Sperling im Stelenfeld oder „Guf – die Halle der Seelen“:
Negativer Raum und Color Key

Negativen Raum und Color Key gekonnt einzusetzen, ist nicht einfach.

NIKON D800, f/4, 1/125s, ISO125, 105mm - (c) Martin Wolfert

Das Bild „Guf – die Halle der Seelen“ ist während meines Berlinbesuches Anfang Juni diesen Jahres entstanden. Das Motiv ist, in Verbindung mit der Örtlichkeit an der ich dieses Bild fotografieren durfte, für mich hoch emotional. Die Örtlichkeit ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Ich war nach einer guten halben Stunde des Verweilens und Gedenkens eigentlich schon am Gehen, als ich den Sperling auf dieser Steele sitzen sah. Die Situation war irgendwie unheimlich, es gab nur den Sperling und mich, alles andere um mich herum nahm ich wie in einem dichten Nebel, in einer dunkle Vignette in einem Bild wahr. Der Sperling lies mich auf ungefähr einen Meter herankommen, ich konnte nur dieses eine Bild machen, danach flog der Sperling in die Lüfte. Meine Gedanken kreisten danach um das Holocaustmahnmal und den Sperling und die Geschichte von „GUF – der Halle der Seelen“ aus der jüdischen Mythologie.

Du hast uns hier eine Aufnahme des Holocaust-Denkmals eingereicht, die Du „Guf – die Halle der Seelen“ betitelt hast. Zu sehen ist ein Vogel, wohl ein Sperling, der auf einer Betonstele sitzt. Ein Stelenfeld dieser Art kenne ich nur aus Berlin, und so hätte ich spontan auf das Holocaust-Denkmal getippt. Der Vogel schaut fast direkt in die Kamera und scheint sich dort auszuruhen. Der Rest des Fotos wird von anderen Betonstelen dominiert; die Aufnahme ist in Color Key gehalten, wobei der Vogel farblich etwas entsättigt ist.

Zum Technischen wäre hier anzumerken, daß Du laut EXIF mit einer Brennweite von 105 mm und f/4 fotografiert hast. Durch die relativ offene Blende sind bei dieser Brennweite der Vogel und seine unmittelbare Umgebung noch scharf, der Hintergrund verschwommen, so daß er gut freigestellt wurde. Das Stelenfeld wird dadurch zum Hintergrund, obwohl es eigentlich das Hauptmotiv ist; eine meines Erachtens gute Entscheidung.

Kompositionell befindet der Vogel sich genau im Schnittpunkt der Drittelteilung unten links (grün, Goldener Schnitt – rosa).

Vergleichsfoto (Komposition)

Da das Bild quadratisch beschnitten wurde und es spontan entstand, könnte ich mir vorstellen, daß Du es rechts gekappt hast. Wie dem auch immer sei, ich finde den Beschnitt goldrichtig, denn da das Foto so minimalistisch gehalten ist und starke geometrische Elemente enthält, muß wirklich alles stimmen.

Der Sperling und der scharfe Teil der Stele nehmen visuell etwa ein Viertel des Fotos ein (hellblau/gelb):

Vergleichsfoto (Bildaufteilung)

Wenn auch der Hauptbildgegenstand auf den ersten Blick der Vogel ist, so ist es doch der negative Raum, ausgefüllt von Stelen, der hier die Aufnahme „macht“ (Vogel grün eingerahmt):

Vergleichsfoto (Negativer Raum)

Und das bringt mich zu der Umsetzung Deines Motivs. Das Stelenfeld in Berlin ist einer dieser vielfotografierten Orte, aus denen man fast nichts mehr herausholen kann, was man nicht schon so gesehen hat. Vor ein paar Jahren habe ich einmal ein Foto besprochen, wo es der Fotografin dennoch durch einen radikalen Perspektivenwechsel gelungen ist. Du hast es hier mit dem Einsatz zweier Stilmittel erreicht, Color Key und negativem Raum. Das Stelenfeld wird sonst gerne so dargestellt, daß man eine abstrakt-geometische Anordnung derselben sieht. Die gibt es in Deinem Bild auch, allerdings mit anderem Blickwinkel.

Der Titel Deines Fotos bezieht sich auf eine Geschichte aus der jüdischen Überlieferung, wonach alle Seelen derer, die noch geboren werden sollen, sich in der Halle der Seelen befinden. Nach dieser Vorstellung hat Gott alle Menschenseelen auf einmal erschaffen, und sie werden im Guf aufbewahrt, um sich nach und nach mit den Körpern der Menschen zu vereinigen. Immer, wenn ein Kind geboren wird, erhält es von dort seine Seele. Es heißt, daß nur die Sperlinge sehen können, wenn eine Seele den Guf verläßt, und dann singen sie. Jedes Mal also, wenn ein Kind geboren wird, hört man irgendwo auf der Erde einen Sperling singen. Sie werden erst aufhören zu singen, wenn keine einzige Seele mehr in der Halle der Seelen ist, sie alle aufgebraucht sind.

Das hast Du visuell in Kontrast gesetzt mit einem Bauwerk, das der jüdischen Toten des Holocaust gedenken soll. Es sieht auch hier im Foto aus wie ein Gräberfeld, und auf einem der Gräber/Grabsteine sitzt ein Spatz. Auch wenn man den Titel Deines Fotos außer acht läßt, kann man die Verbindung mit Leben durchaus knüpfen, trotzdem man nicht voraussetzen kann, daß sich jeder Betrachter mit jüdischer Überlieferung auskennt. Ich selbst mußte es erst einmal nachschlagen. Jedenfalls sitzt hier ein lebendiges Wesen inmitten von Totem – ein Bote vielleicht?

Dein Bild hätte sehr leicht in Kitsch abgleiten können, wenn Du den Vogel größer in der Aufnahme gelassen hättest, oder wenn er nicht leicht entsättigt wäre. So bildet er einen Kontrapunkt zu dem Stelenfeld, dem ja Dein Besuch galt. Auch der dezente Color Key paßt hier, denn es sieht natürlich aus (ob Du den Vogel nachträglich anläßlich Deiner Nachbearbeitung in Photoshop noch entsättigt hast, spielt keine Rolle – das Ergebnis zählt). Das, verbunden mit Deiner Nutzung von negativem Raum, „macht“ hier das Foto. Negativen Raum gekonnt einzusetzen, ist nicht einfach. Vielfach sehen wir von Lesern eingereichte Aufnahmen, bei denen der erste Impuls ist, sie (weiter) zu beschneiden, weil eben jenes nicht geglückt ist. Du has es hier meines Erachtens geschafft, denn das Stelenfeld ist Kontext und in den Hintergrund gerücktes Hauptmotiv.

Fazit: auch ohne den Hintergrund der „Halle der Seelen“ ist Dein Foto eines, das ich rundherum gelungen finde. Du hast Dir bei der Aufnahme, wie auch bei der Nachbearbeitung Gedanken gemacht, und das wird deutlich.

3 Antworten
  1. Martin says:

    Hallo Sofie,

    gut, dass Sie zur Bildbesprechung den religiösen Hintergrund mit benenn. Diese gibt dem Foto die entsprechende und den Betrachter notwendige Bedeutung.

    Ein wunderbar inszeniertes Foto, welches in Form und Ausdruck zu dem benannten Kontext wunderbar passt.

    Herzl. Grüße,
    Martin

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  1. […] findet sich „meine Bildkritik“ hier auf Fokussiert.com. Die Bildkritik wurde von Sofie Dittmann verfasst und beinhaltet folgende drei […]

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