Perspektivenwechsel:
Von draussen nach drinnen

Wenn Menschen sich auf etwas konzentrieren, werden sie zu attraktiven Motiven. Anlässe wie Ausstellungsvernissagen bieten damit ein spannendes Übungsfeld.

 

Vernissage Foto Schaufenster Spiegelung

it’s coming closer. – Basel, Galerie Katapult, März 2015. Nikon D810, 24-70mm @24mm, 1/50s, ISO 250 – © Peter Sennhauser

 

Eigentlich gibt es ja nur zwei Zustände, in denen Menschen fotografiert werden: Wenn sie sich der Kamera bewusst sind oder eben nicht. Bei ersterem liegt das Interesse an der Persönlichkeit des abgebildeten Menschen im Vordergrund: Er wird in den meisten Fällen bis zu einem gewissen Grade posieren und versuchen, seine Sonnenseite zu betonen. Letzteres ist dagegen meistens mehr auf die Tätigkeit, die Situation und die Gestik ausgerichtet und birgt mehr Spannung in der Situation. Bloss: Wo findet man solche Menschen, wenn man nicht mit einem Tele durch die Altstadt von Marrakesch schleichen kann?

Anlässe wie Ausstellungsvernissagen oder andere Events, bei denen nicht das Socializing an erster Stelle steht, sondern die meisten Besucher sich für das Ausstellungsgut interessieren, bieten gute «Jagdgründe» für die Pirsch nach Menschen, die in eine konzentrierte Betrachtung vertieft sind.

Bei einer Vernissage vor einigen Wochen habe ich versucht, die Perspektive zusätzlich zu verändern: Als Zaungast, der nicht in der Galerie an der Vernissage, sondern draussen vor den Schaufenstern steht und sich das Treiben ansieht.

Bei dieser Gelegenheit sind mir zwei Aufnahmen geglückt, die ich spannend finde. Das eine Bild (oben) zeigt einen Mitorganisator der Ausstellung, der einem Besucher ein Bild im Schaufenster erklärt. Ich war bereits draussen auf der Strasse und wollte an dem ausgestellten Bild vorbei in die Galerie fotografieren, als die beiden neben dem Bild auftauchten und mein Motiv perfektionierten.

Das Bild sticht heraus, weil die beiden nicht bemerkt haben, dass ich sie fotografiere, sie waren ins Gespräch vertieft. Darauf war ich aus, und weil mir im Innern der Galerie keine entsprechende Annäherung  gelungen war, habe ich mein Glück auf der Strasse versucht.

Der zweite Aspekt hier sind die verschiedenen Ebenen des Bildes. Die Schärfe ist zwar – leider – nicht dort, wo die beiden Männer stehen, sondern via Autofokus auf der Spiegelung eines Personenwagens im Hintergrund gelandet. Das stört mich allerdings inzwischen nur mässig, denn durch den Fokus wird dieReflexion überhaupt erst zu einer gleichwertigen Bildebene, und die Aufnahme gewinnt eine Dimension.

Mich hat von allem Anfang an die Kombination von drei Räumen fasziniert: Das Geschehen drinnen in der Galerie, das Reale draussen, wo ich stehe, mit Schriftzügen an Schaufenster und Türe und schliesslich der Raum hinter mir, der als Reflexion eine ganze Stadt und die Strasse mitsamt Autos in die Aufnahme hineinbringt.

Dass darüber hinaus in der Aussage des Bildes «it’s coming closer» im Schaufenster, der Aktion der beiden Männer und schliesslich auch dem Auto in der Spiegelung ein ironisches Ensemble entsteht, ist eine glückliche Fügung.

Meine etwas frontaleren Versuche mit dem gleichen Perspektivenwechsel auf der anderen Seite der Galerie haben ebenfalls interessante Resultate gebracht, die zur Wiederholung einladen und Möglichkeiten aufzeigen.

Vernissage: Unfreiwillige Gruppe

Gruppenbild mit Dame Nikon D810, 24-70 @52mm, 1/50s f/2.8, ISO 320

 

Hier haben mich zwar sofort alle zur Kenntnis genommen und zu mir auf den Gehsteig hinaus geschaut – bei offener Blende ist dabei aber eine Art Gruppenporträt entstanden, das ich ganz reizvoll finde. Eine zweite Aufnahme, als sich alle wieder abgewendet hatten, ergibt wieder diesen seltsamen Zaungast-Effekt, wie man ihn sonst aus der Strassenfotografie kennt.

Drinnen und druassen und noch weiter drinnen. Nikon D810, 24-70 @52mm, 1/50s f/2.8, ISO 320

Drinnen und druassen und noch weiter drinnen. Nikon D810, 24-70 @52mm, 1/50s f/2.8, ISO 320

 

Auch in diesem Bild liegen mehrere Ebenen übereinander, indem die Spiegelung den Fotografen und einen echten Zaungast in der Person des Zuschauers auf der Strassenseite hinter mir zeigt.  Umgekehrt ist im Raum drinnen mit dem Mann im blauen Hemd in der Türöffnung zusätzlich der Raum hinter dem Zimmer, in das wir blicken, einbezogen.

 

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  1. […] habe selber erst vor nicht allzu langer Zeit die Vernissage als ein lohnendes Event für People-Fotografie entdeckt: Leute, die ins Gespräch vertieft sind und dabei Bilder betrachten, andächtig staunende […]

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