehr an die Stelle gelenkt, wo zwei der Bildgeraden zusammenlaufen:

Foto mit Vignette

Du könntest zusätzlich noch einen Beschnitt der Aufnahme in Betracht ziehen, um das Gebäude vorne links zu eliminieren:

Beschnittsvorschlag

Beschnitten und mit Vignette sähe die Aufnahme dann schlußendlich so aus:

Mit Vignette und Beschnitt

Und falls Dir schwarzweiß gefällt, hier noch eine Variante in monochrom, erstellt mit Nik Silver Efex Pro 2 (High Dynamic/Harsh):

Schwarzweißumwandlung

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